Grab­mal­ge­stal­tungs­vor­schrif­ten

Das in einer kom­mu­na­len Fried­hofs­sat­zung ent­hal­te­ne Ver­bot von voll­stän­di­gen Grab­ab­de­ckun­gen für Erd­grab­stät­ten auf einem Fried­hof fin­det sei­ne gesetz­li­che Grund­la­ge in der Sat­zungs­au­to­no­mie der Gemein­de als Fried­hofs­trä­ge­rin, die Rechts­ver­hält­nis­se im Zusam­men­hang mit der öffent­li­chen Einrichtung/​Anstalt "Städ­ti­sche Fried­hö­fe" regeln zu dür­fen. Es ist zudem mit höher­ran­gi­gem Recht ver­ein­bar.

Grab­mal­ge­stal­tungs­vor­schrif­ten

Der damit ver­bun­de­ne Ein­griff in das Recht des Klä­gers auf freie Ent­fal­tung sei­ner Per­sön­lich­keit nach Art. 2 Abs. 1 GG, das den Wunsch naher Ange­hö­ri­ger eines Ver­stor­be­nen umfasst, des Toten nach eige­nen Vor­stel­lun­gen zu geden­ken und hier­zu auch Grab­ma­le nach eige­ner Gestal­tung zu errich­ten, ist gerecht­fer­tigt. Denn die durch Art. 2 Abs. 1 GG geschütz­te Gestal­tungs­frei­heit der Fried­hofs­be­nut­zer fin­det ihre Gren­ze u.a. in der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Ord­nung. Hier­zu gehö­ren auch Rege­lun­gen in einer Fried­hofs­sat­zung betref­fend die Gestal­tung von Grab­ma­len, die der Ver­wirk­li­chung all­ge­mei­ner Fried­hofs­zwe­cke die­nen. Zu den all­ge­mei­nen Fried­hofs­zwe­cken zäh­len u.a. die geord­ne­te und wür­di­ge Bestat­tung der Toten, ein unge­stör­tes Toten­ge­den­ken sowie die Gewähr­leis­tung einer unge­hin­der­ten Lei­chen­ver­we­sung inner­halb der Ruhe­zei­ten 1. Im Übri­gen lie­ße sich ein nicht schon all­ge­mein gerecht­fer­tig­tes Ver­bot von Voll­ab­de­ckun­gen – als zusätz­li­che Anfor­de­rung an die Gestal­tung der Grab­ma­le – mit dem Grund­recht der frei­en Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit der­art ver­ein­ba­ren, dass für ver­schie­de­ne Fried­hofs­tei­le des sel­ben Fried­hofs unter­schied­li­che Gestal­tungs­re­ge­lun­gen getrof­fen wer­den oder ent­spre­chen­de Flä­chen in zumut­ba­rer Ent­fer­nung auf einem ande­ren Fried­hof im sel­ben Gebiet zur Ver­fü­gung ste­hen 2.

Hier­von aus­ge­hend dient das in der Fried­hof­sat­zung ent­hal­te­ne Ver­bot voll­stän­di­ger Grab­ab­de­ckun­gen der Gewähr­leis­tung einer unge­hin­der­ten Lei­chen­ver­we­sung. Die Aus­füh­run­gen des Gut­ach­ters bele­gen hin­rei­chend, dass die Ver­wen­dung von Grab­plat­ten für eine Sarg-Erd­grab­stät­te in dem unter­such­ten Bereich des Fried­hofs T. zu einer deut­li­chen Ver­län­ge­rung der Ver­we­sungs­dau­er führt. Unter Berück­sich­ti­gung der beson­de­ren Boden­ver­hält­nis­se und der durch die Grab­plat­te ver­rin­ger­ten Sauer­stoff­zu­fuhr ver­zö­gert sich der Ver­we­sungs­pro­zess. Eine ver­rin­ger­te Sauer­stoff­zu­fuhr erhöht zudem das Risi­ko der soge­nann­ten Wachs­lei­chen­bil­dung. Die sach­ver­stän­dig pro­gnos­ti­zier­te Ver­we­sungs­dau­er von 40,8 Jah­ren über­schrei­tet die in der Fried­hof­sat­zung fest­ge­leg­te Ruhe­frist von 30 Jah­ren deut­lich.

