Jüdi­sche Emi­gran­ten und das Refou­le­ment-Ver­bot

Je­den­falls seit In­kraft­tre­ten des Zu­wan­de­rungs­ge­set­zes kön­nen sich jü­di­sche Emi­gran­ten aus der ehe­ma­li­gen So­wjet­uni­on al­lein auf­grund ihrer Auf­nah­me nicht auf das flücht­lings­recht­li­che Ab­schie­bungs­ver­bot (Re­­fou­­le­­ment-Ver­­­bot, Art. 33 Abs. 1 GFK) be­ru­fen.

Jüdi­sche Emi­gran­ten und das Refou­le­ment-Ver­bot

Gemäß § 1 Abs. 1 Hum­HAG genießt im Bun­des­ge­biet die Rechts­stel­lung nach den Art. 2 bis 34 GFK, wer als Aus­län­der im Rah­men huma­ni­tä­rer Hilfs­ak­tio­nen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land auf­grund der Ertei­lung einer Auf­ent­halts­er­laub­nis vor der Ein­rei­se in der Form des Sicht­ver­merks oder auf­grund einer Über­nah­me­er­klä­rung nach § 33 Abs. 1 Aus­lG 1990 im Gel­tungs­be­reich die­ses Geset­zes auf­ge­nom­men wor­den ist. Zwar stün­de der Fort­gel­tung des Kon­tin­gent­flücht­lings­sta­tus nicht ent­ge­gen, dass das Kon­tin­gent­flücht­lings­ge­setz durch Art. 15 Abs. 3 Nr. 3 des Zuwan­de­rungs­ge­set­zes vom 30.07.2004 1 mit Wir­kung zum 1.01.2005 auf­ge­ho­ben wor­den ist. Denn aus der Über­gangs­vor­schrift des § 103 Auf­en­thG, nach der für Kon­tin­gent­flücht­lin­ge die Erlö­schens- und die Wider­rufs­re­ge­lung des Kon­tin­gent­flücht­lings­ge­set­zes (§ 2a und 2b Hum­HAG) wei­ter Anwen­dung fin­den, ergibt sich, dass ein unmit­tel­bar auf­grund die­ses Geset­zes ent­stan­de­ner Kon­tin­gent­flücht­lings­sta­tus fort­be­steht. Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof hat aber die Vor­aus­set­zun­gen für einen gesetz­li­chen Sta­tus­er­werb nach § 1 Abs. 1 Hum­HAG beim Klä­ger zu Recht ver­neint.

Nach den vom Beru­fungs­ge­richt getrof­fe­nen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen befand sich der Klä­ger als jüdi­scher Emi­grant aus der frü­he­ren Sowjet­uni­on im Zeit­punkt sei­ner Auf­nah­me weder in einer Ver­fol­gungs­si­tua­ti­on noch war sei­ne Lage durch ein Flücht­lings­schick­sal gekenn­zeich­net. Ent­schei­dend ist jedoch, dass die Über­nah­me sei­tens der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht wegen eines der­ar­ti­gen Grup­pen­schick­sals erfolg­te 2. Das Beru­fungs­ge­richt hat den Beschluss der Minis­ter­prä­si­den­ten­kon­fe­renz (Bespre­chung des Bun­des­kanz­lers mit den Regie­rungs­chefs der Län­der) vom 9. Janu­ar 1991 und die dar­auf auf­bau­en­de Auf­nah­me­pra­xis jüdi­scher Emi­gran­ten aus der frü­he­ren Sowjet­uni­on viel­mehr dahin­ge­hend gewür­digt, dass die­ser Per­so­nen­kreis im Bewusst­sein der his­to­ri­schen Ver­ant­wor­tung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land für die Ver­bre­chen des Natio­nal­so­zia­lis­mus zur Erhal­tung der Lebens­fä­hig­keit jüdi­scher Gemein­den in Deutsch­land und zur Revi­ta­li­sie­rung des jüdi­schen Ele­ments im deut­schen Kul­tur- und Geis­tes­le­ben auf­ge­nom­men wur­de. Das ist revi­si­ons­ge­richt­lich nicht zu bean­stan­den.

