Gemeind­li­che Pla­nungs­ho­heit und frem­de Fach­pla­nun­gen

Eine Gemein­de kann die gericht­li­che Kon­trol­le einer pla­ne­ri­schen Abwä­gungs­ent­schei­dung nur hin­sicht­lich ihrer eige­nen Belan­ge und – wegen der inso­weit bestehen­den Wech­sel­be­zie­hung – der ihren Belan­gen gegen­über­ge­stell­ten, für das Vor­ha­ben strei­ten­den Belan­ge ver­lan­gen. Die gemeind­li­che Pla­nungs­ho­heit ver­mit­telt eine wehr­fä­hi­ge Rechts­po­si­ti­on gegen frem­de Fach­pla­nun­gen, wenn das Vor­ha­ben nach­hal­tig eine bestimm­te Pla­nung der Gemein­de stört oder wegen sei­ner Groß­räu­mig­keit wesent­li­che Tei­le des Gemein­de­ge­biets einer durch­setz­ba­ren gemeind­li­chen Pla­nung ent­zieht oder erheb­lich gemeind­li­che Ein­rich­tun­gen beein­träch­tigt. Das soge­nann­te Selbst­ge­stal­tungs­recht der Gemein­de wird durch Maß­nah­men berührt, die das Orts­bild ent­schei­dend prä­gen und hier­durch nach­hal­tig auf das Gemein­de­ge­biet und die Ent­wick­lung der Gemein­de ein­wir­ken.

Gemeind­li­che Pla­nungs­ho­heit und frem­de Fach­pla­nun­gen

Die kla­gen­de Gemein­de kann, ver­gleich­bar einem von dem Vor­ha­ben mit­tel­bar Betrof­fe­nen, eine gericht­li­che Kon­trol­le der pla­ne­ri­schen Abwä­gungs­ent­schei­dung nur hin­sicht­lich ihrer eige­nen Belan­ge und – wegen der inso­weit bestehen­den Wech­sel­be­zie­hung – der ihren Belan­gen gegen­über­ge­stell­ten, für das Vor­ha­ben strei­ten­den öffent­li­chen Belan­ge ver­lan­gen1.

Die gemeind­li­che Pla­nungs­ho­heit (Art. 28 Abs. 2 Satz 1 GG) ver­mit­telt nach stän­di­ger Recht­spre­chung eine wehr­fä­hi­ge, in die Abwä­gung nach § 17 Satz 2 FStrG ein­zu­be­zie­hen­de Rechts­po­si­ti­on gegen frem­de Fach­pla­nun­gen auf dem eige­nen Gemein­de­ge­biet, wenn das Vor­ha­ben nach­hal­tig eine bestimm­te Pla­nung der Gemein­de stört oder wegen sei­ner Groß­räu­mig­keit wesent­li­che Tei­le des Gemein­de­ge­biets einer durch­setz­ba­ren gemeind­li­chen Pla­nung ent­zieht oder erheb­lich gemeind­li­che Ein­rich­tun­gen beein­träch­tigt2.

Dabei ist an dem Erfor­der­nis einer kon­kre­ten städ­te­bau­li­chen Absicht fest­zu­hal­ten. Es wird nicht durch einen „extrem lan­gen Pla­nungs­ho­ri­zont ad absur­dum geführt”, der dazu geführt hat, dass die Klä­ge­rin sich in einem „Sta­tus der erzwun­ge­nen Untä­tig­keit” befun­den hat. Inso­weit weist der Beklag­te zu Recht auf die Gel­tung des Prio­ri­täts­grund­sat­zes hin3. Danach hat eine Gemein­de mit ihrer Bau­leit­pla­nung auf eine Stra­ßen­pla­nung Rück­sicht zu neh­men, wenn die Stra­ßen­pla­nung hin­rei­chend ver­fes­tigt ist; umge­kehrt ist aber auch die kom­mu­na­le Bau­leit­pla­nung im Rah­men der zeit­lich nach­fol­gen­den Fach­pla­nung bei hin­rei­chen­der Ver­fes­ti­gung zu berück­sich­ti­gen4. Durch die­sen Grund­satz wird eine gegen­sei­ti­ge Rück­sicht­nah­me der ver­schie­de­nen Pla­nungs­trä­ger bei kon­kur­rie­ren­den Pla­nungs­vor­stel­lun­gen sicher­ge­stellt.

Auf eine Beein­träch­ti­gung der Pla­nungs­ho­heit kann auch der Umstand füh­ren, dass die­se auch gegen eine Ver­lär­mung sol­cher Bau­ge­bie­te schützt, die bereits in bestehen­den Bebau­ungs­plä­nen aus­ge­wie­sen sind; auch das Inter­es­se an der Bewah­rung der in der Bau­leit­pla­nung aus­ge­form­ten städ­te­bau­li­chen Ord­nung vor nach­hal­ti­gen Stö­run­gen ist ein schutz­wür­di­ger kom­mu­na­ler Belang5.

Eine Gemein­de kann dar­über hin­aus auch in ihrem Selbst­ge­stal­tungs­recht berührt sein, das vor Maß­nah­men schützt, die das Orts­bild ent­schei­dend prä­gen und hier­durch nach­hal­tig auf das Gemein­de­ge­biet und die Ent­wick­lung der Gemein­de ein­wir­ken6.