Soweit der Klä­ger in die­sem Zusam­men­hang ein­wen­det, er sei durch­aus bereit, gegen wei­te­re Gebüh­ren sein 30-jäh­ri­ges Nut­zungs­recht am Wahl­grab sat­zungs­ge­mäß zu ver­län­gern, hilft dies nicht wei­ter. Wich­tig ist in die­sem Zusam­men­hang die unter­schied­li­che Bedeu­tung von Ruhe­zeit (hier 30 Jah­re, nicht ver­län­ger­bar) und Nut­zungs­zeit (hier 30, 35 oder 40 Jah­re). Die Ruhe­zeit ist der Zeit­raum, inner­halb des­sen ein Grab nicht erneut belegt wer­den darf. Die­se Frist soll sowohl eine aus­rei­chen­de Ver­we­sung der Lei­chen gewähr­leis­ten, als auch eine ange­mes­se­ne Toten­eh­rung ermög­li­chen 3. Die Nut­zungs­zeit ist die Dau­er, in der das erwor­be­ne Nut­zungs­recht an der Grab­stät­te besteht und die unab­hän­gig von einer tat­säch­li­chen Beer­di­gung läuft. Sie ist län­ger bemes­sen, um einen früh­zei­ti­gen Erwerb zu Leb­zei­ten und die Wah­rung der Ruhe­zei­ten bei Dop­pel­grab­stät­ten zu ermög­li­chen. Fra­gen der Ver­we­sungs­dau­er und mög­li­cher Ver­zö­ge­run­gen knüp­fen an die Ruhe­zeit von (hier) 30 Jah­ren an, wobei eine Ver­län­ge­rung sat­zungs­mä­ßig nicht vor­ge­se­hen ist. Im Übri­gen wür­de die hier pro­gnos­ti­zier­te Ver­we­sungs­dau­er bei einer Grab-Voll­ab­de­ckung von 40,8 Jah­ren auch die grund­sätz­lich vor­ge­se­he­ne längs­te Nut­zungs­zeit über­stei­gen, und ein Anspruch auf Wie­der­er­werb besteht nicht. Anhalts­punk­te dafür, dass die Ruhe­zeit von hier 30 Jah­ren gene­rell unver­tret­bar kurz bemes­sen ist 4, bestehen nicht. Im Ver­gleich mit der in Nie­der­sach­sen gel­ten­den Min­destru­he­zeit von 20 Jah­ren (§ 14 Satz 1 BestattG 5) und in ein­zel­nen Bun­des­län­dern gesetz­lich vor­ge­ge­be­nen Min­destru­he­zei­ten (15 bis 20 Jah­re) liegt die hier (für Lei­chen von Per­so­nen über fünf Jah­re) gewähl­te Ruhe­zeit von 30 Jah­ren bereits auf einem hohen Niveau. Anhalts­punk­te dafür, dass die­se Frist in einer Viel­zahl von Fäl­len unzu­rei­chend wäre, um eine aus­rei­chen­de Ver­we­sung der Lei­chen und eine ange­mes­se­ne Toten­eh­rung zu ermög­li­chen, bestehen nicht. Im Gegen­teil ermit­telt der Sach­ver­stän­di­ge in sei­ner gut­ach­ter­li­chen Stel­lung­nah­me eine Ver­we­sungs­dau­er von 28,3 Jah­ren bei einem Erd­grab ohne Abde­ckung. Die Gemein­de ist im Rah­men ihrer Sat­zungs­au­to­no­mie auch nicht gehal­ten, die Ruhe­zei­ten allen denk­ba­ren Arten der Bestat­tung (etwa Hart­holz- oder Metall­sär­ge, syn­the­ti­sche Grab­ge­wän­der) oder Grab­ge­stal­tungs­wün­schen Ein­zel­ner anzu­pas­sen. Viel­mehr darf sie typi­sie­ren, gene­ra­li­sie­ren und neben den Belan­gen aus­rei­chen­de Ver­we­sungs­zeit, ange­mes­se­ne Toten­eh­rung auch die Inter­es­sen an einer geord­ne­ten Wie­der­be­le­gung der Grab­stät­ten (Ver­mei­dung von Platz­man­gel und finan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten) berück­sich­ti­gen.