Durch die Libe­ra­li­sie­rung der sowje­ti­schen Aus­rei­se­po­li­tik im Zuge der Pere­stroi­ka zogen, wie all­ge­mein­kun­dig ist, sowje­ti­sche Juden nach dem Fall der Ber­li­ner Mau­er ab 1989 ver­stärkt nach Ost-Ber­lin. Der Minis­ter­rat der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik beschloss am 11.07.1990 im Rah­men vor­läu­fi­ger Rege­lun­gen des Auf­ent­halts und des Asyls für Aus­län­der, zunächst in zu begren­zen­dem Umfang aus­län­di­schen jüdi­schen Bür­gern, denen Ver­fol­gung oder Dis­kri­mi­nie­rung droh­te, aus huma­ni­tä­ren Grün­den Auf­ent­halt zu gewäh­ren. Die­se Rege­lung fand jedoch kei­nen Nie­der­schlag im Eini­gungs­ver­trag. Die Bun­des­re­gie­rung bat viel­mehr im Sep­tem­ber 1990 die Aus­lands­ver­tre­tun­gen, Zuwan­de­rungs­an­trä­ge sowje­ti­scher Juden bis zur Klä­rung eines zwi­schen Bund und Län­dern abge­stimm­ten Auf­nah­me­ver­fah­rens nur ent­ge­gen­zu­neh­men und wei­ter zu bear­bei­ten, soweit nicht von vorn­her­ein eine Auf­nah­me nach den gel­ten­den Geset­zen aus­ge­schlos­sen sei 3. Im Bewusst­sein der his­to­ri­schen Ver­ant­wor­tung Deutsch­lands für die Ver­bre­chen des Natio­nal­so­zia­lis­mus stand sie dem Wunsch die­ses Per­so­nen­krei­ses, in Deutsch­land eine neue Hei­mat zu grün­den, im Grund­satz auf­ge­schlos­sen gegen­über, da der Zuzug die jüdi­schen Gemein­den in Deutsch­land stär­ke und die­se Stär­kung mit­tel- und lang­fris­tig zu einer Revi­ta­li­sie­rung des bedeu­ten­den jüdi­schen Bei­trags zum Kul­tur- und Geis­tes­le­ben in Deutsch­land füh­re. Eine unbe­grenz­te Auf­nah­me sowje­ti­scher Juden sei jedoch nicht mög­lich, son­dern kom­me nur im Rah­men eines geord­ne­ten Ver­fah­rens in Betracht. Dar­aus erge­be sich die Not­wen­dig­keit eines mit den Län­dern und den jüdi­schen Orga­ni­sa­tio­nen abge­stimm­ten Auf­nah­me­pro­gramms, das Vor­sor­ge für den gere­gel­ten Zugang und eine ange­mes­se­ne Unter­brin­gung tref­fe 4. Die­se Bestre­bun­gen, Moti­ve und Steue­rungs­be­dürf­nis­se, die auch die dama­li­ge poli­ti­sche Debat­te präg­ten 5, fan­den Ein­gang in den Beschluss der Minis­ter­prä­si­den­ten­kon­fe­renz vom 09.01.1991. Damit wur­de zwi­schen den Regie­rungs­chefs von Bund und Län­dern in Anwe­sen­heit des Bun­des­mi­nis­ters des Inne­ren Ein­ver­neh­men dar­über her­ge­stellt, dass die Ein­rei­se von Juden aus der Sowjet­uni­on ohne zah­len­mä­ßi­ge Begren­zung auch in Zukunft auf­grund von Ein­zel­fall­ent­schei­dun­gen in ent­spre­chen­der Anwen­dung des Kon­tin­gent­flücht­lings­ge­set­zes ermög­licht wird. Bei den groß­zü­gig zu hand­ha­ben­den Ein­zel­fall­ent­schei­dun­gen soll­te u.a. der Gesichts­punkt der Erhal­tung der Lebens­fä­hig­keit jüdi­scher Gemein­den in Deutsch­land eine Rol­le spie­len; die Ver­tei­lung auf die ein­zel­nen Län­der soll­te grund­sätz­lich nach dem „König­stei­ner Schlüs­sel“ erfol­gen 6.

