Fami­li­en­flücht­lings­schutz – bei unter­schied­li­cher Staats­an­ge­hö­rig­keit in der Fami­lie

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Rechts­fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt, ob die Gewäh­rung von Fami­li­en­flücht­lings­schutz nach § 26 AsylG an ein Kind, das eine ande­re Staats­an­ge­hö­rig­keit als die des schutz­be­rech­tig­ten Eltern­teils besitzt, von der in Art. 3 der Aner­ken­nungs­richt­li­nie 2011/​95/​EU grün­den­den Befug­nis der Mit­glied­staa­ten gedeckt ist, güns­ti­ge­re Nor­men zur Ent­schei­dung dar­über zu erlas­sen, wer als Flücht­ling gilt, bzw. ob dies i.S.d. Art. 23 Abs. 2 der Aner­ken­nungs­richt­li­nie 2011/​95/​EU mit der per­sön­li­chen Rechts­stel­lung des Kin­des unver­ein­bar ist.

Fami­li­en­flücht­lings­schutz – bei unter­schied­li­cher Staats­an­ge­hö­rig­keit in der Fami­lie
  1. Ist Art. 3 RL 2011/​95/​EU dahin aus­zu­le­gen, dass er der Vor­schrift eines Mit­glied­staa­tes ent­ge­gen­steht, nach der dem min­der­jäh­ri­gen ledi­gen Kind einer Per­son, der die Flücht­lings­ei­gen­schaft zuer­kannt wur­de, eine von die­ser abge­lei­te­te Flücht­lings­ei­gen­schaft (sog. Fami­li­en­flücht­lings­schutz) auch für den Fall zuzu­er­ken­nen ist, dass die­ses Kind – über den ande­ren Eltern­teil – jeden­falls auch die Staats­an­ge­hö­rig­keit eines ande­ren Lan­des besitzt, das nicht mit dem Her­kunfts­land des Flücht­lings iden­tisch ist und des­sen Schutz es in Anspruch neh­men kann?
  2. Ist Art. 23 Abs. 2 RL 2011/​95/​EU dahin aus­zu­le­gen, dass die Ein­schrän­kung, wonach ein Anspruch der Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen auf die in den Arti­keln 24 bis 35 die­ser Richt­li­nie genann­ten Leis­tun­gen nur zu gewäh­ren ist, soweit dies mit der per­sön­li­chen Rechts­stel­lung des Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen ver­ein­bar ist, es ver­bie­tet, dem min­der­jäh­ri­gen Kind unter den in Fra­ge 1. beschrie­be­nen Umstän­den die von dem aner­kann­ten Flücht­ling abge­lei­te­te Flücht­lings­ei­gen­schaft zuzu­er­ken­nen?
  3. Ist für die Beant­wor­tung der Fra­gen 1. und 2. von Bedeu­tung, ob es für das Kind und sei­ne Eltern mög­lich und zumut­bar ist, ihren Auf­ent­halt in dem Land zu neh­men, des­sen Staats­an­ge­hö­rig­keit das Kind und sei­ne Mut­ter besit­zen, des­sen Schutz die­se in Anspruch neh­men kön­nen und das nicht mit dem Her­kunfts­land des Flücht­lings (Vaters) iden­tisch ist, oder genügt es, dass die Fami­li­en­ein­heit im Bun­des­ge­biet auf der Grund­la­ge auf­ent­halts­recht­li­cher Rege­lun­gen gewahrt blei­ben kann?

Anlass hier­für bot dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt die Kla­ge eines im Jahr 2017 im Bun­des­ge­biet gebo­re­nes Kind einer tune­si­schen und eines als Flücht­ling aner­kann­ten syri­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen. Sie besitzt jeden­falls die tune­si­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit. Ihren Asyl­an­trag stützt sie auf einen von ihrem Vater abge­lei­te­ten Fami­li­en­flücht­lings­schutz. Das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge(BAMF) lehn­te ihren Antrag als offen­sicht­lich unbe­grün­det ab.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Ver­wal­tungs­ge­richt Cott­bus hat die auf Zuer­ken­nung von Flücht­lings­schutz gerich­te­te Kla­ge abge­wie­sen 1: Die Gewäh­rung von Fami­li­en­flücht­lings­schutz gemäß § 26 Abs. 5 Satz 1 i.V.m. Abs. 2 AsylG wider­spre­che vor­ran­gi­gem Uni­ons­recht und nament­lich dem auch dort gel­ten­den Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät des inter­na­tio­na­len Flücht­lings­schut­zes. Die­ser Grund­satz schlie­ße aus, die­sen Schutz auf Per­so­nen zu erstre­cken, die – wie das hier kla­gen­de Mäd­chen – bereits auf­grund ihres Per­so­nal­sta­tuts als Ange­hö­ri­ge eines schutz­fä­hi­gen ande­ren Staa­tes kei­nes Schut­zes bedürf­ten. Wegen der grund­sätz­li­chen Bedeu­tung des Prin­zips der Sub­si­dia­ri­tät sei es den Mit­glied­staa­ten nicht gestat­tet, auf­grund von Art. 3 RL 2011/​95/​EU güns­ti­ge­re Nor­men zu schaf­fen, da ande­ren­falls die all­ge­mei­ne Sys­te­ma­tik und die Zie­le der Richt­li­nie gefähr­det wür­den.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt sieht vor dem Hin­ter­grund des Prin­zips der Sub­si­dia­ri­tät des inter­na­tio­na­len Flücht­lings­schut­zes uni­ons­recht­li­chen Klä­rungs­be­darf, ob das natio­na­le Recht (§ 26 AsylG) mit Art. 3 und Art. 23 Abs. 2 RL 20011/​95/​EU ver­ein­bar ist, soweit es eine Zuer­ken­nung inter­na­tio­na­len Fami­li­en­schut­zes auch für Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge vor­sieht, die effek­ti­ven Schutz in dem Land erlan­gen kön­nen, des­sen Staats­an­ge­hö­rig­keit sie besit­zen, und hat das bei ihm anhän­gi­ge Revi­si­ons­ver­fah­ren bis zu einer Ent­schei­dung des Uni­ons­ge­richts­hofs über die auf­ge­führ­ten Fra­gen aus­ge­setzt.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 18. Dezem­ber 2019 – 1 C 2.19

  1. VG Cott­bus, Urteil vom 17.01.2019 – 5 K 511/​18.A[]