EU-Asyl­ver­fa­hen – und die Fami­li­en­ein­heit

Im Dub­lin-II-Ver­fah­ren ist das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge ver­pflich­tet, bei der Geburt eines Kin­des im Bun­des­ge­biet die Mit­glie­der der Kern­fa­mi­lie regel­mä­ßig zusam­men­zu­füh­ren bzw. nicht getrennt in den zustän­di­gen Mit­glieds­staat zu über­stel­len, weil das Neu­ge­bo­re­ne auf die Unter­stüt­zung bei­der Eltern ange­wie­sen ist.

EU-Asyl­ver­fa­hen – und die Fami­li­en­ein­heit

Begrün­den der­ar­ti­ge fami­liä­re Ände­run­gen wäh­rend des Auf­ent­halts im Bun­des­ge­biet nicht schon eine Selbst­ein­tritts­ver­pflich­tung des Bun­des­am­tes, so ist die­ses jeden­falls zur Aktua­li­sie­rung sei­ner Ermes­sens­er­wä­gun­gen im ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Kla­ge­ver­fah­ren ver­pflich­tet.

Gemäß § 27a AsylVfG 1 ist ein Asyl­an­trag unzu­läs­sig, wenn ein ande­rer Staat auf Grund von Rechts­vor­schrif­ten der Euro­päi­schen Gemein­schaft oder eines völ­ker­recht­li­chen Ver­tra­ges für die Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens zustän­dig ist. Maß­geb­lich ist indes gem. § 77 Abs. 1 Satz 1 Halb­satz 2 AsylVfG die Sach- und Rechts­la­ge zum Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung (bzw. hier des Erlas­ses die­ses Gerichts­be­schei­des). Die Sach­la­ge hat sich durch die Geburt des Soh­nes und durch den Ein­tritt in das natio­na­le Ver­fah­ren betref­fend sei­ne (reli­gi­ös ange­trau­te) Ehe­frau und Mut­ter sei­nes Soh­nes zu Guns­ten des Asyl­be­wer­bers wesent­lich ver­än­dert. Hier­auf hat das Bun­des­amt nicht reagiert.

Daher ist der­zeit nur eine gemein­sa­me Über­stel­lung des Asyl­be­wer­bers (hier: nach Polen) zusam­men mit dem Neu­ge­bo­re­nen und sei­ner Mut­ter (ggf. zusam­men mit deren Fami­lie) zur Wah­rung der Fami­li­en­ein­heit recht­lich zuläs­sig. Eine Tren­nung der Kern­fa­mi­lie ist mit dem Schutz­ge­bot aus den Artt. 6 GG, 7 und 24 Abs. 3 EUGRCh kei­nes­falls zu ver­ein­ba­ren. Zuguns­ten der Ehe­frau des Klä­gers ist das BAMF zwi­schen­zeit­lich jedoch in das natio­na­le Ver­fah­ren ein­ge­tre­ten; eine Ent­schei­dung des Bun­des­am­tes über den (wei­te­ren) Asyl­an­trag der Ehe­frau ist dem Ein­zel­rich­ter bis­her nicht bekannt. Es ist des­halb gegen­wär­tig davon aus­zu­ge­hen, dass der wei­te­re Auf­ent­halt der Ehe­frau im Bun­des­ge­biet zur Durch­füh­rung ihres Asyl­ver­fah­rens gestat­tet ist, vgl. § 55 AsylVfG.

Der Grund­satz der Fami­li­en­ein­heit ist ein tra­gen­des Prin­zip der Zustän­dig­keits­be­stim­mung nach der Dub­lin-II-Ver­ord­nung, vgl. Art. 6 bis 8, 14 und 15 Abs. 1 und 2 EGV 343/​2003, der ggf. eine Selbst­ein­tritts­pflicht des BAMF zur Fol­ge haben kann 2. Ins­be­son­de­re aus Art. 15 Abs. 2 der Dub­lin-II-Ver­ord­nung ergibt sich die Pflicht des BAMF, u.a. bei der Geburt eines Kin­des in der Regel jeden­falls die Mit­glie­der der Kern­fa­mi­lie zusam­men­zu­füh­ren bzw. nicht zu tren­nen, weil das Neu­ge­bo­re­ne auf die Unter­stüt­zung sei­ner Eltern ange­wie­sen ist 3. Das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richts hat hier­zu 4 u.a. aus­ge­führt, wäh­rend des gericht­li­chen Ver­fah­rens ein­ge­tre­te­ne fami­liä­re Ver­än­de­run­gen begrün­de­ten im Regel­fall gar eine Selbst­ein­tritts­ver­pflich­tung des Bun­des­am­tes, da das ihm im Rah­men des Art. 3 Abs. 2 Dub­lin-II-Ver­ord­nung zuste­hen­de Ermes­sen durch Art. 15 Abs. 2 Dub­lin-II- Ver­ord­nung vor dem Hin­ter­grund des Art. 8 EMRK auf Null redu­ziert sei.

Ob vor­lie­gend bereits von einer Ermes­sens­re­du­zie­rung auf Null aus­zu­ge­hen ist, was nach der 11)). Des­halb recht­fer­tigt bereits der Aus­fall jeg­li­cher Ermes­sens­be­tä­ti­gung die Auf­he­bung des ange­foch­te­nen Beschei­des.

Die­ser Befund gilt zugleich für die in der Haupt­sa­che eben­falls ange­foch­te­ne Abschie­bungs­an­ord­nung nach § 34a Abs. 1 AsylVfG in der hier anzu­wen­den­den Fas­sung des Art. 1 Nr. 27 des Geset­zes zur Umset­zung der Richt­li­nie 2011/​95/​EU (sog. Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie) 5. Die Vor­aus­set­zun­gen des § 34a Abs. 1 AsylVfG lie­gen aus den vor­ste­hen­den Grün­den nicht vor, da die iso­lier­te Abschie­bung des Vaters nach Polen aus recht­li­chen Grün­den der­zeit unmög­lich ist.

Ver­wal­tungs­ge­richt Göt­tin­gen, Gerichts­be­scheid vom 22. August 2014 – 2 A 888/​13

  1. in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 02.09.2008, BGBl. I, S. 1798[]
  2. vgl. Nds. OVG, Urteil vom 04.07.2012 – 2 LB 163/​10, InfAuslR 2012 S. 383 ff.[]
  3. vgl. zur Aus­le­gung des Begriffs "Ange­wie­sen sein": Filzwieser/​Sprung in: Dub­lin-II-Ver­ord­nung, Kom­men­tar, 3. Auf­la­ge, K 16 zu Art. 15 unter Hin­weis auf Art. 11 Abs. 1 VO (EG) 1560/​2003[]
  4. Nds. OVG, a.a.O.[]
  5. vom 28.08.2013, BGBl. I, S. 3474[]