Vor die­sem Hin­ter­grund erweist sich die Annah­me des Beru­fungs­ge­richts, die von der Minis­ter­prä­si­den­ten­kon­fe­renz beschlos­se­ne ent­spre­chen­de Anwen­dung des Kon­tin­gent­flücht­lings­ge­set­zes bele­ge, dass jüdi­sche Emi­gran­ten aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on von der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht als ver­folg­te oder durch ein Flücht­lings­schick­sal gekenn­zeich­ne­te Grup­pe auf­ge­nom­men wor­den sind, als über­zeu­gend 7. Man­gels gesetz­li­chen Erwerbs des Kon­tin­gent­flücht­lings­sta­tus kann sich der Klä­ger nicht unmit­tel­bar auf das Abschie­bungs­ver­bot des § 60 Abs. 1 Satz 2 Auf­en­thG i.V.m. § 1 Abs. 1 Hum­HAG und Art. 33 Abs. 1 GFK beru­fen.

Da der Klä­ger den Kon­tin­gent­flücht­lings­sta­tus nicht durch Gesetz erwor­ben hat, konn­te eine das Refou­le­ment­Ver­bot umfas­sen­de Rechts­stel­lung ent­ge­gen der Annah­me, wie sie der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung unaus­ge­spro­chen zugrun­de liegt, nur durch einen Rechts­akt (Ver­wal­tungs­akt) begrün­det wer­den. Denn nicht­förm­li­ches Ver­wal­tungs­han­deln, auch wenn es einer auf Schrei­ben obers­ter Bun­des- und Lan­des­be­hör­den zurück­zu­füh­ren­den Ver­wal­tungs­pra­xis ent­spricht, wonach die Betrof­fe­nen hin­sicht­lich bestimm­ter begüns­ti­gen­der Rechts­fol­gen wie Inha­ber des Kon­tin­gent­flücht­lings­sta­tus behan­delt wer­den sol­len, ver­mag einem Betrof­fe­nen weder die­sen Sta­tus noch die Mög­lich­keit der Beru­fung auf das Abschie­bungs­ver­bot des § 60 Abs. 1 Auf­en­thG bzw. Art. 33 GFK zu ver­mit­teln.

Als rechts­be­grün­den­der Ver­wal­tungs­akt kommt im vor­lie­gen­den Fall nur die Auf­nah­me­zu­sa­ge des Beauf­trag­ten des Frei­staats Bay­ern vom 18.06.1996 in Betracht. Sie wur­de – wie vom Klä­ger­be­voll­mäch­tig­ten im Revi­si­ons­ver­fah­ren belegt und auch von den übri­gen Betei­lig­ten nicht in Zwei­fel gezo­gen – der Fami­lie des Klä­gers vor ihrer Aus­rei­se durch das Gene­ral­kon­su­lat St. Peters­burg bekannt gege­ben. Die­se Vor­ge­hens­wei­se ent­sprach wohl auch der dama­li­gen Ver­wal­tungs­pra­xis (vgl. IV. Nr. 3 des Erlas­ses des Aus­wär­ti­gen Amtes betref­fend die Zuwan­de­rung von Juden aus der ehe­ma­li­gen UdSSR 8, nach der die Auf­nah­me­zu­sa­ge den Antrag­stel­lern unver­züg­lich zuzu­stel­len war).

