Fische­rei­rech­te im was­ser­stra­ßen­recht­li­chen Plan­fest­stel­lungs­ver­fah­ren

Im was­ser­stra­ßen­recht­li­chen Plan­fest­stel­lungs­ver­fah­ren haben die Inha­ber von Fische­rei­rech­ten auch unter­halb der Schwel­le unzu­mut­ba­rer Beein­träch­ti­gun­gen ein Recht auf gerech­te Abwä­gung ihrer Belan­ge1.

Fische­rei­rech­te im was­ser­stra­ßen­recht­li­chen Plan­fest­stel­lungs­ver­fah­ren

Nach § 74 Abs. 2 Satz 2 VwVfG hat die Plan­fest­stel­lungs­be­hör­de dem Trä­ger des Vor­ha­bens Vor­keh­run­gen oder die Errich­tung und Unter­hal­tung von Anla­gen auf­zu­er­le­gen, die zum Wohl der All­ge­mein­heit oder zur Ver­mei­dung nach­tei­li­ger Wir­kun­gen auf Rech­te ande­rer erfor­der­lich sind. Sys­te­ma­tisch ist die Norm in der all­ge­mei­nen pla­ne­ri­schen Abwä­gung ver­an­kert; sie setzt eine äußers­te, mit einer gerech­ten Abwä­gung nicht mehr über­wind­ba­re Gren­ze. Fehlt es an danach not­wen­di­gen Schutz­auf­la­gen, ist der Plan inso­weit man­gels aus­rei­chen­der Kon­flikt­be­wäl­ti­gung rechts­wid­rig. Nach den o.g. Grund­sät­zen hat der Betrof­fe­ne aber in der Regel nur einen Anspruch auf Pla­ner­gän­zung2.

Rech­te ande­rer im Sin­ne der Norm ste­hen im hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall mit dem Fische­rei­aus­übungs­recht und dem Fische­rei­recht in Rede. Nach­tei­li­ge Wir­kun­gen im Sin­ne des § 74 Abs. 2 Satz 2 VwVfG auf die­se Rech­te hät­te der ange­grif­fe­ne Plan­fest­stel­lungs­be­schluss nur, wenn die damit ein­her­ge­hen­den Belas­tun­gen den Klä­gern auch unter Berück­sich­ti­gung bestehen­der Vor­be­las­tun­gen nicht mehr zumut­bar wären3.

Für das Fische­rei­recht an Bun­des­was­ser­stra­ßen wird in der zivil- und ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung ange­nom­men, Fische­rei­be­rech­tig­te müss­ten Regu­lie­rungs­maß­nah­men wie die hier in Rede ste­hen­de Ver­tie­fung und Ver­brei­te­rung des Stro­mes ent­schä­di­gungs­los dul­den. Anders sei es nur, wenn dem Fische­rei­be­rech­tig­ten Gewäs­ser­tei­le ent­zo­gen wür­den. Bestimm­te Fang­chan­cen oder ein bestimm­ter Fisch­be­stand sei­en nicht geschützt4.

Das Reichs­ge­richt hat dies damit begrün­det, der Staat sei sich bei der Ertei­lung eines Fische­rei­pri­vi­legs der Haupt­be­stim­mung des öffent­li­chen Stro­mes bewusst und wol­le es nur unbe­scha­det der­je­ni­gen Rech­te, wel­che die Grund­la­ge für die Erfül­lung die­ser Pflich­ten bil­de­ten, gewäh­ren5 Als ein Ein­griff müss­ten daher nur sol­che Ver­än­de­run­gen am Strom ange­se­hen wer­den, die infol­ge ihrer beson­de­ren Beschaf­fen­heit und ihrer beson­de­ren Trag­wei­te die Fische­rei auf­hö­ben oder eine dem der Bedeu­tung nach glei­che Fol­ge her­bei­führ­ten. Eine noch wei­ter­ge­hen­de Pflicht zur ent­schä­di­gungs­lo­sen Dul­dung sei mit dem Begriff eines Rechts kaum noch ver­ein­bar. Ein Ent­schä­di­gungs­an­spruch kön­ne des­halb begrün­det sein, wenn Tei­le des Gewäs­sers, die für die Fische­rei von Wert sei­en, ohne Aus­gleich besei­tigt wür­den, etwa durch Ver­lan­dung oder Durch­sti­che. Das Glei­che gel­te, wenn eine Ein­engung des Stroms den Gebrauch beson­ders zuge­las­se­ner Fische­rei­ge­rät­schaf­ten aus­schlie­ße. Nicht aus­rei­chend sei es hin­ge­gen, wenn die Sub­stanz des Gewäs­sers durch Regu­lie­rung der Brei­te, Tie­fe und Gestalt der Fahr­rin­ne geän­dert wer­de. Dar­an ände­re sich nichts, wenn ein für Fisch­nah­rung wenig geeig­ne­ter Boden her­ge­stellt wer­de oder güns­ti­ge Laich­be­din­gun­gen besei­tigt wür­den6. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat ergän­zend und mit Hin­blick auf die Ver­kehrs­in­ter­es­sen, denen Bun­des­was­ser­stra­ßen in ers­ter Linie zu die­nen bestimmt sei­en, den Ver­gleich mit dem pri­va­ten Eigen­tum an einer dem öffent­li­chen Ver­kehr gewid­me­ten Stra­ße gezo­gen, das in der Regel auch kein Recht auf Auf­recht­erhal­tung der natür­li­chen Ver­hält­nis­se gewäh­re7.

