Fris­ten­be­rech­nung und Fris­ten­kon­trol­le bei der Beschwer­de­frist

Die Be­rech­nung der Frist für die Be­schwer­de­ein­le­gung nach § 133 Abs. 2 Satz 1 VwGO ge­hört – an­ders als die Be­schwer­de­be­grün­dungs­frist nach § 133 Abs. 3 Satz 1 VwGO – zu den Fris­ten, deren Über­wa­chung einer zu­ver­läs­si­gen Bü­ro­an­ge­stell­ten über­tra­gen wer­den darf. Die Ver­säu­mung der Be­schwer­de­frist ist dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten dann nicht zu­zu­rech­nen, wenn sie auf dem Ver­schul­den einer sonst zu­ver­läs­si­gen Bü­ro­an­ge­stell­ten be­ruht, ohne dass ein Or­ga­ni­sa­ti­ons­man­gel hier­für ur­säch­lich ge­we­sen wäre. Ein Or­ga­ni­sa­ti­ons­man­gel liegt vor, wenn nicht durch or­ga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men si­cher­ge­stellt ist, dass der Tag des Ur­teils­ein­gangs do­ku­men­tiert und Be­ginn und Ende der Be­schwer­de­frist un­ver­züg­lich ein­ge­tra­gen wer­den. Ent­spre­chen­de or­ga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men sind ins­be­son­de­re er­for­der­lich, wenn die Auf­ga­ben der Pos­t­ein­gangs- und Fris­ten­kon­trol­le im zeit­li­chen Wech­sel von ver­schie­de­nen Mit­ar­bei­tern wahr­ge­nom­men wer­den.

Fris­ten­be­rech­nung und Fris­ten­kon­trol­le bei der Beschwer­de­frist

Zwar darf der Rechts­an­walt die Bear­bei­tung pro­zes­sua­ler Fris­ten und damit auch die Fris­ten­kon­trol­le geschul­tem und bewähr­tem Büro­per­so­nal über­las­sen, wenn es sich um ein­fa­che, in dem Büro geläu­fi­ge Fris­ten han­delt. Der Rechts­an­walt muss aber durch orga­ni­sa­to­ri­sche Vor­keh­run­gen sicher­stel­len, dass die jewei­li­ge Frist in geeig­ne­ter Form zuver­läs­sig notiert wird 1. Er hat dar­auf zu ach­ten, dass unver­züg­lich nach Ein­gang eines frist­aus­lö­sen­den Schrift­stücks Beginn und Ende der Frist in das Fris­ten­buch oder den Fris­ten­ka­len­der ein­ge­tra­gen wer­den 2. Die Frist­ver­säu­mung ist dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten dann nicht zuzu­rech­nen, wenn sie auf dem Ver­schul­den einer sonst zuver­läs­si­gen Büro­an­ge­stell­ten beruht, ohne dass ein Orga­ni­sa­ti­ons­man­gel hier­für ursäch­lich gewe­sen wäre.

Zwar gehört die Frist für die Beschwer­de­ein­le­gung nach § 133 Abs. 2 Satz 1 VwGO – anders als die Beschwer­de­be­grün­dungs­frist nach § 133 Abs. 3 Satz 1 VwGO – zu den Fris­ten, deren Über­wa­chung einer zuver­läs­si­gen Büro­an­ge­stell­ten über­tra­gen wer­den darf 3. Aller­dings muss durch orga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men sicher­ge­stellt sein, dass zuge­stell­te Urtei­le unver­züg­lich und unter sorg­fäl­ti­ger Prü­fung des Ein­gangs­da­tums im Fris­ten­buch erfasst wer­den.

Im ent­schie­de­nen Fall sah das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt die­ses Erfor­der­nis als nicht erfüllt: Wie die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten unter Vor­la­ge der eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung der zustän­di­gen Mit­ar­bei­te­rin vor­ge­tra­gen haben, wur­de die­ser das Urteil erst am Tag nach des­sen Ein­gang zur Fris­ten­ein­tra­gung vor­ge­legt. Erst dadurch, ver­bun­den mit dem Feh­len eines Ein­gangs­stem­pels auf dem Urteil selbst, konn­te bei ihr der Ein­druck ent­ste­hen, dass das Urteil an die­sem Tag ein­ge­gan­gen sei, wes­halb sie die Frist­be­rech­nung ent­spre­chend vor­nahm. Aus dem Vor­brin­gen ergibt sich jedoch nicht, dass der Ein­gang jedes frist­aus­lö­sen­den Schrift­stü­ckes sofort durch einen Ein­gangs­stem­pel oder eine ent­spre­chen­de Ein­tra­gung zu doku­men­tie­ren war. Eben­so wenig ist ihm zu ent­neh­men, dass Beginn und Ende der Frist unver­züg­lich zu notie­ren waren und wel­che Vor­keh­run­gen getrof­fen waren, um für den Fall, dass dies aus­nahms­wei­se nicht sofort erfol­gen konn­te, sicher­zu­stel­len, dass die Frist spä­ter rich­tig ein­ge­tra­gen wur­de. Der­ar­ti­ge orga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men sind gera­de dann erfor­der­lich, wenn, wie hier, die Auf­ga­ben der Post­ein­gangs- und Fris­ten­kon­trol­le im zeit­li­chen Wech­sel von ver­schie­de­nen Mit­ar­bei­tern wahr­ge­nom­men wer­den. Die Ein­tra­gung in das Fris­ten­buch am Tag nach dem Ein­gang legt den Schluss nahe, dass es kei­ne sol­che Anwei­sung gab. Dass bis­her die Tätig­keit der zustän­di­gen Mit­ar­bei­te­rin zu kei­ner­lei Bean­stan­dun­gen ver­an­lasst hat, gebie­tet kei­ne ande­re Beur­tei­lung. Selbst wenn es bis­her nicht zu Kom­pli­ka­tio­nen bei Frist­sa­chen gekom­men ist, belegt dies die Taug­lich­keit der Büro­or­ga­ni­sa­ti­on für eine zuver­läs­si­ge Fris­ten­kon­trol­le nicht.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 11. Janu­ar 2012 – 9 B 55.11

  1. BVerwG, Beschlüs­se vom 26.06.1986 – 3 C 46.84, BVerw­GE 74, 289,293 f.; und vom 03.12.2002 – 1 B 429.02, Buch­holz 310 § 124a VwGO Nr. 24 S. 27[]
  2. BVerwG, Beschluss vom 29.11.2004 – 5 B 105.04, Buch­holz 310 § 60 VwGO Nr. 255; BGH, Beschluss vom 05.02.2003 – VIII ZB 115/​02, NJW 2003, 1815, 1816; vgl. auch Bier, in: Schoch­/­Schmidt-Aßman­n/Pietz­ner, Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung, Stand Juni 2011, § 60 Rn. 42[]
  3. vgl. BVerwG, Beschlüs­se vom 04.08.2000 – 3 B 75.00, Buch­holz 310 § 60 VwGO Nr. 235 S. 23; und vom 18.06.2009 – 5 B 32.09, Buch­holz 310 § 60 VwGO Nr. 265 Rn. 2[]