Frist­fax um 23:58 Uhr

Bei dem Absen­den eines sechs­sei­ti­gen Tele­fax um 23.58 Uhr und damit zwei Minu­ten vor Frist­ab­lauf kann ein Rechts­mit­tel­füh­rer nicht begrün­det dar­auf ver­trau­en, dass die Über­tra­gung bis vor 0.00 Uhr been­det wer­den wür­de. Daher kann kei­ne Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand wegen unver­schul­de­ter Frist­ver­säu­mung gewährt wer­den.

Frist­fax um 23:58 Uhr

Die für die Gewäh­rung der Wie­der­ein­set­zung nach § 60 VwGO erfor­der­li­chen Vor­aus­set­zun­gen lie­gen nicht vor. Nach Abs. 1 die­ser Vor­schrift ist einem Antrag­stel­ler Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren, wenn er ohne Ver­schul­den ver­hin­dert war, eine gesetz­li­che Frist ein­zu­hal­ten. Dabei ist das Ver­schul­den des Bevoll­mäch­tig­ten gemäß § 173 VwGO i.V.m. § 85 Abs. 2 ZPO dem Betei­lig­ten zuzu­rech­nen.

Nach die­sen Vor­schrif­ten kann dem Klä­ger kei­ne Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand wegen Ver­säu­mung der in Rede ste­hen­den Begrün­dungs­frist gewährt wer­den, weil sein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter die Frist nach § 124 a Abs. 4 S. 4 VwGO schuld­haft im Sin­ne des § 60 Abs. 1 VwGO ver­säumt hat. Ein Ver­schul­den des Bevoll­mäch­tig­ten (Rechts­an­wal­tes) ist gege­ben, wenn die­ser die übli­che Sorg­falt außer Acht gelas­sen hat, die für einen gewis­sen­haf­ten und sach­ge­mäß pro­zess­füh­ren­den Rechts­an­walt gebo­ten und die ihm nach den gesam­ten Umstän­den des kon­kre­ten Ein­zel­fal­les zumut­bar gewe­sen ist1. Auch wenn die Anfor­de­run­gen nicht über­spannt wer­den dür­fen und der Bevoll­mäch­tig­te bestehen­de Fris­ten voll aus­schöp­fen darf, so muss er jedoch bei sehr spä­ter Ein­le­gung des Rechts­mit­tels die Frist­wah­rung beson­ders sichern. Er muss so recht­zei­tig mit der Über­mitt­lung begin­nen, dass unter nor­ma­len Umstän­den mit ihrem Abschluss vor 0.00 Uhr zu rech­nen ist2.

Letz­te­res ist hier indes nicht gesche­hen. Bei dem Absen­den eines sechs­sei­ti­gen Tele­fax nach eides­statt­li­cher Ver­si­che­rung des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten um 23.58 Uhr und damit zwei Minu­ten vor Frist­ab­lauf konn­te die­ser nicht begrün­det dar­auf ver­trau­en, dass die Über­tra­gung bis vor 0.00 Uhr been­det wer­den wür­de. Dabei leg­te er näm­lich zunächst unge­prüft zugrun­de, dass die Zeit auf dem Absen­der­ge­rät mit der Zeit auf dem gericht­li­chen Emp­fangs­ge­rät sekun­den­ge­nau über­ein­stimmt. Schon bei rei­bungs­lo­ser Über­tra­gung konn­te der Bevoll­mäch­tig­te zudem – man­gels Kennt­nis von der Leis­tungs­fä­hig­keit des Emp­fangs­ge­räts – nicht davon aus­ge­hen, dass der Schrift­satz in einer Geschwin­dig­keit von wesent­lich weni­ger als 30 Sekun­den pro Sei­te über­tra­gen wird3

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Schles­wig-Hol­stein, Beschluss vom 23. April 2010 – 2 LA 24/​10

  1. vgl. Rede­ker /​von Oert­zen, VwGO, 14. Aufl. 2004, § 60 Rn. 3 []
  2. BVerfG, Beschluss vom 01.08.1996 – 1 BvR 121/​95, NJW 1996, 2857 m.w.N.; BGH, Beschlüs­se vom 01.02.2001 – V ZB 33/​00, NJW-RR 2001, 916; und vom 17.05.2004 – II ZB 22/​03, NJW 2004, 2525 []
  3. vgl. BGH, Urteil vom 25.11.2004 – VII ZR 320/​03, NJW 2005, 678 f. []