Grundrechte für ausländische Aktiengesellschaften

Nach Art.19 Abs. 3 GG gelten die Grundrechte auch für inländische juristische Personen, soweit sie ihrem Wesen nach auf diese anwendbar sind. Aufgrund des Anwendungsvorrangs der Grundfreiheiten (Art. 26 Abs. 2 AEUV) und des allgemeinen Diskriminierungsverbots aus Gründen der Staatsangehörigkeit (Art. 18 AEUV) gilt dies auch für juristische Personen aus anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union1.

Grundrechte für ausländische Aktiengesellschaften

In der hier vom Bundesverfassungsgericht entschiedenen Sache ist die wesensmäßige Anwendbarkeit auf juristische Personen mit Blick auf die von der Beschwerdeführerin, einer niederländischen Aktiengesellschaft, als verletzt gerügte Berufsfreiheit ebenso zu bejahen wie mit Blick auf die allgemeine Handlungsfreiheit des Art. 2 Abs. 1 GG2. Für juristische Personen, die wie die Beschwerdeführerin ihren Sitz nicht in Deutschland haben, ist eine Berufung auf Art. 12 Abs. 1 GG allerdings zweifelhaft, da dieser nach seinem eindeutigen Wortlaut nur für Deutsche gilt3. Eine unionsrechtskonforme Auslegung – ungeachtet einer ebenfalls in Betracht zu ziehenden Nichtanwendbarkeit der Beschränkung des Grundrechts auf Deutsche – des Art. 12 Abs. 1 GG könnte zu einer Auslegung contra legem führen4. Denn es würde die Wortlautgrenze übersteigen, wollte man das Bürgerrecht des Art. 12 Abs. 1 GG auch auf Unionsbürger anderer Mitgliedstaaten ausweiten5. Das gilt auch mit Blick auf juristische Personen.

Dies bedeutet freilich nicht, dass die Verfassung juristische Personen mit Sitz in anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union in diesem Bereich ohne Schutz ließe. Im Anwendungsbereich des Unionsrechts verstieße eine unterschiedliche Behandlung von inländischen und ausländischen juristischen Personen gegen die Grundfreiheiten des Binnenmarktes (Art. 26 Abs. 2 AEUV) und das allgemeine Diskriminierungsverbot des Art. 18 Abs. 1 AEUV. Es reicht daher nicht aus, dass Unionsbürger anderer Mitgliedstaaten und ihnen gleichgestellte juristische Personen Deutschen beziehungsweise inländischen juristischen Personen einfachgesetzlich gleichgestellt sind, ihre Rechte aber gemäß Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG nicht auch mit Hilfe des Bundesverfassungsgerichts durchsetzen können6. Vielmehr muss diesen jedenfalls im Wege einer unionsrechtskonformen Auslegung des Art. 2 Abs. 1 GG derselbe Schutz gewährleistet werden, der Deutschen durch Art. 12 Abs. 1 GG zukommt7. Mit dem offenen Wortlaut des Art. 2 Abs. 1 GG ist das vereinbar8.

Vor diesem Hintergrund erscheint es denkbar, das bei inländischen juristischen Personen über Art. 12 Abs. 1 GG gewährleistete Schutzniveau bei ausländischen juristischen Personen über das subsidiär anwendbare allgemeine Freiheitsgrundrecht des Art. 2 Abs. 1 GG sicherzustellen9. Dessen Verletzung könnte die Beschwerdeführerin mit der Verfassungsbeschwerde geltend machen.

