Grup­pen­ver­fol­gung der Yezi­den im Irak

Ange­sichts der seit dem 10.06.2014 ein­ge­tre­te­nen ver­än­der­ten Sicher­heits­la­ge droht Ange­hö­ri­gen der yezi­di­schen Glau­bens­ge­mein­schaft in der Pro­vinz Nini­we (Mosul) eine allein an ihren Glau­ben anknüp­fen­de Ver­fol­gung in der Gestalt von Gefah­ren für Leib und Leben sowie in der Gestalt von Ver­trei­bung, vor der sie weder effek­ti­ven Schutz von Sei­ten des ira­ki­schen Staats noch sei­tens schutz­be­rei­ter Orga­ni­sa­tio­nen erhal­ten kön­nen und vor der sie auf abseh­ba­re Zeit auch in ande­ren Gebie­ten des ira­ki­schen Staats­ge­biets kei­nen aus­rei­chen­den inter­nen Schutz erlan­gen.

Grup­pen­ver­fol­gung der Yezi­den im Irak

Das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge ist daher gemäß §§ 3 Abs. 4, 30 Abs. 2 Satz 1 AsylVfG und § 60 Abs. 1 Satz 3 Auf­en­thG ver­pflich­tet, die Fest­stel­lung zu tref­fen, dass dem yesi­di­schen Flücht­ling inter­na­tio­na­ler Schutz in Gestalt der Flücht­lings­ei­gen­schaft zuer­kannt wird.

Ein Aus­län­der kann inter­na­tio­na­len Schutz in Gestalt der Fest­stel­lung der Vor­aus­set­zun­gen für die Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft nach § 3 Abs. 1 AsylVfG in Anspruch neh­men, wenn er Flücht­ling im Sin­ne des Abkom­mens vom 28.07.1951 über die Rechts­stel­lung der Flücht­lin­ge 1 ist. Dies ist der Fall, wenn sich der Aus­län­der aus begrün­de­ter Furcht vor Ver­fol­gung wegen sei­ner Ras­se, Reli­gi­on, Natio­na­li­tät, poli­ti­schen Über­zeu­gung oder Zuge­hö­rig­keit zu einer bestimm­ten sozia­len Grup­pe außer­halb des Lan­des (Her­kunfts­land) befin­det, des­sen Staats­an­ge­hö­rig­keit er besitzt und des­sen Schutz er nicht in Anspruch neh­men kann oder wegen die­ser Furcht nicht in Anspruch neh­men will. In die­sem Fall darf er nach § 60 Abs. 1 Satz 1 Auf­en­thG nicht in den Staat abge­scho­ben wer­den, in dem sein Leben oder sei­ne Frei­heit aus den vor­ste­hend genann­ten Ver­fol­gungs­grün­den bedroht sind.

Die begrün­de­te Furcht vor einer Ver­fol­gung im Sin­ne des § 3 Abs. 1 AsylVfG kann auch auf Tat­sa­chen beru­hen, die ein­ge­tre­ten sind, nach­dem der Aus­län­der das Her­kunfts­land ver­las­sen hat, wobei es für die Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft ohne Belang ist, ob die­se auf einem eige­nen Ver­hal­ten des Schutz­su­chen­den oder auf von ihm nicht zu beein­flus­sen­den Umstän­den beru­hen (§ 28 Abs. 1a AsylVfG). Inso­weit kommt es allein dar­auf an, ob er sich aus begrün­de­ter Furcht vor Ver­fol­gung außer­halb sei­nes Her­kunfts­lan­des auf­hält. Hat der so Schutz Suchen­de sein Her­kunfts­land unver­folgt ver­las­sen, muss er glaub­haft machen, dass ihm wegen vor­ge­tra­ge­ner Nach­flucht­grün­de mit beacht­li­cher, also über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit die Gefahr von Ver­fol­gung droht, wenn er in sein Hei­mat­land zurück­kehrt 2. Dies ent­spricht dem für die für die Beur­tei­lung der Fra­ge, ob die Furcht des Betrof­fe­nen vor Ver­fol­gung begrün­det im Sin­ne von § 3 Abs. 1 Nr. 1 AsylVfG ist, uni­ons­recht­lich ein­heit­li­chen Pro­gno­se­maß­stab der tat­säch­li­chen Gefahr eines Scha­dens­ein­tritts 3.

