Finan­zi­el­le Zuwen­dun­gen an Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten – und die Fra­ge: Wer ist Jude?

Ist in einem Staats­ver­trag die Fest­stel­lung des ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halts für dort gere­gel­te Ansprü­che einem Drit­ten als neu­tra­ler Instanz über­tra­gen und trifft die­ser Drit­te die Fest­stel­lung nicht, hat das sodann ange­ru­fe­ne Ver­wal­tungs­ge­richt die Sache durch eige­ne Auf­klä­rung des Sach­ver­halts spruch­reif zu machen. Das Selbst­be­stim­mungs­recht der Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten aus Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 137 Abs. 3 Satz 1 WRV hin­dert das Ver­wal­tungs­ge­richt nicht grund­sätz­lich, fest­zu­stel­len, wer Mit­glied einer jüdi­schen Gemein­de ist, ins­be­son­de­re dem Juden­tum ange­hört, wenn in einer Norm des staat­li­chen Rechts die Gewäh­rung von Leis­tun­gen an die Reli­gi­ons­ge­mein­schaft von der Zahl ihrer Mit­glie­der abhängt.

Finan­zi­el­le Zuwen­dun­gen an Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten – und die Fra­ge: Wer ist Jude?

In dem hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall begehrt der Klä­ger, der Syn­ago­gen­ge­mein­de zu Hal­le e.V., von dem beklag­ten Lan­des­ver­band Jüdi­scher Gemein­den Sach­sen-Anhalt die Fest­set­zung und Aus­zah­lung sei­nes Anteils an den finan­zi­el­len Zuwen­dun­gen, die das Land Sach­sen-Anhalt auf der Grund­la­ge eines Staats­ver­tra­ges mit der Jüdi­schen Gemein­schaft in Sach­sen-Anhalt für das Jahr 2006 gewährt hat.

Das Land Sach­­sen-An­halt schloss im Jahr 2006 mit der Jü­di­schen Ge­mein­schaft in Sach­­sen-An­halt einen Staats­ver­trag (Staats­ver­trag 2006 – StV 2006) [1]. Auf sei­ner Grund­la­ge be­tei­ligt sich das Land mit einem Ge­samt­zu­schuss (Lan­des­zu­schuss) an den Aus­ga­ben der Jü­di­schen Ge­mein­schaft, die ihr für in Sach­­sen-An­halt le­ben­de jü­di­sche Mit­bür­ge­rin­nen und Mit­bür­ger durch die Er­fül­lung von re­li­giö­sen und kul­tu­rel­len Be­dürf­nis­sen ent­ste­hen. An­spruchs­be­rech­tigt sind nach Abs. 3 des Schluss­pro­to­kolls zu Art. 13 Abs. 1 StV 2006 der be­klag­te Lan­des­ver­band, die drei bei­ge­la­de­nen Ge­mein­den, der Klä­ger sowie neu ent­ste­hen­de Ge­mein­den. Nach Abs. 4 des Schluss­pro­to­kolls zu Art. 13 Abs. 1 StV 2006 er­hal­ten der Lan­des­ver­band einen So­ckel­be­trag von 10 v.H. und die Ge­mein­den einen sol­chen von je­weils 5 v.H. des Lan­des­zu­schus­ses zur Ab­de­ckung ihrer fixen Kos­ten. Für die wei­te­re Ver­tei­lung ist die Ge­samt­zahl der Ge­mein­de­mit­glie­der nach dem Stand vom 31. De­zem­ber des Vor­jah­res maß­ge­bend, so­weit sie ihren Haupt­wohn­sitz in Sach­­sen-An­halt haben. Der Lan­des­ver­band ist zur Be­kannt­ga­be der durch den Ge­ne­ral­se­kre­tär des Zen­tral­rats der Juden in Deutsch­land schrift­lich be­stä­tig­ten Mit­glie­der­zah­len an das Land ver­pflich­tet.

Der be­klag­te Lan­des­ver­band setz­te auf der Grund­la­ge des pa­ra­phier­ten Staats­ver­tra­ges 2006 den An­teil des Klä­gers am Lan­des­zu­schuss für das Jahr 2006 auf 54 363,80 € fest; er leg­te sei­ner Be­rech­nung eine Zahl von 41 Mit­glie­dern des Klä­gers zu­grun­de. Der Klä­ger leg­te gegen den Be­scheid Wi­der­spruch ein: Für sei­nen An­teil am Lan­des­zu­schuss sei­en 217 Mit­glie­der zu be­rück­sich­ti­gen. Der Be­klag­te ent­schied über den Wi­der­spruch nicht.

Der Gene­ral­se­kre­tär des Zen­tral­rats der Juden in Deutsch­land teil­te dem Beklag­ten und dem Klä­ger im Okto­ber 2006 mit, er habe die ihm vor­ge­leg­ten Mit­glie­der­lis­ten der Gemein­den unter­ein­an­der abge­gli­chen sowie auf Dop­pe­lun­gen, Todes­fäl­le und Wohn­sitz­frem­de über­prüft. Ob die auf­ge­lis­te­ten Mit­glie­der dem Juden­tum ange­hör­ten, blei­be einer Prü­fung durch aner­kann­te Rab­bi­ner vor­be­hal­ten. Von den 217 Per­so­nen, die der Klä­ger gemel­det habe, sei­en 36 auch in der Lis­te der Jüdi­schen Gemein­de zu Hal­le auf­ge­lis­tet, 15 sei­en dop­pelt auf­ge­führt und 1 Per­son sei defi­ni­tiv als nicht jüdisch zu qua­li­fi­zie­ren. Die sowohl vom Klä­ger, der Syn­ago­gen­ge­mein­de zu Hal­le, als auch von der Jüdi­schen Gemein­de zu Hal­le geführ­ten 36 Per­so­nen habe er bis zur Klä­rung des Sach­ver­halts bei­den Gemein­den je zur Hälf­te zuge­rech­net. Vor­be­halt­lich einer Über­prü­fung des Wohn­sit­zes erge­be sich dar­aus für den Klä­ger eine Zahl von 183 Mit­glie­dern.

Nach Prü­fung der Mit­glie­der­lis­ten zum Stich­tag 31.12 2006 teil­te der Gene­ral­se­kre­tär im Juli 2007 dem Beklag­ten, dem Klä­ger und den bei­ge­la­de­nen Gemein­den mit, er habe die ihm vor­ge­leg­ten Mit­glie­der­lis­ten (auch) für das Jahr 2006 nur unter dem Vor­be­halt der Vor­läu­fig­keit über­prüft, weil es erheb­li­che Unsi­cher­hei­ten bei dem vor­ge­leg­ten Mate­ri­al des Klä­gers gege­ben habe. In Erman­ge­lung einer eige­nen Ermitt­lungs­ab­tei­lung sei er weder per­so­nell in der Lage noch gewillt, wei­ter­ge­hen­de Ermitt­lun­gen hin­sicht­lich der Zuver­läs­sig­keit der ihm vor­lie­gen­den Mit­glie­der­lis­ten des Klä­gers anzu­stel­len. An den mit­ge­teil­ten Prüf­ergeb­nis­sen wür­den sich des­halb unter Berück­sich­ti­gung der dar­ge­stell­ten Unsi­cher­hei­ten kei­ne Ände­run­gen mehr erge­ben. Die Zah­len sei­en nun­mehr als ver­bind­lich anzu­se­hen, da der Klä­ger kei­ne wei­te­ren Ange­bo­te zur Klä­rung der offe­nen Fra­gen unter­brei­tet habe.