Bundesverfassungsgericht, Beschluss vom 4. November 2015 – 2 BvR 282/13

  1. vgl. BVerfGE 129, 78, 94 ff. []
  2. vgl. BVerfGE 10, 89, 99; stRspr []
  3. vgl. BVerfGE 78, 179, 196; 104, 337, 346; offen BVerfG, Beschluss vom 19.12 2007 – 1 BvR 2157/07 21 []
  4. vgl. nur EuGH, Urteil vom 15.01.2014, Association de médiation sociale, – C-176/12, Rn. 39 m.w.N. []
  5. vgl. Bauer, JBl 2000, S. 750, 758; Di Fabio, in: Maunz/Dürig, GG, Art. 2 Abs. 1 Rn. 35, Juli 2001; Lücke, EuR 2001, S. 112 ff.; Hillgruber, in: Umbach/Clemens, GG, Bd. 1, 2002, Art. 2 I Rn. 276; Scholz, in: Maunz/Dürig, GG, Art. 12 Rn. 105, Juni 2006; Stern, Staatsrecht, Bd. IV/1, 2006, § 111 III. 2., S. 1830 f.; Lorenz, in: Bonner Kommentar, Bd. 1a, Art. 2 Abs. 1, Rn. 99, April 2008; Manssen, in: v. Mangoldt/Klein/Starck, GG, Bd. 1, 6. Aufl.2010, Art. 12 Abs. 1 Rn. 266 f., 272; Kämmerer, in: von Münch/Kunig, GG, Bd. 1, 6. Aufl.2012, Art. 12 Rn. 10; Dreier, in: ders., GG, Bd. 1, 3. Aufl.2013, Vorb. Rn. 115 f., Art. 2 I Rn. 17, Art. 12 Rn. 58; Epping, Grundrechte, 6. Aufl.2014, Rn. 585; Mann, in: Sachs, GG, 7. Aufl.2014, Art. 12 Rn. 33 f.; anders Breuer, in: Isensee/Kirchhof, HStR VIII, 3. Aufl.2010, § 170 Rn. 43; Ruffert, in: Epping/Hillgruber, GG, Art. 12 Rn. 37, 1.03.2015; Jarass, in: Jarass/Pieroth, GG, 13. Aufl.2014, Art. 12 Rn. 12; Michael/Morlok, Grundrechte, 4. Aufl.2014, § 11 Rn. 448 []
  6. vgl. BVerfGE 129, 78, 97 f.; Lorenz, in: Bonner Kommentar, Bd. 1a, Art. 2 Abs. 1, Rn. 99, April 2008; Gundel, in: Isensee/Kirchhof, HStR IX, 3. Aufl.2011, § 198 Rn. 30; entgegen Störmer, AöR 123, 1998, S. 541, 560 ff., 574; Di Fabio, in: Maunz/Dürig, GG, Art. 2 Abs. 1 Rn. 35, Juli 2001; Hillgruber, in: Umbach/Clemens, GG, Bd. 1, 2002, Art. 2 I Rn. 277; Stern, Staatsrecht, Bd. IV/1, 2006, § 104 IV.03., S. 945; Cornils, in: Isensee/Kirchhof, HStR VII, 3. Aufl.2009, § 168 Rn. 50; Nolte, in: Stern/Becker, Grundrechte, 2010, Art. 12 Rn. 59; Sachs, in: Sachs, GG, 7. Aufl.2014, Vor Art. 1 Rn. 73 []
  7. vgl. Bauer/Kahl, JZ 1995, S. 1077, 1083; Bauer, JBl 2000, S. 750, 758 f.; Stern, Staatsrecht, Bd. IV/1, 2006, § 111 III. 2., S. 1830 f.; Lorenz, in: Bonner Kommentar, Bd. 1a, Art. 2 Abs. 1, Rn. 99, April 2008; Manssen, in: v. Mangoldt/Klein/Starck, GG, Bd. 1, 6. Aufl.2010, Art. 12 Abs. 1 Rn. 266 f., 272; Gundel, in: Isensee/Kirchhof, HStR IX, 3. Aufl.2011, § 198 Rn. 29; Rüfner, in: Isensee/Kirchhof, HStR IX, 3. Aufl.2011, § 196 Rn. 49; Kunig, in: von Münch/Kunig, GG, Bd. 1, 6. Aufl.2012, Art. 2 Rn. 3; Dreier, in: ders., GG, Bd. 1, 3. Aufl.2013, Vorb. Rn. 115 f., Art. 2 I Rn. 17, Art. 12 Rn. 58; Epping, Grundrechte, 6. Aufl.2014, Rn. 585 []
  8. entgegen Lücke, EuR 2001, S. 112, 115 f. []
  9. vgl. BVerfGE 35, 382, 399; 49, 168, 180; 78, 179, 196 f.; 104, 337, 346; ebenso Bauer/Kahl, JZ 1995, S. 1077, 1081 ff.; Bauer, JBl 2000, S. 750, 758; Heintzen, in: Merten/Papier, HGRe, Bd. II, 2006, § 50 Rn. 46; Stern, Staatsrecht, Bd. IV/1, 2006, § 111 III. 2., S. 1830 f.; Manssen, in: v. Mangoldt/Klein/Starck, GG, Bd. 1, 6. Aufl.2010, Art. 12 Abs. 1 Rn. 266 f., 272; Rüfner, in: Isensee/Kirchhof, HStR IX, 3. Aufl.2011, § 196 Rn. 49; Dreier, in: ders., GG, Bd. 1, 3. Aufl.2013, Vorb. Rn. 115 f., Art. 2 I Rn. 17, Art. 12 Rn. 58; Epping, Grundrechte, 6. Aufl.2014, Rn. 585 []