Gerichts­voll­zie­her in Meck­len­burg-Vor­pom­mern – und das thü­rin­ger Voll­stre­ckungs­er­su­chen

Amts­ge­richts­voll­zie­her in Meck­len­burg-Vor­pom­mern sind in der Regel gehal­ten, einem Voll­stre­ckungs­er­su­chen einer thü­rin­gi­schen Behör­de auf der Grund­la­ge des thü­rin­gi­schen Ver­wal­tungs­zu­stel­lungs- und Voll­stre­ckungs­ge­set­zes (ThürVwZVG) im Wege der Voll­stre­ckungs­hil­fe zu ent­spre­chen.

Gerichts­voll­zie­her in Meck­len­burg-Vor­pom­mern – und das thü­rin­ger Voll­stre­ckungs­er­su­chen

Im hier ent­schie­de­nen Fall hat die Gläu­bi­ge­rin, bei der es sich um eine thü­rin­gi­sche Gebiets­kör­per­schaft (Gemein­de) han­delt, der bei dem Amts­ge­richt Ber­gen auf Rügen – also in Meck­len­burg-Vor­pom­mern – täti­gen Ober­ge­richts­voll­zie­he­rin einen Voll­stre­ckungs­auf­trag erteilt. Bean­tragt ist u.a., dem im dor­ti­gen Amts­ge­richts­be­zirk wohn­haf­ten Schuld­ner die Ver­mö­gens­aus­kunft abzu­neh­men. Der Voll­stre­ckungs­auf­trag stützt sich auf einen nach thü­rin­gi­schem Lan­des­recht im Ver­wal­tungs­we­ge geschaf­fe­nen Titel wegen einer öffent­lich­recht­li­chen Geld­for­de­rung (Fried­hofs­ge­büh­ren­be­scheid). Eine Voll­streck­bar­keits­be­schei­ni­gung liegt vor.

Die OGV'in hat der Gemein­de unter Zurück­rei­chung der Voll­stre­ckungs­un­ter­la­gen mit­ge­teilt, dass der Voll­stre­ckungs­auf­trag nicht aus­ge­führt wer­den kön­ne, weil in Meck­len­burg-Vor­pom­mern der Amts­ge­richts­voll­zie­her für eine Voll­stre­ckung nach thü­rin­gi­schem Lan­des­recht nicht zustän­dig sei. Auf die Erin­ne­rung der thü­rin­ger Gemein­de wies das Amts­ge­richt nun jedoch die Amts­ge­richts­voll­zie­he­rin an, den Voll­stre­ckungs­auf­trag aus­zu­füh­ren:

Die OGV'in ist gehal­ten, dem Voll­stre­ckungs­auf­trag zu ent­spre­chen.

Zuzu­ge­ben ist der OGV'in aller­dings, dass die Rechts­la­ge sich inso­weit als nicht unkom­pli­ziert dar­stellt. Den­noch ist der Voll­stre­ckungs­auf­trag im Ergeb­nis berech­tigt und dem­entspre­chend zu rea­li­sie­ren.

Rich­tig und der OGV'in zuzu­ge­ben ist zunächst, dass das von der Gläu­bi­ge­rin her­an­ge­zo­ge­ne und dem Voll­stre­ckungs­auf­trag zu Grun­de geleg­te Thü­rin­gi­sche Ver­wal­tungs­zu­stel­lungs- und ‑voll­stre­ckungs­ge­setz (ThürVwZVG) in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 05.02.20091 als Lan­des­recht auf Behör­den des Frei­staa­tes Thü­rin­gen bzw. der dem Frei­staat Thü­rin­gen zuzu­ord­nen­den sons­ti­gen juris­ti­schen Per­so­nen des öffent­li­chen Rechts beschränkt ist. Anders als die Gläu­bi­ge­rin bzw. deren Behör­den (die Gläu­bi­ge­rin selbst ist als Kör­per­schaft Rechts­trä­ger, d. h. sie "ist" kei­ne Behör­de, son­dern "hat" Behör­den2, wobei hier offen blei­ben mag, ob vor­lie­gend der Ober­bür­ger­meis­ter als Behör­de anzu­se­hen ist oder die Gemein­de­kas­se, sofern man die Gemein­de­kas­se nicht ledig­lich als unselb­stän­di­ge Abtei­lung der Behör­de "Ober­bür­ger­meis­ter" ansieht, son­dern als selb­stän­di­ge Behör­de, was in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur unter­schied­lich gese­hen wird3; vgl. auch § 252 AO i.V.m. § 38 Abs. 1 Nr. 1 ThürVwZVG, wonacht die Voll­stre­ckungs­be­hör­de als Gläu­bi­ge­rin gilt) ist die OGV'in als Organ des Lan­des Meck­len­burg-Vor­pom­mern im Aus­gangs­punkt weder ver­pflich­tet noch auch nur berech­tigt, das Recht eines ande­ren Bun­des­lan­des zu voll­zie­hen. Der Frei­staat Thü­rin­gen kann nicht ein­sei­tig im Wege der dor­ti­gen Lan­des­ge­setz­ge­bung Orga­ne eines ande­ren Bun­des­lan­des "in Dienst neh­men", eben­so wie er z. B. nicht anord­nen könn­te – was hier nicht in Streit steht, dass die Gläu­bi­ge­rin bei Inan­spruch­nah­me der hie­si­gen OGV'in Kos­ten­be­frei­ung genießt, denn eine sol­che Anord­nung könn­te der Frei­staat Thü­rin­gen nur bzgl. sei­ner eige­nen Amts­ge­richts­voll­zie­her tref­fen4.

