Erhöh­tes Pfle­ge­geld für nicht per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­te Pfle­ge­el­tern

Es besteht kein eige­ner Zah­lungs­an­spruch auf wirt­schaft­li­che Jugend­hil­fe aus § 39 SGB VIII für nicht per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­te Pfle­ge­el­tern. Denn es han­delt sich hier um einen Annex­an­spruch zu dem in § 27 Abs. 1 SGB VIII gere­gel­ten Anspruch der Per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­ten auf Hil­fe zur Erzie­hung 1. Genau­so­we­nig lässt sich aus dem Recht der Pfle­ge­el­tern nach § 38 SGB VIII und § 1688 Abs. 1 BGB, die Inter­es­sen des Pfle­ge­kin­des wahr­zu­neh­men, ein eige­ner Zah­lungs­an­spruch her­lei­ten.

Erhöh­tes Pfle­ge­geld für nicht per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­te Pfle­ge­el­tern

Da die Leis­tun­gen der Pfle­ge­kas­se kei­nen abschlie­ßen­den Cha­rak­ter haben, schließt der Bezug von Pfle­ge­geld nach § 37 SGB XI die Gewäh­rung von Pfle­ge­geld nach § 39 Abs. 1 und 4 SGB VIII nicht grund­sätz­lich aus. Wenn die Leis­tun­gen der Pfle­ge­ver­si­che­rung gera­de auch zur Abde­ckung des beson­de­ren Auf­wands für die Pfle­ge gewährt wer­den, sind sie in vol­lem Umfang auf die Pfle­ge­geld­erhö­hung nach § 39 Abs. 4 Satz 3 SGB VIII anzu­rech­nen. Durch § 13 Abs. 3 Satz 3 oder Abs. 5 Satz 1 SGB XI wird die "Anrech­nung" des durch die Pfle­ge­kas­se gewähr­ten Pfle­ge­gel­des nicht aus­ge­schlos­sen.

