Frei­heits­ent­zug und Rich­ter­vor­be­halt

Die Frei­heit der Per­son (Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG) ist ein beson­ders hohes Rechts­gut, in das nur aus wich­ti­gen Grün­den ein­ge­grif­fen wer­den darf [1]. Geschützt wird die im Rah­men der gel­ten­den all­ge­mei­nen Rechts­ord­nung gege­be­ne tat­säch­li­che kör­per­li­che Bewe­gungs­frei­heit vor Ein­grif­fen wie Ver­haf­tung, Fest­nah­me und ähn­li­chen Maß­nah­men des unmit­tel­ba­ren Zwangs [2]. Nach Art. 104 Abs. 1 Satz 1 GG darf die in Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG gewähr­leis­te­te Frei­heit der Per­son nur auf­grund eines förm­li­chen Geset­zes und nur unter Beach­tung der dar­in vor­ge­schrie­be­nen For­men beschränkt wer­den. Die for­mel­len Gewähr­leis­tun­gen des Art. 104 GG ste­hen mit der mate­ri­el­len Frei­heits­ga­ran­tie des Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG in unlös­ba­rem Zusam­men­hang [3]. Art. 104 Abs. 1 GG nimmt den schon in Art. 2 Abs. 2 Satz 3 GG ent­hal­te­nen Geset­zes­vor­be­halt auf und ver­stärkt ihn für alle Frei­heits­be­schrän­kun­gen, indem er neben der For­de­rung nach einem förm­li­chen Gesetz die Pflicht, die sich aus die­sem Gesetz erge­ben­den frei­heits­schüt­zen­den Form­vor­schrif­ten zu beach­ten, zum Ver­fas­sungs­ge­bot erhebt [4].

Frei­heits­ent­zug und Rich­ter­vor­be­halt

Für den schwers­ten Ein­griff in das Recht der Frei­heit der Per­son, die Frei­heits­ent­zie­hung, fügt Art. 104 Abs. 2 GG dem Vor­be­halt des (förm­li­chen) Geset­zes den wei­te­ren, ver­fah­rens­recht­li­chen Vor­be­halt einer rich­ter­li­chen Ent­schei­dung hin­zu, der nicht zur Dis­po­si­ti­on des Gesetz­ge­bers steht [5]. Der Rich­ter­vor­be­halt dient der ver­stärk­ten Siche­rung des Grund­rechts aus Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG.

Die Frei­heits­ent­zie­hung erfor­dert nach Art. 104 Abs. 2 Satz 1 GG grund­sätz­lich eine vor­he­ri­ge rich­ter­li­che Anord­nung. Eine nach­träg­li­che rich­ter­li­che Ent­schei­dung, deren Zuläs­sig­keit in Aus­nah­me­fäl­len Art. 104 Abs. 2 Satz 2 GG vor­aus­setzt, genügt nur, wenn der mit der Frei­heits­ent­zie­hung ver­folg­te ver­fas­sungs­recht­lich zuläs­si­ge Zweck nicht erreich­bar wäre, sofern der Fest­nah­me die rich­ter­li­che Ent­schei­dung vor­aus­ge­hen müss­te [6]. Art. 104 Abs. 2 Satz 2 GG gebie­tet in einem sol­chen Fall, die rich­ter­li­che Ent­schei­dung unver­züg­lich nach­zu­ho­len [7]. „Unver­züg­lich“ ist dahin aus­zu­le­gen, dass die rich­ter­li­che Ent­schei­dung ohne jede Ver­zö­ge­rung, die sich nicht aus sach­li­chen Grün­den recht­fer­ti­gen lässt, nach­ge­holt wer­den muss [8]. Nicht ver­meid­bar sind zum Bei­spiel Ver­zö­ge­run­gen, die durch die Län­ge des Weges, Schwie­rig­kei­ten beim Trans­port, die not­wen­di­ge Regis­trie­rung und Pro­to­kol­lie­rung, ein reni­ten­tes Ver­hal­ten des Fest­ge­nom­me­nen oder ver­gleich­ba­re Umstän­de bedingt sind [9].

Mit Blick auf die hohe Bedeu­tung des Rich­ter­vor­be­halts sind alle an der frei­heits­ent­zie­hen­den Maß­nah­me betei­lig­ten staat­li­chen Orga­ne ver­pflich­tet, ihr Vor­ge­hen so zu gestal­ten, dass die­ser als Grund­rechts­si­che­rung prak­tisch wirk­sam wird (vgl.BVerfGE 105, 239 <248>; BVerfGK 7, 87 <98>).

Bun­des­ver­fass­sungs­ge­richt, Beschluss vom 7. Mai 2009 – 2 BvR 2367/​07

  1. vgl. BVerfGE 10, 302 <322>; 29, 312 <316>[]
  2. vgl. BVerfGE 22, 21 <26>; 94, 166 <198>; 96, 10 <21>[]
  3. vgl. BVerfGE 10, 302 <322>; 58, 208 <220>[]
  4. vgl. BVerfGE 10, 302 <323>; 29, 183 <195 f.>; 58, 208 <220>[]
  5. vgl. BVerfGE 10, 302 <323>[]
  6. vgl. BVerfGE 22, 311 <317>[]
  7. vgl. BVerfGE 10, 302 <321>[]
  8. vgl. BVerfGE 105, 239 <249>[]
  9. vgl. BVerfGE 103, 142 <156>; 105, 239 <249>[]