NPD-Funk­tio­nä­re – und die waf­fen­recht­li­che (Un-)Zuverlässigkeit

Wer in akti­ver Wei­se, ins­be­son­de­re durch Wahr­neh­mung von Par­tei­äm­tern oder Man­da­ten in Par­la­men­ten und Kom­mu­nal­ver­tre­tun­gen, Bestre­bun­gen einer Par­tei unter­stützt, die gegen die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung gerich­tet sind, besitzt in der Regel nicht die für eine waf­fen­recht­li­che Erlaub­nis erfor­der­li­che Zuver­läs­sig­keit.

NPD-Funk­tio­nä­re – und die waf­fen­recht­li­che (Un-)Zuverlässigkeit

Die Regel­ver­mu­tung der waf­fen­recht­li­chen Unzu­ver­läs­sig­keit kann in einem sol­chen Fall nur wider­legt wer­den, wenn sich der Funk­ti­ons- bzw. Man­dats­trä­ger in der Ver­gan­gen­heit recht­streu ver­hal­ten und sich dar­über hin­aus von het­zen­den Äuße­run­gen sowie gewalt­ge­neig­ten, bedro­hen­den oder ein­schüch­tern­den Ver­hal­tens­wei­sen von Mit­glie­dern und Anhän­gern der Par­tei unmiss­ver­ständ­lich und beharr­lich distan­ziert hat.

Dies hat jetzt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig in dem Fall eines stell­ver­tre­ten­den Vor­sit­zen­den eines NPD-Kreis­ver­ban­des ent­schie­den.

Der NPD-Funk­tio­när war stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der eines NPD-Kreis­ver­ban­des und ver­tritt die NPD in einem Kreis­tag und in einem Gemein­de­rat. Der Beklag­te wider­rief die dem NPD-Funk­tio­när als Sport­schüt­zen erteil­te Waf­fen­be­sitz­kar­te, da er in der Per­son des NPD-Funk­tio­närs wegen des­sen Akti­vi­tä­ten für die NPD den Regel­ver­sa­gungs­grund des § 5 Abs. 2 Nr. 3 Buchst. a WaffG a.F. als erfüllt ansah. Nach die­ser Vor­schrift besitzt die erfor­der­li­che waf­fen­recht­li­che Zuver­läs­sig­keit in der Regel nicht, wer ein­zeln oder als Mit­glied einer Ver­ei­ni­gung Bestre­bun­gen ver­folgt oder unter­stützt oder in den letz­ten fünf Jah­ren ver­folgt oder unter­stützt hat, die gegen die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung gerich­tet sind.

Die hier­ge­gen gerich­te­te Kla­ge des NPD-Funk­tio­närs hat vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Dres­den Erfolg 1. Auf die Beru­fung der Waf­fen­be­hör­de hat dage­gen das Säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Baut­zen das Urteil des Ver­wal­tungs­ge­richts geän­dert und die Kla­ge abge­wie­sen 2. Auf die Revi­si­on des NPD-Funk­tio­närs hat nun­mehr das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt das Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und die Sache zur ander­wei­ti­gen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen:

Unzu­ver­läs­sig i. S. des § 5 Abs. 2 Nr. 3 Buchst. a WaffG a.F. ist in der Regel auch der­je­ni­ge, der ver­fas­sungs­feind­li­che Bestre­bun­gen im Rah­men der Mit­glied­schaft in einer nicht ver­bo­te­nen poli­ti­schen Par­tei ver­folgt. Die Vor­schrift wird inso­weit nicht durch § 5 Abs. 2 Nr. 2 Buchst. b WaffG a.F. ver­drängt, wonach die erfor­der­li­che Zuver­läs­sig­keit in der Regel Per­so­nen nicht besit­zen, die Mit­glied in einer Par­tei waren, deren Ver­fas­sungs­wid­rig­keit das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nach § 46 BVerfGG fest­ge­stellt hat, wor­an es im Fall der NPD fehlt. Bis zu der – hier noch nicht anwend­ba­ren – Neu­fas­sung im Jahr 2017 ver­bot Art. 21 Abs. 2 GG a.F. zwar jede recht­li­che Anknüp­fung an die ver­fas­sungs­feind­li­che Aus­rich­tung einer Par­tei und jede dar­auf gestütz­te Behin­de­rung ihrer poli­ti­schen Tätig­keit bis zur Fest­stel­lung ihrer Ver­fas­sungs­wid­rig­keit durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (sog. Par­tei­en­pri­vi­leg). Im Hin­blick auf die Erfül­lung der staat­li­chen Schutz­pflicht für das Leben und die kör­per­li­che Unver­sehrt­heit (Art. 2 Abs. 2 GG) ist die Anwen­dung des § 5 Abs. 2 Nr. 3 WaffG a.F. bei Unter­stüt­zung der gegen die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung gerich­te­ten Bestre­bun­gen einer nicht ver­bo­te­nen poli­ti­schen Par­tei aber grund­sätz­lich gerecht­fer­tigt.

