Einst­wei­li­ge Anord­nung im Organ­streit­ver­fah­ren

Ein Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung ist im Organ­streit­ver­fah­ren nach § 32 BVerfGG nicht statt­haft, wenn er auf Rechts­fol­gen gerich­tet ist, die im Organ­streit­ver­fah­ren grund­sätz­lich nicht bewirkt wer­den kön­nen, und nicht dar­ge­tan ist, dass deren Anord­nung aus­nahms­wei­se gebo­ten ist, um die Ver­ei­te­lung des gel­tend gemach­ten organ­schaft­li­chen Rechts zu ver­hin­dern.

Einst­wei­li­ge Anord­nung im Organ­streit­ver­fah­ren

Nach § 32 Abs. 1 BVerfGG kann das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Streit­fall einen Zustand durch einst­wei­li­ge Anord­nung vor­läu­fig regeln, wenn dies zur Abwehr schwe­rer Nach­tei­le, zur Ver­hin­de­rung dro­hen­der Gewalt oder aus einem ande­ren wich­ti­gen Grund zum gemei­nen Wohl drin­gend gebo­ten ist. Bei der Prü­fung, ob die Vor­aus­set­zun­gen des § 32 Abs. 1 BVerfGG gege­ben sind, ist wegen der weit­tra­gen­den Fol­gen einer einst­wei­li­gen Anord­nung regel­mä­ßig ein stren­ger Maß­stab anzu­le­gen [1]. Bei der Ent­schei­dung über den Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung haben die Grün­de, die für die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der ange­grif­fe­nen Maß­nah­men vor­ge­tra­gen wer­den, grund­sätz­lich außer Betracht zu blei­ben, es sei denn, die in der Haupt­sa­che begehr­te Fest­stel­lung oder der in der Haupt­sa­che gestell­te Antrag erwie­se sich als von vorn­her­ein unzu­läs­sig oder offen­sicht­lich unbe­grün­det [2]. Bei offe­nem Aus­gang des Haupt­sa­che­ver­fah­rens muss das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Fol­gen abwä­gen, die ein­tre­ten wür­den, wenn einer­seits eine einst­wei­li­ge Anord­nung nicht ergin­ge, der Antrag in der Haupt­sa­che aber Erfolg hät­te, und ande­rer­seits die begehr­te einst­wei­li­ge Anord­nung erlas­sen wür­de, dem Antrag in der Haupt­sa­che aber der Erfolg zu ver­sa­gen wäre [3].

Ein Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung ist regel­mä­ßig unzu­läs­sig, wenn das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt eine ent­spre­chen­de Rechts­fol­ge im Ver­fah­ren der Haupt­sa­che nicht bewir­ken könn­te [4]. Dem­ge­mäß kommt der Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung im Organ­streit, wel­che die Ver­pflich­tung des Antrags­geg­ners zu einem bestimm­ten Ver­hal­ten zum Gegen­stand hat, grund­sätz­lich nicht in Betracht [5].

Bei dem Organ­streit han­delt es sich um eine kon­tra­dik­to­ri­sche Par­tei­strei­tig­keit [6]; er dient maß­geb­lich der gegen­sei­ti­gen Abgren­zung der Kom­pe­ten­zen von Ver­fas­sungs­or­ga­nen oder ihren Tei­len in einem Ver­fas­sungs­rechts­ver­hält­nis, nicht hin­ge­gen der Kon­trol­le der objek­ti­ven Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit eines bestimm­ten Organ­han­delns [7]. Gemäß § 67 Satz 1 BVerfGG stellt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Organ­streit ledig­lich fest, ob die bean­stan­de­te Maß­nah­me oder Unter­las­sung gegen eine Bestim­mung des Grund­ge­set­zes ver­stößt. Es obliegt sodann dem jewei­li­gen Staats­or­gan selbst, einen fest­ge­stell­ten ver­fas­sungs­wid­ri­gen Zustand zu been­den [8]. Kas­sa­to­ri­sche oder rechts­ge­stal­ten­de Wir­kung kommt der Ent­schei­dung im Organ­streit nicht zu [9]. Für eine über die Fest­stel­lung einer Ver­let­zung der Rech­te des Antrag­stel­lers hin­aus­ge­hen­de Ver­pflich­tung des Antrags­geg­ners zu einem bestimm­ten Ver­hal­ten ist im Organ­streit grund­sätz­lich kein Raum [10].

