Grup­pen­ver­fol­gung syri­scher Wehr­dienst­flücht­lin­ge

In der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ist geklärt, dass eine Grup­pe gemäß § 3b Abs. 1 Nr. 4 AsylG ins­be­son­de­re als eine bestimm­te sozia­le Grup­pe gilt, wenn

Grup­pen­ver­fol­gung syri­scher Wehr­dienst­flücht­lin­ge
  1. die Mit­glie­der die­ser Grup­pe ange­bo­re­ne Merk­ma­le oder einen gemein­sa­men Hin­ter­grund, der nicht ver­än­dert wer­den kann, gemein haben oder Merk­ma­le oder eine Glau­bens­über­zeu­gung tei­len, die so bedeut­sam für die Iden­ti­tät oder das Gewis­sen sind, dass der Betref­fen­de nicht gezwun­gen wer­den soll­te, auf sie zu ver­zich­ten, und
  2. die Grup­pe in dem betref­fen­den Land eine deut­lich abge­grenz­te Iden­ti­tät hat, da sie von der sie umge­ben­den Gesell­schaft als anders­ar­tig betrach­tet wird.

Im Ein­klang mit Art. 10 Abs. 1 Buchst. d Richt­li­nie 2011/​95/​EU und der hier­zu ergan­ge­nen Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on 1 müs­sen die mit den Buch­sta­ben a und b gekenn­zeich­ne­ten Vor­aus­set­zun­gen des § 3b Abs. 1 Nr. 4 Halbs. 1 AsylG kumu­la­tiv erfüllt sein. Art. 10 Abs. 1 Buchst. d Richt­li­nie 2011/​95/​EU ist in Ver­bin­dung mit der vor­ste­hend bezeich­ne­ten Recht­spre­chung des Gerichts­hofs hin­rei­chend ein­deu­tig zu ent­neh­men, dass eine bestimm­te sozia­le Grup­pe in die­sem Sin­ne nicht vor­liegt, wenn die betrof­fe­ne Grup­pe nicht in dem betref­fen­den Land eine deut­lich abge­grenz­te Iden­ti­tät hat bezie­hungs­wei­se nicht von der sie umge­ben­den Gesell­schaft als anders­ar­tig betrach­tet wird 2.

Das selb­stän­di­ge Erfor­der­nis der "deut­lich abge­grenz­ten Iden­ti­tät" schließt jeden­falls ohne wei­ter­ge­hen­den Klä­rungs­be­darf eine Aus­le­gung aus, nach der eine "sozia­le Grup­pe" im Sin­ne des § 3b Abs. 1 Nr. 4 AsylG/​Art. 10 Abs. 1 Buchst. d Richt­li­nie 2011/​95/​EU allein dadurch begrün­det wird, dass eine Mehr- oder Viel­zahl von Per­so­nen in ver­gleich­ba­rer Wei­se von etwa als Ver­fol­gungs­hand­lung im Sin­ne des § 3a Abs. 1 oder 2 AsylG/​Art. 9 Abs. 1 oder 2 Richt­li­nie 2011/​95/​EU zu qua­li­fi­zie­ren­den Maß­nah­men betrof­fen wird; nach sei­nem inso­weit ein­deu­ti­gen Wort­laut greift auch § 3b Abs. 2 AsylG/​Art. 10 Abs. 2 Richt­li­nie 2011/​95/​EU erst bei der zuge­schrie­be­nen Zuge­hö­rig­keit zu einem der im jewei­li­gen Absatz 1 genann­ten Ver­fol­gungs­grün­de, nicht für die Kon­sti­tu­ti­on der "sozia­len Grup­pe" selbst.

Inso­fern darf nicht ver­kannt wer­den, dass die vom Euro­päi­schen Gerichts­hof in sei­nem Urteil vom 07.11.2013 3 vor­ge­nom­me­ne Aus­le­gung, dass das Bestehen straf­recht­li­cher Bestim­mun­gen, die spe­zi­fisch Homo­se­xu­el­le betref­fen, die Fest­stel­lung erlau­be, dass die­se Per­so­nen als eine bestimm­te sozia­le Grup­pe anzu­se­hen sind, nicht auf die hier zu ent­schei­den­de Kon­stel­la­ti­on syri­scher Wehr­dienst­ent­zie­her über­trag­bar ist.

  1. EuGH, Urtei­le vom 07.11.2013 – C‑199/​12, C‑200/​12 und C‑201/​12 [ECLI:?EU:?C:?2013:?720], Minis­ter voor Immi­gra­tie en Asiel/​X und Y sowie Z/​Minister voor Immi­gra­tie en Asiel, NVwZ 2014, 132 Rn. 45; und vom 25.01.2018 – C‑473/​16 [ECLI:?EU:?C:?2018:?36], F/​Bevándorlási és Állam­pol­gár­sági Hiva­tal, Rn. 30[]
  2. BVerwG, Urteil vom 19.04.2018 – 1 C 29.17 29 und 31[]
  3. EuGH, Urteil vom 07.11.2013 – C‑199/​12, – C‑200/​12, – C‑201/​12[]