Das betrifft aber nur den unmit­tel­ba­ren Voll­zug frem­den Lan­des­rechts als eige­ne Ange­le­gen­heit. Die OGV'in kann und muss hin­ge­gen – sofern hier­für eine ent­spre­chen­de Grund­la­ge besteht – Voll­stre­ckungs­hil­fe für Behör­den ande­rer Bun­des­län­der leis­ten. Eine sol­che Grund­la­ge besteht. Zuzu­ge­ben ist der OGV'in aller­dings wie­der­um, dass hier­für, soweit ersicht­lich, kei­ne aus­drück­li­che – ein­fach­ge­setz­li­che – Rege­lung besteht, anders als z. B. im Saar­land, das in § 3 Abs. 2 sei­nes Ver­wal­tungs­voll­stre­ckungs­ge­set­zes (SaarlVwVG)5, aus­drück­lich die Voll­stre­ckungs­hil­fe für Behör­den ande­rer Bun­des­län­der durch den Amts­ge­richts­voll­zie­her erwähnt. Den­noch lässt sich eine ent­spre­chen­de Berech­ti­gung und Ver­pflich­tung aus dem Sinn­zu­sam­men­hang ver­schie­de­ner ein­fach­ge­setz­li­cher Vor­schrif­ten ent­neh­men. So sieht bei­spiels­wei­se § 111 Abs. 4b des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens, Zustel­lungs- und Voll­stre­ckungs­ge­set­zes des Lan­des Meck­len­burg-Vor­pom­mern (LVwVfG M‑V)6 aus­drück­lich vor, dass eine Voll­stre­ckungs­be­hör­de aus einem ande­ren Bun­des­land eine Pfän­dungs- und Ein­zie­hungs­ver­fü­gung gegen einen in Meck­len­burg-Vor­pom­mern ansäs­si­gen Schuld­ner bzw. Dritt­schuld­ner erlas­sen und in Meck­len­burg-Vor­pom­mern zustel­len kann. Hier gestat­tet das Land Meck­len­burg-Vor­pom­mern ande­ren Bun­des­län­dern, in Meck­len­burg-Vor­pom­mern unmit­tel­bar hoheit­lich zu agie­ren, gewis­ser­ma­ßen "exter­ri­to­ri­al". Dass eine (Ver­wal­tungs-) Voll­stre­ckung einer Behör­de eines ande­ren Bun­des­lan­des auf der Grund­la­ge dor­ti­gen Lan­des­rechts auf dem Gebiet des Lan­des Meck­len­burg-Vor­pom­mern mög­lich ist und Wir­kung zei­tigt, ist damit grund­sätz­lich aner­kannt. Das spricht dafür, auch die Ein­schal­tung eines "inlän­di­schen" Hoheits­trä­gers aus Meck­len­burg-Vor­pom­mern, bei­spiels­wei­se des Amts­ge­richts­voll­zie­hers, im Wege der Voll­stre­ckungs­hil­fe zuzu­las­sen, zumal hier­in der gerin­ge­re Ein­griff in die staat­li­che Sou­ve­rä­ni­tät des Lan­des Meck­len­burg-Vor­pom­mern liegt (Erst­recht­schluss). Empi­risch jeden­falls ist fest­zu­stel­len, dass z. B. in Baden-Würt­tem­berg eine Voll­stre­ckung unter Ein­schal­tung eines dor­ti­gen Amts­ge­richts­voll­zie­hers auf Ersu­chen einer thü­rin­gi­schen Behör­de und gestützt auf die Vor­schrif­ten des ThürVwZVG'es von der Recht­spre­chung aner­kannt wor­den ist, ohne dass hier­für eine aus­drück­li­che Grund­la­ge im baden-würt­tem­ber­gi­schen Lan­des­recht ange­führt wor­den wäre7. Indi­rekt aner­kennt z. B. auch das Lan­des­jus­tiz­kos­ten­ge­setz für Meck­len­burg-Vor­pom­mern (LJKG M‑V), dass Behör­den ande­rer Län­der bzw. deren Rechts­trä­ger meck­len­burg-vor­pom­mer­sche Amts­ge­richts­voll­zie­her im Wege der Voll­stre­ckungs­hil­fe in Anspruch neh­men, denn ande­ren­falls lie­fe der – unter dem Vor­be­halt der Gegen­sei­tig­keit ste­hen­de – Kos­ten­be­frei­ungs­tat­be­stand gemäß § 7 Abs. 2 i.V.m. Abs. 5, 2. Halbs. LJKG M‑V inso­weit leer. Letzt­lich erscheint das vor­ste­hen­de Ergeb­nis auch fol­ge­rich­tig, zumal die Berech­ti­gung und Ver­pflich­tung der OGV'in, der Gläu­bi­ge­rin Voll­stre­ckungs­hil­fe zu leis­ten8, hilfs­wei­se unmit­tel­bar aus der Bun­des­ver­fas­sung fol­gen wür­de, näm­lich aus Art. 35 Abs. 1 GG, wonach sich alle Behör­den des Bun­des und der Län­der gegen­sei­tig Rechts- und Amts­hil­fe leis­ten. Durch die vor­lie­gen­de Kon­struk­ti­on wird näm­lich letzt­lich ledig­lich gewähr­leis­tet, und das erscheint eben­so unbe­denk­lich wie not­wen­dig im Hin­blick auf die föde­ra­le Ord­nung, dass ein Hoheits­akt aus Thü­rin­gen in Meck­len­burg-Vor­pom­mern respek­tiert wird. Das setzt sei­nen Voll­zug vor­aus. Der Gläu­bi­ge­rin blie­be auch kei­ne ande­re Wahl, als die OGV'in im Wege der Voll­stre­ckungs­hil­fe ein­zu­schal­ten, denn sie – die Gläu­bi­ge­rin – hat den zu voll­stre­cken­den Anspruch im Ver­wal­tungs­we­ge selbst titu­liert. Wür­de sie ver­su­chen wol­len, den Anspruch gericht­lich auf der Grund­la­ge eines Bun­des­ge­set­zes (in die­sem Fall die Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung – VwGO), also durch ein Urteil, titu­lie­ren zu las­sen, das sodann – eben­falls bun­des­ge­setz­lich – in jedem Bun­des­land durch den jeweils zustän­di­gen Amts­ge­richts­voll­zie­her voll­zo­gen wer­den müss­te, wür­de ihr das (Ver­wal­tungs-) Amts­ge­richt ent­ge­gen­hal­ten (müs­sen), dass für eine sol­che Kla­ge kein Rechts­schutz­be­dürf­nis besteht, weil die For­de­rung im Ver­wal­tungs­we­ge durch Ver­wal­tungs­akt selbst titu­liert wer­den kann. Die­ses Ergeb­nis kann nicht sach­ge­recht sein.