Dient der Organ­streit damit allein der Klä­rung der Rech­te der Staats­or­ga­ne im Ver­hält­nis zuein­an­der und nicht einer all­ge­mei­nen Ver­fas­sungs­auf­sicht, ist dies bei der Bestim­mung des zuläs­si­gen Inhalts eines Antrags auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung im Organ­streit­ver­fah­ren zu beach­ten. Gegen­stand eines sol­chen Antrags kann allein die vor­läu­fi­ge Siche­rung des strei­ti­gen organ­schaft­li­chen Rechts des Antrag­stel­lers sein, damit es nicht im Zeit­raum bis zur Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che durch die Schaf­fung voll­ende­ter Tat­sa­chen über­spielt wird [11]. Eine Abwei­chung von dem Grund­satz, dass der Inhalt einer einst­wei­li­gen Anord­nung nicht über die im Haupt­sa­che­ver­fah­ren bewirk­ba­ren Rechts­fol­gen hin­aus­ge­hen darf, kommt daher allen­falls in Betracht, wenn allein hier­durch die Schaf­fung voll­ende­ter Tat­sa­chen im Sin­ne einer end­gül­ti­gen Ver­ei­te­lung des gel­tend gemach­ten Rechts ver­hin­dert wer­den kann. Dass eine sol­che, eine Aus­nah­me von der grund­sätz­li­chen Unzu­läs­sig­keit eines Ver­pflich­tungs­aus­spruchs im Organ­streit­ver­fah­ren gebie­ten­de Son­der­kon­stel­la­ti­on gege­ben ist, ist von dem Antrag­stel­ler dar­zu­le­gen [12].

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 22. Juli 2020 – 2 BvE 3/​19

  1. vgl. BVerfGE 55, 1 <3> 82, 310 <312> 94, 166 <216 f.> 104, 23 <27> 106, 51 <58> 132, 195 <232 Rn. 86> 150, 163 <166 Rn. 10> 151, 58 <63 Rn. 11>[]
  2. vgl. BVerfGE 89, 38 <43 f.> 103, 41 <42> 118, 111 <122> 150, 163 <166 Rn. 9> 151, 58 <63 Rn. 11> stRspr[]
  3. vgl. BVerfGE 105, 365 <371> 106, 351 <355> 108, 238 <246> 125, 385 <393> 126, 158 <168> 129, 284 <298> 132, 195 <232 f. Rn. 87> 151, 58 <63 Rn. 11> stRspr[]
  4. vgl. BVerfGE 7, 99 <105> 14, 192 <193> 16, 220 <226> 151, 58 <64 Rn. 13>[]
  5. vgl. BVerfGE 151, 58 <64 Rn. 13>[]
  6. vgl. BVerfGE 126, 55 <67> 138, 256 <258 f. Rn. 4> 150, 194 <200 Rn. 18> 151, 58 <64 Rn. 14>[]
  7. vgl. BVerfGE 104, 151 <193 f.> 118, 244 <257> 126, 55 <67 f.> 140, 1 <21 Rn. 58> 150, 194 <200 Rn. 18> 151, 58 <64 Rn. 14>[]
  8. vgl. BVerfGE 85, 264 <326> 151, 58 <64 Rn. 14>[]
  9. vgl. BVerfGE 136, 277 <301 Rn. 64> 138, 125 <131 Rn.19> 151, 58 <64 f. Rn. 14>[]
  10. vgl. BVerfGE 124, 161 <188> 136, 277 <301 Rn. 64> 151, 58 <65 Rn. 14> Bar­c­zak, in: ders., BVerfGG, 2018, § 67 Rn. 4; Lenz/​Hansel, BVerfGG, 2. Aufl.2015, § 67 Rn. 4[]
  11. vgl. BVerfGE 89, 38 <44> 96, 223 <229> 98, 139 <144> 108, 34 <41> 118, 111 <122> 145, 348 <356 f. Rn. 29> 151, 58 <65 Rn. 15>[]
  12. vgl. BVerfGE 124, 161 <188> 151, 58 <67 Rn.19>[]