So das Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart in dem hier vor­lie­gen­den Fall einer Klä­ge­rin, die eine Gewäh­rung des erhöh­ten Pfle­ge­gel­des nach § 39 Abs. 4 Satz 3 SGB VIII ohne Anrech­nung des Pfle­ge­gel­des gemäß § 37 SGB XI begehrt. Die Klä­ge­rin und ihr Ehe­mann sind Pfle­ge­el­tern des am 13.8.2001 gebo­re­nen Kin­des T., wel­ches seit dem 20.9.2001 bei ihnen in Voll­zeit­pfle­ge ist. Die Mut­ter des Kin­des ist per­so­nen­sor­ge­be­rech­tigt. Mit Bescheid vom 27.9.2001 wur­de der Mut­ter des Kin­des Hil­fe zur Erzie­hung durch Unter­brin­gung in einer Voll­zeit­pfle­ge­stel­le bewil­ligt. Die Klä­ge­rin und ihr Ehe­mann wur­den mit Schrei­ben vom 27.9.2001 über die Hil­fe­ge­wäh­rung infor­miert. Dar­über hin­aus wur­de ihnen die Höhe des monat­li­chen Pfle­ge­gelds mit­ge­teilt. Die Klä­ge­rin und ihr Ehe­mann stell­ten mit Schrei­ben vom 27.1.2004 einen Antrag auf Erhö­hung des Pfle­ge­gelds. Sie stell­ten dar, dass T. beson­ders inten­si­ve und per­sön­li­che Unter­stüt­zung durch kon­stan­te Bezugs­per­so­nen sowie ver­läss­li­che, sta­bi­le Lebens­ver­hält­nis­se brau­che. Dar­über hin­aus benö­ti­ge sie einen erhöh­ten pfle­ge­ri­schen Auf­wand und einen beson­ders inten­si­ven und hohen Betreu­ungs­be­darf. Die Beklag­te bewil­lig­te den drei­fa­chen Satz der Kos­ten der Erzie­hung für die Zeit vom 1.2.2004 bis 31.8.2005. Zur Begrün­dung wur­de aus­ge­führt, die Erhö­hung erfol­ge wegen des behin­de­rungs­be­ding­ten beson­de­ren erzie­he­ri­schen und pfle­ge­ri­schen Auf­wan­des. Vor Ablauf der Befris­tung des erhöh­ten Pfle­ge­gel­des wur­de ein neu­er Antrag auf Gewäh­rung des erhöh­ten Pfle­ge­gel­des gestellt. Die Beklag­te teil­te der Klä­ge­rin mit, dass bis zu einer Ent­schei­dung der Kran­ken­kas­se über den Antrag auf Pfle­ge­geld nach § 37 SGB XI der drei­fa­che Satz wei­ter­ge­währt wer­de. Mit Bescheid vom 21.2.2006 gewähr­te die AOK dem Ehe­mann der Klä­ge­rin für das Kind T. ab dem 1.9.2005 bis vor­erst zum 28.2.2008 monat­lich 205 EUR Pfle­ge­geld (Pfle­ge­stu­fe I). Die Beklag­te redu­zier­te dar­auf­hin den bis­lang gewähr­ten erhöh­ten Satz für Pfle­ge und Erzie­hung vom drei­fa­chen auf den zwei­fa­chen. Zur Begrün­dung wur­de ange­führt, das Pfle­ge­geld von der Pfle­ge­kas­se decke einen Teil des erhöh­ten Auf­wan­des ab. Hier­ge­gen leg­ten die Klä­ge­rin und ihr Ehe­mann Wider­spruch ein. Mit Wider­spruchs­be­scheid vom 17.5.2006 wur­de der Bescheid dahin­ge­hend abge­än­dert, dass die Beklag­te erneut den drei­fa­chen Satz der Kos­ten für Pfle­ge und Erzie­hung abzüg­lich des Pfle­ge­gel­des der Pfle­ge­kas­se gewähr­te. Mit Bescheid der AOK vom 27.3.2008 wur­de die Gewäh­rung von Pfle­ge­geld durch die Pfle­ge­kas­se vom 1.3.2008 bis 28.3.2011 auf 205 EUR (Pfle­ge­stu­fe I) fest­ge­setzt. Die Beklag­te erließ in der Fol­ge­zeit wei­te­re Beschei­de zu Leis­tun­gen nach § 39 Abs. 1 und 4 SGB VIII, mit denen der drei­fa­che Satz für die Kos­ten der Pfle­ge und Erzie­hung abzüg­lich des gewähr­ten Pfle­ge­gel­des der Pfle­ge­kas­se fest­ge­setzt wur­de. Mit Bescheid vom 5.1.2010 wur­de das Pfle­ge­geld wegen einer Kin­der­geld­erhö­hung neu berech­net. Dabei wur­den für den Sach­auf­wand ein Betrag von 547 EUR, für die Kos­ten der Erzie­hung 250 EUR nebst einer Erhö­hung von 500 EUR (drei­fa­cher Erzie­hungs­satz), ein Zuschuss für Alters­vor­sor­ge 29,80 EUR und zur Unfall­ver­si­che­rung 13,22 EUR, d.h. ins­ge­samt 1.350,02 EUR, gewährt. Von die­sem Betrag wur­den das Pfle­ge­geld der Pfle­ge­kas­se und der Kin­der­geld­an­teil in Höhe von 46 EUR abge­zo­gen. Den Pfle­ge­el­tern wur­de ein Betrag von 1.099,02 EUR über­wie­sen.

Die Klä­ge­rin ließ hier­ge­gen durch ihren Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten Wider­spruch ein­le­gen soweit das Pfle­ge­geld der Pfle­ge­kas­se in Höhe von monat­lich 205 EUR von den gewähr­ten Leis­tun­gen abge­zo­gen wur­de. Zur Begrün­dung wur­de aus­ge­führt, die Berech­nungs­pra­xis ent­spre­che nicht der Rechts­la­ge. Nach § 13 Abs. 3 SGB XI blie­ben Leis­tun­gen nach dem SGB VIII von den Leis­tun­gen der Pfle­ge­ver­si­che­rung unbe­rührt. Leis­tun­gen nach dem SGB VIII sei­en im Ver­hält­nis zur Pfle­ge­ver­si­che­rung nicht nach­ran­gig. Der Klä­ge­rin ste­he daher ab Febru­ar 2010 ein Anspruch in Höhe von 1.304,02 EUR zu. Mit Wider­spruchs­be­scheid vom 18.11.2010 wur­de die Berech­nung im Bescheid vom 5.1.2010 dahin­ge­hend geän­dert, dass die Pfle­ge­kas­sen­leis­tun­gen in Höhe von 205 EUR nicht mehr in Abzug vom Gesamt­be­trag gebracht wur­den. Statt­des­sen wur­de die Höhe des monat­li­chen Zuschlags für Pfle­ge- und Erzie­hungs­leis­tun­gen von 500 EUR auf 295 EUR redu­ziert. Im Übri­gen wur­de der Wider­spruch als unbe­grün­det zurück­ge­wie­sen. Zur Begrün­dung wur­de aus­ge­führt, dass durch die Pfle­ge­geld­zah­lun­gen ein Teil der Mehr­auf­wen­dun­gen abge­deckt wer­de. Daher sei der bis­lang gewähr­te Zuschlag in Höhe von 500 EUR auf 295 EUR zu redu­zie­ren. Damit ände­re sich zwar die Berech­nung des Pfle­ge­gel­des nicht jedoch des­sen Höhe.