In Anwen­dung die­ser Grund­sät­ze kann ein nach Deutsch­land geflo­he­ner Yesi­de glaub­haft machen, dass ihm mit über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit wegen sei­ner Zuge­hö­rig­keit zur Reli­gi­ons­ge­mein­schaft der Yezi­den die Gefahr von Ver­fol­gung droht, wenn er in sein Hei­mat­land Irak zurück­kehrt.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Ban­no­ver hat ange­sichts der seit dem 10.06.2014 in den nörd­li­chen Lan­des­tei­len des Irak ein­ge­tre­te­nen ver­än­der­ten Sicher­heits­la­ge kei­nen Zwei­fel dar­an, dass Ange­hö­ri­gen der yezi­di­schen Glau­bens­ge­mein­schaft in der Pro­vinz Nini­ve (Mosul) eine allein an ihren Glau­ben anknüp­fen­de Ver­fol­gung in der Gestalt von Gefah­ren für Leib und Leben sowie in der Gestalt von Ver­trei­bung droht, vor der sie weder effek­ti­ven Schutz von Sei­ten des ira­ki­schen Staats noch sei­tens schutz­be­rei­ter Orga­ni­sa­tio­nen erhal­ten kön­nen und vor der sie auf abseh­ba­re Zeit auch in ande­ren Gebie­ten des ira­ki­schen Staats­ge­biets kei­nen aus­rei­chen­den inter­nen Schutz erlan­gen.

Aus­ge­löst wird die Ver­fol­gung der Yezi­den in der Gestalt mas­sen­haf­ter Ver­trei­bung, will­kür­li­cher Tötun­gen, Gewalt­an­wen­dung oder durch den bedro­hungs­be­ding­ten Zwang zur Auf­ga­be des eige­nen Glau­bens durch die am 10.06.2014 aus Syri­en in den Irak ein­ge­drun­ge­nen bewaff­ne­ten Kampf­trup­pen der Dschi­ha­dis­ten­grup­pe Isla­mi­scher Staat (IS oder ISIS, auch Isla­mi­scher Staat in der Levan­te genannt). Die­se haben in den ver­gan­ge­nen zwei Mona­ten neben wei­te­ren Tei­len des ira­ki­schen Staats­ge­biets nahe­zu voll­stän­dig die Pro­vinz Nini­ve (Mosul) und – nach dem Rück­zug der kur­di­schen Pesh­mer­ga-Trup­pen – auch die dort befind­li­chen Sied­lungs­ge­bie­te der Yezi­den in den Bezir­ken Sin­jar, Tel Kef, Sheik­han und Al-Sheik­han unter ihre Kon­trol­le gebracht und tre­ten durch beson­de­re Grau­sam­keit gegen­über der nicht­mus­li­mi­schen Bevöl­ke­rung in Erschei­nung. Die Dschi­ha­dis­ten­grup­pe soll Berich­ten zufol­ge Gräu­el­ta­ten auch an der yezi­di­schen Bevöl­ke­rung der Pro­vinz Nini­ve, hier auch in der Stadt Sin­jar, ver­übt haben. Meh­re­re Hun­der­te Män­ner und Frau­en sei­en bereits auf offe­ner Stra­ße ermor­det und eben­so vie­le ver­schleppt wor­den. Dabei ist von erschre­cken­den Berich­ten über die von der Dschi­ha­dis­ten­grup­pe teil­wei­se in Inter­net­vi­deo­bot­schaf­ten öffent­lich bekannt gemach­ten Gewalt­ta­ten die Rede, wonach die Mili­zen der IS Fami­li­en zusam­men­trei­ben, Mas­sen­er­schie­ßun­gen durch­füh­ren und Yezi­den-Frau­en ver­skla­ven.