Das Schutz­gut der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Ord­nung umfasst die ele­men­ta­ren Grund­sätze der Ver­fas­sung, nament­lich die Men­schen­wür­de nach Art. 1 Abs. 1 GG, das Demo­kra­tie­prin­zip und den Grund­satz der Rechts­staat­lich­keit. Hier­ge­gen gerich­te­te Bestre­bun­gen einer Ver­ei­ni­gung lie­gen vor, wenn die­se als sol­che nach außen eine kämp­fe­risch-aggres­si­ve Hal­tung gegen­über die­sen Grund­sät­zen ein­nimmt. Die Ver­ei­ni­gung muss ihre Zie­le hin­ge­gen nicht durch Gewalt­an­wen­dung oder sons­ti­ge Rechts­ver­let­zun­gen zu ver­wirk­li­chen suchen. Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind bei der NPD erfüllt. Nach den unter ande­rem auf das Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts im NPD-Ver­bots­ver­fah­ren vom 17. Janu­ar 2017 gestütz­ten tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts ist davon aus­zu­ge­hen, dass die NPD das Ziel ver­folgt, die Gel­tung des Grund­sat­zes der Men­schen­wür­de nach Art. 1 Abs. 1 GG für Tei­le der Bevöl­ke­rung außer Kraft zu set­zen und ele­men­ta­re Bestand­tei­le des Demo­kra­tie­prin­zips zu besei­ti­gen. Hier­zu ent­fal­tet sie Akti­vi­tä­ten, die neben der Teil­nah­me am regu­lä­ren poli­ti­schen Mei­nungs­kampf auch Dif­fa­mie­run­gen und Agi­ta­ti­on umfas­sen und damit Aus­druck einer kämp­fe­risch-aggres­si­ven Hal­tung sind. Die­ser Befund wird nicht durch die Fest­stel­lung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in Fra­ge gestellt, es gebe kei­ne hin­rei­chen­den Anhalts­punk­te dafür, dass bei der NPD eine Grund­ten­denz besteht, ihre ver­fas­sungs­feind­li­chen Zie­le durch Gewalt oder die Bege­hung von Straf­ta­ten durch­zu­set­zen.

Der NPD-Funk­tio­när hat die gegen die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung gerich­te­ten Bestre­bun­gen der NPD i.S. des § 5 Abs. 2 Nr. 3 Buchst. a WaffG a.F. unter­stützt. Wer sei­ne Akti­vi­tä­ten für eine ver­fas­sungs­feind­li­che Par­tei nicht auf die blo­ße Mit­glied­schaft oder die pas­si­ve Teil­nah­me an Ver­an­stal­tun­gen beschränkt, son­dern her­aus­ge­ho­be­ne Ämter in der Par­tei oder einer ihrer Glie­de­run­gen über­nimmt, bringt damit zum Aus­druck, dass er sich mit den gegen die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung gerich­te­ten Bestre­bun­gen der Par­tei in beson­de­rem Maße iden­ti­fi­ziert und sich dau­er­haft hier­für ein­set­zen will. Zudem hat ein sol­cher Funk­ti­ons­trä­ger maß­geb­li­chen Ein­fluss auf die Art und Wei­se, wie sich die Par­tei nach außen hin prä­sen­tiert, und gibt ihr ein Gesicht in der Öffent­lich­keit. Ent­spre­chen­des gilt für die Wahr­neh­mung von Man­da­ten für eine ver­fas­sungs­feind­li­che Par­tei in einem Par­la­ment oder einer Kom­mu­nal­ver­tre­tung.

Die Waf­fen­be­hör­den bzw. Ver­wal­tungs­ge­rich­te müs­sen jedoch im jewei­li­gen Ein­zel­fall prü­fen, ob die Regel­ver­mu­tung der Unzu­ver­läs­sig­keit wider­legt ist, weil der vom Gesetz­ge­ber typi­sie­rend vor­aus­ge­setz­te Bezug der Unter­stüt­zung ver­fas­sungs­feind­li­cher Bestre­bun­gen zu dem Schutz­zweck des Waf­fen­ge­set­zes aus­nahms­wei­se fehlt. Dies setzt bei Funk­ti­ons- und Man­dats­trä­gern einer nicht ver­bo­te­nen Par­tei nicht zwin­gend die Nie­der­le­gung von Par­tei­äm­tern und Man­da­ten vor­aus. Sie ver­langt aber – neben einem in waf­fen­recht­li­cher Hin­sicht bean­stan­dungs­frei­en Ver­hal­ten – den Beleg einer ent­schie­de­nen, bestän­di­gen und nach außen erkenn­ba­ren Distan­zie­rung von sol­chen Äuße­run­gen und Ver­hal­tens­wei­sen der Par­tei­mit­glie­der und ‑anhän­ger, die eine Ten­denz zur Anwen­dung, Andro­hung oder Bil­li­gung von Gewalt erken­nen las­sen oder ein­schüch­tern­de Wir­kung haben. Zur Ermitt­lung der für die­se Prü­fung erfor­der­li­chen Tat­sa­chen hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt die Sache an das Säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 19. Juni 2019 – 6 C 9.18

  1. VG Dres­den, Urteil vom 23.06.2016 – 4 K 286/​16[]
  2. Sächs. OVG, Urtei vom 16.03.2018 – 3 A 556/​17[]