Kei­ne Abschie­be­haft ohne Abschie­be­an­dro­hung

Eine nach § 59 Auf­en­thG erfor­der­li­che Abschie­bungs­an­dro­hung muss im Zeit­punkt der Siche­rungs­haft­an­ord­nung vor­lie­gen. Die Absicht der Aus­län­der­be­hör­de, sie dem­nächst zu erlas­sen, reicht nicht aus. Zu den in einem Antrag auf Anord­nung von Siche­rungs­haft dar­zu­le­gen­den Abschie­bungs­vor­aus­set­zun­gen gehört die Andro­hung der Abschie­bung oder die Dar­le­gung, dass eine sol­che aus­nahms­wei­se ent­behr­lich ist (z.B. nach § 59 Abs. 1 Satz 3 Auf­en­thG oder nach § 34a Abs. 1 Satz 3 AsylVfG).

Kei­ne Abschie­be­haft ohne Abschie­be­an­dro­hung

Das Vor­lie­gen eines zuläs­si­gen Haft­an­trags ist eine in jeder Lage des Ver­fah­rens von Amts wegen zu prü­fen­de Ver­fah­rens­vor­aus­set­zung [1]. Der Haft­an­trag muss nach § 417 Abs. 2 Satz 1 FamFG begrün­det wer­den. Erfor­der­lich sind Dar­le­gun­gen zu der zwei­fels­frei­en Aus­rei­se­pflicht, zu den Abschie­bungs­vor­aus­set­zun­gen, zu der Erfor­der­lich­keit der Haft, zu der Durch­führ­bar­keit der Abschie­bung und zu der not­wen­di­gen Haft­dau­er (§ 417 Abs. 2 Satz 2 Nr. 3 bis 5 FamFG). Ein Ver­stoß gegen den Begrün­dungs­zwang führt zur Unzu­läs­sig­keit des Haft­an­trags [2].

Zu den gemäß § 417 Abs. 2 Satz 2 Nr. 5 FamFG dar­zu­le­gen­den Abschie­bungs­vor­aus­set­zun­gen gehört die nach § 59 Auf­en­thG erfor­der­li­che Abschie­bungs­an­dro­hung. Fehlt es an einer für die Voll­stre­ckung der Abschie­bung not­wen­di­gen Vor­aus­set­zung, darf auch eine kraft Geset­zes (§ 58 Abs. 2 Satz 1 Auf­en­thG) voll­zieh­ba­re Aus­rei­se­pflicht näm­lich nicht ohne wei­te­res durch­ge­setzt wer­den. Das hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits für § 59 Auf­en­thG aF ent­schie­den [3]. Für die am 26.11.2011 in Kraft getre­te­ne und hier ein­schlä­gi­ge Neu­fas­sung der Vor­schrift gilt nichts ande­res [4]. Zu der Neu­re­ge­lung hat sich der Gesetz­ge­ber mit Blick auf die Richt­li­nie 2008/​115/​EG (im Fol­gen­den: Rück­füh­rungs­richt­li­nie) ver­an­lasst gese­hen, die in Art. 6 eine „Rück­kehr­ent­schei­dung“ ver­langt. Dass die­se in Fäl­len, in denen die Aus­rei­se­pflicht nicht bereits durch Ver­wal­tungs­akt sta­tu­iert wor­den ist, durch die Andro­hung der Abschie­bung begrün­det wer­den soll, geht aus den Geset­zes­ma­te­ria­li­en klar her­vor [5]. Aus­füh­run­gen zu einer Abschie­bungs­an­dro­hung oder dazu, dass es einer sol­chen aus­nahms­wei­se nicht bedurf­te (z.B. nach § 59 Abs. 1 Satz 3 Auf­en­thG oder nach § 34a Abs. 1 Satz 3 AsylVfG), ent­hält der Haft­an­trag nicht.

Ent­spre­chen­de Anga­ben im Haft­an­trag waren unver­zicht­bar. Sie wären auch dann nicht ent­behr­lich gewe­sen, wenn die Auf­fas­sung des Beschwer­de­ge­richts zuträ­fe, dass die Rück­füh­rungs­richt­li­nie im kon­kre­ten Fall kei­ne Rück­kehr­ent­schei­dung ver­lang­te. Eine unmit­tel­ba­re Anwen­dung der Rück­füh­rungs­richt­li­nie kommt näm­lich nicht mehr in Betracht, nach­dem die­se in natio­na­les Recht umge­setzt wor­den ist. Wann von einer nach § 59 Auf­en­thG an sich erfor­der­li­chen Abschie­bungs­an­dro­hung im Ermes­sens­we­ge abge­se­hen wer­den kann, ist in § 59 Abs. 1 Satz 3 Auf­en­thG abschlie­ßend gere­gelt [6].

Die – hier ange­nom­me­ne – Flucht­ge­fahr berech­tigt die Behör­de zwar dazu, von einer Frist­set­zung für die frei­wil­li­ge Aus­rei­se abzu­se­hen (§ 59 Abs. 1 Satz 2 Auf­en­thG), macht eine Abschie­bungs­an­dro­hung aber nicht ent­behr­lich [7]. Eben­so wenig reicht die Absicht der Aus­län­der­be­hör­de aus, eine sol­che Andro­hung – und damit eine Rück­kehr­ent­schei­dung im Sin­ne der Rück­füh­rungs­richt­li­nie – dem­nächst zu erlas­sen [8]. Lie­gen die Abschie­bungs­vor­aus­set­zun­gen bei Bean­tra­gung der Siche­rungs­haft noch nicht vor, muss sich die Behör­de dar­auf beschrän­ken, eine vor­läu­fi­ge Frei­heits­ent­zie­hung gemäß § 427 FamFG zu bean­tra­gen [9].