Die Gewalt­ta­ten und Ver­trei­bung gegen­über Yezi­den betref­fen eine Zahl von vie­len Tau­send Men­schen. Hin­sicht­lich der Grö­ßen­ord­nung der Zahl der von Ver­trei­bung betrof­fe­nen oder bedroh­ten Yezi­den ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Gesamt­zahl der im Bezirk Sin­jar leben­den Yezi­den nach neue­ren Erkennt­nis­sen anhand der Zahl aus­ge­ge­be­ner Lebens­mit­tel­kar­ten mit etwa 291.000 ermit­telt wor­den ist 4. Die Zahl der in der Sheik­han-Regi­on der Pro­vinz Nini­ve leben­den Yezi­den ist von sach­ver­stän­di­ger Sei­te auf ca. 65.000 geschätzt wor­den 5. Aller­dings belau­fen sich die Schät­zung des UNHCR für den Nord­irak auf eine Gesamt­zahl von ca. 550.000 Yezi­den im Nord­irak 6. Auch wenn die­se Zahl mög­li­cher­wei­se zu hoch ange­setzt wor­den ist, ist nach der Erfah­rung der Ver­wal­tungs­ge­richt aus zahl­rei­chen Kla­ge­ver­fah­ren fest­zu­stel­len, dass auch ein erheb­li­cher Anteil der yezi­di­schen Bevöl­ke­rung in den von Yezi­den und Chris­ten bewohn­ten Bezir­ken Tel Kef (Pro­vinz Nini­ve) und Sumel (Pro­vinz Dohuk) behei­ma­tet ist. Nach­dem infol­ge der Erobe­rung der Mil­lio­nen­stand Mosul durch die IS zunächst rund 500.000 der mehr­heit­lich sun­ni­tisch-mus­li­mi­schen Ein­woh­ner Mosuls geflo­hen waren, lös­ten zu Beginn des Monats August 2014 die mili­tä­ri­schen Nie­der­la­gen der kur­di­schen Pesh­mer­ga-Ein­hei­ten, die bis zu jenem Zeit­punkt die gro­ßen yezi­di­schen Sied­lun­gen in der Pro­vinz Nini­ve bewacht hat­ten 7, eine pani­sche Mas­sen­flucht unter der yezi­di­schen Bevöl­ke­rung aus. Von der Mas­sen­flucht soll der größ­te Teil der yezi­di­schen Bevöl­ke­rung betrof­fen sein, wobei die dadurch beding­te Lage in der auto­no­men Regi­on Kur­di­stan – Irak, soweit die­se von der Bevöl­ke­rung Nini­ves auf ihrer Flucht erreicht wor­den ist, als chao­tisch beschrie­ben wird 8.

Gegen­wär­tig befin­det sich nach Schät­zun­gen der Ver­ein­ten Natio­nen immer noch eine Zahl von etwa 1.000 yezi­di­schen Flücht­lin­gen aus Furcht vor den Mili­zen der IS in der Gebirgs­re­gi­on des Jabal Sin­jar, wo sie mit Nah­rung und Trink­was­ser nur aus der Luft ver­sorgt wer­den kön­nen und ihnen der Tod durch Ver­hun­gern und Ver­durs­ten oder durch Erschöp­fung droht. Nach Ein­schät­zung des Bun­des­au­ßen­mi­nis­ters Frank-Wal­ter Stein­mei­er über­steigt das Vor­ge­hen des IS-Ter­ror­re­gimes alles, was bis­her an Schre­ckens­sze­na­ri­en in der Regi­on bekannt war. Unter ande­rem die­se Umstän­de haben den ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten Barack Oba­ma ver­an­lasst, den Befehl für geziel­te Luft­an­grif­fe gegen die Dschi­ha­dis­ten­grup­pe Isla­mi­scher Staat zu ertei­len, um ein Mas­sa­ker an der Zivil­be­völ­ke­rung zu ver­hin­dern, wodurch aller­dings der Vor­marsch der Dschi­ha­dis­ten­grup­pe auch in Rich­tung auf die drei auto­no­men Kur­den­pro­vin­zen Dohuk, Erbil und Sulai­ma­ni­ya bis­her nicht ange­hal­ten wor­den ist.

