Kein Maul­korb für Kal­le

Die im Gesetz zugrun­de geleg­te Unter­scheid­bar­keit von Hun­den nach Ras­se­zu­ge­hö­rig­keit sei nicht dyna­misch zu ver­ste­hen, son­dern knüp­fe sta­tisch an einen vom Gesetz­ge­ber vor­ge­fun­de­nen Bestand an Hun­de­ras­sen an. Weist ein Hund vom Typ "Old Eng­lish Bull­dog" kei­ne wesent­li­chen Züge eines "Ame­ri­can Bull­dog" auf, han­delt es sich um kei­ne Kreu­zung von soge­nann­ten Hun­den bestimm­ter Ras­se, die beson­de­ren Anfor­de­run­gen unter­lie­gen.

Kein Maul­korb für Kal­le

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len in dem hier vor­lie­gen­den Fall den Hund "Kal­le" nicht zu den Hun­den bestimm­ter Ras­se im Sin­ne des Lan­des­hun­de­ge­set­zes gezählt. Mit der Stadt Sankt Augus­tin stritt sich die Klä­ge­rin um die Fra­ge, ob es sich bei dem Hund "Kal­le", den die Klä­ge­rin von den Züch­tern als "Old Eng­lish Bull­dog" erwor­ben hat, um einen Hund bestimm­ter Ras­se im Sin­ne des Lan­des­hun­de­ge­set­zes han­delt. Hun­de bestimm­ter Ras­se wei­sen auf­grund ihrer ras­se­spe­zi­fi­schen Merk­ma­le ein im Ver­gleich zu ande­ren gro­ßen Hun­den höhe­res Gefähr­dungs­po­ten­ti­al auf. Für ihre Hal­tung und den Umgang mit ihnen gel­ten des­halb beson­de­re gesetz­li­che Anfor­de­run­gen (etwa Erlaub­nis­be­dürf­tig­keit der Hal­tung, erwei­ter­te Lei­nen­pflicht, Maul­korb­zwang). Zu den Hun­den bestimm­ter Ras­se gehö­ren unter ande­rem Hun­de der Ras­sen "Bull­ma­stiff" und "Ame­ri­can Bull­dog" und deren Kreu­zun­gen. Nach­dem die Klä­ge­rin den Erwerb des Hun­des bei der Stadt Sankt Augus­tin ange­zeigt hat­te, stuf­te die­se das Tier als Hund bestimm­ter Ras­se ein. Hun­de vom Typ "Old Eng­lish Bull­dog" sei­en als Kreu­zung aus den Ras­sen "Eng­lish Bull­dog", "Bull­ma­stiff", "Ame­ri­can Bull­dog" und "Pit­bull Ter­ri­er" her­vor­ge­gan­gen. Da der Hund der Klä­ge­rin nach den Fest­stel­lun­gen des Kreis­ve­te­ri­när­am­tes wesent­li­che äuße­re Merk­ma­le eines "Ame­ri­can Bull­dog" auf­wei­se, han­de­le es sich um einen Misch­ling die­ser Ras­se. Dem­ge­gen­über war die Klä­ge­rin der Auf­fas­sung, Hun­de der Züch­tung "Old Eng­lish Bull­dog" bil­de­ten eine eigen­stän­di­ge Ras­se und könn­ten daher nicht mehr als Kreu­zung ande­rer Ras­sen ange­se­hen wer­den.

In sei­ner Ent­schei­dung hat sich das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len dar­auf gestützt, dass die Beweis­auf­nah­me erge­ben habe, dass der Hund der Klä­ge­rin kei­ne wesent­li­chen Züge eines "Ame­ri­can Bull­dog" auf­wei­se. Dies sei erfor­der­lich, um von einer Kreu­zung von Hun­den bestimm­ter Ras­sen nach dem Lan­des­hun­de­ge­setz aus­zu­ge­hen. Dahin­ste­hen kön­ne hin­ge­gen, ob Hun­de der Züch­tung "Old Eng­lish Bull­dog" nach heu­ti­gem Stand von Wis­sen­schaft und Pra­xis eine eigen­stän­di­ge Ras­se im bio­lo­gisch-zoo­lo­gi­schen Sinn dar­stell­ten. Der "Old Eng­lish Bull­dog" sei jeden­falls kei­ne eigen­stän­di­ge Ras­se im Sin­ne des Lan­des­hun­de­ge­set­zes NRW. Zwar sei es grund­sätz­lich aus­ge­schlos­sen, rein­ras­si­ge Hun­de einer bestimm­ten Ras­se gleich­zei­tig als Kreu­zun­gen ande­rer Ras­sen anzu­se­hen und nach den für die­se maß­geb­li­chen Vor­schrif­ten zu behan­deln. Das gel­te aber nicht für sol­che Ras­sen, die der Lan­des­ge­setz­ge­ber bei Inkraft­tre­ten des Lan­des­hun­de­ge­set­zes im Jahr 2003 nicht als eigen­stän­di­ge Ras­se ein­ge­ord­net habe. Ande­ren­falls ent­schie­de letzt­lich die Defi­ni­ti­on neu­er Ras­sen durch pri­va­te Inter­es­sen­ver­bän­de über die Anwen­dungs­reich­wei­te des Geset­zes. Die im Gesetz zugrun­de geleg­te Unter­scheid­bar­keit von Hun­den nach Ras­se­zu­ge­hö­rig­keit sei nicht dyna­misch zu ver­ste­hen, son­dern knüp­fe sta­tisch an einen vom Gesetz­ge­ber vor­ge­fun­de­nen Bestand an Hun­de­ras­sen an. Dabei defi­nie­re das Gesetz die in ihm genann­ten Ras­sen nicht selbst, son­dern grei­fe auf all­ge­mein aner­kann­te Ras­se­de­fi­ni­tio­nen ins­be­son­de­re durch Zucht­ver­bän­de zurück. Die Züch­tung "Old Eng­lish Bull­dog" sei rela­tiv neu und ver­fü­ge erst seit dem 1. Janu­ar 2014 über eine Ras­se­an­er­ken­nung durch den ame­ri­ka­ni­schen Zucht­ver­band United Kennel Club. Ange­sichts des­sen sei nichts dafür ersicht­lich, dass der Gesetz­ge­ber die­se Hun­de bei Inkraft­tre­ten des Lan­des­hun­de­ge­set­zes bereits als eige­ne Ras­se wahr­ge­nom­men habe.

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len, Urteil vom 12. März 2019 – 5 A 1210/​17