Flücht­lings­sta­tus in der EU – inter­na­tio­na­ler Fami­li­en­schutz in Deutschland

Die Gewäh­rung inter­na­tio­na­len Schut­zes in einem ande­ren Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on hin­dert nicht die Zuer­ken­nung inter­na­tio­na­len Fami­li­en­schut­zes im Bundesgebiet. 

Flücht­lings­sta­tus in der EU – inter­na­tio­na­ler Fami­li­en­schutz in Deutschland

Dies ent­schied jetzt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts in dem Fall eines Klä­gers, nach eige­nen Anga­ben soma­li­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger, dem in Ita­li­en inter­na­tio­na­ler Schutz zuer­kannt wurde.

Hier­nach reis­te er in das Bun­des­ge­biet ein, wo er einen wei­te­ren Asyl­an­trag stell­te. Sei­nen drei min­der­jäh­ri­gen Kin­dern, die nach ihm zusam­men mit ihrer Groß­mutter nach Deutsch­land ein­ge­reist waren, wur­de hier die Flücht­lings­ei­gen­schaft zuer­kannt. Das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge lehn­te den Asyl­an­trag des Klä­gers unter Bezug­nah­me auf die Schutz­ge­wäh­rung in Ita­li­en als unzu­läs­sig ab. Die hier­ge­gen erho­be­ne Kla­ge hat­te vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Mag­de­burg Erfolg [1]. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt des Lan­des Sach­sen-Anhalt hat die gegen das erst­in­stanz­li­che Urteil ein­ge­leg­te Beru­fung der beklag­ten Bun­des­re­pu­blik zurück­ge­wie­sen [2]: Der Unzu­läs­sig­keits­tat­be­stand des § 29 Abs. 1 Nr. 2 AsylG sei wegen des bestehen­den Anspruchs des Klä­gers auf Gewäh­rung inter­na­tio­na­len Fami­li­en­schut­zes aus § 26 Abs. 5 i.V.m. Abs. 3 AsylG nicht anwend­bar. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat nun auch die hier­ge­gen gerich­te­te Revi­si­on des Bun­des zurückgewiesen:

Die Unzu­läs­sig­keit eines Asyl­an­tra­ges bei Schutz­ge­währ durch einen ande­ren Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on (§ 29 Abs. 1 Nr. 2 AsylG) steht einer (erneu­ten) Schutz­ge­wäh­rung wegen dem Aus­län­der selbst dro­hen­der Ver­fol­gungs- oder ande­rer Gefah­ren ent­ge­gen. Sie hin­dert aber nicht die Zuer­ken­nung des von einem schutz­be­rech­tig­ten Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen abge­lei­te­ten inter­na­tio­na­len Fami­li­en­schut­zes nach § 26 Abs. 5 i.V.m. Abs. 1 bis 3 AsylG. Neben dem Ziel der Ver­fah­rens­ver­ein­fa­chung dient § 26 AsylG dem Schutz der Fami­lie und der För­de­rung der Inte­gra­ti­on der Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen. Der deut­sche Gesetz­ge­ber hat die Vor­ga­ben des Art. 23 Abs. 2 der Aner­ken­nungs­richt­li­nie (RL 2011/​95/​EU) bewusst über­schie­ßend durch die Ein­räu­mung eines Schutz­sta­tus umge­setzt. Nach § 26 AsylG sind Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen eines Schutz­be­rech­tig­ten nicht nur die in Art. 24 bis 35 RL 2011/​95/​EU genann­ten Leis­tun­gen, dar­un­ter die Ertei­lung eines Auf­ent­halts­ti­tels, zu gewäh­ren, son­dern ist ihnen hier­für der asyl­recht­li­che Sta­tus des Schutz­be­rech­tig­ten zuzu­er­ken­nen. Hier­von nimmt § 26 AsylG Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, die bereits in einem ande­ren Mit­glied­staat inter­na­tio­na­len Schutz erhal­ten haben, unab­hän­gig davon nicht aus, in wel­cher Rei­hen­fol­ge die Fami­li­en­mit­glie­der ein­ge­reist sind. § 29 Abs. 1 Nr. 2 AsylG bezweckt zwar die Unter­bin­dung uner­wünsch­ter Sekun­där­mi­gra­ti­on; die­ser kann aber im Fal­le der Wei­ter­wan­de­rung zum Zwe­cke der Wie­der­her­stel­lung der Fami­li­en­ein­heit wegen der Rech­te aus Art. 23 RL 2011/​95/​EU uni­ons­recht­lich wirk­sam nicht begeg­net wer­den. Ein Nicht­ge­brauch­ma­chen von bestehen­den Mög­lich­kei­ten der Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung im Zustän­dig­keits­be­stim­mungs­ver­fah­ren (Dub­lin-Ver­fah­ren) (hier: Art. 9 Dub­lin III-VO) führt nach dem Uni­ons­recht nicht dazu, dass sich ein eigen­mäch­tig wei­ter­ge­reis­tes Fami­li­en­mit­glied nicht mehr auf die Rech­te aus Art. 23 RL 2011/​95/​EU beru­fen könn­te. Die sta­tus­recht­li­che Begüns­ti­gung des bereits in einem ande­ren Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on Schutz­be­rech­tig­ten steht auch im Ein­klang mit Art. 3 RL 2011/​95/​EU, da sei­ne Situa­ti­on wegen des schutz­wür­di­gen Inter­es­ses, den Fami­li­en­ver­band zu wah­ren, grund­sätz­lich einen Zusam­men­hang mit dem Zweck des inter­na­tio­na­len Schut­zes aufweist.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 17. Novem­ber 2020 – 1 C 8.19

  1. VG Mag­de­burg, Urteil vom 23.10.2017 – 8 A 413/​17 MD[]
  2. OVG Sach­sen-Anhalt, Urteil vom 19.02.2019 – 4 L 201/​17[]