Unter die­sen Umstän­den unter­lie­gen alle Ange­hö­ri­gen der yezi­di­schen Glau­bens­ge­mein­schaft aus dem Nord­irak einer Grup­pen­ver­fol­gung durch die die nicht­staat­li­chen Akteu­re (§ 3 c Nr. 3 AsylVfG) der radi­kal-isla­mis­tisch aus­ge­rich­te­ten extre­mis­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on Isla­mi­scher Staat. Ange­sichts der in der aus­führ­li­chen tages­ak­tu­el­len Bericht­erstat­tung über­mit­tel­ten Tat­sa­chen­la­ge und der Zah­len der betrof­fe­nen Men­schen kann inso­weit an dem Vor­lie­gen der für eine Grup­pen­ver­fol­gung begriffs­be­stim­men­den Merk­ma­le, näm­lich der Ver­gleich­bar­keit der Gefahr eines flücht­lings­recht­lich rele­van­ten Scha­dens­ein­tritts für jeden Grup­pen­an­ge­hö­ri­gen nach Ort, Zeit und Wie­der­ho­lungs­träch­tig­keit und Ver­fol­gungs­dich­te 9, kein ver­nünf­ti­ger Zwei­fel mehr bestehen 10. Dabei erfüllt neben den akut dro­hen­den wei­te­ren ter­ro­ris­ti­schen Gräu­el­ta­ten und Ver­skla­vun­gen an der yezi­di­schen Bevöl­ke­rung allein schon die gewalt­sa­me Ver­trei­bung der Yezi­den aus ihren Städ­ten und Zen­tral­dör­fern der Pro­vinz Nini­ve durch die Dschi­ha­dis­ten den Tat­be­stand flücht­lings­re­le­van­ter Ver­fol­gungs­hand­lun­gen (§ 3a Abs. 1 und Abs. 2 Nr. 1 AsylVfG). Dar­an, dass die­se allein an die von der radi­kal-isla­mis­ti­schen Grund­ein­stel­lung der Dschi­ha­dis­ten­grup­pe abwei­chen­den Glau­bens­vor­stel­lun­gen der Yezi­den anknüp­fen, hat das Ver­wal­tungs­ge­richt kei­nen Zwei­fel, da sich die Glau­bens­in­hal­te der yezi­di­schen Reli­gi­on natur­ge­mäß mit dem Ver­ständ­nis des unter dem Anfüh­rer Abu Bakr al-Bag­da­di am 30.06.2014 aus­ge­ru­fe­nen und aus­nahms­los gel­ten­den grenz­über­grei­fen­den Kali­fats, in wel­chem abwei­chen­de Glau­bens­vor­stel­lun­gen nicht gedul­det wer­den, nicht ver­ein­ba­ren las­sen. Dem­zu­fol­ge sol­len den Ver­ein­ten Natio­nen Berich­te vor­lie­gen, wonach die Trup­pen des IS Yezi­den und Ange­hö­ri­ge ande­rer Min­der­hei­ten sys­te­ma­tisch in die Enge trei­ben.

Gegen die Gewalt durch die nicht­staat­li­chen Akteu­re (§ 3 c Nr. 3 AsylVfG) der radi­kal-isla­mis­tisch aus­ge­rich­te­ten extre­mis­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on IS kann die Bevöl­ke­rung der Pro­vinz Nini­ve und der übri­gen betrof­fe­nen Gebiet des Nord­irak gegen­wär­tig und auf abseh­ba­re Zeit die Hil­fe des ira­ki­schen Staats nicht in Anspruch neh­men, da sich die ira­ki­sche Armee – wie all­ge­mein bekannt – aus den von der IS besetz­ten Gebie­ten im Nor­den des Irak voll­stän­dig zurück­ge­zo­gen und sich auf die Ver­tei­di­gung der ara­bisch besie­del­ten Gebiet des Zen­tra­li­rak nörd­lich von Bag­dad beschränkt hat. Ande­re effek­ti­ve Hil­fe steht gegen­wär­tig noch nicht zur Ver­fü­gung, weil die kur­di­schen Pesh­mer­ga-trup­pen die IS bis­her nicht aus der Pro­vinz Nini­ve ver­trei­ben konn­ten und ein Ende der Kämp­fe auch nach der Lie­fe­rung von Waf­fen­hil­fe an die Kur­den gegen­wär­tig nicht abseh­bar ist.

