Gewäh­rung inter­na­tio­na­len Schut­zes in einem ande­ren EU-Mit­glied­staat – und die Pflicht zur Auf­klä­rung

Ist in einem Asyl­ver­fah­ren zwei­fel­haft, ob dem Schutz­su­chen­den bereits in einem ande­ren Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on inter­na­tio­na­ler Schutz gewährt wor­den ist, müs­sen die Ver­wal­tungs­ge­rich­te die­sen Sach­ver­halt auf­klä­ren. Dies gilt auch dann, wenn ein an den ande­ren Mit­glied­staat gerich­te­tes Aus­kunfts­er­su­chen nach den Dub­lin-Vor­schrif­ten (sog. Info-Request) unbe­ant­wor­tet geblie­ben ist. Das hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig mit drei heu­te ver­kün­de­ten Urtei­len ent­schie­den.

Gewäh­rung inter­na­tio­na­len Schut­zes in einem ande­ren EU-Mit­glied­staat – und die Pflicht zur Auf­klä­rung

Der Klä­ger, ein soma­li­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger, stell­te im Juli 2010 in Deutsch­land einen Asyl­an­trag, nach­dem er sich zuvor – durch ent­spre­chen­de „EURODAC-Tref­fer" bestä­tigt – län­ge­re Zeit in Ita­li­en und Schwe­den auf­ge­hal­ten hat­te. Da eine Über­stel­lung des Klä­gers nach der Dub­lin II-Ver­ord­nung wegen gesund­heit­li­cher Beein­träch­ti­gun­gen nicht erfol­gen konn­te, über­nahm das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) die Zustän­dig­keit für das Ver­fah­ren. Eine Ver­bin­dungs­be­am­tin des BAMF in Ita­li­en teil­te auf Anfra­ge mit, der Klä­ger habe in Ita­li­en bereits sub­si­diä­ren Schutz erhal­ten. Das BAMF lehn­te es dar­auf­hin im April 2013 u.a. ab, das Bestehen „euro­pa­recht­li­cher Abschie­bungs­ver­bo­te" – also sub­si­diä­ren Schut­zes – zu prü­fen, weil der Klä­ger die­sen Schutz­sta­tus offen­sicht­lich in Ita­li­en bereits erhal­ten habe.

Im Beru­fungs­ver­fah­ren, in dem der Klä­ger nur noch sub­si­diä­ren Schutz begehr­te, hat das BAMF auf Ver­an­las­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs ein Aus­kunfts­er­su­chen nach Art. 21 Dub­lin II-Ver­ord­nung an die ita­lie­ni­schen Behör­den gerich­tet, um eine Bestä­ti­gung zu erlan­gen, dass dem Klä­ger dort sub­si­diä­rer Schutz gewährt wor­den ist. Die­se Anfra­ge blieb unbe­ant­wor­tet. Der Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof hat den Bescheid dar­auf­hin inso­weit auf­ge­ho­ben, als dar­in von einer Prü­fung uni­ons­recht­li­cher und hilfs­wei­se natio­na­ler Abschie­bungs­ver­bo­te abge­se­hen wor­den ist. Es ste­he nicht fest, dass dem Klä­ger in Ita­li­en sub­si­diä­rer Schutz gewährt wor­den sei 1. Die hier­ge­gen gerich­te­te Revi­si­on des BAMF hat­te vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Erfolg:

Der Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof durf­te, so das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, die Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung nicht mit der Begrün­dung auf­he­ben, die Gewäh­rung sub­si­diä­ren Schut­zes in Ita­li­en ste­he nicht fest. Viel­mehr hät­te es hier wei­te­re Maß­nah­men zur Auf­klä­rung des Sach­ver­halts ergrei­fen müs­sen.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat daher das Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und den Rechts­streit an den Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hof zurück­ver­wie­sen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 21. Novem­ber 2017 – 1 C 39.16

  1. BayVGH, Urteil vom 13.10.2016 – 20 B 15.30008[]