Der Klä­ger hat­te bereits zuvor Untä­tig­keits­kla­ge erho­ben, mit der er der Sache nach begehrt hat, den Beklag­ten unter Auf­he­bung sei­nes ent­ge­gen­ste­hen­den Beschei­des zu ver­pflich­ten, den ihm zuste­hen­den Anteil am Lan­des­zu­schuss auf der Grund­la­ge von 183 Mit­glie­dern fest­zu­set­zen, und den Beklag­ten zu ver­ur­tei­len, den sich dar­aus erge­ben­den Betrag abzüg­lich bereits geleis­te­ter Abschlä­ge zu zah­len: Der Beklag­te sei an die Bestä­ti­gung von 183 Mit­glie­dern durch den Gene­ral­se­kre­tär gebun­den. Ein eige­nes Prü­fungs­recht ste­he ihm nicht zu, ins­be­son­de­re nicht in der Fra­ge, ob ein Gemein­de­mit­glied nach der Hal­acha dem Juden­tum zuge­hö­re. Der Beklag­te ist der Kla­ge ent­ge­gen­ge­tre­ten: Die Mit­glie­der­lis­te des Klä­gers habe noch nicht abschlie­ßend geprüft wer­den kön­nen. Man­gels kon­kre­ter Anga­ben zu den auf­ge­lis­te­ten Per­so­nen habe weder deren Haupt­wohn­sitz noch deren Zuge­hö­rig­keit zum Juden­tum fest­ge­stellt wer­den kön­nen. Auch sei es will­kür­lich, die Per­so­nen, die in den Lis­ten sowohl des Klä­gers als auch der bei­ge­la­de­nen Syn­ago­gen­ge­mein­de zu Hal­le als Mit­glie­der geführt wür­den, bei­den Gemein­den zur Hälf­te zuzu­rech­nen.

Gibt der Staat die Ver­ga­be finan­zi­el­ler Mit­tel aus der Hand, die er Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten bereit­stellt, hat er die Anfor­de­run­gen des Rechts­staats­prin­zips zu beach­ten. Ent­schei­dun­gen eines Auf­ga­ben­trä­gers in eige­ner Sache sind danach nur in begrenz­tem Umfang zuläs­sig [2]. Der Staat darf nicht mit der Ver­tei­lung von ihm zur Ver­fü­gung gestell­ter Mit­tel eine Reli­gi­ons­ge­mein­schaft betrau­en, die selbst anspruch­be­rech­tigt ist [3]. Eine dadurch her­vor­ge­ru­fe­ne Inter­es­sen­kol­li­si­on führt auf Sei­ten der­je­ni­gen Reli­gi­ons­ge­mein­schaft, die auf die Wei­ter­lei­tung durch die damit betrau­te Reli­gi­ons­ge­mein­schaft ange­wie­sen ist, zu einem Abhän­gig­keits­ver­hält­nis, das mit den Anfor­de­run­gen an eine rechts­staat­li­che Ver­wal­tungs­struk­tur unver­ein­bar ist [4].

Dem Beklag­ten ist die Ver­tei­lung des Lan­des­zu­schus­ses als staat­li­che Auf­ga­be zur Wahr­neh­mung über­tra­gen. Eine Ent­schei­dung in eige­ner Sache ist damit nicht ver­bun­den. Der Beklag­te ist zwar nach dem Staats­ver­trag selbst anspruchs­be­rech­tigt. Der Umfang sei­nes Anspruchs ist aber bereits im Staats­ver­trag selbst abschlie­ßend fest­ge­legt. Der Beklag­te muss nicht sei­nen eige­nen Anspruch zu Las­ten der ande­ren anspruchs­be­rech­tig­ten Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten selbst abste­cken. Der eige­ne Anspruch beschränkt sich auf den Sockel­be­trag von 10 v.H. des Lan­des­zu­schus­ses, den er für sich ein­be­hal­ten kann. Ledig­lich den ver­blei­ben­den Betrag hat er an die ande­ren Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten zu ver­tei­len.

Eine Inter­es­sen­kol­li­si­on und damit ein­her­ge­hend eine rechts­staat­lich bedenk­li­che Ver­wal­tungs­struk­tur folgt nicht aus der all­ge­mei­nen Kon­kur­renz­la­ge, die zwi­schen dem Beklag­ten und Gemein­den besteht, die ihm – wie der Klä­ger – nicht ange­hö­ren. Sie bringt die­se Gemein­den bei der Ver­tei­lung der Mit­tel nicht in eine rechts­staat­lich bedenk­li­che Abhän­gig­keit von dem Beklag­ten.

Der Beklag­te hat aller­dings als Dach­ver­band der bei­ge­la­de­nen Gemein­den ein insti­tu­tio­nel­les Eigen­in­ter­es­se dar­an, dass die Antei­le sei­ner Mit­glieds­ge­mein­den an dem Lan­des­zu­schuss nicht durch die Betei­li­gung ande­rer, ihm nicht ange­hö­ren­der Gemein­den geschmä­lert wer­den. Zwar legt das Schluss­pro­to­koll zu Art. 13 Abs. 1 StV 2006 abschlie­ßend fest, nach wel­chem Maß­stab der Lan­des­zu­schuss auf die anspruchs­be­rech­tig­ten Gemein­den zu ver­tei­len ist. Es räumt dem Beklag­ten auf der Rechts­fol­gen­sei­te kein Ermes­sen ein. Der Maß­stab für die Ver­tei­lung, näm­lich die Zahl der Gemein­de­mit­glie­der, lässt dem Beklag­ten auf der Tat­be­stands­sei­te kei­nen Beur­tei­lungs­spiel­raum. Für die prak­ti­sche Anwen­dung die­ser Vor­schrift und damit für die zeit­ge­rech­te Aus­kehr der zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­tel ist jedoch von erheb­li­cher Bedeu­tung, in wel­chem Umfang vor­ge­leg­te Mit­glie­der­lis­ten über­prüft wer­den und wel­che Unter­la­gen als Beleg für eine Mit­glied­schaft ange­for­dert wer­den. Dies gilt nament­lich für die Fra­ge, ob und gege­be­nen­falls in wel­cher Dich­te der Nach­weis ver­langt wer­den kann, dass ein Mit­glied der Gemein­de dem Juden­tum ange­hört. Wel­che Nach­wei­se inso­weit ver­langt wer­den, hängt nicht zuletzt von dem je unter­schied­li­chen reli­giö­sen Ver­ständ­nis ab. Eine Gemein­de, die nicht dem Beklag­ten ange­hört, könn­te sich des­halb der Anfor­de­rung von Nach­wei­sen aus­ge­setzt sehen, die zwar auf der Grund­la­ge des reli­giö­sen Ver­ständ­nis­ses des Beklag­ten erfor­der­lich, nach ihrem reli­giö­sen Ver­ständ­nis aber ent­behr­lich sind und des­halb auch nicht bei­gebracht wer­den kön­nen.

Der Klä­ger und ande­re anspruchs­be­rech­tig­te Gemein­den gera­ten jedoch des­halb nicht in ein Abhän­gig­keits­ver­hält­nis zum Beklag­ten, weil der Staats­ver­trag in der Aus­le­gung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts dem Gene­ral­se­kre­tär des Zen­tral­rats der Juden in Deutsch­land als neu­tra­ler Stel­le die Prü­fung über­trägt, wie vie­le Mit­glie­der die Gemein­den jeweils haben. Er bin­det den Beklag­ten für die Fest­set­zung des Anteils der jewei­li­gen Gemein­de an die­se Bestä­ti­gung der Mit­glie­der­lis­te. Ihm bleibt danach nur noch, die für ihn ver­bind­li­che Vor­ga­be unver­än­dert in einen Fest­set­zungs­be­scheid umzu­set­zen.

Jedoch lagen die Vor­aus­set­zun­gen nicht vor, unter denen ein Ver­wal­tungs­ge­richt nach § 113 Abs. 5 VwGO eine beklag­te Behör­de ver­pflich­ten kann, den Klä­ger unter Beach­tung der Rechts­auf­fas­sung des Gerichts zu beschei­den.