Nach die­ser Recht­spre­chung ist der ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­che Aus­bau zumut­bar. Einen Weg­fall von Was­ser­flä­chen hat das Vor­ha­ben nicht zur Fol­ge. Viel­mehr wer­den die­se sogar ver­grö­ßert. Auch wird der Main durch die Aus­bau­maß­nah­me nicht etwa zu einer natur­fer­nen Beton­rin­ne umge­stal­tet. Ein durch die beschrie­be­ne Aus­bau­maß­nah­me mög­li­cher­wei­se ver­ur­sach­ter gewis­ser Rück­gang des Ertrags der Fische­rei ist nicht unzu­mut­bar.

Die Inha­ber der Fische­rei­rech­te bzw. von Fische­rei­aus­übungs­rech­ten haben ein Recht auf gerech­te Abwä­gung ihrer aus dem Fische­rei­recht flie­ßen­den Inter­es­sen:

Nach dem Abwä­gungs­ge­bot (§ 14 Abs. 1 Satz 2 WaStrG) sind die von einer Pla­nung berühr­ten öffent­li­chen und pri­va­ten Belan­ge gegen­ein­an­der und unter­ein­an­der gerecht abzu­wä­gen. Es ver­langt, dass eine Abwä­gung über­haupt statt­fin­det, in die Abwä­gung an Belan­gen ein­ge­stellt wird, was nach Lage der Din­ge ein­ge­stellt wer­den muss, und weder die Bedeu­tung der öffent­li­chen und pri­va­ten Belan­ge ver­kannt noch der Aus­gleich zwi­schen ihnen in einer Wei­se vor­ge­nom­men wird, der zu der objek­ti­ven Gewich­tig­keit ein­zel­ner Belan­ge außer Ver­hält­nis steht8. Das Gebot der Bewäl­ti­gung aller erheb­li­chen Pro­ble­me durch eine gerech­te Abwä­gung beschränkt sich dabei nicht allein auf unzu­mut­ba­re Beein­träch­ti­gun­gen im Sin­ne des § 74 Abs. 2 Satz 2 VwVfG. Abwä­gungs­er­heb­lich und damit in die Abwä­gung ein­zu­be­zie­hen sind alle Beein­träch­ti­gun­gen von Rech­ten, die nicht ledig­lich als gering­fü­gig ein­zu­stu­fen sind. Die Inha­ber die­ser Rech­te haben zwar kei­nen Rechts­an­spruch auf eine Ver­pflich­tung des Vor­ha­ben­trä­gers zur Vor­nah­me von Schutz­maß­nah­men, wohl aber das allen von einer Pla­nung Betrof­fe­nen zuste­hen­de sub­jek­tiv öffent­li­che Recht auf gerech­te Abwä­gung ihrer eige­nen recht­lich geschütz­ten Belan­ge9.

Soweit die Ansicht ver­tre­ten wird, die­se Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts sei für Plan­fest­stel­lun­gen bei Bun­des­was­ser­stra­ßen nicht ein­schlä­gig, ver­kennt sie, dass dies aus dem Gebot der gerech­ten Abwä­gung folgt, das im bun­des­was­ser­stra­ßen­recht­li­chen Plan­fest­stel­lungs­ver­fah­ren gemäß § 14 Abs. 1 Satz 2 WaStrG in glei­cher Wei­se gilt wie in ande­ren Plan­fest­stel­lungs­ver­fah­ren. Davon aus­ge­hend hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt10 ver­langt, dass eine Abwä­gung der Fische­reibe­lan­ge mit ent­ge­gen­ste­hen­den ande­ren Belan­gen über­haupt statt­ge­fun­den hat und dass in die­se Abwä­gung alle Fische­reibe­lan­ge, die nach Lage der Din­ge in die­se ein­ge­stellt wer­den muss­ten, ein­ge­stellt wer­den. Dazu gehö­ren die Belas­tun­gen der Fische­rei durch die Aus­füh­rung des Vor­ha­bens. Die Rechts­grund­la­ge für ein Abwä­gungs­ge­bot in dem dar­ge­stell­ten Umfang fin­det sich in § 14 Abs. 1 Satz 2 WaStrG.

