Gericht­li­che Über­prü­fung einer Abschie­bungs­an­dro­hung

Für die ge­richt­li­che Be­ur­tei­lung einer Ab­schie­bungs­an­dro­hung ist je­den­falls dann, wenn der Aus­län­der auf­grund der An­dro­hung noch nicht ab­ge­scho­ben wur­de oder noch nicht frei­wil­lig aus­ge­reist ist, die Sach- und Rechts­la­ge im Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung oder Ent­schei­dung des Tat­sa­chen­ge­richts ma­ß­geb­lich.

Gericht­li­che Über­prü­fung einer Abschie­bungs­an­dro­hung

Das liegt in der Kon­se­quenz der neue­ren Recht­spre­chung des Senats zum ver­än­der­ten Zeit­punkt der maß­geb­li­chen Sach- und Rechts­la­ge für die gericht­li­che Prü­fung einer Aus­wei­sung [1], der Ermes­sens­ent­schei­dung über die Ertei­lung und Ver­län­ge­rung einer Auf­ent­halts­er­laub­nis [2] sowie der Rück­nah­me oder des Wider­rufs eines unbe­fris­te­ten Auf­ent­halts­ti­tels [3]. Maß­geb­lich für die Ände­rung der Recht­spre­chung war die Erwä­gung, dass die genann­ten Ver­wal­tungs­ak­te zu einer Auf­ent­halts­be­en­di­gung füh­ren kön­nen, bei der in vie­len Fäl­len dem Recht auf Ach­tung des Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens aus Art. 8 EMRK und dem Grund­recht aus Art. 2 Abs. 1 GG auf freie Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit sowie bei fami­liä­ren Bin­dun­gen dem Grund­recht aus Art. 6 GG beson­de­re Bedeu­tung zukommt. Der die­sen Frei­heits­rech­ten imma­nen­te Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­satz spricht dafür, dass die Gerich­te bei ihrer Ent­schei­dung über einen auf­ent­halts­be­en­den­den Ver­wal­tungs­akt auf eine mög­lichst aktu­el­le, d.h. nicht bereits über­hol­te Tat­sa­chen­grund­la­ge abstel­len [4]. Sie sol­len rea­li­täts­nah und aus Grün­den der Ver­fah­rens­öko­no­mie mög­lichst abschlie­ßend ent­schei­den kön­nen [5]. Es liegt auf der Hand, dass die­se Über­le­gun­gen erst recht für die Abschie­bungs­an­dro­hung als voll­stre­ckungs­recht­li­che Grund­la­ge einer zwangs­wei­sen Auf­ent­halts­be­en­di­gung zutref­fen. Ob auch bei einer bereits durch­ge­führ­ten Abschie­bung oder einer frei­wil­li­gen Aus­rei­se auf den Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung bzw. Ent­schei­dung der Tat­sa­chen­in­stanz oder aber den Zeit­punkt der Abschie­bung bzw. Aus­rei­se abzu­stel­len ist, kann hier dahin­ste­hen.

Auch wenn – wie hier – für die revi­si­ons­ge­richt­li­che Prü­fung auf die Rechts­la­ge im Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung oder Ent­schei­dung des Tat­sa­chen­ge­richts abzu­stel­len ist, sind Rechts­än­de­run­gen wäh­rend des Revi­si­ons­ver­fah­rens zu beach­ten, wenn sie das Beru­fungs­ge­richt – ent­schie­de es anstel­le des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts – zu berück­sich­ti­gen hät­te [6].

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 22. März 2012 – 1 C 3.11

  1. BVerwG, Urteil vom 15.11.2007 – 1 C 45.06, BVerw­GE 130, 20 Rn. 12[]
  2. BVerwG, Urteil vom 07.04.2009 – 1 C 17.08, BVerw­GE 133, 329, Rn. 37 f.[]
  3. BVerwG, Urteil vom 13.04.2010 – 1 C 10.09, Buch­holz 402.242 § 51 Auf­en­thG Nr. 1[]
  4. BVerwG, Urteil vom 15.11.2007 a.a.O. Rn. 16 a.E.[]
  5. BVerwG, Urteil vom 13.12.2011 – 1 C 14.10 – juris Rn. 10 – zur Ver­öf­fent­li­chung in der Samm­lung BVerw­GE bestimmt[]
  6. stRspr, etwa BVerwG, Urteil vom 11.01.2011 – 1 C 1.10, BVerw­GE 138, 371 Rn. 10 m.w.N.[]