Ein­stel­lung eines asyl­recht­li­chen Kla­ge­ver­fah­rens

Auch wenn in einem asyl­recht­li­chen Kla­ge­ver­fah­ren sowohl die Betrei­bens­auf­for­de­rung als auch die anschlie­ßen­de Ver­fah­rens­ein­stel­lung durch das Ver­wal­tungs­ge­richt als pro­zess­ord­nungs­wid­rig und Ver­stoß gegen Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG zu bean­stan­den, steht einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de der Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät ent­ge­gen, da der Asyl­be­wer­ber in die­sem Fall noch die Fort­set­zung des Ver­fah­rens bean­tra­gen kann.

Ein­stel­lung eines asyl­recht­li­chen Kla­ge­ver­fah­rens

So auch in dem hier vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt beur­teil­ten Fall:

Durch die Hand­ha­bung des § 81 Satz 1 AsylG im vor­lie­gen­den Fall hat das Ver­wal­tungs­ge­richt die Anfor­de­run­gen an die pro­zes­sua­le Mit­wir­kung der Beschwer­de­füh­rer unter Ver­stoß gegen Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG offen­kun­dig über­spannt. Es bestand schon kein hin­rei­chen­der Anlass, eine Betrei­bens­auf­for­de­rung zu erlas­sen. Indem der Beschwer­de­füh­rer zu 1. am 11.05.2018 bei dem Ver­wal­tungs­ge­richt vor­ge­spro­chen, dort Unter­la­gen zur Begrün­dung der Kla­ge ein­ge­reicht und zugleich mit­ge­teilt hat­te, er wer­de die Kla­ge mit Hil­fe eines Rechts­an­walts wei­ter begrün­den, hat er hin­rei­chend deut­lich sein Inter­es­se an der Fort­füh­rung des Ver­fah­rens zum Aus­druck gebracht. Vor die­sem Hin­ter­grund stellt die Ein­stel­lung des Ver­fah­rens nach Erlass der Betrei­bens­auf­for­de­rung und Ablauf der Monats­frist einen gro­ben Ver­stoß gegen Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG dar. Hin­zu kommt, dass sich inner­halb der durch die Auf­for­de­rung gesetz­ten Betrei­bens­frist der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Beschwer­de­füh­rer bestellt und auch Akten­ein­sicht bean­tragt hat. Jeden­falls in die­sem Sta­di­um des Ver­fah­rens hat er hier­durch hin­rei­chend zu erken­nen gege­ben, dass die Beschwer­de­füh­rer an der Fort­füh­rung des Kla­ge­ver­fah­rens inter­es­siert waren. Durch die den­noch erfolg­te Ver­fah­rens­ein­stel­lung hat sich das Ver­wal­tungs­ge­richt auch in Wider­spruch dazu gesetzt, dass es noch am letz­ten Tag der Betrei­bens­frist dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten die Ver­fah­rens­ak­ten zur Ein­sicht über­sandt hat, aller­dings ohne auf die Betrei­bens­frist hin­zu­wei­sen. Auch der Umstand, dass die Beschwer­de­füh­rer nicht alle der vom Ver­wal­tungs­ge­richt mit Schrei­ben vom 03.05.2018 gestell­ten Fra­gen inner­halb der Frist beant­wor­tet hat­ten, ver­mag Zwei­fel am Fort­be­stand des Rechts­schutz­in­ter­es­ses nicht zu recht­fer­ti­gen.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist jedoch unzu­läs­sig, da ihr der Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät ent­ge­gen­steht 1. Der Funk­ti­on der Ver­fas­sungs­be­schwer­de wür­de es zuwi­der­lau­fen, sie anstel­le oder gleich­sam wahl­wei­se neben einem mög­li­cher­wei­se statt­haf­ten Rechts­mit­tel zuzu­las­sen 2. Es ist daher gebo­ten und einem Beschwer­de­füh­rer auch zumut­bar, vor der Ein­le­gung einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de die Statt­haf­tig­keit wei­te­rer ein­fach­recht­li­cher Rechts­be­hel­fe zu prü­fen und von ihnen auch Gebrauch zu machen, wenn sie nicht offen­sicht­lich unzu­läs­sig sind 3. Es ist grund­sätz­lich Auf­ga­be der Fach­ge­rich­te, über Zuläs­sig­keits­fra­gen nach ein­fa­chem Recht unter Berück­sich­ti­gung der hier­zu ver­tre­te­nen Rechts­an­sich­ten zu ent­schei­den 4. Wird das Rechts­mit­tel als unzu­läs­sig ver­wor­fen, weil die Gerich­te die Zuläs­sig­keits­fra­ge zu Unguns­ten eines Beschwer­de­füh­rers beur­tei­len, bleibt es ihm unbe­nom­men, nach Erge­hen einer letzt­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung inner­halb der Frist des § 93 Abs. 1 BVerfGG Ver­fas­sungs­be­schwer­de ein­zu­le­gen und etwai­ge Grund­rechts­ver­let­zun­gen durch eine vor­an­ge­gan­ge­ne Sach­ent­schei­dung zu rügen 5. Die Beschwer­de­füh­rer hät­ten gegen den in dem Ver­fah­ren 6 ergan­ge­nen Beschluss vom 10.09.2018, mit dem das Ver­wal­tungs­ge­richt ihren (auch) gestell­ten Antrag auf Fort­füh­rung des Ver­fah­rens abge­lehnt hat, einen Antrag auf Zulas­sung der Beru­fung gemäß § 78 Abs. 2 bis 4 AsylG stel­len kön­nen und kön­nen dies auch der­zeit noch tun.