Fer­ner ent­hielt der Haft­an­trag im vor­lie­gen­den Fall kei­ne aus­rei­chen­den Anga­ben zu der Erfor­der­lich­keit der bean­trag­ten Haft­dau­er. Not­wen­dig sind auf das Land bezo­ge­ne Aus­füh­run­gen, in das der Betrof­fe­ne abge­scho­ben wer­den soll. Anzu­ge­ben ist, ob und inner­halb wel­chen Zeit­raums Abschie­bun­gen in das betref­fen­de Land übli­cher­wei­se mög­lich sind. Erfor­der­lich sind kon­kre­te Anga­ben zum Ablauf des Ver­fah­rens und eine Dar­stel­lung, in wel­chem Zeit­raum die ein­zel­nen Schrit­te unter nor­ma­len Bedin­gun­gen durch­lau­fen wer­den kön­nen [10].

Die­se Anga­ben waren hier nicht des­halb ent­behr­lich, weil bei Rück­über­nah­men nach der Dub­lin IIVer­ord­nung [11] grund­sätz­lich davon aus­zu­ge­hen ist, dass die Abschie­bung in einen Mit­glied­staat inner­halb von drei Mona­ten seit der Haft­an­ord­nung wird erfol­gen kön­nen. Denn das gilt nur, wenn sich aus dem Haft­an­trag ergibt, dass der Mit­glieds­staat zu der Rück­über­nah­me des Betrof­fe­nen ver­pflich­tet ist [12]. Anga­ben zu der Rück­über­nah­me­ver­pflich­tung Ita­li­ens ent­hält der Haft­an­trag jedoch nicht.

Eben­so wenig fin­det sich dar­in eine auf Tat­sa­chen gestütz­te, für den Haft­rich­ter nach­voll­zieh­ba­re Pro­gno­se, inner­halb wel­chen Zeit­raums mit einer Abschie­bung des Betrof­fe­nen nach Ita­li­en gerech­net wer­den konn­te. Dar­le­gun­gen, wel­che kon­kre­ten Schrit­te im Fall des Betrof­fe­nen geplant waren, um des­sen Abschie­bung nach Ita­li­en vor­zu­be­rei­ten, und wie viel Zeit die­se erfah­rungs­ge­mäß in Anspruch neh­men, feh­len. Die Anga­be, „die­ses wer­de eini­ge Zeit in Anspruch neh­men, jedoch nicht län­ger als drei Mona­te“ ist eine uni­ver­sell ein­setz­ba­re Leer­for­mel und damit unzu­rei­chend [13]. Ent­spre­chen­des gilt für die For­mu­lie­rung, die bean­trag­te Haft­dau­er sei „zur Siche­rung der Abschie­bung not­wen­dig und aus­rei­chend“ und die Abschie­bung sei „inner­halb von drei Mona­ten … mög­lich“.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. Mai 2013 – V ZB 44/​12

  1. BGH, Beschluss vom 29.04.2010 – V ZB 218/​09, FGPrax 2010, 210, 211, Rn. 12; Beschluss vom 22.07.2010 – V ZB 28/​10, NVwZ 2010, 1511, 1512, Rn. 7[]
  2. BGH, Beschluss vom 29.04.2010 – V ZB 218/​09, aaO, Rn. 14; Beschluss vom 22.07.2010 – V ZB 28/​10, aaO, Rn. 8; Beschluss vom 07.04.2011 – V ZB 133/​10[]
  3. BGH, Beschluss vom 30.07.2012 – V ZB 245/​11[]
  4. BGH, Beschluss vom 14.03.2013 – V ZB 135/​12[]
  5. BT-Drucks. 17/​5470, S. 24; vgl. auch VGH Mann­heim, InfAuslR 2013, 98, 99; VGH Mün­chen, Beschluss vom 08.11.2012 10 CE 12.2401; Hail­bron­ner, Aus­län­der­recht, Stand August 2012, § 59 Auf­en­thG Rn. 2a[]
  6. vgl. GK-Auf­en­th­G/­Fun­ke­Kai­ser, Stand Dezem­ber 2012, § 59 Rn. 143 u. 151 aE[]
  7. vgl. Hail­bron­ner, Aus­län­der­recht, Stand März 2012, § 59 Auf­en­thG Rn. 80[]
  8. a.A. LG Saar­brü­cken, Beschluss vom 21.03.2011 – 5 T 41/​11[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 31.05.2012 – V ZB 167/​11, NJW 2012, 2448 Rn. 10 aE für das nach § 72 Abs. 4 Satz 1 Auf­en­thG not­wen­di­ge Ein­ver­neh­men der Staats­an­walt­schaft[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 27.10.2011 – V ZB 311/​10, FGPrax 2012, 82, 83[]
  11. Ver­ord­nung [EG] Nr. 343/​2003 des Rates vom 18.02.2003, ABl. L 50/​1 vom 25.02.2003[]
  12. vgl. BGH, Beschluss vom 29.09.2010 – V ZB 233/​10 (inso­weit nicht abge­druckt in NwVZ 2011, 320); Beschluss vom 14.06.2012 – V ZB 28/​12; Beschluss vom 08.11.2012 – V ZB 120/​12, juris Rn. 5[]
  13. vgl. BGH, Beschluss vom 27.10.2011 – V ZB 311/​10, FGPrax 2012, 82, 83 Rn. 13 f.; Beschluss vom 15.09.2011 – V ZB 123/​11[]