Flücht­lin­ge – und der Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge in der Aner­ken­nungs­richt­li­nie

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zur Klä­rung von Fra­gen zum Begriff des „Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen“ im Sin­ne des Art. 2 Buchst. j der Aner­ken­nungs­richt­li­nie 2011/​95/​EU ange­ru­fen.

Flücht­lin­ge – und der Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge in der Aner­ken­nungs­richt­li­nie
  1. Ist bei einem Asyl­an­trag­stel­ler, der vor Ein­tritt der Voll­jäh­rig­keit sei­nes Kin­des, mit dem im Her­kunfts­staat eine Fami­lie bestan­den hat und dem auf einen vor Ein­tritt der Voll­jäh­rig­keit gestell­ten Schutz­an­trag nach Ein­tritt der Voll­jäh­rig­keit der sub­si­diä­re Schutz­sta­tus zuer­kannt wor­den ist (nach­fol­gend: Schutz­be­rech­tig­ter), in den Auf­nah­me­mit­glied­staat des Schutz­be­rech­tig­ten ein­ge­reist ist und dort eben­falls einen Antrag auf inter­na­tio­na­len Schutz gestellt hat (nach­fol­gend: Asyl­an­trag­stel­ler), bei einer natio­na­len Rege­lung, die für die Gewäh­rung eines vom Schutz­be­rech­tig­ten abge­lei­te­ten Anspruchs auf Zuer­ken­nung sub­si­diä­ren Schut­zes Bezug auf Art. 2 Buchst. j RL 2011/​95/​EU nimmt, für die Fra­ge, ob der Schutz­be­rech­tig­te „min­der­jäh­rig" im Sin­ne des Art. 2 Buchst. j Spie­gel­strich 3 RL 2011/​95/​EU ist, auf den Zeit­punkt der Ent­schei­dung über den Asyl­an­trag des Asyl­an­trag­stel­lers oder aber auf einen frü­he­ren Zeit­punkt abzu­stel­len, etwa den Zeit­punkt, in dem
    1. dem Schutz­be­rech­tig­ten der sub­si­diä­re Schutz­sta­tus zuer­kannt wor­den ist,
    2. der Asyl­an­trag­stel­ler sei­nen Asyl­an­trag gestellt hat,
    3. der Asyl­an­trag­stel­ler in den Auf­nah­me­mit­glied­staat ein­ge­reist ist oder
    4. der Schutz­be­rech­tig­te sei­nen Asyl­an­trag gestellt hat?

  2. Für den Fall,
    1. dass der Zeit­punkt der Antrag­stel­lung maß­geb­lich ist: Ist inso­weit auf das schrift­lich, münd­lich oder auf ande­re Wei­se geäu­ßer­te Schutz­er­su­chen, das der für den Asyl­an­trag zustän­di­gen natio­na­len Behör­de bekannt­ge­wor­den ist (Asyl­ge­such), oder auf den förm­lich gestell­ten Antrag auf inter­na­tio­na­len Schutz abzu­stel­len?
    2. dass der Zeit­punkt der Ein­rei­se des Asyl­an­trag­stel­lers oder der Zeit­punkt der Stel­lung des Asyl­an­tra­ges durch die­sen maß­geb­lich ist: Kommt es auch dar­auf an, ob zu die­sem Zeit­punkt über den Schutz­an­trag des zu einem spä­te­ren Zeit­punkt als sub­si­di­är schutz­be­rech­tigt aner­kann­ten Schutz­be­rech­tig­ten noch nicht ent­schie­den war?

    1. Wel­che Anfor­de­run­gen sind in der unter 1. beschrie­be­nen Situa­ti­on zu stel­len, damit es sich bei dem Asyl­an­trag­stel­ler um einen „Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen“ (Art. 2 Buchst. j RL 2011/​95/​EU) han­delt, der sich „im Zusam­men­hang mit dem Antrag auf inter­na­tio­na­len Schutz in dem­sel­ben Mit­glied­staat“ auf­hält, in dem sich die Per­son auf­hält, der inter­na­tio­na­ler Schutz zuer­kannt wor­den ist und mit dem die Fami­lie „bereits im Her­kunfts­staat“ bestan­den hat? Setzt dies ins­be­son­de­re vor­aus, dass das Fami­li­en­le­ben zwi­schen dem Schutz­be­rech­tig­ten und dem Asyl­an­trag­stel­ler im Sin­ne des Art. 7 GRC im Auf­nah­me­mit­glied­staat wie­der­auf­ge­nom­men wor­den ist, oder genügt inso­weit die blo­ße zeit­glei­che Anwe­sen­heit des Schutz­be­rech­tig­ten und des Asyl­an­trag­stel­lers im Auf­nah­me­mit­glied­staat? Ist ein Eltern­teil auch dann Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger, wenn die Ein­rei­se nach den Umstän­den des Ein­zel­fal­les nicht dar­auf gerich­tet war, die Ver­ant­wort­lich­keit im Sin­ne des Art. 2 Buchst. j Spie­gel­strich 3 RL 2011/​95/​EU für eine Per­son tat­säch­lich wahr­zu­neh­men, der inter­na­tio­na­ler Schutz zuer­kannt wor­den ist und die noch min­der­jäh­rig und nicht ver­hei­ra­tet ist?
    2. Soweit Fra­ge 3.a) dahin zu beant­wor­ten ist, dass das Fami­li­en­le­ben zwi­schen dem Schutz­be­rech­tig­ten und dem Asyl­an­trag­stel­ler im Sin­ne des Art. 7 GRC im Auf­nah­me­mit­glied­staat wie­der­auf­ge­nom­men wor­den sein muss, kommt es dar­auf an, zu wel­chem Zeit­punkt die Wie­der­auf­nah­me erfolgt ist? Ist inso­weit ins­be­son­de­re dar­auf abzu­stel­len, ob das Fami­li­en­le­ben inner­halb einer bestimm­ten Frist nach Ein­rei­se des Asyl­an­trag­stel­lers, im Zeit­punkt der Antrag­stel­lung des Asyl­an­trag­stel­lers oder zu einem Zeit­punkt wie­der­her­ge­stellt wor­den ist, zu dem der Schutz­be­rech­tig­te noch min­der­jäh­rig war?