Die Klä­ge­rin hat am 13.12.2010 Kla­ge erhe­ben las­sen, mit der sie ihr Begeh­ren wei­ter­ver­folgt. Die Beklag­te soll ver­pflich­te­te wer­den, ihr das bean­trag­te Pfle­ge­geld ohne Abzug der Leis­tun­gen der Pfle­ge­ver­si­che­rung zu gewäh­ren.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung ver­weist das Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart dar­auf, dass ein Per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­ter nach §§ 27 Abs. 1, 33, 39 Abs. 4 Satz 3 SGB VIII bei der Erzie­hung eines Kin­des oder eines Jugend­li­chen Anspruch auf Hil­fe zur Erzie­hung hat, wenn eine dem Wohl des Kin­des oder des Jugend­li­chen ent­spre­chen­de Erzie­hung nicht gewähr­leis­tet ist und die Hil­fe für sei­ne Ent­wick­lung geeig­net und not­wen­dig ist. § 27 Abs. 2 Satz 1 SGB VIII bestimmt, dass Hil­fe zur Erzie­hung ins­be­son­de­re nach Maß­ga­be der §§ 28 bis 35 SGB VIII gewährt wird. Hil­fe zur Erzie­hung in Voll­zeit­pfle­ge soll ent­spre­chend dem Alter und Ent­wick­lungs­stand des Kin­des oder des Jugend­li­chen und sei­nen per­sön­li­chen Bin­dun­gen sowie den Mög­lich­kei­ten der Ver­bes­se­rung der Erzie­hungs­be­din­gun­gen in der Her­kunfts­fa­mi­lie Kin­dern und Jugend­li­chen in einer ande­ren Fami­lie eine zeit­lich befris­te­te Erzie­hungs­hil­fe oder eine auf Dau­er ange­leg­te Lebens­form bie­ten (§ 33 Satz 1 SGB VIII). Wird eine Hil­fe nach den §§ 32 bis 35 oder nach § 35 a Abs. 2 Nr. 2 bis 4 SGB VIII gewährt, so ist gemäß § 39 Abs. 1 Satz 1 SGB VIII auch der not­wen­di­ge Unter­halt des Kin­des oder Jugend­li­chen außer­halb des Eltern­hau­ses sicher­zu­stel­len. Der Unter­halt umfasst die Kos­ten für den Sach­auf­wand sowie für die Pfle­ge und Erzie­hung des Kin­des oder Jugend­li­chen (§ 39 Abs. 1 Satz 2 SGB VIII). § 39 Abs. 2 Satz 4 und Abs. 4 Satz 3 SGB VIII sieht vor, dass grund­sätz­lich ein monat­li­cher Pau­schal­be­trag gewährt wer­den soll und bei Beson­der­hei­ten des Ein­zel­falls hier­von abwei­chen­de Leis­tun­gen gebo­ten sind.

Nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts ist die Klä­ge­rin vor­lie­gend schon nicht aktiv­le­gi­ti­miert, da sie den Anspruch auf die begehr­te Son­der­pfle­ge­zu­la­ge ohne Abzug des Pfle­ge­gelds der Pfle­ge­kas­se nicht aus eige­nem Recht gel­tend machen kann. Nach der Recht­spre­chung haben die nicht per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­ten Pfle­ge­el­tern kei­nen eige­nen Zah­lungs­an­spruch auf wirt­schaft­li­che Jugend­hil­fe aus § 39 SGB VIII, da es sich um einen Annex­an­spruch zu dem in § 27 Abs. 1 SGB VIII gere­gel­ten Anspruch der Per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­ten auf Hil­fe zur Erzie­hung han­delt 2.

