Fort­set­zungs­fest­stel­lungs­kla­ge – und das berech­tig­te Fest­stel­lungs­in­ter­es­se

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts kann das Inter­es­se, das Vor­aus­set­zung für die Zuläs­sig­keit einer Fort­set­zungs­fest­stel­lungs­kla­ge ist, recht­li­cher, wirt­schaft­li­cher oder ide­el­ler Natur sein.

Fort­set­zungs­fest­stel­lungs­kla­ge – und das berech­tig­te Fest­stel­lungs­in­ter­es­se

Es ist typi­scher­wei­se in den aner­kann­ten Fall­grup­pen der Wie­der­ho­lungs­ge­fahr, des Reha­bi­li­ta­ti­ons­in­ter­es­ses sowie der Absicht zum Füh­ren eines Scha­dens­er­satz­pro­zes­ses gege­ben, kann aber auch aus ande­ren beson­de­ren Umstän­den des Ein­zel­falls her­ge­lei­tet wer­den, sofern die gericht­li­che Ent­schei­dung geeig­net ist, die klä­ge­ri­sche Posi­ti­on in recht­li­cher, wirt­schaft­li­cher oder ide­el­ler Hin­sicht zu ver­bes­sern1.

Ein Fort­set­zungs­fest­stel­lungs­in­ter­es­se lässt sich nur dann mit einer, bWiederholungsgefahr</b begrün­den, wenn die recht­li­chen und tat­säch­li­chen Umstän­de, die für den Erlass des begehr­ten Ver­wal­tungs­akts maß­geb­lich wären, im Wesent­li­chen unver­än­dert geblie­ben sind2.

Ein Fort­set­zungs­fest­stel­lungs­in­ter­es­se ist wegen eines, bRehabilitationsinteresses</b der Klä­ge­rin zu beja­hen, wenn sich aus der ange­grif­fe­nen Maß­nah­me eine Stig­ma­ti­sie­rung des Betrof­fe­nen ergibt, die geeig­net ist, sein Anse­hen in der Öffent­lich­keit oder im sozia­len Umfeld her­ab­zu­set­zen. Die­se Stig­ma­ti­sie­rung muss Außen­wir­kung erlangt haben und noch in der Gegen­wart andau­ern3.

Ein berech­tig­tes Inter­es­se an der begehr­ten Fest­stel­lung kann fer­ner dar­aus fol­gen, dass die Behör­de durch das Unter­las­sen des begehr­ten Ver­wal­tungs­akts in, bGrundrechte</b der Klä­ge­rin ein­ge­grif­fen hät­te. Hier­bei kann auch die Art eines mit der Kla­ge gerüg­ten Ein­griffs, ins­be­son­de­re im grund­recht­lich geschütz­ten Bereich, ver­bun­den mit dem durch Art.19 Abs. 4 GG garan­tier­ten Anspruch auf effek­ti­ven Rechts­schutz, die Aner­ken­nung eines Fest­stel­lungs­in­ter­es­ses recht­fer­ti­gen, wenn sich die unmit­tel­ba­re Belas­tung durch den schwer­wie­gen­den Hoheits­akt auf eine Zeit­span­ne beschränkt, in der die Ent­schei­dung des Gerichts kaum zu erlan­gen ist4. Hier­zu zäh­len vor allem Fest­stel­lungs­be­geh­ren, die poli­zei­li­che Maß­nah­men zum Gegen­stand haben. Eine (fort­wir­ken­de) dis­kri­mi­nie­ren­de Wir­kung der behörd­li­chen Maß­nah­me ist dafür nicht Vor­aus­set­zung5. Dar­über hin­aus kann etwa auch für eine Fest­stel­lung der Rechts­wid­rig­keit einer Spei­che­rung per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten in einem ver­gan­ge­nen Zeit­raum wegen des damit ver­bun­de­nen tief­grei­fen­den Ein­griffs in das Per­sön­lich­keits­recht (Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG) ein berech­tig­tes Inter­es­se anzu­er­ken­nen sein, wenn sich die­ses Rechts­schutz­ziel nicht in glei­cher Wei­se durch die Gel­tend­ma­chung eines Löschungs­an­spruchs errei­chen lässt6.

