Kei­ne Abschie­bung nach Ungarn

Das Asyl­ver­fah­ren in Ungarn lei­det an sys­te­mi­schen Män­geln. Mit die­ser Begrün­dung hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin in einem Eil­ver­fah­ren die Über­stel­lung eines syri­schen Flücht­lings nach Ungarn gestoppt.

Kei­ne Abschie­bung nach Ungarn

Nach den Regeln der sog. Dub­lin-III-Ver­ord­nung (Dub­lin-III-VO) ist für inner­halb der EU gestell­te Asyl­an­trä­ge grund­sätz­lich der Mit­glied­staat zustän­dig, den der Flücht­ling als ers­tes betritt bzw. in dem er zuerst um Schutz nach­sucht. Flücht­lin­ge, die sodann in einem ande­ren EU-Mit­glied­staat Asyl bean­tra­gen, wer­den daher in der Regel an den zustän­di­gen Staat ver­wie­sen und kön­nen dort­hin über­stellt wer­den. Aus­nahms­wei­se muss aber der zwei­te Mit­glied­staat das Asyl­ver­fah­ren selbst durch­füh­ren, etwa wenn das Asyl­ver­fah­ren im betref­fen­den Mit­glied­staat an sog. sys­te­mi­schen Män­geln lei­det. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof in Luxem­burg hat­te dies im Jahr 2011 für Grie­chen­land fest­ge­stellt.

Die 23. Ver­wal­tungs­ge­richt des Ver­wal­tungs­ge­richts Ber­lin bejah­te dies nun auch für Ungarn. Denn die Pra­xis die­ses Staa­tes, Asyl­be­wer­ber und hier ins­be­son­de­re die im Dub­lin-Ver­fah­ren über­stell­ten Per­so­nen nahe­zu aus­nahms­los in Asyl­haft zu neh­men, ver­sto­ße gegen das in Art. 6 der EU-Grund­rech­te­char­ta kodi­fi­zier­te Recht auf Frei­heit. Aktu­el­le Berich­te ins­be­son­de­re des UNHCR, von Pro­Asyl und auch des Aus­wär­ti­gen Amtes beleg­ten, dass Ungarn Asyl­be­wer­ber ohne Anga­be von Grün­den zum Teil bis zu sechs Mona­te inhaf­tie­re, ohne dass dies tat­säch­lich not­wen­dig sei; zudem wer­de Flücht­lin­gen die indi­vi­du­el­le Über­prü­fung der Inhaf­tie­rung regel­mä­ßig vor­ent­hal­ten, und auch eine gesetz­lich vor­ge­se­he­ne Kon­trol­le wer­de oft­mals erst nach zwei Mona­ten durch­ge­führt und beschrän­ke sich auf eine durch­schnitt­lich nur drei Minu­ten dau­ern­de Anhö­rung.

Die Abschie­bungs­an­ord­nung begeg­net für das Ver­waltaungs­ge­richt Ber­lin bei sum­ma­ri­scher Prü­fung ernst­li­chen Zwei­feln an ihrer Recht­mä­ßig­keit. Das öffent­li­che Voll­zugs­in­ter­es­se an der nach § 80 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 VwGO i.V.m. § 75 AsylVfG sofort voll­zieh­ba­ren Abschie­bungs­an­ord­nung steht daher hin­ter dem Inter­es­se des Flücht­lings am vor­läu­fi­gen Ver­bleib im Bun­des­ge­biet zurück. Soll ein Aus­län­der in einen für die Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens zustän­di­gen Staat (§ 27a AsylVfG) abge­scho­ben wer­den, ord­net das Bun­des­amt nach § 34a Abs. 1 S. 1 AsylVfG die Abschie­bung an, sobald fest­steht, dass sie durch­ge­führt wer­den kann. Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen hier nicht vor.