Die Klä­ge­rin ist nicht per­so­nen­sor­ge­be­rech­tigt. Ein eige­ner Zah­lungs­an­spruch lässt sich auch nicht aus dem Recht der Pfle­ge­el­tern nach § 38 SGB VIII und § 1688 BGB her­lei­ten, die Inter­es­sen des Pfle­ge­kin­des wahr­zu­neh­men. Nach § 1688 Abs. 1 BGB wird der Pfle­ge­per­son zwar das Recht ein­ge­räumt, in Ange­le­gen­hei­ten des täg­li­chen Lebens für das län­ge­re Zeit in sei­ner Fami­li­en­pfle­ge leben­de Kind zu ent­schei­den sowie den Inha­ber der elter­li­chen Sor­ge in sol­chen Ange­le­gen­hei­ten zu ver­tre­ten. So ist die Pfle­ge­per­son gemäß § 1688 Abs. 1 Satz 2 BGB befugt, den Arbeits­ver­dienst des Kin­des zu ver­wal­ten sowie Unterhalts‑, Ver­si­che­rungs- Ver­sor­gungs- und sons­ti­ge Sozi­al­leis­tun­gen für das Kind gel­tend zu machen und zu ver­wal­ten. Die Gel­tend­ma­chung von Rech­ten aus § 39 Abs. 1 und Abs. 4 SGB VIII durch die Pfle­ge­per­son fällt nicht hier­un­ter. Denn § 1688 Abs. 1 BGB umfasst nur Sozi­al­leis­tun­gen, bei denen das Kind selbst anspruchs­be­rech­tigt ist und die die Pfle­ge­el­tern in Ver­tre­tung des Per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­ten für das Kind gel­ten machen kön­nen.

Des Wei­te­ren wur­de der Klä­ge­rin das Recht auf Gel­tend­ma­chung des Pfle­ge­gel­des nach § 39 Abs. 1 und Abs. 4 Satz 3 SGB VIII weder durch rechts­ge­schäft­li­che Ver­ein­ba­rung abge­tre­ten noch durch ein Fami­li­en­ge­richt gemäß § 1630 Abs. 3 BGB über­tra­gen.

Auch soweit sich die Klä­ge­rin auf die Voll­macht der per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­ten Mut­ter des Kin­des T. vom 3.6.2008 beruft, die im Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung erst­mals vor­ge­legt wur­de, ergibt sich nichts ande­res. Danach wird die Klä­ge­rin nebst ihrem Ehe­mann ledig­lich befugt, die Mut­ter des Pfle­ge­kinds in allen Ange­le­gen­hei­ten zu ver­tre­ten, wel­che die Aus­übung des Sor­ge­rechts für das Kind T. betref­fen. Eine Abtre­tung des Anspruchs auf Gel­tend­ma­chung des Pfle­ge­gel­des gegen­über der Beklag­ten ent­hält die Voll­macht nicht. Offen blei­ben kann, ob die Klä­ge­rin selbst im Fall einer rechts­wirk­sa­men Über­tra­gung zur Gel­tend­ma­chung des Anspruchs aus § 39 Abs. 1 und Abs. 4 SGB VIII allein berech­tigt wäre oder ob dies nur zusam­men mit ihrem Ehe­mann erfol­gen kann, nach­dem bei­de Pfle­ge­el­tern des Kin­des T. sind.

Im Übri­gen war die Beklag­te berech­tigt, dass Pfle­ge­geld der Pfle­ge­kas­se auf die nach § 39 Abs. 4 Satz 3 SGB VIII gewähr­te Erhö­hung anzu­rech­nen.

Das von der Beklag­ten gewähr­te Pfle­ge­geld ori­en­tiert sich an den Vor­ga­ben in Anla­ge 1 zum Rund­schrei­ben des Kom­mu­nal­ver­bands für Jugend und Sozia­les Baden-Würt­tem­berg, des Land­kreis­tags Baden-Würt­tem­berg und des Städ­te­tags Baden-Würt­tem­berg vom 18.5.2009. Danach betru­gen die Kos­ten für den streit­ge­gen­ständ­li­chen Zeit­raum vom 1.2.2010 bis 31.12.2010 für den Sach­auf­wand 547 EUR und für die Pfle­ge und Erzie­hung 250 EUR. Die Beklag­te hat der Klä­ge­rin und ihrem Ehe­mann wegen des behin­de­rungs­be­ding­ten erhöh­ten erzie­he­ri­schen und pfle­ge­ri­schen Auf­wands den drei­fa­chen Satz für die Pfle­ge und Erzie­hung, d.h. ins­ge­samt 750 EUR gewährt. Hier­von zieht sie aller­dings unter Ver­weis auf eine Dop­pel­leis­tung das Pfle­ge­geld in Höhe von 205 EUR ab, wel­ches von der Pfle­ge­kas­se gewährt wird.