Die dem Klä­ger bekannt gege­be­ne Auf­nah­me­zu­sa­ge ist ein Ver­wal­tungs­akt, der zumin­dest die Zusi­che­rung der Ertei­lung eines Visums sowie eines unbe­fris­te­ten Auf­ent­halts­ti­tels nach Ein­rei­se mit einem natio­na­len Visum ent­hielt 9. Der Gegen­auf­fas­sung, wie sie in IV. Nr. 7 des o.g. Erlas­ses des Aus­wär­ti­gen Amtes vom 25.03.1997 zum Aus­druck kommt, wonach selbst eine zuge­stell­te Auf­nah­me­zu­sa­ge als rei­nes Ver­wal­tungs­in­ter­num anzu­se­hen sei, folgt der Senat nicht. Denn ob ein behörd­li­ches Schrei­ben eine ver­bind­li­che Rege­lung durch Ver­wal­tungs­akt ent­hält und wel­chen Inhalt die­ser ggf. hat, ist durch Aus­le­gung nach der im Öffent­li­chen Recht ent­spre­chend anwend­ba­ren Regel des § 133 BGB zu ermit­teln. Die­ser all­ge­mei­ne Grund­satz fin­det hier Anwen­dung, unge­ach­tet des Umstands, dass das Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­ge­setz selbst gemäß § 2 Abs. 3 Nr. 3 VwVfG nicht für die Tätig­keit der Ver­tre­tun­gen des Bun­des im Aus­land gilt. Maß­ge­bend ist bei der Aus­le­gung behörd­li­cher Schrei­ben nicht der inne­re Wil­le der Behör­de, son­dern der erklär­te Wil­le, wie ihn der Emp­fän­ger bei objek­ti­vier­ter Wür­di­gung ver­ste­hen konn­te, wobei Unklar­hei­ten zu Las­ten der Ver­wal­tung gehen 10.

Bei Anwen­dung die­ser Maß­stä­be konn­te und durf­te der Klä­ger nach Erhalt des im Pen­del­brief­ver­fah­ren zwi­schen Gene­ral­kon­su­lat – Bun­des­ver­wal­tungs­amt – Beauf­trag­ter des Frei­staats Bay­ern und zurück über­mit­tel­ten For­mu­lars mit der Über­schrift „Auf­nah­me jüdi­scher Emi­gran­ten aus der Sowjet­uni­on in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land“ und der dar­in ange­kreuz­ten Vari­an­te „Die Auf­nah­me­zu­sa­ge wird erteilt.“ davon aus­ge­hen, dass damit dem Grun­de nach ver­bind­lich über sei­nen künf­ti­gen Auf­ent­halt im Bun­des­ge­biet ent­schie­den wor­den war. Die Not­wen­dig­keit, sich noch um ein Visum zu bemü­hen, steht dem nicht ent­ge­gen. Die gegen­tei­li­ge Annah­me wäre vor dem Hin­ter­grund, dass der Klä­ger zuvor beim Gene­ral­kon­su­lat ein For­mu­lar „Antrag auf Ertei­lung einer Auf­ent­halts­er­laub­nis – Zuwan­de­rungs­fall aus der SU“ aus­ge­füllt hat­te, lebens­fremd. Dem Revi­si­ons­ge­richt ist die eige­ne Aus­le­gung der Auf­nah­me­zu­sa­ge nicht ver­wehrt, da das Tat­sa­chen­ge­richt in sei­ner Ent­schei­dung auf­grund sei­nes abwei­chen­den recht­li­chen Ansat­zes dazu nichts aus­ge­führt hat 11.

