End­gül­ti­ge Her­stel­lung einer Er­schlie­ßungs­an­la­ge

§ 132 Nr. 4 Bau­GB, nach dem die Merk­ma­le der end­gül­ti­gen Her­stel­lung einer Er­schlie­ßungs­an­la­ge durch Sat­zung zu re­geln sind, er­mäch­tigt die Ge­mein­de nicht zu einer pau­scha­len Be­zug­nah­me auf in tech­ni­schen Re­gel­wer­ken vor­ge­ge­be­ne Aus­bau­stan­dards.

End­gül­ti­ge Her­stel­lung einer Er­schlie­ßungs­an­la­ge

Die Recht­mä­ßig­keit des ange­foch­te­nen Erschlie­ßungs­bei­trags­be­schei­des beur­teilt sich im vor­lie­gen­den Fall nach den §§ 127 ff. Bau­GB. Gemäß Art. 125a Abs. 1 GG gilt Recht, das als Bun­des­recht erlas­sen wor­den ist, aber wegen der Ände­rung des Art. 74 Abs. 1 GG (hier Nr. 18: Recht der Erschlie­ßungs­bei­trä­ge) nicht mehr als Bun­des­recht erlas­sen wer­den könn­te, als Bun­des­recht fort, bis es durch Lan­des­recht ersetzt wird. Nach Art. 3 Abs. 1 Nr. 2 des baden-würt­tem­ber­gi­schen Geset­zes zur Neu­re­ge­lung des kom­mu­na­len Abga­ben­rechts und zur Ände­rung des Natur­schutz­ge­set­zes vom 17.03.2005 1 sind die §§ 33 bis 41 KAG BW über Erschlie­ßungs­bei­trä­ge am 1.10.2005 in Kraft getre­ten. Aus­weis­lich des § 49 Abs. 7 Satz 2 KAG BW fin­den die §§ 127 bis 135 Bau­GB danach noch Anwen­dung, wenn für Grund­stü­cke eine Bei­trags­schuld, wie hier, vor dem 1.10.2005 ent­stan­den ist und der Erschlie­ßungs­bei­trag noch erho­ben wer­den kann.

Der Zweck des Geset­zes besteht nach der dazu bis­her ergan­ge­nen Recht­spre­chung dar­in, dass sich der Bür­ger durch einen Ver­gleich des sat­zungs­mä­ßig fest­ge­leg­ten Bau­pro­gramms mit dem tat­säch­li­chen Zustand, in dem sich die gebau­te Anla­ge befin­det, ein Bild dar­über ver­schaf­fen kann, ob die Anla­ge end­gül­tig her­ge­stellt ist oder nicht 2. Dass das damit ange­spro­che­ne Bestimmt­heits­er­for­der­nis durch eine Sat­zungs­re­ge­lung der hier vor­lie­gen­den Art (bei geset­zes­kon­for­mer Aus­le­gung) gewahrt ist, begeg­net kei­nen Zwei­feln. Das gilt jeden­falls dann, wenn man den Zusatz "neu­zeit­li­che Bau­wei­se" auf eine "ähn­li­che" Fahr­bahn­de­cke bezieht, also die Merk­mals­re­ge­lung dahin ver­steht, dass die Fahr­bahn­de­cke neben Asphalt, Teer, Beton oder Pflas­ter auch aus einem "ähn­li­chen Mate­ri­al neu­zeit­li­cher Bau­wei­se" bestehen darf. Denn es ist in der Regel erkenn­bar, ob ein zur Her­stel­lung der Fahr­bahn­de­cke ver­wen­de­tes "ähn­li­ches" Mate­ri­al den aus­drück­lich genann­ten Mate­ria­li­en nach Sub­stanz und Funk­ti­on gleich­ar­tig ist 3. Durch­grei­fen­de Beden­ken bestehen aber gegen eine Aus­le­gung, die das Kri­te­ri­um der "neu­zeit­li­chen Bau­wei­se" auch auf die aus­drück­lich erwähn­ten Belags­ar­ten, hier die Teer­de­cke, anwen­det und dar­aus Schluss­fol­ge­run­gen für den maß­geb­li­chen tech­ni­schen Stan­dard des Stra­ßen­ober­baus zieht.

So hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt eine sat­zungs­recht­li­che Merk­mals­re­gel, die auf eine "den Ver­kehrs­er­for­der­nis­sen ent­spre­chen­de Pflas­te­rung, Asphalt‑, Teer‑, Beton- oder ähn­li­che Decke …" ver­wies, als unwirk­sam ange­se­hen, falls sie dahin aus­ge­legt wird, dass die gere­gel­ten Merk­ma­le nur dann zu einer end­gül­ti­gen Her­stel­lung der Erschlie­ßungs­an­la­ge füh­ren, wenn die jewei­li­ge Aus­bau­art (zusätz­lich) den Ver­kehrs­er­for­der­nis­sen genügt. Nur unter der Prä­mis­se, dass bereits die kon­kre­te Bezeich­nung der Bau­wei­se die all­ge­mein umschrie­be­ne Anfor­de­rung erschöp­fend aus­füllt, ist die betref­fen­de Merk­mals­re­ge­lung hin­rei­chend bestimmt 4. Ent­spre­chen­de Beden­ken bestehen gegen eine Sat­zungs­re­ge­lung, die eine Asphalt‑, Teer- oder Beton­de­cke nur dann genü­gen lässt, wenn sie eine "neu­zeit­li­che" bzw. den der­zeit aner­kann­ten Regeln der Tech­nik ent­spre­chen­de Bau­aus­füh­rung auf­weist. Eine der­ar­ti­ge Ein­schrän­kung wäre für die bei­trags­pflich­ti­gen Anlie­ger intrans­pa­rent und wür­de zu einer unan­ge­mes­se­nen Risi­ko­ver­la­ge­rung zu ihren Las­ten füh­ren 5.

An die­ser Bewer­tung wür­de sich unter den hier vor­lie­gen­den Umstän­den im Übri­gen auch dann nichts ändern, wenn bei der Aus­le­gung und Anwen­dung des § 132 Nr. 4 Bau­GB objek­ti­ve Kri­te­ri­en gegen­über der von der Recht­spre­chung bis­lang beton­ten sub­jek­ti­ven Erkenn­bar­keit für den Bür­ger stär­ker zu berück­sich­ti­gen wären. Auch wenn die Gemein­de berech­tigt sein soll­te, für die end­gül­ti­ge Her­stel­lung der Fahr­bahn­de­cke wie auch des Unter­baus kon­kre­te tech­ni­sche Aus­bau­stan­dards fest­zu­le­gen, deren tat­säch­li­ches Vor­han­den­sein zwar für den Bür­ger nicht ohne wei­te­res erkenn­bar ist, aber doku­men­tiert und damit erfor­der­li­chen­falls auch noch im Nach­hin­ein belegt wer­den kann, hät­te eine sol­che Fest­le­gung jeden­falls in der Sat­zung zu gesche­hen. Die – vom Ver­wal­tungs­ge­richts­hof unter­stell­te – pau­scha­le Bezug­nah­me auf in der Sat­zung noch nicht ein­mal näher zitier­te tech­ni­sche Regel­wer­ke reicht auch unter die­ser Prä­mis­se nicht aus.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 15. Mai 2013 – 9 C 3.12

  1. GBl S.206[]
  2. BVerwG, Urtei­le vom 21.05.1969 – 4 C 104.67, Buch­holz 406.11 § 132 BBauG/​BauGB Nr. 5 S. 5, vom 05.09.1975 – 4 CB 75.73, Buch­holz 406.11 § 133 BBauG/​BauGB Nr. 55 S. 17, vom 10.06.1981 – 8 C 66.81, Buch­holz 406.11 § 131 BBauG/​BauGB Nr. 41 S. 26; Beschluss vom 18.07.2001 a.a.O. S. 2; vgl. auch Drie­haus, a.a.O. Rn. 46[]
  3. BVerwG, Beschluss vom 04.09.1980 – 4 B 119.80 u.a., Buch­holz 406.11 § 131 BBauG/​BauGB Nr. 36 S. 82 f.[]
  4. BVerwG, Urtei­le vom 10.06.1981 a.a.O. und vom 15.11.1985 – 8 C 41.84, Buch­holz 406.11 § 130 BBauG/​BauGB Nr. 35 S. 46; Drie­haus, a.a.O. Rn. 62[]
  5. vgl. OVG NRW, Urtei­le vom 19.08.1988 – 3 A 1967/​86, NWVBl 1989, 244; und vom 29.11.1996 – 3 A 2373/​93, NWVBl 1997, 424[]