Haus­ver­bot im Job­cen­ter

Für den Rechts­streit über ein Haus­ver­bot, das einem Bezie­her von Leis­tun­gen nach dem SGB II von einem Leis­tungs­trä­ger gemäß § 6 SGB II (Job­cen­ter) erteilt wor­den ist, ist der Rechts­weg zu den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten eröff­net. Die­se Ansicht ver­tritt jeden­falls das Ham­bur­gi­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt und wider­spricht damit – wie zuvor bereits die Ober­ver­wal­tungs­ge­rich­te in Bre­men und Müns­ter 1 dem Bun­des­so­zi­al­ge­richt 2.

Haus­ver­bot im Job­cen­ter

Im ent­schie­de­nen Fall bezieht der Antrag­stel­ler vom Antrags­geg­ner Leis­tun­gen nach dem Zwei­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch (SGB II). Das Job­cen­ter erteil­te ihm ein unbe­fris­te­tes Haus­ver­bot für im ein­zeln bezeich­ne­te Räum­lich­kei­ten des Job­cen­ters, da sich der Antrag­stel­ler ver­bal aggres­siv gegen­über Mit­ar­bei­tern gezeigt habe und zum Schut­ze der Mit­ar­bei­ter sowie zur Auf­recht­erhal­tung des Dienst­be­trie­bes ein Haus­ver­bot erfor­der­lich sei.

Das Ham­bur­gi­sche OVG sah in einem sol­chen Fall den Ver­wal­tungs­rechts­weg als den gemäß § 40 Abs. 1 VwGO zuläs­si­gen Rechts­weg. Der Fall betrifft eine öffent­lich-recht­li­che Strei­tig­keit nicht­ver­fas­sungs­recht­li­cher Art und ist auch nicht durch Bun­des­ge­setz einem ande­ren Gericht aus­drück­lich zuge­wie­sen.

Die Rechts­na­tur des von einem Trä­ger öffent­li­cher Ver­wal­tung aus­ge­spro­che­nen und gesetz­lich nicht aus­drück­lich gere­gel­ten Haus­ver­bots bestimmt sich maß­geb­lich nach dem Zweck der Maß­nah­me. Wie sich aus sei­ner Begrün­dung ergibt, dient das Haus­ver­bot im vor­lie­gen­den Fall neben dem Schutz der Beschäf­tig­ten der Auf­recht­erhal­tung des Dienst­be­trie­bes einer für die öffent­li­chen Auf­ga­ben nach u.A. dem SGB II zustän­di­gen Behör­de. Liegt der Zweck eines Haus­ver­bots in der Siche­rung der wid­mungs­ge­mä­ßen Auf­ga­ben­wahr­neh­mung einer öffent­li­chen Ein­rich­tung, ist die Aus­übung des Haus­rechts als öffent­lich-recht­lich zu qua­li­fi­zie­ren. Im vor­lie­gen­den Fall kommt hin­zu, dass der Antrags­geg­ner sein Haus­ver­bot als Ver­wal­tungs­akt aus­ge­stal­tet hat, wie sich aus der dem Bescheid bei­gefüg­ten Rechts­mit­tel­be­leh­rung sowie der Anord­nung der sofor­ti­gen Voll­zie­hung für den Fall des Wider­spruchs ergibt. Mit­hin ist auch der Antrags­geg­ner von einer hoheit­li­chen Befug­nis aus­ge­gan­gen, deren Bestehen und Recht­mä­ßig­keit der Kon­trol­le durch die all­ge­mei­nen oder spe­zi­el­len Ver­wal­tungs­ge­rich­te unter­liegt 3. Dass es sich hier um eine Strei­tig­keit nicht­ver­fas­sungs­recht­li­cher Art han­delt, bedarf kei­ner wei­te­ren Begrün­dung.

Der Rechts­streit ist auch nicht einem ande­ren Gericht im Sin­ne von § 40 Abs. 1 Satz 1 2. Halb­satz VwGO aus­drück­lich zuge­wie­sen. Ins­be­son­de­re ergibt sich kei­ne Zustän­dig­keit für die Sozi­al­ge­richts­bar­keit aus § 51 Abs. 1 Nr. 4 a SGG, wonach Gerich­te der Sozi­al­ge­richts­bar­keit in Ange­le­gen­hei­ten der Grund­si­che­rung für Arbeits­su­chen­de ent­schei­den. Das Ham­bur­gi­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt folgt nicht der im Beschluss des Bun­des­so­zi­al­ge­richts vom 1. April 2009 ver­tre­te­nen Auf­fas­sung, dass für Rechts­strei­tig­kei­ten über ein Haus­ver­bot für die Räu­me des Trä­gers der Grund­si­che­rung für Arbeits­su­chen­de der Rechts­weg zur Sozi­al­ge­richts­bar­keit gege­ben ist, wenn ein enger Sach­zu­sam­men­hang zu einer vom Trä­ger wahr­zu­neh­men­den Sach­auf­ga­be besteht 2.

Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt begrün­det sei­ne Auf­fas­sung vor allem damit, dass die Auf­ga­ben­er­fül­lung nach dem SGB II nach der Vor­stel­lung des Gesetz­ge­bers vom per­sön­li­chen Kon­takt des Hil­fe­be­dürf­ti­gen mit Mit­ar­bei­tern der Behör­de geprägt sei, was sei­nen Aus­druck etwa in § 14 Satz 2 des Geset­zes fin­de, wo es heißt, das die Agen­tur für Arbeit eine per­sön­li­che Ansprech­part­ne­rin oder einen per­sön­li­chen Ansprech­part­ner für leis­tungs­be­rech­tig­te Per­so­nen benen­nen sol­le. Die Beur­tei­lung der Recht­mä­ßig­keit eines Haus­ver­bots sei von den wei­te­ren Ansprü­chen und Pflich­ten des betrof­fe­nen Hil­fe­emp­fän­gers im Rah­men der „Dau­er­rechts­be­zie­hung“ nach dem SGB II kaum zu tren­nen. Die­se Sach­nä­he recht­fer­ti­ge die Zuwei­sung an die Gerich­te der Sozi­al­ge­richts­bar­keit, da die­se über die beson­de­re Sach­kun­de für Ange­le­gen­hei­ten der Grund­si­che­rung für Arbeits­su­chen­de ver­füg­ten 4.

Das Ham­bur­gi­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt teilt die­se Auf­fas­sung nicht. Ein gegen­über einem Bezie­her von Leis­tun­gen nach dem SGB II für die Räu­me eines sog. Job­cen­ters ergan­ge­nes Haus­ver­bot hat sei­ne Grund­la­ge weder im Recht der Grund­si­che­rung noch in den ein­schlä­gi­gen Vor­schrif­ten über das sozi­al­recht­li­che Ver­wal­tungs­ver­fah­ren. Grund­la­ge für ein sol­ches Haus­ver­bot, für das eine spe­zi­el­le gesetz­li­che Ermäch­ti­gung fehlt, ist viel­mehr die dem Behör­den­lei­ter oblie­gen­de Ord­nungs­ge­walt bzw. eine sich aus der öffent­lich-recht­li­chen Auf­ga­ben­zu­stän­dig­keit erge­ben­de Annex­kom­pe­tenz 5. Die­ses Haus­recht erfährt durch das Sozi­al­ge­setz­buch kei­ne der­ar­ti­ge Prä­gung, das von einem eigen­stän­di­gen, sozi­al­für­sor­ge­recht­li­chen Haus­ver­bot aus­ge­gan­gen wer­den könn­te. Die sich aus dem Sozi­al­recht erge­ben­den Beson­der­hei­ten wie z. B. die in § 14 Satz 2 SGB II gere­gel­te Not­wen­dig­keit eines per­sön­li­chen Ansprech­part­ners für den Leis­tungs­be­rech­tig­ten ist bei der Über­prü­fung der Recht­mä­ßig­keit eines Haus­ver­bots selbst­ver­ständ­lich – etwa bei der Fra­ge nach der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit – Rech­nung zu tra­gen, ohne dass dies dazu führ­te, das die­se Über­prü­fung allein von der Sozi­al­ge­richts­bar­keit geleis­tet wer­den könn­te. Jede ande­re Auf­fas­sung hät­te im Übri­gen zur Fol­ge, dass beim Ein­gang eines Rechts­streits über ein Haus­ver­bot zunächst im Ein­zel­nen der genaue mate­ri­el­le Hin­ter­grund der Bezie­hung zwi­schen Behör­de und Haus­ver­bots­emp­fän­ger ermit­telt wer­den müss­te, um die Rechts­strei­tig­keit – je nach Sach­ver­halt – ent­we­der dem Verwaltungs‑, Sozi­al- oder Finanz­ge­richt zuord­nen zu kön­nen. Die­se Kon­se­quenz wäre wenig prak­ti­ka­bel und kaum sinn­voll und führ­te im Übri­gen zu einem uner­wünsch­ten, gespal­te­nen Rechts­weg für letzt­lich ein und die­sel­be Mate­rie 6.

Ham­bur­gi­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 17. Okto­ber 2013 – 3 So 119/​13

  1. OVG Bre­men, Beschluss vom 25.03.2013, Nor­dÖR 2013, 264; OVG NRW, Beschluss vom 13.05.2011, NJW 2011, 2379[]
  2. BSG, Beschluss vom 01.04.2009 – B 14 SF 1/​08 R[][]
  3. vgl. zu vor­ste­hen­dem z. B. OVG Bre­men, Beschluss vom 25.03.2013, Nor­dÖR 2013, 264; OVG NRW, Beschluss vom 13.05.2011, NJW 2011, 2379[]
  4. vgl. im Ein­zel­nen BSG, Beschluss vom 01.04.2009 – B 14 SF 1/​08 R[]
  5. z. B. OVG Bre­men, Beschluss vom 25.03.2013, Nor­dÖR 2013, 264, 265; LSG Ham­burg, Beschluss vom 31.07.2012 – L 4 AS 246/​12 B ER[]
  6. wie hier eben­so für den Rechts­weg zum Ver­wal­tungs­ge­richt: Z.B. OVG Bre­men, Beschluss vom 25.03.2013, Nor­dÖR 2013, 264; OVG NRW, Beschluss vom 13.05.2011, NJW 2011, 2379; LSG Ham­burg, Beschluss vom 31.07.2012 – L 4 AS 246/​12 B ER, aus­drück­lich gegen das BSG in sei­ner Ent­schei­dung vom 01.04.2009[]