Gut Dol­gen­brodt – und die Resti­tu­ti­ons­an­sprü­che der jüdi­schen Alt­ei­gen­tü­mer

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat aktu­ell ent­schie­den, dass der Alt­ei­gen­tü­mer des Gutes Dol­gen­brodt von der Gemein­de Hei­de­see die Rück­ga­be von vier gemeind­li­chen, frü­her zum Gut gehö­ren­den Grund­stü­cken ver­lan­gen kann.

Gut Dol­gen­brodt – und die Resti­tu­ti­ons­an­sprü­che der jüdi­schen Alt­ei­gen­tü­mer

Der Alt­ei­gen­tü­mer wur­de wäh­rend der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft als "jüdi­scher Misch­ling ers­ten Gra­des" zur Zwangs­ar­beit ein­ge­zo­gen. Er konn­te zwar aus dem Arbeits­la­ger ent­kom­men, muss­te sich jedoch ver­steckt hal­ten. Sein Vater, der das Gut für ihn ver­wal­te­te, wur­de im April 1945 wäh­rend eines Gesta­po-Ver­hörs erschos­sen. Der jüdi­schen Mut­ter gelang es, vor der Gesta­po zu flie­hen. Sie kehr­te erst nach der Beset­zung Dol­gen­brodts durch sowje­ti­sche Trup­pen mit dem Alt­ei­gen­tü­mer auf das Gut zurück. Die­ses wur­de im Zuge der Boden­re­form 1945/​46 ent­eig­net. Die vier umstrit­te­nen Grund­stü­cke gelang­ten zunächst in den Boden­fonds und schließ­lich in das Eigen­tum der Gemeinde.1990 bean­trag­te der Alt­ei­gen­tü­mer die Rück­über­tra­gung des Gutes und der frü­her dazu gehö­ren­den Grund­stü­cke. Die Beklag­te stell­te in Zif­fer 1 des ange­grif­fe­nen Beschei­des die ver­mö­gens­recht­li­che (Ent­schä­di­gungs-) Berech­ti­gung des Alt­ei­gen­tü­mers bezüg­lich des still­ge­leg­ten Guts­be­triebs fest. Mit Zif­fer 2 über­trug sie die vier strei­ti­gen Grund­stü­cke an den Alt­ei­gen­tü­mer zurück. Die Gemein­de hat dage­gen Kla­ge erho­ben und die­se aus­drück­lich auf Zif­fer 2 des Beschei­des beschränkt.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Cott­bus hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben und aus­ge­führt, der Alt­ei­gen­tü­mer habe das Gut nicht durch die Gesta­po-Akti­on, son­dern erst durch die Boden­re­form ver­lo­ren. Die­se besat­zungs­ho­heit­li­che Ent­eig­nung sei nach dem Ver­mö­gens­ge­setz nicht rück­gän­gig zu machen 1. Auf die Revi­si­on des Alt­ei­gen­tü­mers hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt das Urteil des Ver­wal­tungs­ge­richts geän­dert und die Kla­ge der Gemein­de abge­wie­sen:

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Cott­bus hät­te, so das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, die ver­mö­gens­recht­li­che Berech­ti­gung des Alt­ei­gen­tü­mers bezüg­lich des Gutes Dol­gen­brodt beja­hen müs­sen. Die Fest­stel­lung der Berech­ti­gung in Zif­fer 1 des Beschei­des ist gegen­über der Gemein­de bestands­kräf­tig gewor­den, weil die­se ihre Kla­ge aus­drück­lich und ein­deu­tig auf Zif­fer 2 beschränkt hat. An bestands­kräf­ti­ge Fest­stel­lun­gen sind Behör­den und Gerich­te gebun­den. Unab­hän­gig davon hät­te das Ver­wal­tungs­ge­richt nach sei­nen Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen von einem ver­fol­gungs­be­ding­ten Ver­lust des Gutes aus­ge­hen müs­sen. Der Alt­ei­gen­tü­mer wur­de durch die Ver­fol­gungs­maß­nah­men der Natio­nal­so­zia­lis­ten im April 1945 voll­stän­dig aus sei­ner Eigen­tü­merstel­lung ver­drängt. Zum maß­geb­li­chen dama­li­gen Zeit­punkt muss­te er den Ver­lust des Gutes auch für end­gül­tig hal­ten, weil eine Rück­ga­be unter den Bedin­gun­gen der NS-Herr­schaft aus­ge­schlos­sen war. Die vor­über­ge­hen­de Bewirt­schaf­tung des Gutes unter der sowje­ti­schen Besat­zung bis zur Boden­re­form stell­te kei­ne dau­er­haf­te, nach­hal­ti­ge Wie­der­gut­ma­chung dar. Eine Rück­über­tra­gung der vier Grund­stü­cke ist auch nicht aus ande­ren Grün­den aus­ge­schlos­sen. Die Rück­über­tra­gung ist zudem nicht des­halb rechts­wid­rig, weil die Fra­ge der Siche­rung etwai­ger vor­ran­gi­ger Ver­bind­lich­kei­ten der Gemein­de gegen­über pri­va­ten Gläu­bi­gern im Bescheid ursprüng­lich nicht gere­gelt war. Die Beklag­te hat den Bescheid um eine ent­spre­chen­de Rege­lung ergänzt.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 15. April 2015 – 8 C 14.2014 -

  1. VG Cott­bus, Urteil vom 27.02.2013 – 1 K 299/​05[]