Den von der sys­te­ma­ti­schen Ver­trei­bung durch die Dschi­ha­dis­ten­grup­pe betrof­fe­nen Yezi­den steht in den drei Pro­vin­zen der Regi­on Kur­di­stan – Irak ein inter­ner Schutz vor Ver­fol­gung im Sin­ne von § 3 e Abs. 1 AsylVfG nach Über­zeu­gung des Gerichts aus drei selb­stän­dig tra­gen­den Grün­den nicht zur Ver­fü­gung.

Zunächst steht der Annah­me einer inlän­di­schen Flucht­al­ter­na­ti­ve in ande­ren Gebie­ten des Irak ent­ge­gen, dass es ange­sichts der Aus­deh­nung der von den IS-Trup­pen ein­ge­nom­me­nen Gebie­te schon an siche­ren Flucht­we­gen aus den Bezir­ken der Pro­vinz Nini­ve in die auto­no­men Kur­den­pro­vin­zen oder in ande­re Pro­vin­zen des Irak fehlt. Dies hat unter ande­rem zur Fol­ge, dass nach den Anga­ben der Unter­stüt­zungs­mis­si­on der Ver­ein­ten Natio­nen im Irak (UNAMI) bis­her zwar rund 200.000 Yezi­den Zuflucht in der kur­di­schen Auto­no­mie­re­gi­on im Nord­irak gefun­den haben. Rund 50.000 Yezi­den sind aber aus in das benach­bar­te Bür­ger­kriegs­land Syri­en geflo­hen, was deut­lich macht, dass die Flücht­lin­ge aus der Pro­vinz Nini­ve die Flucht­we­ge in die kur­di­schen Nord­pro­vin­zen oder in ande­re Gebie­te des Irak ange­sichts der Aus­deh­nung des Macht­be­reichs der IS nicht für aus­rei­chend sicher hal­ten.

Ein wei­te­rer Grund dafür, dass in den auto­no­men kur­di­schen Auto­no­mie­ge­bie­ten Pro­vin­zen Dohuk, Erbil und Sulai­ma­ni­ya kein den Kri­te­ri­en des § 3 e AsylVfG und des Art. 8 der Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie 2011/​95/​EU 11 ent­spre­chen­der inter­ner Schutz zu fin­den ist, besteht dar­in, dass auch für die­se Gebie­te eine tat­säch­li­che Sicher­heit vor Ver­fol­gung durch die extre­mis­ti­sche Dschi­ha­dis­ten­grup­pe nicht pro­gnos­ti­ziert wer­den kann. Die Kampf­trup­pen der IS haben nach neu­es­ten Mel­dun­gen nicht nur den Damm des Mosul-Stau­sees, son­dern auch die Stadt Tel Kef in dem gleich­na­mi­gen Bezirk in unmit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft zur kur­disch auto­nom ver­wal­te­ten Pro­vinz Dohuk und damit die Haupt­ver­bin­dungs­we­ge in den Nor­den unter ihre Kon­trol­le gebracht. Das bedeu­tet, dass auch die nörd­lich benach­bar­ten Sied­lun­gen der Yezi­den im angren­zen­den Bezirk Sumel der Pro­vinz Dohuk unmit­tel­bar von einem wei­te­ren Vor­rü­cken der Dschi­ha­dis­ten bedroht sind. In der kur­disch ver­wal­te­ten Pro­vinz Erbil bemü­hen sich gegen­wär­tig die Pesh­mer­ga-Trup­pen mit Hil­fe ame­ri­ka­ni­scher Luft­an­grif­fe, die Pro­vinz vor der Dschi­ha­dis­ten­grup­pe zu schüt­zen, wobei das Not­wen­dig­wer­den der Rück­erobe­rung der Städ­te Makhmur (Pro­vinz At-Tamim) und Al-Quwayr (Pro­vinz Nini­ve) zeigt, dass auch die Regi­on Kur­di­stan – Irak kon­kret das wei­te­re Vor­rü­cken der Kämp­fer der IS fürch­ten muss und daher gegen­wär­tig nicht die Vor­aus­set­zun­gen eines nach § 3 e Abs. 2 AsylVfG unzwei­fel­haft siche­ren Schutz­or­tes erfüllt. Dies deckt sich mit der Tat­sa­che, dass mit 20.000 Flücht­lin­gen ein erheb­li­cher Teil der yezi­di­schen Bevöl­ke­rung den Weg hin­ter die ira­kisch-tür­ki­sche Gren­ze gesucht hat und die tür­ki­sche Kata­stro­phen­schutz­be­hör­de in der Grenz­re­gi­on bei der ira­ki­schen Stadt Zacho ein Flücht­lings­la­ger für 16.000 Men­schen errich­ten las­sen will.

