Kein Flücht­lings­schutz bei Kriegs­ver­bre­chen

Bei Kriegs­ver­bre­chen an Sol­da­ten besteht kein Flücht­lings­schutz für Asyl­be­wer­ber, und zwar auch dann nicht. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat heu­te die Vor­aus­set­zun­gen wei­ter prä­zi­siert, unter denen gemäß § 3 Abs. 2 AsylVfG Asyl­be­wer­bern wegen des Ver­dachts der Betei­li­gung an Kriegs­ver­bre­chen oder schwe­ren nicht­po­li­ti­schen Straf­ta­ten die Zuer­ken­nung von Flücht­lings­schutz ver­sagt wer­den kann. Wie das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schied, kann ein Kriegs­ver­bre­chen auch dann vor­lie­gen, wenn sich die Tat im Rah­men eines inner­staat­li­chen bewaff­ne­ten Kon­flikts gegen Sol­da­ten und nicht gegen Zivil­per­so­nen rich­tet. Dabei kann auch die Tat einer Zivil­per­son ein Kriegs­ver­bre­chen dar­stel­len, wenn die­se im Zusam­men­hang mit dem bewaff­ne­ten Kon­flikt steht.

Kein Flücht­lings­schutz bei Kriegs­ver­bre­chen

In dem jetzt vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Rechts­streit klag­te ein 31-jäh­ri­ger rus­si­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger tsche­tsche­ni­scher Volks­zu­ge­hö­rig­keit. Er reis­te im Jahr 2002 nach Deutsch­land ein und bean­trag­te hier Asyl. Das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge lehn­te den Asyl­an­trag eben­so ab wie die Aner­ken­nung als Flücht­ling und die Zuer­ken­nung von Abschie­bungs­ver­bo­ten. Sei­ne hier­ge­gen gerich­te­te Kla­ge hat­te vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt wie auch in der Beru­fungs­in­stanz vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Sach­sen-Anhalt in Mag­de­burg [1] inso­weit Erfolg, als das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge zur Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft ver­pflich­tet wur­de. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Sach­sen-Anhalt hat den Klä­ger als vor­ver­folgt ange­se­hen. Nach sei­nen vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt als glaub­haft ange­se­he­nen Anga­ben war der Klä­ger näm­lich im Jahr 2002 an der Tötung von zwei rus­si­schen Sol­da­ten auf einem Markt und der Ent­füh­rung eines rus­si­schen Offi­ziers eben­so maß­geb­lich betei­ligt wie an der Frei­pres­sung sei­nes Bru­ders aus rus­si­scher Haft mit Hil­fe tsche­tsche­ni­scher Wider­stands­kämp­fer im Aus­tausch gegen den Offi­zier. Bei einer Rück­kehr in die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on dro­he ihm daher, so das OVG, die Gefahr einer über recht­mä­ßi­ge Bestra­fung hin­aus­ge­hen­den asyl­erheb­li­chen Ver­fol­gung. Er sei wegen der Betei­li­gung an der Tötung der bei­den rus­si­schen Sol­da­ten auch nicht nach § 3 Abs. 2 Asyl­ver­fah­rens­ge­setz von der Aner­ken­nung als Flücht­ling aus­ge­schlos­sen. Es hand­le sich nicht um ein Kriegs­ver­bre­chen im Sin­ne die­ser Vor­schrift, weil sich die Tat nicht gegen Zivil­per­so­nen gerich­tet habe. Auch lägen die Vor­aus­set­zun­gen einer „schwe­ren nicht­po­li­ti­schen Straf­tat“ nicht vor.

Auf die Revi­sio­nen des Bun­des­am­tes für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge und des Bun­des­be­auf­trag­ten für Asyl­an­ge­le­gen­hei­ten hat nun das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt das Mag­de­bur­ger Urteil auf­ge­ho­ben und den Rechts­streit an das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Mag­de­burg zurück­ver­wie­sen. Zur Begrün­dung hat er aus­ge­führt, dass die Flücht­lings­an­er­ken­nung unter ande­rem aus­ge­schlos­sen ist, wenn schwer­wie­gen­de Grün­de die Annah­me einer Betei­li­gung an Kriegs­ver­bre­chen recht­fer­ti­gen (§ 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 AsylVfG). Ein Kriegs­ver­bre­chen, das die Flücht­lings­an­er­ken­nung aus­schließt, ist nicht auf Über­grif­fe gegen die Zivil­be­völ­ke­rung beschränkt. Es kann sich nach dem Römi­schen Sta­tut des Inter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hofs, das für die­sen Aus­schluss­grund her­an­zu­zie­hen ist, auch gegen Sol­da­ten rich­ten. Dies gilt etwa im Fall der meuch­le­ri­schen Tötung geg­ne­ri­scher Kom­bat­tan­ten. Außer­dem spricht eini­ges dafür, dass der Klä­ger eine die Flücht­lings­ei­gen­schaft eben­falls aus­schlie­ßen­de schwe­re nicht­po­li­ti­sche Straf­tat began­gen hat (§ 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 AsylVfG). Denn nach sei­nen eige­nen Anga­ben hat er sich nicht am Kon­flikt betei­li­gen, son­dern aus­schließ­lich sei­nen Bru­der befrei­en wol­len. Da hin­rei­chen­de Fest­stel­lun­gen feh­len, ob die Vor­aus­set­zun­gen für die gesetz­li­chen Aus­schluss­tat­be­stän­de vor­lie­gen, hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt die Sache an das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Sach­sen-Anhalt zurück­ver­wie­sen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 16. Febru­ar 2010 – 10 C 7.09

  1. OVG LSA – 2 L 26/​06[]