Zwar ist für die Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens zunächst gemäß Art. 3 Abs. 2 UAbs. 1 der Ver­ord­nung (EU) Nr. 604/​2013 (Dub­lin III-VO) die Repu­blik Ungarn zustän­dig, da der Flücht­ling – aus­weis­lich des EURODA- C‑Treffers mit der Zif­fer 1, an des­sen Rich­tig­keit zu zwei­feln das Ver­wal­tungs­ge­richt kei­nen Anlass hat – bereits in Ungarn einen Asyl­an­trag gestellt hat. Einer vor­ran­gi­gen Zustän­dig­keit Grie­chen­lands wegen der dor­ti­gen Asyl­an­trag­stel­lung ste­hen die sys­te­mi­schen Män­gel des dor­ti­gen Asyl­ver­fah­rens im Sin­ne des Art. 3 Abs. 2 UAbs. 2 Dub­lin III-VO ent­ge­gen, so dass die Ermitt­lung des zustän­di­gen Mit­glied­staa­tes fort­zu­set­zen war [1]. Die Repu­blik Ungarn hat auf das Wie­der­auf­nah­me­er­su­chen des Bun­des­am­tes für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge mit Schrei­ben der Dub­lin Coor­di­na­ti­on Unit des Office of Immi­gra­ti­on and Natio­na­li­ty auch erklärt, den Flücht­ling wie­der auf­zu­neh­men und ist damit zu des­sen Auf­nah­me gemäß Art. 18 Abs. 1 Buchst. b) Dub­lin III-VO ver­pflich­tet.