Dies bedeu­tet, dass zunächst gemäß § 74 Abs. 2 Satz 2 VwVfG unzu­mut­ba­re Beein­träch­ti­gun­gen der Fische­rei­rech­te grund­sätz­lich aus­zu­schlie­ßen sind und dass dann in einer zwei­ten Stu­fe die an sich zumut­ba­ren Beein­träch­ti­gun­gen der Fische­rei­rech­te mit den übri­gen von dem Vor­ha­ben betrof­fe­nen Belan­gen abge­wo­gen wer­den müs­sen. Die­se Abwä­gung darf sich nicht auf die Fra­ge beschrän­ken, ob die für das Vor­ha­ben als sol­ches spre­chen­den Belan­ge die Belan­ge betrof­fe­ner Drit­ter über­wie­gen. Viel­mehr muss auch abge­wo­gen wer­den, inwie­weit dem Trä­ger des Vor­ha­bens wei­te­re Maß­nah­men zur Ver­rin­ge­rung der Beein­träch­ti­gung der Rech­te Drit­te auf­zu­er­le­gen sind.

Die­se Abwä­gung ist auch nicht des­halb ent­behr­lich, weil Maß­nah­men, die den Trä­gern öffent­li­cher Ver­kehrs­vor­ha­ben auf­er­legt wer­den, all­ge­mein den Steu­er­zah­ler zusätz­lich belas­ten. Viel­mehr han­delt es sich inso­weit um einen öffent­li­chen Belang, der in die Abwä­gung ein­ge­stellt wer­den kann. Dass die Inha­ber der Fische­rei­rech­te bzw. Fische­rei­aus­übungs­rech­te gewis­se Beein­träch­ti­gun­gen im Rah­men der Sozi­al­bin­dung ihrer Rech­te hin­zu­neh­men haben, schließt eben­falls nicht aus, dass hier­über im Wege der Abwä­gung zu ent­schei­den ist.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 3. Mai 2011 -7 A 9.09

  1. im Anschluss an BVerwG, Urtei­le vom 29.01.1991 – 4 C 51.89, BVerw­GE 87, 332, 341 f.; vom 25.09.1996 – 11 A 20.96, BVerw­GE 102, 74, 79; und vom 09.11.2006 – 4 A 2001.06, BVerw­GE 127, 95, 112 f. []
  2. BVerwG, Urteil vom 14.09. 1992 – 4 C 34 – 38.89, BVerw­GE 91, 17, 19 f. []
  3. BVerwG, Urtei­le vom 21.05.1976 – 4 C 80.74, BVerw­GE 51, 15, 29; und vom 27.10.1998 – 11 A 01.97, BVerw­GE 107, 313, 323 zu § 9 LuftVG []
  4. RG, Urteil vom 03.04.1903 – VII 499/​02, RGZ 54, 260; BGH, Urteil vom 05.04.1968 – V ZR 228/​64, BGHZ 50, 73; Han­sea­ti­sches OLG Ham­burg, Urteil vom 20.05.1977 – 1 U 105/​75, VKBl 1979, 280 ff.; BVerwG, Urteil vom 25.09.1996 – 11 A 20.96, BVerw­GE 102, 74, 74ff.; Nds. OVG, Urteil vom 17.03.2010 – 7 KS 174/​06, ZfW 2010, 225; BayVGH, Urteil vom 19.11.1996 – 8 B 95.1134, VKBl 1997, 563 []
  5. BVerwG, Urteil vom 03.04.1903, a.a.O. S. 265 f. []
  6. RG, Urteil vom 03.04.1903, a.a.O. S. 267 ff. []
  7. BVerwG, Urteil vom 25.09. 1996 a.a.O. S. 77 []
  8. stRspr; u.a. BVerwG, Urteil vom 14.02.1975 – 4 C 21.74, BVerw­GE 48, 56, 63 []
  9. stRspr; vgl. BVerwG, Urtei­le vom 29.01.1991 – 4 C 51.89, BVerw­GE 87, 332, 341 f.; und vom 09.11.2006 – 4 A 2001.06, BVerw­GE 127, 95, 112 f. []
  10. in BVerwG, Urteil vom 25.09.1996 – 11 A 20.96, a.a.O. S. 79 []