Ein, bwirt­schaft­li­ches Interesse</b der Klä­ge­rin an der begehr­ten Fest­stel­lung kann anzu­neh­men sein, wenn das Kla­ge­be­geh­ren auf einen pri­vat­rechts­ge­stal­ten­den Ver­wal­tungs­akt gerich­tet war, ist aber abzu­leh­nen, wenn die bean­trag­te Fest­stel­lung kei­ne Prä­ju­di­zwir­kung für den von der Klä­ge­rin geführ­ten ‑und noch anhän­gi­gen- Zivil­rechts­streit hat.

Da die genann­ten Fall­grup­pen nicht abschlie­ßend sind, ist es zwar nicht grund­sätz­lich aus­ge­schlos­sen, dass ein berech­tig­tes Fort­set­zungs­fest­stel­lungs­in­ter­es­se auch dann besteht, wenn die Fest­stel­lung für ein ande­res Rechts­ver­hält­nis, ins­be­son­de­re ein ande­res Ver­fah­ren vor­greif­lich sein kann7. Eben­so wie bei der in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts aner­kann­ten Fall­grup­pe eines anhän­gi­gen, bScha­dens­er­satz- und Entschädigungsprozesses</b, muss es sich jedoch um eine Vor­fra­ge han­deln, deren rechts­kräf­ti­ge Klä­rung im ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren die Rechts­po­si­ti­on der Klä­ge­rin in dem Zivil­rechts­streit ver­bes­sern könn­te8.

Wenn die Klä­ge­rin den Zivil­rechts­streit bereits vor Erhe­bung der ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Kla­ge begon­nen hat, kann sie sich nicht dar­auf beru­fen, dass die Ergeb­nis­se des ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens für einen nach­fol­gen­den Pro­zess vor dem Zivil­ge­richt nutz­bar gemacht wer­den müss­ten9.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 4. Dezem­ber 2018 – 6 B 56.18

  1. stRspr, vgl. BVerwG, Urteil vom 29.03.2017 – 6 C 1.16 [ECLI:?DE:?BVerwG:?2017:?290317U6C1.16.0], BVerw­GE 158, 301 Rn. 29 m.w.N.
  2. vgl. BVerwG, Urteil vom 16.05.2013 – 8 C 14.12, BVerw­GE 146, 303 Rn. 21
  3. BVerwG, Urteil vom 16.05.2013 – 8 C 14.12, BVerw­GE 146, 303 Rn. 25
  4. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 30.04.1997 – 2 BvR 817/​90 u.a., BVerfGE 96, 27, 39 f.; und vom 04.02.2005 – 2 BvR 308/​04NJW 2005, 1637, 1639; BVerwG, Urteil vom 25.10.2017 – 6 C 46.16 [ECLI:?DE:?BVerwG:?2017:?251017U6C46.16.0], BVerw­GE 160, 169 Rn.20
  5. vgl. BVerwG, Urteil vom 29.04.1997 – 1 C 2.95, Buch­holz 310 § 43 VwGO Nr. 127 S. 7 f. m.w.N.
  6. BVerwG, Beschluss vom 20.12 2017 – 6 B 14.17 [ECLI:?DE:?BVerwG:?2017:?201217B6B14.17.0], NVwZ 2018, 739 Rn. 14
  7. vgl. Wolff, in: Sodan/​Ziekow, VwGO, 5. Aufl.2018, § 113 Rn. 284
  8. vgl. zu der genann­ten Fall­grup­pe: BVerwG, Urteil vom 10.12 2013 – 8 C 5.12, Buch­holz 451.65 Bör­sen­recht Nr. 7 Rn. 28
  9. vgl. in die­sem Sin­ne für die Kon­stel­la­ti­on eines par­al­lel geführ­ten zivil- bzw. ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Scha­dens­er­satz­pro­zes­ses: BVerwG, Urtei­le vom 12.07.2000 – 7 C 3.00, BVerw­GE 111, 306, 309 f.; und vom 17.11.2016 – 2 C 27.15 [ECLI:?DE:?BVerwG:?2016:?171116U2C27.15.0], BVerw­GE 156, 272 Rn. 16 f.