  3. Endet die Eigen­schaft eines Asyl­an­trag­stel­lers als Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger im Sin­ne des Art. 2 Buchst. j Spie­gel­strich 3 RL 2011/​95/​EU mit dem Ein­tritt der Voll­jäh­rig­keit des Schutz­be­rech­tig­ten und einem damit ver­bun­de­nen Weg­fall der Ver­ant­wort­lich­keit für eine Per­son, die min­der­jäh­rig und nicht ver­hei­ra­tet ist? Soll­te dies ver­neint wer­den: Besteht die­se Eigen­schaft als Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger (und die damit ver­bun­de­nen Rech­te) über die­sen Zeit­punkt hin­aus zeit­lich unbe­grenzt fort oder ent­fällt sie nach einer bestimm­ten Frist (wenn ja: wel­cher?) oder bei Ein­tritt bestimm­ter Ereig­nis­se (wenn ja: wel­cher?)?

Der Klä­ger, ein afgha­ni­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger, begehrt die Zuer­ken­nung des sub­si­diä­ren Schutz­sta­tus. Sei­nem am 20. April 1998 gebo­re­nen Sohn, der bereits im Jahr 2012 in die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ein­ge­reist war, wur­de im Mai 2016 vom Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) der sub­si­diä­re Schutz­sta­tus zuer­kannt. Der Klä­ger reis­te im Janu­ar 2016 mit wei­te­ren Kin­dern in das Bun­des­ge­biet ein. Im Febru­ar 2016 such­te er um inter­na­tio­na­len Schutz nach. Sein förm­li­cher Asyl­an­trag datiert vom 21. April 2016. Im Dezem­ber 2016 lehn­te das Bun­des­amt den Antrag ab.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart hat das BAMF ver­pflich­tet, dem Klä­ger auf der Grund­la­ge des § 26 Abs. 5 i.V.m. Abs. 3 Satz 1 AsylG als Eltern­teil eines min­der­jäh­ri­gen ledi­gen Schutz­be­rech­tig­ten den sub­si­diä­ren Schutz­sta­tus zuzu­er­ken­nen. Hier­für genü­ge, dass der Sohn im Zeit­punkt des Asyl­ge­su­ches des Klä­gers min­der­jäh­rig gewe­sen sei 1.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt sieht uni­ons­recht­li­chen Klä­rungs­be­darf hin­sicht­lich des von § 26 Abs. 3 Satz 1 AsylG der Sache nach in Bezug genom­me­nen Begriffs des Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen im Sin­ne des Art. 2 Buchst. j RL 2011/​95/​EU. Der Klä­rungs­be­darf betrifft den maß­geb­li­chen Zeit­punkt für die Beur­tei­lung der Min­der­jäh­rig­keit des Schutz­be­rech­tig­ten, die Anfor­de­run­gen an das Bestehen einer Fami­lie wäh­rend des im Zusam­men­hang mit dem Antrag auf inter­na­tio­na­len Schutz ste­hen­den Auf­ent­halts des Schutz­be­rech­tig­ten und sei­nes Eltern­teils in dem Auf­nah­me­mit­glied­staat sowie etwai­ge zeit­li­che Gren­zen hin­sicht­lich der Eigen­schaft als Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger eines vor­mals min­der­jäh­ri­gen Schutz­be­rech­tig­ten. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat das bei ihm anhän­gi­ge Revi­si­ons­ver­fah­ren bis zu einer Ent­schei­dung des EuGH über die vor­ge­leg­ten Fra­gen aus­ge­setzt.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 15. August 2019 – 1 C 32.18

  1. VG Stutt­gart, Urteil vom 23.05.2018 – A 1 K 17/​17[]