Erschlie­ßungs­bei­trä­ge – und ihre Ver­jäh­rung

Die Erhe­bung von Erschlie­ßungs­bei­trä­gen ohne kla­re zeit­li­che Gren­ze ist nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ver­fas­sungs­wid­rig.

Erschlie­ßungs­bei­trä­ge – und ihre Ver­jäh­rung

Dem­entspre­chend hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig beschlos­sen, eine Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts dar­über ein­zu­ho­len, ob die Ver­jäh­rungs­re­ge­lung des Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­set­zes Rhein­land-Pfalz, soweit sie die Erhe­bung von Erschlie­ßungs­bei­trä­gen zeit­lich unbe­grenzt nach dem Ein­tritt der Vor­teils­la­ge erlaubt, mit dem Rechts­staats­prin­zip ver­ein­bar ist.

Im vor­lie­gen­den Fall wen­det sich ein Grund­stücks­ei­gen­tü­mer gegen Erschlie­ßungs­bei­trags­be­schei­de i.H.v. ins­ge­samt mehr als 70.000 €. Er ist Eigen­tü­mer meh­re­rer Grund­stü­cke in einem Gewer­be­ge­biet. Das abge­rech­ne­te Teil­stück der Stra­ße, an dem die­se lie­gen, wur­de bereits 1986 vier­spu­rig erbaut. Die zunächst vor­ge­se­he­ne vier­spu­ri­ge Fort­füh­rung wur­de 1999 end­gül­tig auf­ge­ge­ben. Der zwei­spu­ri­ge Wei­ter­bau erfolg­te sodann 2003/​2004. Erst im Jahr 2007 wid­me­te die Gemein­de den Stra­ßen­zug in sei­ner gesam­ten Län­ge dem öffent­li­chen Ver­kehr. Die ange­foch­te­nen Erschlie­ßungs­bei­trags­be­schei­de ergin­gen im August 2011. Der Ein­wand des Grund­stücks­ei­gen­tü­mers, 25 Jah­re nach Her­stel­lung der sei­ne Grund­stü­cke erschlie­ßen­den Stra­ße dürf­ten kei­ne Bei­trä­ge mehr erho­ben wer­den, blieb in den Vor­in­stan­zen vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Koblenz 1 und dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Rhein­land-Pfalz 2 ohne Erfolg. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Koblenz hielt die Bei­trags­er­he­bung für recht­mä­ßig, weil seit dem Ein­tritt der Vor­teils­la­ge noch nicht 30 Jah­re ver­gan­gen sei­en und kei­ne beson­de­ren Umstän­de schon zuvor ein Ver­trau­en des Grund­stücks­ei­gen­tü­mers dar­auf begrün­det hät­ten, von einem Bei­trag ver­schont zu blei­ben.

Die­ser Argu­men­ta­ti­on will das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt nun jedoch nicht fol­gen. Das Lan­des­recht ermög­licht bis­lang, Erschlie­ßungs­bei­trä­ge zeit­lich unbe­fris­tet nach dem Ein­tritt der Vor­teils­la­ge fest­zu­set­zen. Zwar ver­jäh­ren Bei­trags­pflich­ten gemäß § 3 Abs. 1 Nr. 4 des Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­set­zes Rhein­land-Pfalz in Ver­bin­dung mit §§ 169, 170 der Abga­ben­ord­nung in vier Jah­ren nach Ent­ste­hung des Anspruchs. Der Beginn der Ver­jäh­rungs­frist setzt damit aber u.a. die öffent­li­che Wid­mung der Erschlie­ßungs­an­la­ge vor­aus, die auch noch gerau­me Zeit nach deren Fer­tig­stel­lung erfol­gen kann. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ver­stößt eine sol­che Rege­lung gegen das rechts­staat­li­che Gebot der Belas­tungs­klar­heit und ‑vor­her­seh­bar­keit.

Der Gesetz­ge­ber hat danach die Auf­ga­be, die berech­tig­ten Inter­es­sen der All­ge­mein­heit an der Bei­trags­er­he­bung und der Ein­zel­nen an Rechts­si­cher­heit zu einem ange­mes­se­nen Aus­gleich zu brin­gen. Dabei steht ihm zwar ein wei­ter Gestal­tungs­spiel­raum zu. Er darf es aber nicht gänz­lich unter­las­sen, der Abga­ben­er­he­bung eine bestimm­te zeit­li­che Gren­ze zu set­zen. Die vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ange­nom­me­ne Gren­ze von 30 Jah­ren nach Ein­tritt der Vor­teils­la­ge ent­spricht die­sen Anfor­de­run­gen nicht. Denn sie fin­det kei­ne hin­rei­chen­de Grund­la­ge in der Rechts­ord­nung.

Im vor­lie­gen­den Fall waren zwi­schen der tat­säch­li­chen Ent­ste­hung des Vor­teils – spä­tes­tens im Jahr 1999 – und dem Erlass der Bei­trags­be­schei­de im Jahr 2011 mehr als 10 Jah­re ver­gan­gen. Inso­fern besteht ange­sichts der in ande­ren Bun­des­län­dern bereits gel­ten­den Vor­schrif­ten jeden­falls die Mög­lich­keit, dass die auch in Rhein­land-Pfalz gebo­te­ne, aber bis­her unvoll­stän­di­ge gesetz­li­che Nor­mie­rung eine Bei­trags­er­he­bung hier aus­schlie­ßen wird. Weil somit die Ent­schei­dung in dem vor­lie­gen­den Revi­si­ons­ver­fah­ren von der Gül­tig­keit der bean­stan­de­ten Rege­lung abhängt, muss­te das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt das Ver­fah­ren aus­set­zen und gemäß Art. 100 Abs. 1 GG die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ein­ho­len.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 6. Sep­tem­ber 2018 – 9 C 5.17

  1. VG Koblenz, Urteil vom 25.02.2016 – 4 K 41.15.KO[]
  2. OVG Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 06.11.2017 – 6 A 11831/​16[]