Ein sol­cher Aus­spruch ist nach § 113 Abs. 5 VwGO nur zuläs­sig, wenn zwar die Ableh­nung oder Unter­las­sung eines Ver­wal­tungs­ak­tes rechts­wid­rig ist und den Klä­ger in sei­nen Rech­ten ver­letzt, die Sache aber nicht spruch­reif ist und das Ver­wal­tungs­ge­richt die beklag­te Behör­de des­halb noch nicht ver­pflich­ten kann, die bean­trag­te Amts­hand­lung vor­zu­neh­men. § 113 Abs. 5 VwGO setzt eine Lage vor­aus, in der das Ver­wal­tungs­ge­richt kei­ne abschlie­ßen­de Ent­schei­dung tref­fen kann, weil der beklag­ten Behör­de eine vor­ran­gi­ge Ent­schei­dungs­be­fug­nis ein­ge­räumt ist, in die das Ver­wal­tungs­ge­richt nicht ein­grei­fen darf. Das ist der Fall, wenn der Behör­de auf der Tat­be­stands­sei­te bei der Fest­stel­lung der Vor­aus­set­zun­gen für die bean­trag­te Amts­hand­lung ein Beur­tei­lungs­spiel­raum oder auf der Rechts­fol­gen­sei­te Ermes­sen ein­ge­räumt ist. Ein sol­cher Fall ist hier nach der Aus­le­gung des Staats­ver­trags durch das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt nicht gege­ben.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat eine man­geln­de Spruch­rei­fe zu Unrecht dar­aus her­ge­lei­tet, dass der Beklag­te nach dem Staats­ver­trag nicht befugt sei, selbst zu ermit­teln und zu prü­fen, wie vie­le Mit­glie­der die anspruch­be­rech­tig­ten Gemein­den hät­ten, die­se Fest­stel­lung viel­mehr einem neu­tra­len Drit­ten, dem Gene­ral­se­kre­tär des Zen­tral­rats, über­tra­gen sei, der sie jedoch nicht ver­bind­lich getrof­fen, son­dern das Prü­fungs­ver­fah­ren abge­bro­chen habe. Die­se Befug­nis des Gene­ral­se­kre­tärs als eines neu­tra­len Drit­ten hat nicht in der­sel­ben Wei­se Vor­rang vor einer abschlie­ßen­den Ent­schei­dung des Gerichts wie die Ent­schei­dungs­be­fug­nis der beklag­ten Behör­de in den Fäl­len, in denen ihr ein Beur­tei­lungs­spiel­raum oder ein Ermes­sen ein­ge­räumt ist. Die Erstre­ckung des § 113 Abs. 5 VwGO auf die­se Fall­ge­stal­tung über­schrei­tet den Anwen­dungs­be­reich der Norm und ver­letzt dadurch mate­ri­el­les Bun­des­recht.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ist aller­dings im Aus­gangs­punkt an die Aus­le­gung des Staats­ver­trags als einer Norm des Lan­des­rechts gebun­den. Die Aus­le­gung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts ver­stößt nicht gegen das Rechts­staats­ge­bot und die Bin­dung des Rich­ters an Recht und Gesetz (Art.20 Abs. 3 GG).

Ein Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ver­letzt bei der Aus­le­gung einer Norm des irre­vi­si­blen Lan­des­rechts Bun­des­recht, wenn es sich von der lan­des­ge­setz­li­chen Rege­lung so weit ent­fernt hat, dass die Begrün­dung der Ent­schei­dung den Zusam­men­hang mit die­ser Norm nicht mehr hin­rei­chend erken­nen lässt und unter kei­nem inso­weit denk­ba­ren Gesichts­punkt – auch nicht als rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung – ver­ständ­lich ist [5]. Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen hier nicht vor.

Zwar wird nach dem Wort­laut des Staats­ver­tra­ges 2006 der Beklag­te in Abs. 4 des Schluss­pro­to­kolls zu Art. 13 Abs. 1 nur ver­pflich­tet, die durch den Gene­ral­se­kre­tär des Zen­tral­rats bestä­tig­ten Mit­glie­der­zah­len dem Land bekannt­zu­ge­ben. Damit setzt die Vor­schrift aber vor­aus, dass es eine sol­che Bestä­ti­gung gibt. Eine Bestä­ti­gung ohne vor­he­ri­ge Prü­fung ist nicht vor­stell­bar. Damit geht das Schluss­pro­to­koll davon aus, dass zum einen der Beklag­te die Antei­le der Gemein­den an dem Lan­des­zu­schuss fest­setzt und zum ande­ren der Gene­ral­se­kre­tär die dafür erfor­der­li­chen Zah­len bestä­tigt. Die Vor­schrift sagt aber nichts dar­über, wel­che Ver­bind­lich­keit die­se Bestä­ti­gung hat. Eine sol­che Rege­lung ist aber erfor­der­lich, wenn zwei Ein­rich­tun­gen den­sel­ben Sach­ver­halt zu beur­tei­len haben. Die Vor­schrift ist mit­hin in die­sem Punkt aus­le­gungs­be­dürf­tig, weil der Wort­laut nicht wei­ter hilft.

Für die­se Aus­le­gung hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt nament­lich auf die Geset­zes­ma­te­ria­li­en zurück­ge­grif­fen. Zur Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Staats­ver­tra­ges 2006 gehört, dass auf der Grund­la­ge des frü­he­ren Staats­ver­tra­ges der Klä­ger und der Beklag­te über die Betei­li­gung des Klä­gers an der Staats­leis­tung zer­strit­ten waren und die­ser Streit sich gera­de an den Fra­gen ent­zün­de­te, ob der Klä­ger über­haupt eine jüdi­sche Gemein­de sei und ob gege­be­nen­falls sei­ne Mit­glie­der in nen­nens­wer­ter Zahl dem Juden­tum ange­hör­ten. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt über­schrei­tet nicht die Gren­zen einer noch mög­li­chen Aus­le­gung, wenn es vor die­sem Hin­ter­grund den Äuße­run­gen der Lan­des­re­gie­rung bei Rati­fi­zie­rung des Staats­ver­tra­ges ent­nimmt, die­ser Streit habe künf­tig durch Zwi­schen­schal­tung eines neu­tra­len Drit­ten aus­ge­schlos­sen und dem Drit­ten des­halb die Befug­nis zuge­spro­chen wer­den sol­len, mit sei­ner Bestä­ti­gung die ver­bind­li­che Grund­la­ge für die Ver­tei­lung des Lan­des­zu­schus­ses zu schaf­fen.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat zudem eine ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung des Staats­ver­tra­ges für gebo­ten gehal­ten und sich damit einer wei­te­ren aner­kann­ten Metho­de der Aus­le­gung bedient. Es hat ange­nom­men, mit Ver­fas­sungs­recht sei eine Aus­le­gung des Staats­ver­trags unver­ein­bar, die dem Beklag­ten die Kom­pe­tenz zubil­li­ge, die Mit­glied­schaft in einer Gemein­de zu prü­fen. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat hier­für nicht auf Bun­des­ver­fas­sungs­recht zurück­ge­grif­fen, son­dern sich auf sei­ner­seits irre­vi­si­bles Lan­des­ver­fas­sungs­recht gestützt, näm­lich Art. 9 Abs. 1 und 2 in Ver­bin­dung mit Art. 2 Abs. 1 Ver­fL­SA. Es hat ange­nom­men, eine eige­ne Prü­fung der Fra­ge, wer Mit­glied des Klä­gers sei, ver­schaf­fe dem beklag­ten Lan­des­ver­band einen eige­nen Beur­tei­lungs- oder Ermes­sens­spiel­raum in einer Fra­ge, die dem Selbst­be­stim­mungs­recht des Klä­gers unter­lie­ge, und der daher des­sen Glau­bens­frei­heit ver­let­ze.

Zwar ist das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt im Wei­te­ren man­gels inso­weit erho­be­ner Rügen oder Gegen­rü­gen gemäß § 137 Abs. 2 VwGO an die tat­säch­li­che Fest­stel­lung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts gebun­den, dass eine ver­bind­li­che Bestä­ti­gung der Mit­glie­der­lis­te des Klä­gers für das Jahr 2006 fehlt, der Gene­ral­se­kre­tär die Über­prü­fung der Lis­te viel­mehr ergeb­nis­los abge­bro­chen hat. Unzu­tref­fend ist aber die Fol­ge­rung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts, das Feh­len die­ser Bestä­ti­gung hin­de­re das Gericht dar­an, die Sache spruch­reif zu machen.