Schließ­lich ist allein schon die Dimen­si­on des Flücht­lings­stro­mes ein wei­te­rer selb­stän­di­ger Grund dafür, dass für yezi­di­sche Flücht­lin­ge aus der Pro­vinz Nini­ve in der Regi­on Kur­di­stan – Irak gegen­wär­tig kei­ne "ver­nünf­ti­ger­wei­se" zu erwar­ten­den Zumut­bar­keit eines inter­nen Schut­zes in der Regi­on Kur­di­stan – Irak im Sin­ne von § 3 e Abs. 1 und 2 AsylVfG und Art. 8 der Qua­li­fi­ka­ti­ons-RL 2011/​95/​EU ange­nom­men wer­den kann. Schon für die in den Zei­ten des frü­he­ren ira­ki­schen Regimes ver­zeich­ne­ten Flücht­lings­strö­me in die Nord­pro­vin­zen hat­te die Recht­spre­chung fest­ge­stellt, dass ange­sichts der begrenz­ten Res­sour­cen und Auf­nah­me­mög­lich­kei­ten des kur­di­schen Auto­no­mie­ge­bie­tes dort nur dann eine inlän­di­sche Flucht­al­ter­na­ti­ve für Flücht­lin­gen aus ande­ren Gebie­ten des Irak besteht, wenn der Flücht­ling über ver­wandt­schaft­li­che und/​oder wirt­schaft­li­che Bezie­hun­gen zum Auto­no­mie­ge­biet ver­fügt und so sein unab­weis­ba­res Exis­tenz­mi­ni­mum sichern kann; ein Auf­ent­halt in den dort bestehen­den Lagern für Bin­nen­ver­trie­be­ne im Nord­irak genüg­te schon bis­her regel­mä­ßig nicht den Anfor­de­run­gen an eine inlän­di­sche Flucht­al­ter­na­ti­ve 12. Dies gilt ange­sichts der jetzt aktu­el­len Zah­len der Bin­nen­ver­trie­be­nen im Nord­irak mehr denn je, zumal der Bedarf an huma­ni­tä­rer Hil­fe dort all­ge­gen­wär­tig ist. So haben die Ver­ein­ten Natio­nen für den Irak die höchs­te Not­stands­stu­fe aus­ge­ru­fen; der zustän­di­ge UN-Son­der­be­auf­trag­te hat inso­weit auf den Umfang der huma­ni­tä­ren Kata­stro­phe im Irak hin­ge­wie­sen, wonach vor allem Nah­rung und Was­ser für die Zehn­tau­sen­den Men­schen, die vor der Offen­si­ve der Ter­ror­mi­liz "Isla­mi­scher Staat" IS auf der Flucht sind, bereit­ge­stellt wer­den sol­len.

