Frei­zü­gig­keit für EU-Bür­ger – und die Ver­lust­fest­stel­lung wäh­rend der Ver­bü­ßung von Straf­haft

Weder aus dem natio­na­len Recht noch aus Uni­ons­recht erge­ben sich Vor­ga­ben für den Zeit­punkt, zu dem die Behör­de die Ver­lust­fest­stel­lung nach § 6 FreizügG/​EU aus­spricht. Die­se kann ermes­sens­feh­ler­frei auch gerau­me Zeit vor dem Ende einer zu ver­bü­ßen­den Straf­haft erfol­gen.

Frei­zü­gig­keit für EU-Bür­ger – und die Ver­lust­fest­stel­lung wäh­rend der Ver­bü­ßung von Straf­haft

Nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts kommt es für die Recht­mä­ßig­keit einer aus­län­der­be­hörd­li­chen Ent­schei­dung über den Ver­lust des Auf­ent­halts­rechts eines Uni­ons­bür­gers dar­auf an, ob der Betrof­fe­ne eine gegen­wär­ti­ge und schwer wie­gen­de Gefahr für wich­ti­ge Rechts­gü­ter dar­stellt (Gefähr­dung der öffent­li­chen Ord­nung) und das öffent­li­che Inter­es­se an der Auf­ent­halts­be­en­di­gung das pri­va­te Inter­es­se am Ver­bleib des Uni­ons­bür­gers in Deutsch­land deut­lich über­wiegt 1.

Vor­ga­ben für den Zeit­punkt, zu dem die Behör­de die Ver­lust­fest­stel­lung aus­spricht, erge­ben sich weder aus dem natio­na­len Recht noch aus Uni­ons­recht. Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on ist eine umfas­sen­de Beur­tei­lung der Situa­ti­on des Betrof­fe­nen "jeweils zu dem genau­en Zeit­punkt vor­zu­neh­men, zu dem sich die Fra­ge der Aus­wei­sung stellt" 2.

Aus die­ser Recht­spre­chung ergibt sich zudem, dass der Uni­ons­ge­richts­hof kei­ne Ein­wän­de gegen eine Ver­lust­fest­stel­lung nach Ver­bü­ßung von weni­ger als zwei Jah­ren einer auf ins­ge­samt sechs Jah­re und sechs Mona­te fest­ge­setz­ten Haft­stra­fe erho­ben hat 3. Einer posi­ti­ven Ent­wick­lung des Uni­ons­bür­gers nach Erlass der Ver­lust­fest­stel­lung – etwa durch eine erfolg­rei­che The­ra­pie wäh­rend der Straf­haft – kann durch eine nach­träg­li­che Ver­kür­zung des Ein­rei­se- und Auf­ent­halts­ver­bots nach § 7 Abs. 2 FreizügG/​EU Rech­nung getra­gen wer­den 4.

In der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ist des­wei­te­ren geklärt, dass es für die Ver­lust­fest­stel­lung des Rechts auf Ein­rei­se und Auf­ent­halt auf eine gegen­wär­ti­ge und nicht auf eine zukünf­ti­ge Gefähr­dung der öffent­li­chen Ord­nung ankommt 5. Das ent­spricht der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on 6.

Die Vor­aus­set­zung einer gegen­wär­ti­gen Gefähr­dung muss danach grund­sätz­lich zu dem Zeit­punkt erfüllt sein, zu dem die Aus­wei­sung erfolgt 7, hier also im Zeit­punkt der Haft­ver­bü­ßung, auch wenn dann die Ent­wick­lung des Klä­gers wäh­rend der Gesamt­dau­er der Haft ledig­lich zu pro­gnos­ti­zie­ren ist, weil sie noch eben­so wenig fest­steht wie sein Ver­hal­ten im Rah­men etwai­ger zukünf­ti­ger Voll­zugs­lo­cke­run­gen oder einer even­tu­el­len Aus­set­zung des Straf­res­tes zur Bewäh­rung.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 11. Sep­tem­ber 2015 – 1 B 392015 -

  1. vgl. BVerwG, Urteil vom 03.08.2004 – 1 C 30.02, BVerw­GE 121, 297, 306[]
  2. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 16.01.2014 – C‑400/​12 [ECLI:EU:C:2014:9], M.G., Rn. 35; und vom 23.11.2010 – C‑145/​09 [ECLI:EU:C:2010:708], Tsa­kou­ridis, Rn. 32[]
  3. vgl. EuGH, Urteil vom 23.11.2010 – C‑145/​09, Rn. 12 f.; ähn­lich im Urteil vom 22.05.2012 – C‑348/​09 [ECLI:EU:C:2012:300], P.I., Rn. 10 f.[]
  4. vgl. BVerwG, Urteil vom 25.03.2015 – 1 C 18.14DVBl 2015, 780 Rn. 22 ff.[]
  5. vgl. BVerwG, Urteil vom 03.08.2004 – 1 C 30.02, BVerw­GE 121, 297, 305 f.[]
  6. vgl. BVerwG, Urteil vom 29.04.2004 – C‑482/​01 und – C‑493/​01 [ECLI:EU:C:2004:262], Orfa­no­pou­los und Oli­ve­ri, Rn. 77 bis 79[]
  7. EuGH, Urteil vom 29.04.2004 – C‑482/​01 und – C‑493/​01, Rn. 79[]