Die­ses Vor­ge­hen ist recht­lich nicht zu bean­stan­den. Der Bezug von Pfle­ge­geld nach § 37 SGB XI schließt zwar die Gewäh­rung von Pfle­ge­geld nach § 39 Abs. 1 und 4 SGB VIII nicht grund­sätz­lich aus, weil die Leis­tun­gen der Pfle­ge­kas­se kei­nen abschlie­ßen­den Cha­rak­ter haben 3. Mit ihnen wird eine Voll­ver­sor­gung der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen weder ange­strebt noch erreicht, da die Pfle­ge­ver­si­che­rung nur eine sozia­le Grund­si­che­rung in Form von unter­stüt­zen­den Hil­fe­leis­tun­gen dar­stellt. Ande­rer­seits sind die Leis­tun­gen der Pfle­ge­ver­si­che­rung in vol­lem Umfang auf die Pfle­ge­geld­erhö­hung nach § 39 Abs. 4 Satz 3 SGB VIII anzu­rech­nen, wenn sie wegen eines Son­der­be­darfs, für den die Pfle­ge­geld­erhö­hung bean­tragt wird, gewährt wer­den 4. Das folgt bereits aus dem im Sozi­al­leis­tungs­recht gel­ten­den Grund­satz, dass Dop­pel­leis­tun­gen aus­ge­schlos­sen wer­den sol­len.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Klä­ge­rin dient das von der Beklag­ten gewähr­te Pfle­ge- und Erzie­hungs­geld sowie der erhöh­te Pfle­ge- und Erzie­hungs­geld­satz nach § 39 SGB VIII nicht allein der Abde­ckung des beson­de­ren Auf­wands für die Erzie­hung, son­dern gera­de auch der Abde­ckung des beson­de­ren Auf­wands für die Pfle­ge des Kin­des T.. Im vor­lie­gen­den Fall wur­de der drei­fa­che erhöh­te Pfle­ge- und Erzie­hungs­satz auf aus­führ­li­che Dar­le­gung der Situa­ti­on des Kin­des durch die Pfle­ge­el­tern im Schrei­ben und Antrag vom 27.1.2004 sowie der vor­ge­leg­ten ärzt­li­chen Stel­lung­nah­men gewährt. Danach besteht bei dem Kind T. eine all­ge­mei­ne Ent­wick­lungs­re­tar­die­rung auf­grund einer feta­len Alko­hol­em­bryo­pa­thie, die einen erheb­li­chen pfle­ge­ri­schen Auf­wand für die Pfle­ge­el­tern bedeu­te, da neben der Not­wen­dig­keit meh­re­rer The­ra­pi­en auch eine inten­si­ve häus­li­che För­de­rung not­wen­dig sei. Auch das Erler­nen von Regeln und Erfas­sen von Sinn­zu­sam­men­hän­gen sei erschwert und erfor­de­re einen hohen päd­ago­gi­schen Ein­satz. Dies wur­de durch die ärzt­li­che Beschei­ni­gung vom 8.7.2005 erneut bestä­tigt. Die Beklag­te gewähr­te daher wegen des behin­de­rungs­be­ding­ten beson­de­ren erzie­he­ri­schen und pfle­ge­ri­schen Auf­wands den drei­fa­chen Pfle­ge- und Erzie­hungs­satz. Damit wur­de der erhöh­te Satz hier aus­drück­lich gera­de auch wegen des erheb­li­chen Mehr­auf­wands der Pfle­ge­el­tern bei Pfle­ge- und Betreu­ungs­leis­tun­gen gewährt. Dies ent­spricht auch dem Zweck des Pfle­ge­gelds durch die Pfle­ge­kas­se. Vor­aus­set­zung für die­ses nach § 37 SGB XI in Pfle­ge­stu­fe I ist eben­falls ein erheb­li­cher Pfle­ge­be­darf nach Maß­ga­be von § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 SGB XI.

Des Wei­te­ren ergibt sich schon aus dem Wort­laut des § 39 Abs. 1 Satz 2 SGB VIII, das der not­wen­di­ge Unter­halt eines Kin­des Kos­ten sowohl für den Sach­auf­wand als auch für die Pfle­ge und Erzie­hung umfasst.