Eine Über­stel­lung des Flücht­lings nach Ungarn ist jedoch nicht mög­lich, da es wesent­li­che Grün­de für die Annah­me gibt, dass ihm im Asyl­ver­fah­ren in Ungarn sys­te­ma­tisch eine Ver­let­zung der in der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on (EU-GRCh) und der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (EMRK) gewähr­leis­te­ten Grund- und Men­schen­rech­te droht. Dabei greift aller­dings Art. 3 Abs. 2 UAbs. 2 Dub­lin III-VO nicht unmit­tel­bar ein. Danach ist es unmög­lich, einen Flücht­ling in den zunächst als zustän­dig bestimm­ten Mit­glied­staat zu über­stel­len, wenn es wesent­li­che Grün­de für die Annah­me gibt, dass das Asyl­ver­fah­ren und die Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Flücht­ling in die­sem Mit­glied­staat sys­te­mi­sche Schwach­stel­len auf­wei­sen, die eine Gefahr einer unmensch­li­chen oder ent­wür­di­gen­den Behand­lung im Sin­ne des Art. 4 EU-GRCh mit sich brin­gen. Nach dem Wort­laut lie­gen die­se Vor­aus­set­zun­gen nicht vor. Die der Dub­lin III-VO zugrun­de­lie­gen­de Annah­me, dass alle Mit­glied­staa­ten, die Grund­rech­te beach­ten, ein­schließ­lich der Rech­te, die ihre Grund­la­ge in der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on und dem Pro­to­koll von 1967 sowie in der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on fin­den [2], begrün­den die grund­sätz­li­che Ver­mu­tung, dass die Behand­lung der Asyl­be­wer­ber in jedem Mit­glied­staat in Ein­klang mit den Erfor­der­nis­sen der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on sowie mit der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on und der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on steht [3]. Die­se Ver­mu­tung kann aller­dings wider­legt wer­den [4]. Wegen der gewich­ti­gen Zwe­cke des Gemein­sa­men Euro­päi­schen Asyl­sys­tems genü­gen für ihre Wider­le­gung jedoch nicht schon ein­zel­ne Ver­stö­ße eines Mit­glied­staa­tes, jede dro­hen­de Grund­rechts­ver­let­zung oder gerings­te Ver­stö­ße gegen sekun­där­recht­li­che Rege­lun­gen des Asyl­rechts wie die Richt­li­ni­en 2003/​9, 2004/​83 oder 2005/​85 [5]. Das Gericht muss sich viel­mehr die Über­zeu­gungs­ge­wiss­heit (§ 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO) ver­schaf­fen [6], dass der Asyl­be­wer­ber wegen sys­te­mi­scher Män­gel des Asyl­ver­fah­rens oder der Auf­nah­me­be­din­gun­gen in dem eigent­lich zustän­di­gen Mit­glied­staat mit beacht­li­cher, d.h. über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung im Sin­ne des Art. 4 EU-GRCh und Art. 3 EMRK aus­ge­setzt wird (Art. 3 Abs. 2 UAbs. 2 Dub­lin III-VO). Die Beschrän­kung der Tat­sa­chen­grund­la­ge der zu tref­fen­den Pro­gno­se auf sys­te­mi­sche Män­gel ist Aus­druck der Vor­her­seh­bar­keit sol­cher Defi­zi­te, weil sie im Rechts­sys­tem des zustän­di­gen Mit­glied­staa­tes ange­legt sind oder des­sen Voll­zugs­pra­xis struk­tu­rell prä­gen [7]. Die Wider­le­gung der Ver­mu­tung auf­grund sys­te­mi­scher Män­gel setzt des­halb vor­aus, dass das Asyl­ver­fah­ren oder die Auf­nah­me­be­din­gun­gen im zustän­di­gen Mit­glied­staat auf­grund grö­ße­rer Funk­ti­ons­stö­run­gen regel­haft so defi­zi­tär sind, dass anzu­neh­men ist, dass dort auch dem Asyl­be­wer­ber im kon­kret zu ent­schei­den­den Ein­zel­fall mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit eine unmensch­li­che oder ernied­ri­gen­de Behand­lung droht [8]. Für die tat­säch­li­che Fest­stel­lung von Män­geln im Asyl­sys­tem eines Mit­glied­staa­tes kommt dabei den Doku­men­ten des UNHCR beson­de­re Bedeu­tung zu [9]. Für die Rechts­fra­ge einer Ver­let­zung des Art. 3 EMRK hat die Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te eine Ori­en­tie­rungs- und Leit­funk­ti­on [10]. Im Eil­ver­fah­ren hat das Gericht bei der nur mög­li­chen sum­ma­ri­schen Prü­fung anhand der tat­säch­li­chen Erkennt­nis­la­ge im Zeit­punkt sei­ner Ent­schei­dung fest­zu­stel­len, ob der zustän­di­ge Mit­glied­staat trotz mög­li­cher Män­gel in der Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens sei­ne Ver­pflich­tun­gen jeden­falls soweit ein­hält, dass eine Rück­füh­rung zumut­bar erscheint [11].

