Kein Bor­dell in baden-würt­tem­ber­gi­schen Gemein­den bis 35.000 Ein­woh­nern

Die Unter­sa­gung eines bor­dell­arti­gen Betriebs ist nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts Stutt­gart zuläs­sig, wenn der Betrieb gegen die Pro­sti­tu­ti­ons­ver­ord­nung der Lan­des­re­gie­rung Baden-Würt­tem­berg von 1976 ver­stößt. Die­ses Pro­sti­tu­ti­ons­ver­bot hat nach Ansicht der Stutt­gar­ter Ver­wal­tungs­rich­ter auch noch heu­te sei­ne Gül­tig­keit.

Kein Bor­dell in baden-würt­tem­ber­gi­schen Gemein­den bis 35.000 Ein­woh­nern

In dem jetzt VG Stutt­gart ent­schie­de­nen Fall hat­te ein Woh­nungs­ei­gen­tü­mer in einer im Nord­os­ten Baden-Würt­tem­bergs gele­ge­nen Stadt mit ca. 22.000 Ein­woh­nern seit Febru­ar 2007 Zim­mer an Pro­sti­tu­ier­te ver­mie­tet. Nach § 1 der Ver­ord­nung der Lan­des­re­gie­rung über das Ver­bot der Pro­sti­tu­ti­on vom 03.03.1976 – Pro­sti­tu­ti­ons­ver­ord­nung – ist es zum Schut­ze der Jugend und des öffent­li­chen Anstan­des in Gemein­den bis zu 35 000 Ein­woh­nern ver­bo­ten, der Pro­sti­tu­ti­on nach­zu­ge­hen. Dem Klä­ger war daher am 04.10.2007 mit sofor­ti­ger Wir­kung die Füh­rung eines bor­dell­arti­gen Betrie­bes unter­sagt und für den Fall der Zuwi­der­hand­lung gegen die Unter­sa­gungs­ver­fü­gung ein Zwangs­geld in Höhe von EUR 1.500,00 ange­droht wor­den. Der hier­ge­gen ein­ge­leg­te Wider­spruch und ein beim Ver­wal­tungs­ge­richt durch­ge­führ­tes Eil­ver­fah­ren blie­ben erfolg­los.

Bereits in dem Eil­ver­fah­ren hat­te das Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart die zum Zwe­cke der Gefah­ren­ab­wehr erlas­se­ne Unter­sa­gungs­ver­fü­gung als recht­mä­ßig ange­se­hen. Die Füh­rung des bor­dell­arti­gen Betriebs stel­le einen Ver­stoß gegen die Ver­ord­nung der Lan­des­re­gie­rung über das Ver­bot der Pro­sti­tu­ti­on vom 03.03.1976 – Pro­sti­tu­ti­ons­ver­ord­nung – und damit einen Ver­stoß gegen die öffent­li­chen Sicher­heit dar. Das in § 1 der baden-würt­tem­ber­gi­schen Pro­sti­tu­ti­ons­ver­ord­nung gere­gel­te Pro­sti­tu­ti­ons­ver­bot sei mit höher­ran­gi­gem Recht ver­ein­bar. Ins­be­son­de­re wer­de durch das Pro­sti­tu­ti­ons­ver­bot nicht unzu­läs­sig in die Grund­rech­te der all­ge­mei­nen Hand­lungs­frei­heit, der Berufs­frei­heit und des Eigen­tums ein­ge­grif­fen. Auch durch den Erlass des Pro­sti­tu­ti­ons­ge­set­zes vom 20.12.2001 sei kei­ne Ände­rung der Sach- und Rechts­la­ge ein­ge­tre­ten. Denn die zivil- und sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­che Aner­ken­nung der Pro­sti­tu­ti­on durch das Pro­sti­tu­ti­ons­ge­setz habe die Bedeu­tung des Jugend­schut­zes in kei­ner Wei­se rela­ti­viert. Ins­be­son­de­re begrün­de das Pro­sti­tu­ti­ons­ge­setz und der in ihm zum Aus­druck kom­men­de Wan­del der gesell­schaft­li­chen Anschau­un­gen über die Pro­sti­tu­ti­on kei­ne Not­wen­dig­keit, nun­mehr den Nach­weis einer kon­kre­ten Gefähr­dung der Jugend oder des öffent­li­chen Anstan­des im Gebiet einer bestimm­ten Gemein­de oder Tei­len hier­von zur Vor­aus­set­zung für die Fort­gel­tung bestehen­der Pro­sti­tu­ti­ons­ver­bo­te zu erhe­ben. Zwar mögen Ange­bot und Nach­fra­ge ent­gelt­li­chen Geschlechts­ver­kehrs als sol­che nicht mehr all­ge­mein und in jeder Hin­sicht einem gesell­schaft­li­chen Unwert­ur­teil unter­lie­gen. Dies bedeu­te aber noch nicht, dass sich die vom Pro­sti­tu­ti­ons­be­trieb aus­ge­hen­den Gefah­ren für her­an­rei­fen­de Jugend­li­che der­art ver­min­dert hät­ten, dass die Gül­tig­keit bestehen­der, auf eine abs­trak­te Gefähr­dungs­la­ge gestütz­ter Sperr­ge­biets­verord-nun­gen in Fra­ge gestellt wer­den müs­se.

Die Stadt habe die Unter­sa­gungs­ver­fü­gung auch gegen den Antrag­stel­ler als Betrei­ber eines bor­dell­arti­gen Betriebs rich­ten dür­fen, da die­ser als Hand­lungs­stö­rer poli­zei­pflich­tig sei. Dass die Stö­rung der öffent­li­chen Sicher­heit gleich wirk­sam und schnell auch durch eine poli­zei­li­che Inan­spruch­nah­me der die Pro­sti­tu­ti­on in den Räu­men des Antrag­stel­lers aus­üben­den Per­so­nen besei­tigt wer­den kön­ne, sei schon im Hin­blick auf den wech­seln­den Per­so­nen­kreis nicht ersicht­lich. Soweit sich der Antrag­stel­ler auf die Kos­ten für die von ihm gemie­te­te Woh­nung beru­fe, sei dar­auf hin­zu­wei­sen, dass eine zweck­ent­spre­chen­de Ver­wen­dung der in einem Wohn­ge­biet lie­gen­den Woh­nung nach wie vor mög­lich blei­be. Auch die Andro­hung des Zwangs­gel­des sei rech­tens.

Der Klä­ger wehr­te sich auch nach sei­ner Nie­der­la­ge im Eil­ver­fah­ren wei­ter gegen die Unter­sa­gung sei­nes Betriebs und macht gel­tend, die­se ver­let­ze sei­ne Grund­rech­te der all­ge­mei­nen Hand­lungs­frei­heit, der Berufs­aus­übungs­frei­heit und sein Recht am ein­ge­rich­te­ten und aus­ge­üb­ten Gewer­be­be­trieb. Der Erlass der Poli­zei­ver­ord­nung zum Schutz der Jugend und des Anstan­des sei eine Schein­be­grün­dung. Pro­sti­tu­ti­on ver­sto­ße nach der heu­te vor­herr­schen­den Auf­fas­sung nicht mehr gegen die Sit­ten­ord­nung. Das sah das Stutt­gar­ter Ver­wal­tungs­ge­richt frei­lich wie­der­um anders.

Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 23. April 2009 – 1 K 1721/​08