Isla­mi­sche Dach­ver­bän­de als Reli­gi­ons­ge­mein­schaft

Die Eigen­schaft isla­mi­scher Dach­ver­bän­de als Reli­gi­ons­ge­mein­schaft bedarf wei­te­rer Auf­klä­rung. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat daher einen nun­mehr seit 20 Jah­ren anhän­gi­gen Rechts­streit über isla­mi­schen Reli­gi­ons­un­ter­richt an öffent­li­chen Schu­len erneut an das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Müns­ter zurück­ge­ge­ben.

Isla­mi­sche Dach­ver­bän­de als Reli­gi­ons­ge­mein­schaft

In dem vor­lie­gen­den Ver­fah­ren hat­ten zwei isla­mi­sche Dach­ver­bän­de in der Rechts­form des ein­ge­tra­ge­nen Ver­eins geklagt. Ihre Mit­glie­der sind Moschee­ge­mein­den sowie isla­mi­sche Ver­bän­de und Ver­ei­ne. Ihre Kla­gen mit dem Ziel, das Land Nord­rhein-West­fa­len zu ver­pflich­ten, an den öffent­li­chen Schu­len isla­mi­schen Reli­gi­ons­un­ter­richt ein­zu­rich­ten, sind in den Vor­in­stan­zen erfolg­los geblie­ben. Nach Auf­fas­sung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts für das Land Nord­rhein-West­fa­len in Müns­ter sind die Klä­ger kei­ne Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten im Sin­ne des Grund­ge­set­zes, weil sie kei­ne Lehr­au­to­ri­tät in reli­giö­sen Fra­gen wahr­näh­men 1. Lehr­mei­nun­gen des Gelehr­ten­rats des einen Ver­ban­des hät­ten nur emp­feh­len­den Cha­rak­ter. Bei­de Ver­bän­de äußer­ten sich nicht in zen­tra­len Kon­flikt­fra­gen des Islam in Deutsch­land wie dem Ver­hält­nis von Grund­ge­setz und Scha­ria, der Stel­lung der Frau­en und der reli­giö­sen Tole­ranz.

Auf die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­den hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig das Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und die Sache erneut an das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen, weil die­ses die ver­wal­tungs­pro­zess­recht­li­che Bin­dung an die tra­gen­den recht­li­chen Erwä­gun­gen des ers­ten in die­ser Sache ergan­ge­nen Revi­si­ons­ur­teils des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts aus dem Jahr 2005 2 nicht hin­rei­chend beach­tet hat.

Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten haben nach Art. 7 Abs. 3 Sät­ze 1 und 2 GG einen Anspruch dar­auf, dass der Schul­trä­ger nach ihren Glau­bens­grund­sät­zen Reli­gi­ons­un­ter­richt als ordent­li­ches Lehr­fach an öffent­li­chen Schu­len ein­rich­tet. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat in dem ers­ten Revi­si­ons­ur­teil ent­schie­den, dass Dach­ver­bän­de wie die Klä­ger Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten sind, wenn sie u.a. über Kom­pe­tenz und Auto­ri­tät in Fra­gen der reli­giö­sen Leh­re ver­fü­gen. Dies betrifft die Glau­bens­in­hal­te des reli­giö­sen Bekennt­nis­ses, die sich dar­aus erge­ben­den Ver­hal­tens­an­for­de­run­gen für die reli­gi­ös Ver­ant­wort­li­chen und die Gläu­bi­gen sowie die Aus­übung des Kults. Lehr­au­to­ri­tät setzt vor­aus, dass sie mit einer gewis­sen Kon­ti­nui­tät aus­ge­übt wird, und die Lehr­mei­nun­gen Gewicht haben, sodass sich die reli­gi­ös Ver­ant­wort­li­chen und Gläu­bi­gen dar­an ori­en­tie­ren. Ein ver­bind­li­ches Lehr­amt ist nicht erfor­der­lich; des­sen Ein­rich­tung hängt vom Selbst­ver­ständ­nis der Reli­gi­ons­ge­mein­schaft ab. Auch einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft steht der Anspruch nach Art. 7 Abs. 3 Sät­ze 1 und 2 des Grund­ge­set­zes nur zu, wenn sie Gewähr bie­tet, die Ver­fas­sungs­ord­nung des Grund­ge­set­zes, ins­be­son­de­re die Grund­rech­te und die frei­heit­li­che Ver­fas­sung des Staats­kir­chen­rechts, zu respek­tie­ren.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat die­se bin­den­den Maß­ga­ben nicht beach­tet, weil es die Eigen­schaft als Reli­gi­ons­ge­mein­schaft von einem ver­bind­li­chen Lehr­amt in reli­giö­sen Fra­gen und der Abga­be von Stel­lung­nah­men in Fra­gen des Ver­hält­nis­ses von Staat und Reli­gi­on abhän­gig gemacht hat. Der zwei­te Gesichts­punkt betrifft die Respek­tie­rung der Ver­fas­sungs­ord­nung durch eine bestehen­de Reli­gi­ons­ge­mein­schaft. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt wird die Tätig­keit der bei­den Islam­ver­bän­de in Fra­gen der reli­giö­sen Leh­re und deren Bedeu­tung für reli­gi­ös Ver­ant­wort­li­che und Gläu­bi­ge wei­ter auf­zu­klä­ren haben. Stellt es fest, dass die bei­den Ver­bän­de über Lehr­au­to­ri­tät ver­fü­gen und auch die wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen für eine Reli­gi­ons­ge­mein­schaft erfüllt sind, wird es der Fra­ge der Respek­tie­rung der Ver­fas­sungs­ord­nung nach­zu­ge­hen haben.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 20. Dezem­ber 2018 – 6 B 94.18

  1. OVG NRW, Urteil vom 09.11.2017 – 19 A 997/​02[]
  2. BVerwG, Urteil vom 23.02.2005 – 6 C 2.04, BVerw­GE 123, 49[]