Der Gene­ral­se­kre­tär hat als neu­tra­ler Drit­ter recht­lich die Stel­lung eines Schieds­gut­ach­ters, sei­ne Bestä­ti­gung der Mit­glie­der­lis­ten die Funk­ti­on eines Schieds­gut­ach­tens. Ein Schieds­gut­ach­ten zur Fest­stel­lung einer ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Tat­sa­che hat kei­nen grund­sätz­li­chen Vor­rang vor einer Auf­klä­rung des Sach­ver­halts durch das Gericht.

Über­tra­gen die Par­tei­en eines Ver­trags in ihrem Ver­trag einem Drit­ten die ver­bind­li­che Ent­schei­dung dar­über, ob bestimm­te Tat­sa­chen vor­lie­gen, von deren Bestehen Ansprü­che nach dem Ver­trag abhän­gen, han­delt es sich um eine Schieds­ab­re­de, bei dem Drit­ten um einen Schieds­gut­ach­ter [6]. Der Schieds­gut­ach­ter soll nicht den Rechts­streit ent­schei­den, son­dern nur über ein­zel­ne Ele­men­te eines Rechts­ver­hält­nis­ses befin­den [7]. Dabei kann es sich um eine Tat­sa­che han­deln, deren Vor­lie­gen oder Nicht­vor­lie­gen für die Ent­schei­dung des Rechts­streits erheb­lich ist. Eine Schieds­ab­re­de liegt nicht nur vor, wenn die Betei­lig­ten ver­ein­bart haben, dass ein Schieds­gut­ach­ter tätig wer­den soll, falls eine bestimm­te Fra­ge zwi­schen ihnen strei­tig wer­den soll­te. Eine Schieds­ab­re­de liegt auch vor, wenn die Betei­lig­ten von vorn­her­ein, also unab­hän­gig von einem kon­kre­ten Streit, die Fest­stel­lung eines ein­zel­nen Ele­men­tes ihres Rechts­ver­hält­nis­ses einem Schieds­gut­ach­ter über­tra­gen, weil die­se Fest­stel­lung erfah­rungs­ge­mäß Anlass zum Streit bie­tet.

Es kommt nicht dar­auf an, ob die Par­tei­en des Staats­ver­tra­ges für die Stel­lung des Gene­ral­se­kre­tärs den Begriff „Schieds­gut­ach­ter“ ver­wen­det oder bei ihren Ver­hand­lun­gen von Schieds­ab­re­de und Schieds­gut­ach­ter gespro­chen haben. Nach der bin­den­den Aus­le­gung des Staats­ver­trags durch das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt haben die Par­tei­en ver­ein­bart, dem Gene­ral­se­kre­tär als neu­tra­lem Drit­ten die ver­bind­li­che Fest­stel­lung des ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halts, näm­lich der Mit­glie­der­zah­len, zu über­tra­gen. Die­se Abre­de ent­hält ihrem Inhalt nach sämt­li­che Ele­men­te einer Schieds­ab­re­de, auch wenn die Betei­lig­ten die­sen Aus­druck nicht gebraucht haben. Ihnen wird nichts auf­ge­drängt, was sie nicht ver­ein­bart hät­ten, son­dern ihre Ver­ein­ba­rung wird nur zur Fest­stel­lung der an sie anzu­knüp­fen­den Rechts­fol­gen recht­lich ein­ge­ord­net.

Für die Annah­me einer Schieds­ab­re­de ist uner­heb­lich, dass der Gene­ral­se­kre­tär nicht Par­tei des Staats­ver­tra­ges ist. Der Schieds­gut­ach­ter ist regel­mä­ßig nicht Par­tei des Ver­tra­ges. Zwar wer­den die Ver­trags­par­tei­en sich tun­lichst vor Abschluss des Ver­tra­ges und der Ver­ein­ba­rung einer Schieds­ab­re­de ver­ge­wis­sern, ob der in Aus­sicht genom­me­ne Schieds­gut­ach­ter zur Über­nah­me der ihm ange­son­ne­nen Tätig­keit bereit ist. Das­sel­be wird der Fall sein, wenn als Schieds­gut­ach­ter nicht eine kon­kre­te natür­li­che Per­son tätig wer­den soll, son­dern wie hier der jewei­li­ge Inha­ber eines Amtes in einer bestimm­ten Insti­tu­ti­on. Tätig wird der Schieds­gut­ach­ter nicht auf­grund des Ver­tra­ges zwi­schen den Par­tei­en, son­dern auf der Grund­la­ge eines Rechts­ver­hält­nis­ses, das mit ihm neben dem Ver­trag ein­ge­gan­gen wird. Regel­mä­ßig wird es sich um ein Auf­trags­ver­hält­nis im Sin­ne des § 662 BGB han­deln, das auch kon­klu­dent durch Über­nah­me der Tätig­keit zustan­de kom­men kann.

Uner­heb­lich ist fer­ner, ob die Sat­zung des Zen­tral­rats das Amt eines Gene­ral­se­kre­tärs als stän­di­ge Ein­rich­tung vor­sieht. Der Ver­trag kann dahin aus­ge­legt wer­den, dass die Ver­ein­ba­rung auf die Per­son ver­weist, der inner­halb des Zen­tral­rats die Auf­ga­ben über­tra­gen sind, die jetzt der Gene­ral­se­kre­tär wahr­nimmt. Ande­ren­falls kön­nen die Ver­trags­par­tei­en ver­pflich­tet sein, den Ver­trag ent­spre­chend dem Rechts­ge­dan­ken des § 60 Abs. 1 VwVfG anzu­pas­sen. Für das hier in Rede ste­hen­de Jahr 2006 kommt es auf die­se Über­le­gun­gen ohne­hin nicht an. Das Amt des Gene­ral­se­kre­tärs bestand und sein Inha­ber hat den Prüf­auf­trag über­nom­men.

Auch wenn nicht die Behör­de, son­dern ein Drit­ter als Schieds­gut­ach­ter den maß­geb­li­chen Sach­ver­halt für die Anwen­dung einer Norm des staat­li­chen Rechts fest­zu­stel­len hat, haben die staat­li­chen Gerich­te Rechts­schutz zu gewäh­ren, wenn der Sach­ver­halt durch den Drit­ten gar nicht, ver­fah­rens­feh­ler­haft oder inhalt­lich unrich­tig fest­ge­stellt wird und dadurch der durch staat­li­ches Recht ein­ge­räum­te Anspruch in sei­ner Durch­set­zung erschwert oder ver­ei­telt zu wer­den droht. Der Rechts­weg zu den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten wird durch ein Schieds­gut­ach­ter­ver­fah­ren nicht aus­ge­schlos­sen [8].

Für den Rechts­schutz erge­ben sich dar­aus fol­gen­de Kon­se­quen­zen:

Haben die Par­tei­en eines Staats­ver­tra­ges ver­ein­bart, dass ein neu­tra­ler Drit­ter einen ent­schei­dungs­er­heb­li­chen, aber streit­an­fäl­li­gen Sach­ver­halt für sie ver­bind­lich fest­zu­stel­len hat, schlie­ßen sie damit zugleich kon­klu­dent die Mög­lich­keit aus, vor der abschlie­ßen­den Fest­stel­lung des Drit­ten einer­seits einen Ver­wal­tungs­akt zu erlas­sen oder ande­rer­seits Kla­ge zu erhe­ben. Die Par­tei­en trifft viel­mehr die Oblie­gen­heit, zunächst in dem schieds­gut­ach­ter­li­chen Ver­fah­ren gehö­rig mit­zu­wir­ken. Sie haben dem Schieds­gut­ach­ter die not­wen­di­gen Infor­ma­tio­nen zu geben und die erfor­der­li­chen Unter­la­gen vor­zu­le­gen.