Amts­ge­richt Ber­gen (Rügen), Beschluss vom 14. Janu­ar 2015 – 75 M 109/​14

  1. ThürGVBl.2009, S. 24 []
  2. vgl. Sie­gel, Die Ver­fah­rens­be­tei­li­gung von Behör­den und ande­ren Trä­gern öffent­li­cher Belan­ge, 2001, S. 44, Fußn. 147 []
  3. vgl. zu Letz­te­rem etwa OVG Müns­ter, DÖV 1958, 314, und Huken, KKZ 1985, 161, 165, einer­seits und OVG Mag­de­burg, NVwZ-RR 2000, 326, 327, ande­rer­seits []
  4. vgl. AG Bonn, Beschluss vom 08.03.2007 – 24 M 1123/​07, DGVZ 2007, 95 []
  5. vom 27.03.1974, zuletzt geän­dert durch Gesetz vom 21.09.2011, Saarl­Amts­Bl. I, S. 350 []
  6. in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 01.09.2014, GVOBl. M‑V 2014, S. 476 []
  7. vgl. AG Ett­lin­gen, Beschluss vom 06.02.2008 – 2 M 2001/​08, KKZ 2009, 41 f. []
  8. vgl. zum Gan­zen auch App, DGVZ 2008, 59 ff.; "Voll­stre­ckungs­er­su­chen" []