Der Ein­griff in das Selbst­ge­stal­tungs­recht der Klä­ge­rin kann zwar über­wun­den wer­den, da es der Plan­fest­stel­lungs­be­hör­de im Rah­men des Abwä­gungs­ge­bo­tes unter dem Vor­be­halt der Wah­rung des Grund­sat­zes der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit unbe­nom­men bleibt, gegen­läu­fi­gen Belan­gen den Vor­rang ein­zu­räu­men7. Der Plan­fest­stel­lungs­be­hör­de ist aber bei der am Maß­stab des pla­nungs­recht­li­chen Abwä­gungs­ge­bo­tes zu beur­tei­len­den Aus­wahl der Vor­zug­stras­se ein ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Feh­ler unter­lau­fen. Er durf­te weit­räu­mi­ge Süd­um­fah­run­gen, die das Gemein­de­ge­biet der Klä­ge­rin ver­schont hät­ten, nicht ohne nähe­re Unter­su­chung auf­grund einer blo­ßen Grob­ana­ly­se ver­wer­fen.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts müs­sen bei der Zusam­men­stel­lung des Abwä­gungs­ma­te­ri­als alle ernst­haft in Betracht kom­men­den Alter­na­tiv­lö­sun­gen berück­sich­tigt wer­den und mit der ihnen zukom­men­den Bedeu­tung in die ver­glei­chen­de Prü­fung der von den mög­li­chen Alter­na­ti­ven jeweils berühr­ten öffent­li­chen und pri­va­ten Belan­ge ein­ge­hen8. Die Plan­fest­stel­lungs­be­hör­de braucht den Sach­ver­halt dabei nur so weit zu klä­ren, wie dies für eine sach­ge­rech­te Ent­schei­dung und eine zweck­mä­ßi­ge Gestal­tung des Ver­fah­rens erfor­der­lich ist; Alter­na­ti­ven, die ihr auf­grund einer Grob­ana­ly­se als weni­ger geeig­net erschei­nen, darf sie schon in einem frü­hen Ver­fah­rens­sta­di­um aus­schei­den. Ergibt sich dage­gen nicht bereits bei einer Grob­ana­ly­se des Abwä­gungs­ma­te­ri­als die Vor­zugs­wür­dig­keit einer Tras­se, so muss die Behör­de die dann noch ernst­haft in Betracht kom­men­den Tras­se­n­al­ter­na­ti­ven im wei­te­ren Pla­nungs­ver­fah­ren detail­lier­ter unter­su­chen und ver­glei­chen. Die Gren­zen der pla­ne­ri­schen Gestal­tungs­frei­heit bei der Tras­sen­wahl sind erst dann über­schrit­ten, wenn eine ande­re als die gewähl­te Tras­sen­füh­rung sich unter Berück­sich­ti­gung aller abwä­gungs­er­heb­li­chen Belan­ge ein­deu­tig als die bes­se­re, weil öffent­li­che und pri­va­te Belan­ge ins­ge­samt scho­nen­de­re, hät­te auf­drän­gen müs­sen oder wenn der Plan­fest­stel­lungs­be­hör­de infol­ge einer feh­ler­haf­ten Ermitt­lung, Bewer­tung oder Gewich­tung ein­zel­ner Belan­ge ein rechts­er­heb­li­cher Feh­ler unter­lau­fen ist9.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 6. Novem­ber 2013 – 9 A 9.12

  1. vgl. auch BVerwG, Urteil vom 10.10.2012 – 9 A 20.11, Buch­holz 407.4 § 17 FStrG Nr. 229 Rn. 11
  2. stRspr, vgl. zuletzt BVerwG, Urteil vom 30.05.20129 – A 35.10, Buch­holz 407.4 § 17 FStrG Nr. 225 Rn. 35, m.w.N.
  3. vgl. hier­zu etwa Beschluss vom 05.11.2002 – 9 VR 14.02, Buch­holz 407.4 § 17 FStrG Nr. 171
  4. BVerwG, Urteil vom 24.11.2011 – 9 A 23.10, BVerw­GE 141, 171 = Buch­holz 407.4 § 17 FStrG Nr. 219 Rn. 30
  5. BVerwG, Urteil vom 17.03.2005 – 4 A 18.04, BVerw­GE 123, 152, 157 f. = Buch­holz 406.25 § 41 BIm­SchG Nr. 44
  6. BVerwG, Urteil vom 30.05.2012 – 9 A 35.10, Buch­holz 407.4 § 17 FStrG Nr. 225 Rn. 36 m.w.N.
  7. BVerwG, Urteil vom 30.05.2012 – 9 A 35.10 a.a.O. Rn. 36 m.w.N
  8. BVerwG, Beschluss vom 20.12 1988 – 7 NB 2.88, BVerw­GE 81, 128, 136 f. = Buch­holz 451.22 AbfG Nr. 29 S. 26; Urteil vom 09.06.2004 – 9 A 11.03, Buch­holz 406.400 § 61 BNatSchG 2002 Nr. 5 S. 41, inso­weit nicht ver­öf­fent­licht in BVerw­GE 121, 72
  9. vgl. nur BVerwG, Urtei­le vom 30.05.2012 a.a.O. Rn. 36; und vom 16.03.2006 – 4 A 1075.04, BVerw­GE 125, 116 Rn. 98 = Buch­holz 442.40 § 8 LuftVG Nr. 23