Kein Pento­bar­bi­tal zur Selbsttötung

Auch schwer­kran­ke Men­schen haben nach der­zei­ti­ger Rechts­la­ge kei­nen Anspruch auf den Zugang zu einem Betäu­bungs­mit­tel zur Selbsttötung.

Kein Pento­bar­bi­tal zur Selbsttötung

So hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Köln aktu­ell drei gegen die Bun­des­re­pu­blik gerich­te­ten und auf die Ertei­lung einer Erwerbser­laub­nis für das Prä­pa­rat Natri­um­pento­bar­bi­tal zie­len­de Kla­gen schwer­kran­ker Men­schen auf Zugang zu einem Betäu­bungs­mit­tel zur Selbst­tö­tung abgewiesen.

Die Klä­ger sind dau­er­haft erheb­lich erkrankt (Mul­ti­ple Skle­ro­se, Krebs, schwe­res psy­chi­sches Lei­den). Sie bean­trag­ten beim Bun­des­in­sti­tut für Arz­nei­mit­tel und Medi­zin­pro­duk­te (BfArM) die nach dem Betäu­bungs­mit­tel­ge­setz für den Erwerb von Natri­um­pento­bar­bi­tal erfor­der­li­che Erlaub­nis. Zur Begrün­dung berie­fen sie sich auf das aus dem Grund­ge­setz abzu­lei­ten­de Grund­recht auf Selbst­be­stim­mung über den eige­nen Tod sowie auf eine Ent­schei­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 2. März 20171. Nach die­ser ist der Erwerb eines Betäu­bungs­mit­tels zur Selbst­tö­tung mit dem Betäu­bungs­mit­tel­ge­setz aus­nahms­wei­se ver­ein­bar, wenn sich der Sui­zid­wil­li­ge wegen einer schwe­ren und unheil­ba­ren Erkran­kung in einer extre­men Not­la­ge befin­det. Das BfArM lehn­te die Anträ­ge ab. Dar­auf­hin erho­ben die Klä­ger Kla­ge.

Nach einer ers­ten münd­li­chen Ver­hand­lung am 19. Novem­ber 2019 hat­te das Ver­wal­tungs­ge­richt die Ver­fah­ren dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt vor­ge­legt, weil es die bestehen­de Rechts­la­ge für ver­fas­sungs­wid­rig hielt. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat­te die Vor­la­gen mit Beschluss vom 20. Mai 20202 als unzu­läs­sig verworfen.

Mit sei­nen nun­mehr ergan­ge­nen Urtei­len hat das Ver­wal­tungs­ge­richt die Kla­gen abge­wie­sen. Zwar sehe es – anders als das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt – auf­grund des klar erkenn­ba­ren Wil­lens des Gesetz­ge­bers auch in Aus­nah­me­fäl­len kei­ne Mög­lich­keit, eine Erwerbser­laub­nis für ein Mit­tel zur Selbst­tö­tung zu ertei­len. Auch sei es zwar wei­ter­hin zwei­fel­haft, ob die­ses im Betäu­bungs­mit­tel­ge­setz ent­hal­te­ne gene­rel­le Ver­bot mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar sei. Es lie­ge jedoch zumin­dest der­zeit kein unver­hält­nis­mä­ßi­ger Ein­griff in das Selbst­be­stim­mungs­recht Sui­zid­wil­li­ger vor. Nach­dem näm­lich das Bun­des­ver­fas­sun­ge­richt mit Urtei­len vom 26. Febru­ar 2020 das Ver­bot der geschäfts­mä­ßi­gen För­de­rung der Selbst­tö­tung (§ 217 StGB) für nich­tig erklärt habe3, hät­ten Ster­be­hil­fe­or­ga­ni­sa­tio­nen ihre Tätig­keit wie­der auf­ge­nom­men. Dies erge­be sich aus Aus­künf­ten sach­kun­di­ger Stel­len, die das Gericht ein­ge­holt habe. Ster­be­hil­fe­or­ga­ni­sa­tio­nen ermög­lich­ten einen beglei­te­ten Sui­zid auch ohne Inan­spruch­nah­me von Natri­um­pento­bar­bi­tal. Damit ste­he den Klä­gern eine Alter­na­ti­ve zur Ver­fü­gung. Die Inan­spruch­nah­me von Ster­be­hil­fe­or­ga­ni­sa­tio­nen sei zwar nach wie vor pro­ble­ma­tisch, da es an einer staat­li­chen Über­wa­chung feh­le und die Tätig­keit intrans­pa­rent erfol­ge. Sie sei aber für eine Über­gangs­zeit zumut­bar, bis der Gesetz­ge­ber ein trag­fä­hi­ges Schutz­kon­zept für die Ster­be­hil­fe und die Ver­wen­dung sui­zid­ge­eig­ne­ter Betäu­bungs­mit­tel ent­wi­ckelt habe. Sol­che Schutz­kon­zep­te sei­en als wesent­li­che Ent­schei­dun­gen in einem grund­rechts­re­le­van­ten Bereich dem Gesetz­ge­ber vor­be­hal­ten. Es gebe auch genü­gend Anhalts­punk­te dafür, dass der Gesetz­ge­ber bereits an sol­chen Schutz­kon­zep­ten arbeite.

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Ver­wal­tungs­ge­richt Köln, Urtei­le vom 24. Novem­ber 2020 – 7 K 13803/​17 – 7 K 14642/​17 und 7 K 8560/​18

  1. BVerwG, Urteil vom 02.03.2017 – 3 C 19.15[]
  2. BVerfG, Beschluss vom 20.05.2020 – 1 BvL 2/​20 u.a.[]
  3. BVerfG, Urtei­len vom 26.02.2020 – 2 BvR 2347/​15 u.a.[]

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