Gemein­sa­me Wahl­vor­schlä­ge zum hes­si­schen Gemein­de­vor­stand

Die im hes­si­schen Kom­mu­nal­recht vor­ge­se­he­ne Zulas­sung gemein­sa­mer Wahl­vor­schlä­ge zur Wahl der ehren­amt­li­chen Mit­glie­der des Gemein­de­vor­stands ver­stößt nicht gegen Bun­des­recht, ent­schied heu­te das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt. Damit ist die Anfech­tung der Wahl der ehren­amt­li­chen Magis­trats­mit­glie­der der Stadt Frank­furt am Main durch Mit­glie­der der Frak­ti­on "Bür­ger­bünd­nis für Frank­furt" auch in letz­ter Instanz erfolg­los geblie­ben.

Gemein­sa­me Wahl­vor­schlä­ge zum hes­si­schen Gemein­de­vor­stand

Im Kern ging es hier­bei wie­der ein­mal um die "Ver­tei­lung des letz­ten Sit­zes":

Die Klä­ger, Mit­glie­der der Frak­ti­on „Bür­ger­bünd­nis Für Frank­furt" (BFF), grei­fen mit ihrer Kla­ge die Gül­tig­keit der von der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung der Stadt Frankfurt/​Main am 18. Mai 2006 durch­ge­führ­ten Wahl der ehren­amt­li­chen Mit­glie­der des Magis­trats („Stadt­re­gie­rung") an. Sie machen gel­tend, die auf­grund des ange­wand­ten Wahl­ver­fah­rens erfolg­te Ver­tei­lung der Stel­len spie­ge­le nicht die Stär­ke­ver­hält­nis­se der Frak­tio­nen in der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung wider. Sie sehen dar­in eine unzu­läs­si­ge Mani­pu­la­ti­on des Wäh­ler­wil­lens und einen Ver­stoß gegen das Demo­kra­tie­ge­bot des Grund­ge­set­zes.

Nach der am 26. März 2006 durch­ge­führ­ten Kom­mu­nal­wahl gehö­ren von den 93 Mit­glie­dern der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung 34 der CDU, 22 der SPD, 14 den Grü­nen, sechs der FDP, sechs der Linken/​WASG, vier der FAG, drei dem BFF und jeweils ein Mit­glied der Öko­LinX-ARL, der E.L., der NPD und den REPs an. Zur Wahl der 14 ehren­amt­li­chen Miet­glie­der des Gemein­de­vor­stands (Magis­trats) der Stadt Frank­furt am Main lagen der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung ein gemein­sa­mer Wahl­vor­schlag der Koali­ti­ons­frak­tio­nen von CDU und Grü­nen sowie jeweils eige­ne Wahl­vor­schlä­ge der Frak­tio­nen der SPD, der Lin­ken, der FDP, der FAG und des BFF vor. Da auf den gemein­sa­men Wahl­vor­schlag der bei­den Koali­ti­ons­frak­tio­nen CDU und Grü­ne nach dem Berech­nungs­ver­fah­ren zur Sitz­ver­tei­lung (nach Hare-Nie­mey­er) weni­ger als die Hälf­te der zu ver­ge­ben­den Sit­ze ent­fal­len wäre, erhielt er nach einer "Mehr­heits­klau­sel" des § 22 Abs. 4 des hes­si­schen Kom­mu­nal­wahl­ge­set­zes einen zusätz­li­chen Sitz zuge­teilt und kam dadurch auf acht Sit­ze, wäh­rend die SPD drei Sit­ze und die Lin­ke, die FDP und die FAG jeweils einen Sitz erhiel­ten; der letz­te Sitz war zwi­schen FAG und BFF ver­lost wor­den.

Damit stel­len die auf­grund des gemein­sa­men Wahl­vor­schlags von CDU und Grü­nen Gewähl­ten nun die Mehr­heit der ehren­amt­li­chen Magis­trats­mit­glie­der. Ohne einen gemein­sa­men Wahl­vor­schlag, also bei zwei getrenn­ten Wahl­vor­schlä­gen der bei­den Koali­ti­ons­frak­tio­nen, wäre die Mehr­heits­klau­sel nicht anwend­bar gewe­sen, so dass für die Min­der­heits­frak­tio­nen ein wei­te­rer Sitz zur Ver­fü­gung gestan­den hät­te, der nach der Ver­tei­lung auf die BFF-Frak­ti­on ent­fal­len wäre, die so leer aus­ge­gan­gen ist und kei­nen Sitz erhal­ten hat.

Die BFF-Frak­ti­on mach­te nun gel­tend, nach dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­satz der Spie­gel­bild­lich­keit müs­se die Sitz­ver­tei­lung unter den ehren­amt­li­chen Mit­glie­dern des Magis­trats den Stär­ke­ver­hält­nis­sen in der Gemein­de­ver­tre­tung ent­spre­chen; gemein­sa­me Wahl­vor­schlä­ge sei­en unzu­läs­sig, da sie zu Ver­zer­run­gen führ­ten.

Die Kla­ge hat­te weder vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Frankfurt/​Main noch vor dem Hes­si­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hof in Kas­sel 1 Erfolg. Und auch das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ist dem Argu­ment der BFF nicht gefolgt:

Die Zulas­sung gemein­sa­mer Wahl­vor­schlä­ge zur Wahl der ehren­amt­li­chen Mit­glie­der des Magis­trats und die Anwen­dung der "Mehr­heits­klau­sel" ver­letz­ten den Grund­satz der Spie­gel­bild­lich­keit nicht, so das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in sei­nen Urteils­grün­den. Nach dem Grund­ge­setz gel­te er im kom­mu­na­len Bereich nur für die Gemein­de­ver­tre­tung und für die Wahl ihrer Unter- und Hilfs­or­ga­ne wie etwa der Aus­schüs­se. Auf die Wahl der ehren­amt­li­chen Mit­glie­der des Gemein­de­vor­stan­des kön­ne der Spie­gel­bild­lich­keits­grund­satz nicht über­tra­gen wer­den. Bei dem Gemein­de­vor­stand han­de­le es sich um ein Ver­wal­tungs­or­gan, das gegen­über der Gemein­de­ver­tre­tung eigen­stän­dig sei und über eige­ne Ver­wal­tungs­auf­ga­ben und ‑zustän­dig­kei­ten ver­fü­ge. Sei­ne Mit­glie­der müss­ten weder aus der Gemein­de­ver­tre­tung gewählt wer­den noch gehör­ten sie der Ver­tre­tung an. Auch die Chan­cen­gleich­heit der Frak­tio­nen, die Wahl­rechts­gleich­heit und das Demo­kra­tie­prin­zip sei­en nicht ver­letzt.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 28. April 2010 – 8 C 18.08

  1. Hess. VGH – 8 UE 876/​07[]