Kein all­ge­mein­po­li­ti­sches Man­dat für die Indus­trie- und Han­dels­kam­mern

Indus­trie- und Han­dels­kam­mern dür­fen nach einem Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts Stel­lung­nah­men oder sons­ti­ge Erklä­run­gen nur zu The­men abge­ben, bei denen es um nach­voll­zieh­ba­re Aus­wir­kun­gen auf die gewerb­li­che Wirt­schaft in ihrem Bezirk geht.

Kein all­ge­mein­po­li­ti­sches Man­dat für die Indus­trie- und Han­dels­kam­mern

Geklagt hat­te ein Rei­se­bü­ro, das kraft Geset­zes Mit­glied der beklag­ten Indus­trie- und Han­dels­kam­mer Kas­sel ist und sich gegen ein­zel­ne Äuße­run­gen in einem Grund­satz­pa­pier der IHK zu The­men der Bildungs‑, Forschungs‑, Umwelt‑, Ener­gie- und Ver­kehrs­po­li­tik, der sog. "Lim­bur­ger Erklä­rung", wand­te. Bei die­ser "Lim­bur­ger Erklä­rung" han­delt es sich um ein "Grund­satz­pa­pier „Gewer­be- und Indus­trie­stand­ort Hes­sen“, das von der Arbeits­ge­mein­schaft Hes­si­scher Indus­trie- und Han­dels­kam­mern ver­ab­schie­det wur­de, in der auch die beklag­te IHK Mit­glied ist, und das sich nach dem Vor­wurf mit kon­kre­ten For­de­run­gen in den Hand­lungs­fel­dern Bil­dungs- und For­schungs­po­li­tik, Umwelt- und Ener­gie­po­li­tik, Ver­kehrs­po­li­tik sowie Raum­ord­nungs- und Pla­nungs­po­li­tik an die hes­si­sche Lan­des­re­gie­rung rich­te­te.

Das erst­in­stanz­lich mit der Kla­ge befass­te Ver­wal­tungs­ge­richt hat­te die Kla­ge abge­wie­sen, auf die Beru­fung des Rei­se­bü­ros hat dage­gen der Hes­si­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof die Rechts­wid­rig­keit von fünf der bean­stan­de­ten zehn Erklä­run­gen fest­ge­stellt und im Übri­gen die Kla­ge abge­wie­sen 1. Gleich­zei­tig hat der Hes­si­sche Vewal­tungs­ge­richts­hof die Revi­si­on zuge­las­sen zur Klä­rung der Abgren­zung des all­ge­mei­nen Kom­pe­tenz- und Auf­ga­ben­be­reichs der Indus­trie- und Han­dels­kam­mern in sol­chen Berei­chen, in denen „Belan­ge der gewerb­li­chen Wirt­schaft nur am Ran­de berührt sind“. Bei­de Par­tei­en – sowohl das Rei­se­bü­ro wie auch die IHK Kas­sel – haben dar­auf­hin Revi­si­on ein­ge­legt.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ist dem vom Hes­si­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hof auf­ge­stell­ten recht­li­chen Maß­stab, nach dem Äuße­run­gen zu The­men, die Inter­es­sen der gewerb­li­chen Wirt­schaft im Rand­be­reich berüh­ren, nur ein­ge­schränkt zuläs­sig sind, nicht gefolgt. Auch in die­sem Bereich ist es den Indus­trie- und Han­dels­kam­mern gestat­tet, das durch sie reprä­sen­tier­te Gesamt­in­ter­es­se ihrer Mit­glie­der zur Gel­tung zu brin­gen. Belan­ge der gewerb­li­chen Wirt­schaft wer­den wahr­ge­nom­men, wenn die Äuße­rung sich auf einen Sach­ver­halt bezieht, der nach­voll­zieh­ba­re Aus­wir­kun­gen auf die Wirt­schaft im Bezirk der Indus­trie- und Han­dels­kam­mer hat. Die­se Aus­wir­kun­gen müs­sen sich aus der Äuße­rung und ihrem text­li­chen Zusam­men­hang erge­ben.

Da die Indus­trie- und Han­dels­kam­mern als öffent­lich-recht­li­che Kör­per­schaf­ten öffent­li­che Auf­ga­ben wahr­neh­men, müs­sen sie auch bei ihrer Auf­ga­be, die gewerb­li­che Wirt­schaft gegen­über dem Staat zu ver­tre­ten, das höchst­mög­li­che Maß an Objek­ti­vi­tät wal­ten las­sen und dür­fen kei­ne rei­ne Inter­es­sen­ver­tre­tung sein. Das setzt vor­aus, dass ihre Äuße­run­gen sach­lich sind und die not­wen­di­ge Zurück­hal­tung wah­ren.

Erklä­run­gen und Stel­lung­nah­men müs­sen zudem unter Ein­hal­tung des dafür vor­ge­se­he­nen Ver­fah­rens zustan­de kom­men. Die Pflicht­mit­glied­schaft der Gewer­be­trei­ben­den ist nur gerecht­fer­tigt, wenn deren Gesamt­in­ter­es­se, das die IHK wahr­zu­neh­men hat, durch die nach Gesetz und Sat­zung zustän­di­gen Gre­mi­en ermit­telt wur­de. Dar­an fehl­te es im vor­lie­gen­den Fall, weil die "Lim­bur­ger Erklä­rung" erst nach ihrer Ver­öf­fent­li­chung von der Voll­ver­samm­lung der beklag­ten Indus­trie- und Han­dels­kam­mer geneh­migt wur­de. Das macht sie nach dem Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts auch unab­hän­gig von ihrem Inhalt rechts­wid­rig.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 23. Juni 2010 – 8 C 20.09

  1. VGH Kas­sel – 8 A 1559/​07[]