Die­se Situa­ti­on, wonach es für ver­trie­be­ne Yezi­den in der Regel gegen­wär­tig eine men­schen­wür­di­ge Exis­tenz in den Auto­no­mie­ge­bie­ten nicht gibt, kenn­zeich­net auch die Lage des Klä­gers des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens. Er stammt aus der von Yezi­den bewohn­ten Sied­lung Sere­j­ka (Serish­kan) im Bezirk Tel Kef der Pro­vinz Nini­ve. Aus­weis­lich sei­ner Anga­ben bei der per­sön­li­chen Anhö­rung vor dem Bun­des­amt ver­fügt er in den Nord­pro­vin­zen nicht über ver­wandt­schaft­li­chen Bezie­hun­gen. Im Irak leb­te bis­her nur noch ein Onkel müt­ter­li­cher­seits in der benach­bar­ten Stadt Sheik­han. Im Übri­gen hat die Fami­lie des Klä­gers mit der Aus­rei­se sei­ner Mut­ter und sei­ner Geschwis­ter den Irak voll­zäh­lig ver­las­sen. In der auto­no­men Pro­vinz Sulai­ma­ni­ya hat der Klä­ger nur vor­über­ge­hend als aus­wär­ti­ger Arbei­ter in dem Restau­rant gewohnt, in wel­chem er als Jugend­li­cher im Alter von 14 bis 16 Jah­ren vor­über­ge­hend beschäf­tigt war, um zum Unter­halt sei­ner Fami­lie bei­zu­tra­gen. Über ver­wandt­schaft­li­che oder wirt­schaft­li­che Bezie­hun­gen in die auto­no­men Kur­den­pro­vin­zen, die ihm dort ein Leben über dem Exis­tenz­mi­ni­mum ermög­li­chen könn­ten, ver­fügt der Klä­ger danach nicht.

Hat der Klä­ger Anspruch auf die mit dem Haupt­an­trag ver­folg­te Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft, braucht auf die Vor­aus­set­zun­gen des Vor­lie­gens eines sub­si­diä­ren Schut­zes, die nach der Recht­spre­chung des Ver­wal­tungs­ge­richts Han­no­ver 13 gegen­wär­tig bei Flücht­lin­gen aus der Pro­vinz Nini­ve erfüllt sind, nicht ein­ge­gan­gen zu wer­den.

Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver, Urteil vom 15. August 2014 – 6 A 9853/​14

  1. BGBl.1953 II S. 559, 560[]
  2. BVerwG, Urteil vom 20.03.2007 – 1 C 21.06, BVerw­GE 128, 199 ff. = NVwZ 2007 S. 1089 ff.[]
  3. BVerwG Urteil vom 11.06.2011 – 10 C 25/​10, BVerw­GE 140, 22 ff. = NVwZ 2011 S. 1463 ff.[]
  4. Savels­berg und Hamo, EZKS, Gut­ach­ten vom 16.09.2013 für das OVG Müns­ter[]
  5. Savels­berg und Hamo, EZKS, Gut­ach­ten vom 20.11.2011 für das VG Düs­sel­dorf[]
  6. Savels­berg und Hamo, a. a. O.[]
  7. Savels­berg und Hamo, EZKS, Gut­ach­ten vom 17.02.2010 für das VG Mün­chen[]
  8. med­ico inter­na­tio­nal vom 12.08.2014 "Nord­irak: Hel­fen Sie den Flücht­lin­gen"[]
  9. s. OVG NRW, Urteil vom 22.01.2014 – 9 A 2561/​10.A – zur bis­he­ri­gen Situa­ti­on der Yezi­den[]
  10. VG Han­no­ver, Beschluss vom 12.08.2014 – 6 A 8946/​14[]
  11. Richt­li­nie 2011/​95/​EU des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 13.12 2011, ABl.EG L 337[]
  12. BayVGH, Urteil vom 09.10. – 15 B 99.32230 m. w. N.[]
  13. VG Han­no­ver, Beschl. vom 12.08.2014 – 6 A 8946/​14[]