Ob die Auf­nah­me­zu­sa­ge – ggf. in Ver­bin­dung mit einem bei­gefüg­ten Merk­blatt, wie es der Klä­ger­be­voll­mäch­tig­te bei­spiel­haft aus einem Par­al­lel­ver­fah­ren vor­ge­legt hat – dem Klä­ger über die oben genann­ten auf­ent­halts­recht­li­chen Ver­güns­ti­gun­gen hin­aus auch das in Art. 33 Abs. 1 GFK ent­hal­te­ne Refou­le­ment­Ver­bot ver­mit­telt hat, kann offen­blei­ben. Eine der­ar­ti­ge Annah­me könn­te sich jeden­falls nicht auf die Beschei­ni­gung stüt­zen, die ihm nach der Ein­rei­se im Okto­ber 1997 im Bun­des­ge­biet aus­ge­stellt wur­de und wonach er Flücht­ling im Sin­ne des § 1 Abs. 1 Hum­HAG ist. Denn für die Aus­le­gung eines Ver­wal­tungs­akts sind nur sol­che Umstän­de indi­zi­ell zu berück­sich­ti­gen, die dem Emp­fän­ger bei Zugang der Wil­lens­er­klä­rung – hier: der Auf­nah­me­zu­sa­ge – erkenn­bar waren 12. Des Wei­te­ren kommt es bei der Aus­le­gung der Auf­nah­me­zu­sa­ge aus dem Emp­fän­ger­ho­ri­zont nicht dar­auf an, ob die­se recht­mä­ßig war oder nicht. Daher hat außer Betracht zu blei­ben, ob das Aus­län­der­recht mit Blick auf die in § 33 Aus­lG 1990 eröff­ne­te Mög­lich­keit, Aus­län­der u.a. aus huma­ni­tä­ren Grün­den oder poli­ti­schen Inter­es­sen zu über­neh­men, über­haupt Raum für eine ent­spre­chen­de Anwen­dung des Kon­tin­gent­flücht­lings­ge­set­zes ließ 13. Das alles kann jedoch hier letzt­lich dahin­ste­hen.

Selbst wenn die Auf­nah­me­zu­sa­ge sei­ner­zeit das flücht­lings­recht­li­che Abschie­bungs­ver­bot mit umfasst haben soll­te, könn­te sich der Klä­ger hier­auf nach dem Inkraft­tre­ten des Zuwan­de­rungs­ge­set­zes nicht mehr beru­fen. Denn aus den Über­gangs­re­ge­lun­gen des Auf­ent­halts­ge­set­zes ergibt sich, dass der Gesetz­ge­ber mit der Neu­re­ge­lung des § 23 Abs. 2 Auf­en­thG die zukünf­ti­ge Rechts­stel­lung auch der vor dem 1.01.2005 auf­ge­nom­me­nen jüdi­schen Emi­gran­ten aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on abschlie­ßend neu aus­ge­stal­tet hat.

Nach § 23 Abs. 2 Auf­en­thG kann das Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern zur Wah­rung beson­ders gela­ger­ter poli­ti­scher Inter­es­sen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land im Beneh­men mit den obers­ten Lan­des­be­hör­den anord­nen, dass das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge Aus­län­dern aus bestimm­ten Staa­ten oder in sons­ti­ger Wei­se bestimm­ten Aus­län­der­grup­pen eine Auf­nah­me­zu­sa­ge erteilt. Den betrof­fe­nen Aus­län­dern ist ent­spre­chend der Auf­nah­me­zu­sa­ge eine zur Aus­übung einer Erwerbs­tä­tig­keit berech­ti­gen­de Auf­ent­halts­er­laub­nis oder eine Nie­der­las­sungs­er­laub­nis zu ertei­len, die mit einer wohn­sitz­be­schrän­ken­den Auf­la­ge ver­se­hen wer­den kann; flücht­lings­recht­li­chen Abschie­bungs­schutz gemäß § 60 Abs. 1 Auf­en­thG genie­ßen sie nicht.

Der Begrün­dung zum Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung ist zu ent­neh­men, dass man für das Kon­tin­gent­flücht­lings­ge­setz kei­nen Anwen­dungs­be­darf mehr sah. Dort fin­det sich der Hin­weis, dass der­zeit (Früh­jahr 2003) ledig­lich die Auf­nah­me jüdi­scher Immi­gran­ten aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on in ent­spre­chen­der Anwen­dung des Kon­tin­gent­flücht­lings­ge­set­zes erfol­ge. Nun­mehr wer­de für die­sen Per­so­nen­kreis bei beson­ders gela­ger­ten poli­ti­schen Inter­es­sen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land mit § 23 Abs. 2 Auf­en­thG die Mög­lich­keit geschaf­fen, von Anfang an eine Nie­der­las­sungs­er­laub­nis zu ertei­len 14. In der spe­zi­el­len Begrün­dung zu § 23 Abs. 2 Auf­en­thG wird aus­ge­führt 15:

… Die Auf­nah­me jüdi­scher Immi­gran­ten aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on seit 1991 (ins­ge­samt bis­her über 170 000 Per­so­nen) erfolgt bis­lang ledig­lich in ent­spre­chen­der Anwen­dung des Kon­tin­gent­flücht­lings­ge­set­zes (Ergeb­nis der Bespre­chung des Bun­des­kanz­lers mit den Regie­rungs­chefs der Län­der vom 09.01.1991). Die neue Vor­schrift schafft für der­ar­ti­ge Fäl­le nun­mehr eine siche­re Rechts­grund­la­ge. Das Ergeb­nis der Bespre­chung vom 09.01.1991 doku­men­tiert den über­ein­stim­men­den Wil­len zur Auf­nah­me die­ses Per­so­nen­krei­ses, es bedarf des­halb auch nach Inkraft­tre­ten des Auf­ent­halts­ge­set­zes kei­ner erneu­ten Anord­nung. Die in § 1 Abs. 1 Kon­tin­gent­flücht­lings­ge­setz vor­ge­se­he­ne Gewäh­rung der Rechts­stel­lung nach den Arti­keln 2 bis 34 des Abkom­mens über die Rechts­stel­lung der Flücht­lin­ge vom 28.07.1951 (Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on) ist im Hin­blick auf die Gewäh­rung einer Nie­der­las­sungs­er­laub­nis nicht erfor­der­lich. Dar­über hin­aus ist eine Rei­he der sich aus der Anwen­dung der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on erge­ben­den Rechts­fol­gen (z. B. Erlö­schen der Rechts­stel­lung, wenn die Per­son sich frei­wil­lig oder durch Annah­me oder Erneue­rung eines Natio­nal­pas­ses erneut in den Schutz des Staa­tes, des­sen Staats­an­ge­hö­rig­keit er besitzt, begibt, § 2a Abs. 1 Nr. 1 Kon­tin­gent­flücht­lings­ge­setz) der Stel­lung auf­ge­nom­me­ner jüdi­scher Immi­gran­ten nicht ange­mes­sen.“

Die­se Begrün­dung macht deut­lich, dass mit Blick auf die bis­her prak­ti­zier­te ent­spre­chen­de Anwen­dung des Kon­tin­gent­flücht­lings­ge­set­zes ein Bedürf­nis für die Schaf­fung einer „siche­ren Rechts­grund­la­ge“ gese­hen wur­de. Des Wei­te­ren soll­te die Rechts­stel­lung jüdi­scher Emi­gran­ten von den sich aus der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on erge­ben­den Rechts­fol­gen, die als nicht erfor­der­lich und zum Teil als nicht ange­mes­sen erschie­nen, abge­kop­pelt und in Zukunft rein auf­ent­halts­recht­lich aus­ge­stal­tet wer­den. Dass die Neu­re­ge­lung auch die vor dem 1. Janu­ar 2005 auf­ge­nom­me­nen jüdi­schen Emi­gran­ten erfas­sen und damit zukünf­tig eine ein­heit­li­che, nicht län­ger mit recht­li­chen Unsi­cher­hei­ten behaf­te­te Rechts­stel­lung schaf­fen woll­te, ergibt sich auch aus den Über­gangs­re­ge­lun­gen des Auf­ent­halts­ge­set­zes. Dar­in hat der Gesetz­ge­ber zwi­schen Per­so­nen, die den Kon­tin­gent­flücht­lings­sta­tus gesetz­lich erwor­ben haben, und sol­chen, auf die das Kon­tin­gent­flücht­lings­ge­setz nur ent­spre­chend ange­wen­det wor­den ist, dif­fe­ren­ziert und die sta­tus­recht­li­chen Fol­gen unter­schied­lich aus­ge­stal­tet.