Hier­nach lässt sich nicht fest­stel­len, dass dem Flücht­ling bei einer Über­stel­lung nach Ungarn die Gefahr einer ernied­ri­gen­den und unmensch­li­chen Behand­lung im Sin­ne des Art. 4 EU-GRCh und Art. 3 EMRK droht. Bei­de Vor­schrif­ten ver­bie­ten eine unmensch­li­che und ernied­ri­gen­de Behand­lung. Die Miss­hand­lung setzt ein Min­dest­maß an Schwe­re vor­aus, wel­ches von den Umstän­den des Ein­zel­falls abhängt, wie der Dau­er der Behand­lung und ihren phy­si­schen und psy­chi­schen Wir­kun­gen sowie der Per­son des Betrof­fe­nen. Ernied­ri­gend ist eine Behand­lung, wenn sie eine Per­son demü­tigt, es an Ach­tung für ihre Men­schen­wür­de feh­len lässt oder sie her­ab­setzt oder in ihr Gefüh­le der Angst, Beklem­mung oder Unter­le­gen­heit weckt, geeig­net, den mora­li­schen oder kör­per­li­chen Wider­stand zu bre­chen [12]. Die Inhaf­tie­rung einer Per­son begrün­det als sol­che kei­ne Ver­let­zung des Art. 3 EMRK [13]. Art. 3 EMRK ver­pflich­tet die Staa­ten aller­dings, sich zu ver­ge­wis­sern, dass die Bedin­gun­gen der Haft mit der Ach­tung der Men­schen­wür­de ver­ein­bar sind und dass Art und Metho­de des Voll­zugs der Maß­nah­me den Gefan­ge­nen nicht Leid oder Här­ten unter­wirft, die das mit einer Haft unver­meid­bar ver­bun­de­ne Maß an Lei­den über­steigt, und dass sei­ne Gesund­heit und sein Wohl­be­fin­den unter Berück­sich­ti­gung der prak­ti­schen Bedürf­nis­se der Haft ange­mes­sen sicher­ge­stellt sind [14]. Der EGMR nimmt in sei­ner Recht­spre­chung regel­mä­ßig eine Wür­di­gung der Haft­be­din­gun­gen in ihrer Gesamt­heit vor. Zu den hier­bei zu berück­sich­ti­gen­den Umstän­den zäh­len die räum­li­che Unter­brin­gung, eine mög­li­che Über­be­le­gung, die Mög­lich­keit, den Raum zeit­wei­se ver­las­sen zu kön­nen, Kon­takt­mög­lich­kei­ten zu Ange­hö­ri­gen, eine hin­rei­chen­de Ernäh­rung, die hygie­ni­schen Ver­hält­nis­se, das Vor­han­den sani­tä­rer Ein­rich­tun­gen und eine ange­mes­se­ne Ver­sor­gung bei Erkran­kun­gen [15]. Ein Ver­stoß gegen Art. 3 EMRK kann auch bei Sicher­heits­vor­keh­run­gen vor­lie­gen, die über das erfor­der­li­che Maß hin­aus­ge­hen und geeig­net sind, den Betrof­fe­nen öffent­lich in ernied­ri­gen­der Wei­se vor­zu­füh­ren [16]. Aus­nahms­wei­se kann auch der Frei­heits­ent­zug als sol­cher eine Ver­let­zung des Art. 3 EMRK dar­stel­len, wenn der Häft­ling über einen län­ge­ren Zeit­raum über sei­ne Zukunft, vor allem über die Dau­er sei­ner Inhaf­tie­rung, im Unge­wis­sen gelas­sen wird oder wenn einem Häft­ling jede Aus­sicht auf eine Ent­las­sung genom­men wird [17].