Mit einer Schieds­ab­re­de ohne Wei­te­res ver­ein­bar ist es des­halb, wenn das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt den Staats­ver­trag dahin aus­legt, der Gene­ral­se­kre­tär sei Herr des Prü­fungs­ver­fah­rens: Er sei befugt, durch geeig­ne­te Ver­fah­rens­re­ge­lun­gen Sor­ge zu tra­gen, dass die not­wen­di­gen Fest­stel­lun­gen ohne unver­hält­nis­mä­ßi­gen Auf­wand und in ange­mes­se­nem zeit­li­chen Rah­men abge­schlos­sen wer­den könn­ten. Es ste­he ihm frei, allen Gemein­den unter Bestim­mung einer Aus­schluss­frist auf­zu­ge­ben, ihre Lis­ten jeweils bis zu einem von ihm benann­ten Stich­tag und unter Vor­la­ge der von ihm als not­wen­dig erach­te­ten Anga­ben und Nach­wei­se vor­zu­le­gen. Genüg­ten die Lis­ten nicht den gestell­ten Anfor­de­run­gen, sei der Gene­ral­se­kre­tär befugt, nicht frist­ge­recht vor­ge­leg­te Lis­ten unbe­rück­sich­tigt zu las­sen oder feh­len­de Ein­zel­nach­wei­se zu Las­ten der jewei­li­gen Gemein­de zu wer­ten und sei­ne Bestä­ti­gung allein auf frist­ge­recht und voll­stän­dig erbrach­te Nach­wei­se zu stüt­zen. Eine sol­che Aus­le­gung und Anwen­dung des Staats­ver­tra­ges, die vor­ran­gig auf die Prü­fung des Gene­ral­se­kre­tärs abstellt, ent­spricht des­sen streit­schlich­ten­der Auf­ga­be.

Zudem setzt eine (jeden­falls) abschlie­ßen­de Ver­tei­lung der Mit­tel auf jede ein­zel­ne Gemein­de vor­aus, dass für alle Gemein­den die Zahl der Mit­glie­der ver­bind­lich bestä­tigt ist. Damit muss die Bestä­ti­gung für alle Gemein­den zeit­gleich und zeit­nah in dem Jahr vor­ge­nom­men wer­den kön­nen, für das die Mit­tel bestimmt sind und ver­wen­det wer­den sol­len. Eine nur vor­läu­fi­ge Ver­tei­lung wegen obstruk­ti­ven Ver­hal­tens einer Gemein­de führ­te dazu, dass die Mit­tel nur unter dem Vor­be­halt spä­te­rer Kor­rek­tur ver­teilt wer­den könn­ten, mit der Fol­ge, dass die Gemein­den, die auf die­se Mit­tel für ihren lau­fen­den Betrieb ange­wie­sen sind, kei­ne siche­re Pla­nungs­grund­la­ge hät­ten, zumal sie häu­fig über kei­ne oder nur gerin­ge ander­wei­ti­ge Ein­nah­me­quel­len ver­fü­gen.

Hat der Beklag­te unter Ein­be­zie­hung einer Bestä­ti­gung des Gene­ral­se­kre­tärs abschlie­ßend den Anspruch der Gemein­den auf deren Betei­li­gung am Lan­des­zu­schuss fest­ge­setzt, ist bei einer Kla­ge etwa auf Fest­set­zung eines höhe­ren mit­glie­der­be­zo­ge­nen Anteils die Bestä­ti­gung der Mit­glie­der­lis­te inzi­dent durch das Gericht zu über­prü­fen, wenn die betrof­fe­ne Gemein­de gel­tend macht, sie habe mehr Mit­glie­der, als der Gene­ral­se­kre­tär ihr bestä­tigt habe. Eine sol­che Über­prü­fung kann ihr nicht allein des­halb ver­wehrt wer­den, weil die Fest­stel­lung der Mit­glie­der­zahl einem Schieds­gut­ach­ter über­tra­gen ist.

Nichts ande­res gilt, wenn der Schieds­gut­ach­ter die ihm ange­tra­ge­ne Über­prü­fung und Fest­stel­lung des Sach­ver­halts nicht vor­nimmt, sei es, dass er eine Über­prü­fung gar nicht erst ein­lei­tet, sei es, dass er eine Über­prü­fung ohne Ergeb­nis abbricht. In einem sol­chen Fall hat das Ver­wal­tungs­ge­richt auf eine Ver­pflich­tungs­kla­ge der betrof­fe­nen Gemein­de den Sach­ver­halt selbst fest­zu­stel­len. Dies folgt aus dem Rechts­ge­dan­ken des § 319 Abs. 1 Satz 2 BGB. Die­se Bestim­mung gilt unmit­tel­bar in den Fäl­len, in denen die Par­tei­en eines Ver­tra­ges die Bestim­mung der Leis­tung einem Drit­ten über­las­sen haben. Nach § 319 Abs. 1 Satz 2 Halbs. 2 BGB erfolgt die Bestim­mung der Leis­tung durch Urteil, wenn der Drit­te die ver­ein­bar­te Bestim­mung nicht tref­fen will oder wenn er sie ver­zö­gert. Die­se Vor­schrift ist ent­spre­chend anzu­wen­den, wenn Gegen­stand des Schieds­gut­ach­tens die Fest­stel­lung einer ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Tat­sa­che ist. Die Not­wen­dig­keit eines Schieds­gut­ach­tens ent­fällt mit­hin auch dann, wenn der Schieds­gut­ach­ter die­se Fest­stel­lung nicht tref­fen will oder sie ver­zö­gert. In die­sem Fall ist § 319 Abs. 1 Satz 2 BGB sinn­ge­mäß dahin zu ver­ste­hen, dass nun­mehr das Gericht die erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen im Rah­men sei­ner Zustän­dig­keit und mit den Mit­teln sei­nes gericht­li­chen Ver­fah­rens zu tref­fen hat [9].

Die­se Rechts­la­ge gilt unmit­tel­bar für zivil­recht­li­che Ver­trä­ge und für öffent­lich-recht­li­che Ver­wal­tungs­ver­trä­ge, bei denen § 319 Abs. 1 Satz 2 BGB über § 62 Satz 2 VwVfG ent­spre­chend anwend­bar ist. § 319 Abs. 1 Satz 2 BGB ist aber auch für Staats­ver­trä­ge ent­spre­chend her­an­zu­zie­hen, die eine Schieds­ab­re­de ent­hal­ten. Zwar gel­ten die §§ 54 ff. VwVfG nicht für Staats­ver­trä­ge zwi­schen den Bun­des­län­dern und Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten in der Rechts­form der Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts. Jedoch ist auch bei Staats­ver­trä­gen der Kon­flikt auf­zu­lö­sen, der sich ein­stellt, wenn ein Schieds­gut­ach­ter nicht oder nur ver­zö­gert tätig wird. Zur Ver­mei­dung der sonst dro­hen­den Blo­cka­de bie­tet der ver­all­ge­mei­ne­rungs­fä­hi­ge Rechts­ge­dan­ke des § 319 Abs. 1 Satz 2 BGB eine sinn­vol­le, die Lücke fül­len­de Rege­lung.

Danach fehl­te der Sache nicht schon des­halb die Spruch­rei­fe, weil eine Bestä­ti­gung der Mit­glie­der­lis­ten durch den Gene­ral­se­kre­tär nicht vor­lag. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hät­te die Spruch­rei­fe selbst her­stel­len müs­sen.

An den hier­für erfor­der­li­chen Ermitt­lun­gen war das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt nicht aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den gehin­dert. Die Fest­stel­lung, wer Mit­glied einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft ist, ist nicht als eine inner­re­li­giö­se Fra­ge der Beur­tei­lung und Fest­stel­lung durch staat­li­che Behör­den und Gerich­te gänz­lich ent­zo­gen.

Auf­grund der dem Staat oblie­gen­den Jus­tiz­ge­wäh­rungs­pflicht (Art.20 Abs. 3 GG in Ver­bin­dung mit Art. 92 GG)) sind die staat­li­chen Gerich­te grund­sätz­lich zur Ent­schei­dung aller Rechts­fra­gen beru­fen, deren Beur­tei­lung sich nach staat­li­chem Recht rich­tet [10]. Als Grund­la­ge für den Anspruch des Klä­gers kommt nur staat­li­ches Recht in Betracht, näm­lich der mit Zustim­mungs­ge­setz vom 04.08.2006 in Lan­des­recht trans­for­mier­te Staats­ver­trag mit der Jüdi­schen Gemein­schaft in Sach­sen-Anhalt.