Gemäß § 103 Auf­en­thG fin­den für Per­so­nen, die vor dem Inkraft­tre­ten des Auf­ent­halts­ge­set­zes gemäß § 1 Hum­HAG die Rechts­stel­lung nach den Arti­keln 2 bis 34 GFK genie­ßen, die Erlö­schens- und die Wider­rufs­re­ge­lung des Kon­tin­gent­flücht­lings­ge­set­zes (§ 2a und 2b Hum­HAG) wei­ter Anwen­dung. § 101 Abs. 1 Satz 2 Auf­en­thG ord­net an, dass eine unbe­fris­te­te Auf­ent­halts­er­laub­nis, die nach § 1 Abs. 3 Hum­HAG oder in ent­spre­chen­der Anwen­dung des vor­ge­nann­ten Geset­zes erteilt wor­den ist, und eine anschlie­ßend erteil­te Auf­ent­halts­be­rech­ti­gung als Nie­der­las­sungs­er­laub­nis nach § 23 Abs. 2 Auf­en­thG fort­gel­ten. Damit wer­den Kon­tin­gent­flücht­lin­ge und Per­so­nen, auf die das Kon­tin­gent­flücht­lings­ge­setz von der Ver­wal­tung nur ent­spre­chend ange­wen­det wor­den ist, auf­ent­halts­recht­lich gleich behan­delt; ihr bestehen­des Dau­er­auf­ent­halts­recht wird fort­ge­schrie­ben. Aus der Zusam­men­schau der Rege­lun­gen wird jedoch deut­lich, dass nur ein gesetz­lich erwor­be­ner Kon­tin­gent­flücht­lings­sta­tus über den 1.01.2005 hin­aus fort­be­steht. Die­ser sys­te­ma­ti­sche Befund wird durch die Geset­zes­ma­te­ria­li­en zu den Über­gangs­vor­schrif­ten bestä­tigt. Denn nur in der Begrün­dung zu § 101 Abs. 1 Satz 2 Auf­en­thG wird die Grup­pe der jüdi­schen Emi­gran­ten genannt; an die­ser Stel­le wird die Neu­re­ge­lung des § 23 Abs. 2 Auf­en­thG aus­drück­lich auch auf Auf­nah­me­fäl­le aus der Ver­gan­gen­heit erstreckt: „Für jüdi­sche Immi­gran­ten, die in ent­spre­chen­der Anwen­dung des Hum­HAG auf­ge­nom­men wur­den, gilt § 23 Abs. 2, …“ 16. Etwas ande­res ergibt sich auch nicht aus § 102 Abs. 1 Auf­en­thG, da die Ver­mitt­lung des Kon­tin­gent­flücht­lings­sta­tus kei­ne Maß­nah­me im Sin­ne die­ser Vor­schrift ist.

Der Senat ent­nimmt die­sen Rege­lun­gen den hin­rei­chend deut­li­chen Wil­len des Gesetz­ge­bers, mit der abschlie­ßen­den auf­ent­halts­recht­li­chen Neu­re­ge­lung in § 23 Abs. 2 Auf­en­thG auch die Fäl­le der vor dem 1. Janu­ar 2005 auf­ge­nom­me­nen jüdi­schen Emi­gran­ten zu erfas­sen, um die bis­he­ri­ge, aus der ent­spre­chen­den Anwen­dung des Kon­tin­gent­flücht­lings­ge­set­zes resul­tie­ren­de unkla­re Rechts­la­ge für die Zukunft zu berei­ni­gen 17. Die dar­in lie­gen­de unech­te Rück­wir­kung der Neu­re­ge­lung ist mit Blick auf die bis­he­ri­gen recht­li­chen Unsi­cher­hei­ten ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich. Denn die Betrof­fe­nen behal­ten ihr Dau­er­auf­ent­halts­recht und haben die Mög­lich­keit, bei Furcht vor Ver­fol­gung einen Asyl­an­trag zu stel­len. Schließ­lich ist bei dem Per­so­nen­kreis der jüdi­schen Emi­gran­ten, die – wie dar­ge­stellt – nicht wegen eines Ver­fol­gungs­schick­sals auf­ge­nom­men wor­den sind, auch kein schutz­wür­di­ges Ver­trau­en auf den Fort­be­stand eines ihnen mög­li­cher­wei­se in der Ver­gan­gen­heit gewähr­ten flücht­lings­recht­li­chen Abschie­bungs­schut­zes ersicht­lich. Dem­zu­fol­ge ver­mag sich der Klä­ger jeden­falls seit dem Inkraft­tre­ten des Zuwan­de­rungs­ge­set­zes nicht auf das Abschie­bungs­ver­bot aus § 60 Abs. 1 Satz 2 Auf­en­thG i.V.m. § 1 Abs. 1 Hum­HAG und Art. 33 GFK zu beru­fen. Unter die­sen Umstän­den bedarf es kei­ner Ent­schei­dung, ob das Beru­fungs­ge­richt ohne Ver­stoß gegen Bun­des­recht davon aus­ge­gan­gen ist, dass im Fall des Klä­gers die Vor­aus­set­zun­gen für einen Aus­schluss nach § 60 Abs. 8 Satz 1 Auf­en­thG nicht (mehr) vor­lie­gen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 22. März 2012 – 1 C 3.11