Ob das in der Fried­hof­sat­zung aus­ge­spro­che­ne Ver­bot zugleich erfor­der­lich ist, eine wür­di­ge Bestat­tung der Toten zu gewähr­leis­ten 6, kann hier dahin­ste­hen. Denn es genügt, dass eine Grab­mal­ge­stal­tungs­vor­schrift der Ver­wirk­li­chung eines der genann­ten all­ge­mei­nen Fried­hofs­zwe­cke dient.

Unab­hän­gig von den vor­ste­hen­den Erwä­gun­gen wäre das in der Fried­hof­sat­zung ent­hal­te­ne Abde­ckungs­ver­bot (selbst als beson­de­re Gestal­tungs­vor­schrift) auch des­halb wirk­sam, weil ande­re kom­mu­na­le und auch kon­fes­sio­nel­le Fried­hö­fe im Gemein­de­ge­biet wei­ter­ge­hen­de Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten eröff­nen. In Über­ein­stim­mung mit § 20 Abs. 7 Satz 2 FS sind u.a. auf den städ­ti­schen Fried­hö­fen in H. und in W. Grab­ab­de­ckun­gen mit Plat­ten oder ande­ren undurch­läs­si­gen Mate­ria­li­en bis zu einem Anteil von 75 % der Flä­che zuläs­sig. Inso­weit hat der Klä­ger nicht über­zeu­gend dar­le­gen kön­nen, dass ihm ein Aus­wei­chen mit sei­nen Gestal­tungs­vor­stel­lun­gen auf einen ande­ren kom­mu­na­len oder ggf. kon­fes­sio­nel­len Fried­hof nicht mög­lich oder etwa unzu­mut­bar ist. Sein Ver­weis dar­auf, dass nach dem letz­ten Wil­len sei­ner ver­stor­be­nen Ehe­frau ein ande­rer als der gewähl­te Fried­hof oder eine ande­re Gestal­tung als die gewähl­te Voll­ab­de­ckung ohne­hin nicht in Betracht gekom­men wären, recht­fer­tigt eine ande­re Ent­schei­dung nicht. Sowohl das post­mor­ta­le Per­sön­lich­keits­recht als auch das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht der Ange­hö­ri­gen gel­ten nicht unein­ge­schränkt, son­dern wer­den durch ver­hält­nis­mä­ßi­ge Vor­schrif­ten der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Ord­nung und Rech­te ande­rer begrenzt. Mit­hin war der Klä­ger nicht davon ent­bun­den abzu­wä­gen, wo und wie sich die Gestal­tungs­wün­sche sei­ner ver­stor­be­nen Ehe­frau im Rah­men der ver­schie­de­nen Fried­hofs­sat­zun­gen annä­hernd am bes­ten ver­wirk­li­chen las­sen.

Ver­wal­tungs­ge­richt Olden­burg, Urteil vom 23. Febru­ar 2011 – 5 A 1001/​10

  1. vgl. Nds. OVG, Beschluss vom 09.06.2010 – 8 ME 125/​10; und Urteil vom 15.06.2010 – 8 LB 115/​09, m.w.N.[]
  2. vgl. BVerwG, Beschluss vom 20.11.2007 – 7 BN 5.07; Nds. OVG, Beschluss vom 26.04.2005 – 8 LA 296/​04, Nds. VBl. 2005, 221; Gaed­ke, Hand­buch des Fried­hofs- und Bestat­tungs­rechts, 10. Auf­la­ge 2010, S. 203 f., Fuß­no­te 25[]
  3. vgl. Gaed­ke, a.a.O., 166 Rn. 31[]
  4. vgl. Nds. OVG, Beschluss vom 09.06.2010 – 8 ME 125/​10, a.a.O.; zu den Bemes­sungs­kri­te­ri­en: Gaed­ke, a.a.O. S. 166 f.[]
  5. Gesetz über das Leichen‑, Bestat­tungs- und Fried­hofs­we­sen – BestattG – vom 8. Dezem­ber 2005, Nds. GVBl. 2005, S. 381[]
  6. vgl. Hess VGH, Urteil vom 21.11.1988 – 11 UE 218/​84[]