Nach Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 137 Abs. 3 Satz 1 WRV ord­net und ver­wal­tet zwar jede Reli­gi­ons­ge­mein­schaft ihre Ange­le­gen­hei­ten selb­stän­dig inner­halb des für alle gel­ten­den Geset­zes. Das Selbst­be­stim­mungs­recht der Reli­gi­ons­ge­mein­schaft in ihren eige­nen Ange­le­gen­hei­ten umfasst das Recht, die Mit­glied­schaft in ihr zu regeln. Die Reli­gi­ons­ge­mein­schaft ent­schei­det auf­grund ihres Selbst­be­stim­mungs­rechts über die Kri­te­ri­en, nach denen sich die Mit­glied­schaft zu ihr bestim­men soll. Ob aller­dings die selbst­be­stimmt fest­ge­leg­ten Kri­te­ri­en für eine Mit­glied­schaft in der Reli­gi­ons­ge­mein­schaft im Ein­zel­fall erfüllt sind, ist hin­ge­gen nicht von vorn­her­ein einer staat­li­chen Kon­trol­le ent­zo­gen. Soweit es bei der Anwen­dung einer staat­li­chen Rechts­norm dar­auf ankommt, ob eine bestimm­te Per­son auf­grund der selbst­ge­setz­ten Kri­te­ri­en der Reli­gi­ons­ge­mein­schaft deren Mit­glied gewor­den ist, ist die­se Fra­ge im Streit­fal­le durch staat­li­che Behör­den und Gerich­te zumin­dest im Ansatz nach­prüf­bar [11].

Das gilt in vol­lem Umfang für for­ma­le (äußer­li­che) Vor­aus­set­zun­gen, von denen die Mit­glied­schaft in einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft nach deren inner­ge­mein­schaft­li­chem Recht abhängt. Jeden­falls soweit die staat­li­che Kon­trol­le sich auf äußer­lich nach­voll­zieh­ba­re Kri­te­ri­en bezieht, die das Recht der Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten zur nähe­ren Bestim­mung der Mit­glied­schaft unbe­rührt lässt, steht eine sol­che Vor­ge­hens­wei­se mit dem Selbst­be­stim­mungs­recht und der Reli­gi­ons­frei­heit in Ein­klang und birgt nicht die Gefahr einer staat­li­chen Fremd­be­stim­mung des jewei­li­gen Mit­glied­schafts­ver­ständ­nis­ses in sich [12].

Mit­glied des Klä­gers ist nach sei­ner Sat­zung in allen hier in Betracht zu zie­hen­den Fas­sun­gen, wer einen Auf­nah­me­an­trag gestellt hat und wer durch den Vor­stand (§ 2 Buchst. d der Sat­zung in der Fas­sung vom 06.11.2006)) bzw. den Auf­nah­me­aus­schuss (§ 2 Buchst. b der Sat­zung in der Fas­sung vom 14.04.2000) in die Gemein­de auf­ge­nom­men wur­de. Die­se Vor­aus­set­zun­gen knüp­fen nicht an bestimm­te reli­giö­se Inhal­te an. Ob sie ein­ge­hal­ten wur­den und eine bestimm­te Per­son, die der Klä­ger als sein Mit­glied behaup­tet, auf die­se Wei­se zum maß­geb­li­chen Stich­tag wirk­sam Mit­glied war, kann von staat­li­chen Gerich­ten nach­ge­prüft wer­den, ohne dass damit ein Ein­griff in das Selbst­be­stim­mungs­recht des Klä­gers ver­bun­den wäre.

Zur Klä­rung des Sach­ver­halts kann das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt die Betei­lig­ten, den Klä­ger, aber auch die Bei­ge­la­de­nen, her­an­zie­hen (§ 86 Abs. 1 Satz 1 Halbs. 2 VwGO). Sie trifft eine erhöh­te Mit­wir­kungs­pflicht. Es geht um Vor­gän­ge in ihrem Herr­schafts­be­reich. Sie sind im Stan­de, den Vor­gang der Auf­nah­me eines Mit­glieds in die Gemein­de zu doku­men­tie­ren und die dafür nach der Sat­zung erfor­der­li­chen Unter­la­gen auf­zu­be­wah­ren. Der Klä­ger und die Bei­ge­la­de­nen möch­ten an finan­zi­el­len Zuwen­dun­gen des Staa­tes teil­ha­ben. Es obliegt ihnen, sich orga­ni­sa­to­risch in den Stand zu set­zen, die Vor­aus­set­zun­gen für den Umfang ihrer Betei­li­gung der zustän­di­gen Stel­le geord­net nach­wei­sen zu kön­nen. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt kann ver­lan­gen, dass zum Nach­weis einer Mit­glied­schaft der Auf­nah­me­an­trag des Mit­glieds und die Ent­schei­dung des zustän­di­gen Organs der Gemein­de über die Auf­nah­me vor­ge­legt wer­den. Die vor­ge­leg­ten Unter­la­gen müs­sen sich zeit­lich zuord­nen las­sen. Das gilt ins­be­son­de­re für Ent­schei­dun­gen über die Auf­nah­me von Mit­glie­dern. Erst mit ihnen wird nach der Sat­zung die Mit­glied­schaft begrün­det. Die Ent­schei­dung muss für den jeweils in Rede ste­hen­den Stich­tag bereits vor­ge­le­gen haben.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat des­halb zutref­fend den Klä­ger auf­ge­for­dert, durch ent­spre­chen­de Unter­la­gen nach­zu­wei­sen, dass die in sei­ner Mit­glie­der­lis­te auf­ge­nom­me­nen Per­so­nen einen Antrag auf Auf­nah­me gestellt hat­ten und durch eine Ent­schei­dung des zustän­di­gen Gemein­de­or­gans zum maß­geb­li­chen Stich­tag in die Gemein­de auf­ge­nom­men waren. Die ein­ge­reich­ten Unter­la­gen kön­nen wei­ter zu Beweis­zwe­cken aus­ge­wer­tet wer­den. Es ist jedoch nicht Auf­ga­be des Revi­si­ons­ge­richts, umfang­rei­che Akten­be­stän­de zu sich­ten und aus ihnen den ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halt zu gewin­nen.

Die staat­li­chen Gerich­te sind durch das Selbst­be­stim­mungs­recht der Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten eben­falls nicht gehin­dert, fest­zu­stel­len, bei wel­cher Gemein­de eine Per­son als Mit­glied zu berück­sich­ti­gen ist, das in den Lis­ten meh­re­rer Gemein­den geführt wird. Es kommt näm­lich nicht dar­auf an, ob nach dem inner­ge­mein­schaft­li­chen Recht eine gleich­zei­ti­ge Mit­glied­schaft in meh­re­ren (jüdi­schen) Gemein­den zuläs­sig ist. Nach dem Staats­ver­trag kann für die Ver­tei­lung des Lan­des­zu­schus­ses jede Per­son nur einer Gemein­de und nicht meh­re­ren Gemein­den zuge­rech­net wer­den. Eine mehr­fa­che Berück­sich­ti­gung von Per­so­nen ver­min­der­te den Pro-Kopf-Anteil zu Las­ten der übri­gen Gemein­den. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt kann ver­lan­gen, dass die betrof­fe­nen Gemein­den eine Erklä­rung des bei zwei Gemein­den auf­ge­führ­ten Mit­glieds vor­le­gen, wel­cher Gemein­de es ange­hö­ren will. Wird eine sol­che Erklä­rung nicht bei­gebracht, kann die­ses Mit­glied man­gels Nach­wei­ses der Mit­glied­schaft in einer bestimm­ten Gemein­de über­haupt nicht berück­sich­tigt wer­den.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat den Staats­ver­trag zumin­dest der Sache nach dahin aus­ge­legt, dass dar­über hin­aus die Zuge­hö­rig­keit zum Juden­tum eigen­stän­di­ge Vor­aus­set­zung dafür ist, ein Gemein­de­mit­glied bei der Ver­tei­lung zu berück­sich­ti­gen.