Macht ein Klä­ger eines asyl­recht­li­chen Kla­ge­ver­fah­rens gel­tend, die Fik­ti­on der Kla­ge­rück­nah­me gemäß § 81 Satz 1 AsylG sei nicht ein­ge­tre­ten – sei es weil die Betrei­bens­auf­for­de­rung zu Unrecht ergan­gen sei, sei es weil er das Ver­fah­ren inner­halb der Monats­frist betrie­ben habe, kann er nach ver­brei­te­ter Auf­fas­sung die Fort­set­zung des Ver­fah­rens bean­tra­gen 7.

Kommt das Gericht zu dem Ergeb­nis, dass das Ver­fah­ren durch fik­ti­ve Kla­ge­rück­nah­me been­det ist, spricht es dies durch Urteil – oder Gerichts­be­scheid – aus 8. Die Ent­schei­dung, mit der die Been­di­gung des Ver­fah­rens fest­ge­stellt wird, ist mit den­sel­ben Rechts­mit­teln angreif­bar, die gegen die Ent­schei­dung in der Sache selbst gege­ben wären 9.

Ent­schei­det das Gericht feh­ler­haft durch Beschluss, kann das­je­ni­ge Rechts­mit­tel ein­ge­legt wer­den, das bei einer in ver­fah­rens­recht­lich zutref­fen­der Form ergan­ge­nen Ent­schei­dung gege­ben wäre 10.

Davon aus­ge­hend wäre gegen den Beschluss des Ver­wal­tungs­ge­richts der Antrag auf Zulas­sung der Beru­fung gemäß § 78 Abs. 2 bis 4 AsylG gege­ben. Die­ser wäre auch nicht offen­sicht­lich ohne Aus­sicht auf Erfolg. Denn eine feh­ler­haf­te Beja­hung der Wirk­sam­keit einer fik­ti­ven Kla­ge­rück­nah­me gemäß § 81 Satz 1 AsylG ver­letzt – neben Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG – zugleich den Anspruch auf recht­li­ches Gehör aus Art. 103 Abs. 1 GG, weil sich das Gericht zu Unrecht nicht mit der Sache selbst befasst hat. Eine ent­spre­chen­de Ver­fah­rens­rüge gemäß § 78 Abs. 3 Nr. 3 AsylG in Ver­bin­dung mit § 138 Nr. 3, § 108 Abs. 2 VwGO wird daher regel­mä­ßig Erfolg haben 11.