Die „Anrech­nung“ des durch die Pfle­ge­kas­se gewähr­ten Pfle­ge­gelds wird auch nicht durch § 13 Abs. 3 Satz 3 oder Abs. 5 Satz 1 SGB XI aus­ge­schlos­sen. Bei­de Vor­schrif­ten betref­fen nicht den vor­lie­gen­den Fall. Nach § 13 Abs. 3 Satz 3 SGB XI blei­ben Leis­tun­gen der Ein­glie­de­rungs­hil­fe für behin­der­te Men­schen nach dem SGB XII, dem Bun­des­ver­sor­gungs­ge­setz und dem SGB VIII unbe­rührt; sie sind im Ver­hält­nis zur Pfle­ge­ver­si­che­rung nicht nach­ran­gig. Bei der Gewäh­rung des drei­fa­chen Pfle­ge- und Erzie­hungs­sat­zes für die Hil­fe­leis­tung nach §§ 27, 33 SGB VIII han­delt es sich nicht um Leis­tun­gen der Ein­glie­de­rungs­hil­fe (vgl. § 35 a SGB VIII) son­dern um Leis­tun­gen der Hil­fe zur Erzie­hung. Das Pfle­ge­geld unter­schei­det sich inhalt­lich von Leis­tun­gen der Ein­glie­de­rungs­hil­fe. Ers­te­res wird gewährt, weil Per­so­nen bei gewöhn­li­chen und regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­den Ver­rich­tun­gen im Ablauf des täg­li­chen Lebens der Hil­fe bedür­fen. Leis­tun­gen der Ein­glie­de­rungs­hil­fe die­nen der Inte­gra­ti­on des behin­der­ten Men­schen in die Gesell­schaft und der Reha­bi­li­ta­ti­on 5. Nach § 13 Abs. 5 Satz 1 SGB XI blei­ben die Leis­tun­gen der Pfle­ge­ver­si­che­rung als Ein­kom­men bei Sozi­al­leis­tun­gen und Leis­tun­gen nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz, deren Gewäh­rung von ande­ren Ein­kom­men abhän­gig ist, unbe­rück­sich­tigt. Vor­lie­gend han­delt es sich bei der Gewäh­rung von Leis­tun­gen zur Hil­fe zur Erzie­hung nach § 39 SGB VIII nicht um Sozi­al­leis­tun­gen i.S. von § 13 Abs. 5 Satz 1 SGB XI, deren Gewäh­rung von ande­ren Ein­kom­men abhän­gig ist 6.

Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 5. Sep­tem­ber 2012 – 7 K 5075/​10

  1. vgl. BVerwG, U.v. 12.09.1996 – 5 C 31.95, NJW 1997, 2831[]
  2. vgl. BVerwG, U.v. 12.09.1996 – 5 C 31.95, NJW 1997, 2831; BayVGH, B.v. 12.09.2011 – 12 ZB 11.1517, JAmt 2012, 274, und B.v. 17.05.2011 – 12 ZB 00.1589, sowie B.v. 17.05.2001 – 12 ZB 00.1589; OVG Lüne­burg, B.v. 28.02.2011 – 4 LC 280/​09; Säch­si­sches OVG, B.v. 19.09.2006 – 5 B 327/​06; OVG NRW, U.v. 13.09.2006 – 12 A 3888/​05[]
  3. vgl. BVerwG, U.v. 15.06.2000 – 5 C 34.99, BVerw­GE 111, 241[]
  4. vgl. BayVGH, U.v. 10.11.2005 – 12 BV 04.1638; VG Aachen, U.v. 11.11.2008 – 2 K 557/​06[]
  5. vgl. Udsching, SGB XI, Sozia­le Pfle­ge­ver­si­che­rung, 3. Aufl., 2010, § 13 Rn. 21[]
  6. vgl. Udsching, SGB XI, Sozia­le Pfle­ge­ver­si­che­rung, 3. Aufl., 2010, § 13 Rn. 25 f., wonach hier­un­ter ins­be­son­de­re Sozi­al­hil­fe, Arbeits­lo­sen­geld II, Wohn­geld, BAföG-Leis­tun­gen und Erzie­hungs­geld – Bun­des­er­zie­hungs­geld­ge­setz – sowie sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­che Posi­tio­nen fal­len[]