Ob ein vom Klä­ger geführ­tes Mit­glied dem Juden­tum ange­hört, ist einer gericht­li­chen Über­prü­fung nicht gänz­lich ent­zo­gen. Maß­geb­lich ist das Selbst­ver­ständ­nis des Klä­gers. Danach gehört ent­spre­chend dem tra­di­tio­nel­len Ver­ständ­nis dem jüdi­schen Glau­ben an, wer durch Geburt der jüdi­schen Gemein­schaft ange­hört oder in das Juden­tum auf­ge­nom­men wor­den ist (§ 2 Buchst. a der Sat­zung in der Fas­sung vom 14.04.2000; § 2 Buchst. c der Sat­zung in der Fas­sung vom 06.11.2006).

Nach sei­nem Selbst­ver­ständ­nis kön­nen des­halb als Mit­glie­der des Klä­gers nicht die­je­ni­gen Per­so­nen berück­sich­tigt wer­den, die er auf Antrag als kan­di­die­ren­de Mit­glie­der führt. Die­se Per­so­nen beken­nen sich zwar zum Juden­tum, wol­len aber erst noch nach hala­chi­schem Recht zum Juden­tum über­tre­ten (Absatz 2 der Ein­gangs­be­stim­mun­gen vor § 1 der Sat­zung in bei­den Fas­sun­gen).

Soweit der Klä­ger Kon­ver­ti­ten als zum Juden­tum zuge­hö­rig betrach­tet, kann ihm zwar nicht ein reli­giö­ses Ver­ständ­nis ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, das eine Kon­ver­si­on zum Juden­tum über­haupt nicht oder nur unter ande­ren Vor­aus­set­zun­gen aner­kennt, als sie nach dem Ver­ständ­nis des Klä­gers erfüllt sein müs­sen. Dass und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen der Klä­ger Über­trit­te zum Juden­tum als wirk­sam aner­kennt, rich­tet sich nach sei­nem reli­giö­sen Selbst­ver­ständ­nis und ist des­halb einer Kon­trol­le durch staat­li­che Gerich­te ent­zo­gen.

Ob ein Über­tritt zum Juden­tum, gleich nach wel­chem Ritus und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen, über­haupt statt­ge­fun­den hat, ist aber einer gericht­li­chen Fest­stel­lung zugäng­lich. Dabei han­delt es sich ledig­lich um die Fest­stel­lung einer äuße­ren Tat­sa­che ohne eine inhalt­li­che Bewer­tung. Ent­zo­gen ist dem Staat ledig­lich die Bewer­tung, ob die Kon­ver­si­on als eine reli­giö­se (kul­ti­sche) Hand­lung wirk­sam ist.

Nach dem Vor­trag des Beklag­ten unter­schei­den sich zwar die ortho­do­xe und die libe­ra­le Rich­tung des Juden­tums unter ande­rem in der Gestal­tung des Ver­fah­rens eines Über­tritts, jedoch wer­de der Über­tritt sowohl bei den ortho­do­xen als auch bei den libe­ra­len Juden von Rab­bi­nern in jedem Ein­zel­fall doku­men­tiert (soge­nann­te Gijur-Urkun­de). Der Klä­ger setzt nach sei­ner Sat­zung bei der Auf­nah­me eines Mit­glieds des­sen Zuge­hö­rig­keit zum Juden­tum vor­aus. Er muss des­halb selbst fest­stel­len, ob der Auf­nah­me­wil­li­ge dem jüdi­schen Glau­ben ange­hört. Er muss sich im Fal­le eines behaup­te­ten Über­tritts hier­über ver­ge­wis­sern und sich ent­spre­chen­de Unter­la­gen vor­le­gen las­sen. Er ist des­halb im Stan­de, dem Gericht auf Anfor­de­rung den Nach­weis zu erbrin­gen, dass ein Über­tritt zum Juden­tum statt­ge­fun­den hat.

Im Ergeb­nis nichts ande­res gilt für die Fra­ge, ob ein Mit­glied des Klä­gers durch Geburt dem Juden­tum zuge­hört. Die dafür erfor­der­li­che Abstam­mung von einer jüdi­schen Mut­ter kann ins­be­son­de­re durch Vor­la­ge einer Geburts­ur­kun­de belegt wer­den. Inso­weit kann eine Zuge­hö­rig­keit zum Juden­tum unter Umstän­den dadurch hin­rei­chend nach­ge­wie­sen sein, dass die betref­fen­de Per­son auf­grund ihrer jüdi­schen Her­kunft aus den Nach­fol­ge­staa­ten der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on nach Deutsch­land ein­rei­sen durf­te. Auf der Grund­la­ge wech­seln­der gesetz­li­cher Bestim­mun­gen und hier­zu ergan­ge­ner Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten sind seit 1991 Emi­gran­ten jüdi­scher Her­kunft auch im Zusam­men­wir­ken mit jüdi­schen Ein­rich­tun­gen, wie der Zen­tral­wohl­fahrts­stel­le, in die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land auf­ge­nom­men wor­den. Bei ihnen ist bereits bei ihrer Auf­nah­me in die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land geprüft wor­den, ob sie dem Juden­tum ange­hö­ren und des­halb die Auf­nah­me­be­din­gun­gen erfül­len. Hier­an lässt sich zumin­dest als Indiz auch für eine Zuge­hö­rig­keit zur reli­gi­ös ver­stan­de­nen Jüdi­schen Gemein­schaft anknüp­fen, das nur bei deut­lich ent­ge­gen gerich­te­ten Anhalts­punk­ten eine wei­te­re Auf­klä­rung des Sach­ver­halts erfor­der­lich macht.

Soweit danach die Fest­stel­lung, ob ein Mit­glied des Klä­gers dem Juden­tum zuge­hört, auf­grund des reli­giö­sen Selbst­be­stim­mungs­rechts an Gren­zen stößt, ist die­ses Mit­glied nicht unbe­rück­sich­tigt zu las­sen, weil der vol­le Nach­weis sei­ner Zuge­hö­rig­keit nicht erbracht wer­den kön­ne. Es ist viel­mehr zu berück­sich­ti­gen, weil es inso­weit allein auf das Selbst­ver­ständ­nis und das Selbst­be­stim­mungs­recht des Klä­gers ankommt, der fest­legt, wer nach sei­ner Auf­fas­sung dem jüdi­schen Glau­ben zuge­hört. Hat er ein Mit­glied auf­ge­nom­men, das nach den nach­prüf­ba­ren for­ma­len Merk­ma­len die Zuge­hö­rig­keit zum Juden­tum erfüllt, kann durch staat­li­che Gerich­te die­se Zuge­hö­rig­keit nicht in Fra­ge gestellt wer­den. Viel­mehr gebie­tet dann der Grund­satz staat­li­cher Neu­tra­li­tät, die Bewer­tung der jewei­li­gen Reli­gi­ons­ge­mein­schaft hin­zu­neh­men, solan­ge nicht deut­li­che Hin­wei­se auf Miss­brauch offen lie­gen [13].