Der Zulas­sungs­an­trag ist vor­lie­gend auch nicht ver­fris­tet, weil wegen der feh­ler­haf­ten Rechts­be­helfs­be­leh­rung im Ein­stel­lungs­be­schluss "Der Beschluss ist unan­fecht­bar (§ 80 AsylG)" – nicht die Monats­frist des § 78 Abs. 4 Satz 1 AsylG, son­dern die Jah­res­frist des § 58 Abs. 2 VwGO gilt.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 5. März 2019 – 2 BvR 12/​19

  1. vgl. BVerfGE 107, 395, 414; 112, 50, 60; 134, 106, 115; 134, 242, 285; stRspr[]
  2. vgl. BVerfGE 1, 5, 6; 1, 97, 103[]
  3. vgl. BVerfGE 28, 1, 6[]
  4. vgl. BVerfGE 18, 85, 92 f.; 68, 376, 381[]
  5. vgl. BVerfGE 68, 376, 381; BVerfG, Beschluss vom 24.02.2000 – 2 BvR 1295/​98 5[]
  6. 7 K 1632/18.A[]
  7. vgl. zu § 81 AsylVfG: BVerwG, Urteil vom 23.04.1985 – 9 C 48.84 14; Beschluss vom 23.08.1984 – 9 CB 48.84 3; Fun­ke-Kai­ser, in: GK-AsylG, Bd. 3, § 81, Rn. 43 ff., Febru­ar 2011; Berg­mann, in: Bergmann/​Dienelt, Aus­län­der­recht, 12. Aufl.2018, § 81 AsylG Rn. 21; Hail­bron­ner, Aus­län­der­recht, Bd. 4, § 81 AsylVfG Rn. 30, Juni 2011; zu § 92 Abs. 2 VwGO, der auf § 81 AsylVfG beruht: Clausing, in: Schoch/​Schneider/​Bier, VwGO, Bd. II, § 92 Rn. 77, Okto­ber 2014; Peters/​Axer, in: Sodan/​Ziekow, VwGO, 5. Aufl.2018, § 92 Rn. 85 ff.; Stuhl­fauth, in: Bader/­Fun­ke-Kai­ser/­Stuhl­fau­th/­von Albe­dyll, VwGO, 7. Aufl.2018, § 92 Rn.20 und 30; dar­an anknüp­fend die Zuläs­sig­keit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de wegen feh­len­der Rechts­weg­er­schöp­fung bzw. Sub­si­dia­ri­tät ver­nei­nend: BVerfG, Beschlüs­se vom 24.02.2000 – 2 BvR 1295/​98 4 ff.; vom 22.10.1997 – 2 BvR 226/​97 3; und vom 09.02.1994 – 2 BvR 21/​94 1[]
  8. vgl. Fun­ke-Kai­ser, in: GK-AsylG, Bd. 3, § 81 Rn. 48, Febru­ar 2011; Berg­mann, in: Bergmann/​Dienelt, Aus­län­der­recht, 12. Aufl.2018, § 81 AsylG Rn. 21; Clausing, in: Schoch/​Schneider/​Bier, VwGO, Bd. II, § 92 Rn. 78, Okto­ber 2014; Peters/​Axer, in: Sodan/​Ziekow, VwGO, 5. Aufl.2018, § 92 Rn. 88 f.[]
  9. vgl. Berg­mann, in: Bergmann/​Dienelt, Aus­län­der­recht, 12. Aufl.2018, § 81 AsylG Rn. 25; Clausing, in: Schoch/​Schneider/​Bier, VwGO, Bd. II, § 92 Rn. 81, Okto­ber 2014; Peters/​Axer, in: Sodan/​Ziekow, VwGO, 5. Aufl.2018, § 92 Rn. 90[]
  10. vgl. BVerwG, Urteil vom 23.04.1985 – 9 C 48.84 14, und Beschluss vom 23.08.1984 – 9 CB 48.84 3; Fun­ke-Kai­ser, in: GK-AsylG, Bd. 3, § 81 Rn. 44, Febru­ar 2011; Berg­mann, in: Bergmann/​Dienelt, Aus­län­der­recht, 12. Aufl.2018, § 81 AsylG Rn. 25; Clausing, in: Schoch/​Schneider/​Bier, VwGO, Bd. II, § 92 Rn. 81, Okto­ber 2014; Peters/​Axer, in: Sodan/​Ziekow, VwGO, 5. Aufl.2018, § 92 Rn. 90[]
  11. vgl. BVerwG, Beschluss vom 05.07.2000 – 8 B 119.00 2; Clausing, in: Schoch/​Schneider/​Bier, VwGO, Bd. II, § 92 Rn. 81, Okto­ber 2014[]