Füh­rer­schein für ein­äu­gi­ge Men­schen

Sind die Bestim­mun­gen der aktu­ell gel­ten­den euro­päi­schen Füh­rer­schein­richt­li­nie 1 inso­weit mit der euro­päi­schen Grund­rech­te­char­ta (Art. 20, Art. 21 Abs. 1, Art. 26 der Char­ta) ver­ein­bar, als die­se Vor­schrift – ohne die Mög­lich­keit einer Aus­nah­me vor­zu­se­hen – von Bewer­bern um eine Fahr­erlaub­nis der Klas­sen C1 und C1E auch dann eine Min­dest­seh­schär­fe von 0,1 auf dem schlech­te­ren Auge ver­langt, wenn die­se Per­so­nen beid­äu­gig sehen und auf bei­den Augen über ein nor­ma­les Gesichts­feld ver­fü­gen?

Füh­rer­schein für ein­äu­gi­ge Men­schen

Mit die­ser Fra­ge hat sich der Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof in Form eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gewandt und zur Beant­wor­tung vor­ge­legt. Hin­ter­grund ist ein Ver­fah­ren vor dem Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hof, in dem ein stark fehl­sich­ti­ger Mensch (Seh­schär­fe auf dem einen Auge unter 0,1) eine Fahr­erlaub­nis für die LKW-Klas­sen C1 und C1E (3,5 bis 7,5 t) begehrt.

Nach Auf­fas­sung des Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs steht der Ertei­lung einer Fahr­erlaub­nis der Klas­sen C1 und C1E an den Klä­ger eine Vor­schrift des deut­schen Rechts ent­ge­gen, mit der Bestim­mun­gen der euro­päi­schen Füh­rer­schein­richt­li­nie umge­setzt wer­den. Die­se Vor­schrift sei jedoch teil­wei­se ungül­tig, weil sie unter bestimm­ten, beim Klä­ger (und bei zahl­rei­chen ande­ren betrof­fe­nen Per­so­nen) erfüll­ten Vor­aus­set­zun­gen in Wider­spruch vor allem zu dem Grund­recht ste­he, nicht wegen einer Behin­de­rung benach­tei­ligt zu wer­den. Die in Rede ste­hen­de deut­sche Vor­schrift for­dert, dass fol­gen­de Seh­schär­fe­wer­te nicht unter­schrit­ten wer­den: Seh­schär­fe des bes­se­ren Auges oder beid­äu­gi­ge Seh­schär­fe: 0,8, Seh­schär­fe des schlech­te­ren Auges: 0,5. In Ein­zel­fäl­len kann unter Berück­sich­ti­gung von Fahr­er­fah­rung und Fahr­zeug­nut­zung der Visus des schlech­te­ren Auges für die Klas­sen C, CE, C1, C1E unter 0,5 lie­gen, ein Wert von 0,1 darf nicht unter­schrit­ten wer­den.

Im Beru­fungs­ver­fah­ren (vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Regens­burg war die Kla­ge erfolg­los geblie­ben) hat der Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Gut­ach­ten von zwei augen­ärzt­li­chen Sach­ver­stän­di­gen ein­ge­holt. Danach bestehe kein Anlass, Men­schen mit einer ein­sei­ti­gen Seh­schär­fe unter 0,1 die Fahr­erlaub­nis für die Klas­sen C1 und C1E zu ver­sa­gen, wenn die fol­gen­den drei Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sei­en: Es müs­se sich um beid­äu­gig sehen­de Per­so­nen han­deln (d.h. nicht ana­to­misch ein­äu­gig, bei­de ana­to­misch vor­han­de­nen Augen neh­men am Seh­vor­gang teil), die Betrof­fe­nen müss­ten auf jedem Auge ein nor­ma­les Gesichts­feld haben, und die Betrof­fe­nen müss­ten in der Lage sein, ein bei ihnen nicht vor­han­de­nes räum­li­ches Seh­ver­mö­gen voll­stän­dig zu kom­pen­sie­ren.

Da mit der deut­schen Rechts­vor­schrift die euro­päi­sche Füh­rer­schein­richt­li­nie umge­setzt wird und ein natio­na­les Gericht euro­päi­sches Recht nicht ver­wer­fen darf, stellt der Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fol­gen­de Fra­ge zur Ver­ein­bar­keit der EU-Füh­rer­schein­richt­li­nie mit der EUGrund­rech­te­char­ta:

Ist die Num­mer 6.4 des Anhangs III der Richt­li­nie 2006/​126/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 20. Dezem­ber 2006 über den Füh­rer­schein 2 in der Fas­sung der Richt­li­nie 2009/​113/​EG der Kom­mis­si­on vom 25. August 2009 3 inso­weit mit Art. 20, Art. 21 Abs. 1 und Art. 26 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on ver­ein­bar, als die­se Vor­schrift – ohne die Mög­lich­keit einer Aus­nah­me vor­zu­se­hen – von Bewer­bern um eine Fahr­erlaub­nis der Klas­sen C1 und C1E auch dann eine Min­dest­seh­schär­fe von 0,1 auf dem schlech­te­ren Auge ver­langt, wenn die­se Per­so­nen beid­äu­gig sehen und auf bei­den Augen über ein nor­ma­les Gesichts­feld ver­fü­gen?“

Nach Beant­wor­tung die­ser Fra­ge durch den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on wird das Beru­fungs­ver­fah­ren vor dem Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hof fort­ge­setzt wer­den.

Baye­ri­scher Ver­wal­tungs­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. Juli 2012 – 11 BV 11.1764

  1. Nr. 6.4 des Anhangs III der Richt­li­nie 2006/​126/​EG vom 20.12.2006 über den Füh­rer­schein, ABl L 403 vom 30.12.2006, S. 18; in der Fas­sung der Richt­li­nie 2009/​113/​EG der Kom­mis­si­on vom 25.08.2009, ABl L 223 vom 26.08.2009, S. 31[]
  2. ABl L 403 vom 30.12.2006, S. 18[]
  3. ABl L 223 vom 26.8.2009, S. 31[]