Die man­geln­de Spruch­rei­fe kann in die­sem Zusam­men­hang nicht damit begrün­det wer­den, der Gene­ral­se­kre­tär des Zen­tral­rats kön­ne anders als das Gericht die Zuge­hö­rig­keit zum Juden­tum in vol­lem Umfang nach­prü­fen, mit der Fol­ge, dass eine feh­len­de Bestä­ti­gung der Mit­glie­der­lis­te durch ihn nicht durch eige­ne Ermitt­lun­gen des Gerichts ersetzt wer­den kön­ne. Der Gene­ral­se­kre­tär hat kei­ne Prü­fungs- und Fest­stel­lungs­kom­pe­tenz, die über die­je­ni­ge der Gerich­te hin­aus­geht. Er ist bei sei­ner Prü­fung und Bestä­ti­gung der Mit­glie­der­lis­ten eben­so an das reli­giö­se Selbst­ver­ständ­nis des Klä­gers gebun­den. Er muss sich bei sei­ner Prü­fung eben­so wie das Gericht auf die Fest­stel­lung äußer­lich fass­ba­rer Merk­ma­le beschrän­ken und hat sich einer inhalt­li­chen Bewer­tung zu ent­hal­ten. Der Lan­des­ge­setz­ge­ber ist gehin­dert, durch sein Zustim­mungs­ge­setz der Vor­schrift eines Staats­ver­tra­ges Wirk­sam­keit zu ver­lei­hen, die einem neu­tra­len Drit­ten als Schieds­gut­ach­ter Befug­nis­se über­trägt, die sich als Ein­griff in das reli­giö­se Selbst­be­stim­mungs­recht eines Betei­lig­ten dar­stel­len. Der Gene­ral­se­kre­tär hat den Sach­ver­halt für die Sub­sum­ti­on unter eine Norm des staat­li­chen Rechts fest­zu­stel­len. Nur soweit hier­für nach staat­li­chem Ver­fah­rens­recht (bei Fest­stel­lung des Sach­ver­halts durch eine ent­schei­dungs­be­fug­te Behör­de) oder nach staat­li­chem Pro­zess­recht (bei Fest­stel­lung des Sach­ver­halts durch ein staat­li­ches Gericht) Ermitt­lungs­be­fug­nis­se bestehen, kann der Staats­ver­trag sie auf den Schieds­gut­ach­ter über­tra­gen.

Eben­falls vol­ler ver­wal­tungs­ge­richt­li­cher Kon­trol­le unter­liegt die Fra­ge, ob ein Mit­glied des Klä­gers sei­nen Haupt­wohn­sitz in Sach­sen-Anhalt hat.

Zwar ist der Klä­ger auf­grund sei­nes Selbst­be­stim­mungs­rechts nicht gehin­dert, Mit­glie­der auf­zu­neh­men, die nicht in Hal­le oder in Sach­sen-Anhalt woh­nen. Er ist nicht gezwun­gen, für die Mit­glied­schaft das Ter­ri­to­ri­al­prin­zip zugrun­de zu legen. Es liegt aber kein Ein­griff in das Selbst­be­stim­mungs­recht einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft vor, wenn ein Bun­des­land finan­zi­el­le Leis­tun­gen nur für Bür­ger erbrin­gen will, die dort ihren Haupt­wohn­sitz haben. Das Land braucht eine Reli­gi­ons­ge­mein­schaft des­halb nur in dem Umfang zu för­dern, in dem die­se reli­giö­se und kul­tu­rel­le Bedürf­nis­se dort leben­der Men­schen erfüllt (Art. 13 Abs. 1 StV 2006). Inso­weit ist nicht zu bean­stan­den, dass nach Abs. 4 des Schluss­pro­to­kolls zu Art. 13 Abs. 1 StV 2006 für die Ver­tei­lung des Lan­des­zu­schus­ses nur sol­che Gemein­de­mit­glie­der maß­ge­bend sind, die ihren Haupt­wohn­sitz in Sach­sen-Anhalt haben. Dem­ge­mäß berührt die gericht­li­che Kon­trol­le, ob die­se Vor­aus­set­zung erfüllt ist, nicht das Selbst­be­stim­mungs­recht der Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt kann an Hand der vor­lie­gen­den Lis­ten bei den Ein­woh­ner­mel­de­äm­tern nach­fra­gen, ob das in der Lis­te auf­ge­führ­te Mit­glied dort gemel­det ist. Nach dem Vor­trag des Klä­gers hat eine Abfra­ge an Hand der Lis­ten bei den Ein­woh­ner­mel­de­äm­tern durch den Beklag­ten oder den Gene­ral­se­kre­tär in der Ver­gan­gen­heit man­gels kor­rek­ter Schreib­wei­se der Namen zu Fehl­an­zei­gen geführt. Ein gro­ßer Teil der Gemein­de­mit­glie­der stammt aus den Nach­fol­ge­staa­ten der Sowjet­uni­on. Die Umschrift ihrer Namen aus dem kyril­li­schen Alpha­bet in die latei­ni­sche Schreib­wei­se soll in den Lis­ten nicht immer mit der Schreib­wei­se in den Mel­de­äm­tern über­ein­stim­men. Um sol­chen Zwei­fels­fra­gen aus­zu­wei­chen, wäre das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt berech­tigt, von dem Klä­ger zu ver­lan­gen, er möge Mel­de­be­schei­ni­gun­gen der zustän­di­gen Ein­woh­ner­mel­de­äm­ter für die von ihm geführ­ten Mit­glie­der vor­le­gen. Die­se haben ent­we­der Mel­de­be­schei­ni­gun­gen bei ihrer Anmel­dung erhal­ten oder kön­nen sie sich selbst unschwer beschaf­fen. Der Klä­ger erbringt sei­nen Mit­glie­dern reli­giö­se und kul­tu­rel­le Leis­tun­gen. Er kann von ihnen erwar­ten, dass sie ihn mit der Bei­brin­gung not­wen­di­ger Unter­la­gen unter­stüt­zen, damit er sei­ne Arbeit für sie fort­set­zen kann.

Dem Klä­ger hilft nicht der Hin­weis, eine erheb­li­che Zahl sei­ner Mit­glie­der besit­ze nicht die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit, hal­te sich ille­gal in Hal­le auf und für sie kön­ne des­halb der Nach­weis ihres Haupt­wohn­sit­zes nicht durch Vor­la­ge einer Mel­de­be­schei­ni­gung erbracht wer­den. Die­se Mit­glie­der kön­nen bei der Ver­tei­lung des Lan­des­zu­schus­ses nicht berück­sich­tigt wer­den. Der Staats­ver­trag ver­steht unter jüdi­schen Mit­bür­ge­rin­nen und Mit­bür­gern mit Haupt­wohn­sitz in Sach­sen-Anhalt ersicht­lich nur sol­che, die sich hier legal auf­hal­ten.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 27. Novem­ber 2013 – 6 C 21.12

  1. GVBl. LSA S. 468[]
  2. BVerfG, Beschluss vom 12.05.2009 – 2 BvR 890/​06, BVerfGE 123, 148, 179[]
  3. BVerfG a.a.O., 180 und 183 f.[]
  4. BVerfG a.a.O., 180[]
  5. BVerwG, Urteil vom 14.09.1994 – 6 C 42.92, BVerw­GE 96, 350, 352 = Buch­holz 421 Kul­tur- und Schul­we­sen Nr. 114[]
  6. BGH, Urtei­le vom 09.06.1983 – IX ZR 41/​82NJW 1983, 2244; vom 26.04.1991 – V ZR 61/​90NJW 1991, 2761; und vom 04.07.2013 – III ZR 52/​12MDR 2013, 1019[]
  7. Ehlers, in: Schoch/​Schneider/​Bier, VwGO, § 40 Rn. 719[]
  8. Ehlers, a.a.O.[]
  9. BVerwG, Urteil vom 19.01.1990 – 4 C 21.89, BVerw­GE 84, 257, 267 = Buch­holz 445.4 § 10 WHG Nr. 4[]
  10. BVerwG, Urteil vom 28.02.2002 – 7 C 7.01, BVerw­GE 116, 86, 88 = Buch­holz 11 Art. 140 GG Nr. 67[]
  11. vgl. BVerwG, Urteil vom 23.09.2010 – 7 C 22.09, Buch­holz 11 Art. 140 GG Nr. 79; BFH, Urteil vom 03.08.2005 – I R 85/​03, NVwZ-RR 2007, 59[]
  12. LVerfG Sach­sen-Anhalt, Urteil vom 15.01.2013 – LVG 2/​12, NVwZ-RR 2013, 393[]
  13. LVerfG Bran­den­burg, Urteil vom 24.04.2012 – VfGBbg 47/​11, NVwZ-RR 2012, 577, 583[]