  1. BGBl I S.1950[]
  2. vgl. zu den Vor­aus­set­zun­gen des § 1 Abs. 1 Hum­HAG: BVerwG, Urtei­le vom 17.02.1992 – 9 C 77.89, Buch­holz 402.25 § 1 AsylVfG Nr. 150 S. 329, 331, 332, 334 und vom 27.02.1996 a.a.O. Nr. 185 S. 75, 78[]
  3. vgl. BT-Drucks 11/​8439 S. 2[]
  4. BT-Drucks 11/​8439 S. 3 f.[]
  5. vgl. Ple­nar­pro­to­kol­le des Deut­schen Bun­des­tags, 11. Wahl­pe­ri­ode, 231. Sit­zung vom 25.10.1990, S. 18359 ff. und 234. Sit­zung vom 31.10.1990, S. 18740 ff.[]
  6. vgl. auch BT-Drucks 12/​229 S. 1 ff.[]
  7. eben­so VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 13.07.2011 – 11 S 1413/​10InfAuslR 2011, 383, 384, 385 f.; BayVGH, Beschluss vom 20.12.2004 – 12 CE 04.3232; OVG Greifs­wald, Urteil vom 15.09.2004 – 1 L 107/​02LKV 2005, 510, 512; OVG Ber­lin, Beschluss vom 30.07.2004 – 2 N 87.04[]
  8. vom 25.03.1997, Gz.: 514516.20/7[]
  9. wei­ter­ge­hend i.S. eines Sta­tus sui gene­ris: VGH Baden-Würrtem­berg, Urteil vom 13.07.2011 a.a.O. S. 386 ff.; Hoch­reu­ter, NVwZ 2000, 1376, 1379 f.[]
  10. stRspr, vgl. BVerwG, Urtei­le vom 12.01.1973 – 7 C 3.71, BVerw­GE 41, 305, 306; vom 18.06.1980 – 6 C 55.79, BVerw­GE 60, 223, 228 f.; vom 04.12.2001 – 4 C 2.00, BVerw­GE 115, 274, 279 und vom 20.04.2005 – 9 C 4.04, BVerw­GE 123, 292, 297;[]
  11. vgl. BVerwG, Urteil vom 21.06.2006 – 6 C 19.06, BVerw­GE 126, 149 Rn. 52 m.w.N.[]
  12. BVerwG, Urtei­le vom 04.12.2001 a.a.O. und vom 21.06.2006 a.a.O.[]
  13. ver­nei­nend BayVGH, Urteil vom 29.07.2009 – 10 B 08.2447InfAuslR 2010, 26; Raa­be, ZAR 2004, 410, 411 f.[]
  14. BT-Drucks 15/​420 S. 64[]
  15. BT-Drucks 15/​420 S. 78[]
  16. BT-Drucks 15/​420 S. 100[]
  17. a.A. VGH Baden-Würrtem­berg, Urteil vom 13.07.2011 a.a.O., 389[]