Gemes­sen hier­an erlau­ben die nun­mehr erst­mals vor­lie­gen­den Erkennt­nis­se zur tat­säch­li­chen Anwen­dungs­pra­xis der gesetz­li­chen Neu­re­ge­lung der Asyl­haft in Ungarn, wel­che als sol­che von der Ver­wal­tungs­ge­richt bis­her nicht als aus­rei­chen­der Beleg für ein sys­te­mi­sches Ver­sa­gen ange­se­hen wur­den [18], nicht die Fest­stel­lung unmensch­li­cher und ernied­ri­gen­der Haft­be­din­gun­gen. Das zum 1.07.2013 in Kraft getre­te­ne unga­ri­sche Asyl­ge­setz (Gesetz LXXX aus dem Jahr 2007 [19]) regelt die soge­nann­te Asyl­haft. Die in Art. 31/​A Abs. 1 des Geset­zes gere­gel­ten Haft­grün­de (Iden­ti­täts­fest­stel­lung, Ent­zie­hung oder Behin­de­rung des Asyl­ver­fah­rens, Flucht­ge­fahr, Auf­recht­erhal­tung der öffent­li­chen Sicher­heit oder Ord­nung, unter­las­se­ne Mit­wir­kung bei Vor­la­dung) stim­men mit den in Art. 8 Abs. 3 der Richt­li­nie 2013/​33/​EU vom 26.06.2013 (Neu­fas­sung der EU-Auf­nah­me­richt­li­nie) gere­gel­ten Haft­grün­den über­wie­gend über­ein. Die unga­ri­sche Geset­zes­re­ge­lung stellt daher als sol­che kei­ne Ver­let­zung des Uni­ons­rechts dar und belegt kei­ne sys­te­mi­schen Män­gel im Sin­ne des Art. 3 Abs. 2 UAbs. 2 Dub­lin III-VO. Die tat­säch­li­che Anwen­dungs­pra­xis war bis­her aller­dings nicht aus­rei­chend doku­men­tiert. Nach den jüngs­ten Erkennt­nis­sen wird der Flücht­ling bei einer Über­stel­lung wie regel­mä­ßig nahe­zu alle Dub­lin-Rück­keh­rer aller Vor­aus­sicht nach inhaf­tiert wer­den [20]. Das Ver­wal­tungs­ge­richt kann auch nicht fest­stel­len, dass der Flücht­ling als syri­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger von einer Inhaf­tie­rung aus­ge­nom­men wäre, weil er aus einem soge­nann­ten aner­ken­nungs­träch­ti­gen Her­kunfts­staat kommt. Denn die dahin­ge­hen­de Mit­tei­lung der Liai­son­be­am­tin des Bun­des­am­tes in Ungarn vom Sep­tem­ber 2013 [21] deckt sich nicht mit der aktu­el­len Erfah­rung des UNHCR, in den Haft­ein­rich­tun­gen auch Staats­an­ge­hö­ri­ge aner­ken­nungs­träch­ti­ger Staa­ten, dar­un­ter auch Syrer, ange­trof­fen zu haben [22]. Über­dies dürf­te die der mit­ge­teil­ten Pra­xis wohl zugrun­de­lie­gen­de Annah­me, dass Flücht­ling, die eine begrün­de­te Aus­sicht auf eine Zuer­ken­nung inter­na­tio­na­len Schut­zes haben, ein gestei­ger­tes Inter­es­se haben, am Asyl­ver­fah­ren mit­zu­wir­ken, auf Dub­lin-Rück­keh­rer gera­de nicht zutref­fen. Als Dub­lin-Rück­keh­rer, des­sen Asyl­ver­fah­ren nach sei­ner Aus­rei­se aus Ungarn ohne Sach­ent­schei­dung ein­ge­stellt wur­de, wird der Flücht­ling in Ungarn nicht als Fol­ge, son­dern Erst­an­trag­stel­ler behan­delt [23] und damit in der soge­nann­ten Asyl­haft unter­ge­bracht wer­den [24]. Zwar exis­tie­ren in ein­zel­nen Haft­an­stal­ten hygie­nisch pro­ble­ma­ti­sche Bedin­gun­gen; es fehlt an einer aus­rei­chen­den Aus­stat­tung mit Wasch­räu­men und Duschen oder wird der Nähr­wert der Mahl­zei­ten nicht über­wacht [25]. Die Min­dest­an­for­de­run­gen wer­den aller­dings bei sum­ma­ri­scher Prü­fung grund­sätz­lich gewahrt [26]. So kön­nen sich die Inhaf­tier­ten tags­über frei bewe­gen und erhal­ten regel­mä­ßig etwas zu essen, gibt es kei­ne Über­be­le­gun­gen und ist jeden­falls eine ärzt­li­che Grund­ver­sor­gung sicher­ge­stellt [27]. Regel­haf­te Funk­ti­ons­stö­run­gen von erheb­li­chem Gewicht las­sen sich damit nicht fest­stel­len. Die Fest­stel­lung, dass die Inhaf­tier­ten in Hand­schel­len und an einer Lei­ne zu Aus­wärts­ter­mi­nen bei der Behör­de, dem Gericht oder einem Arzt geführt wer­den [28], stellt für sich genom­men kei­ne ernied­ri­gen­de Behand­lung dar, da dies in Ungarn auch für Straf­ge­fan­ge­ne üblich ist und nicht erkenn­bar ist, dass die­se Vor­ge­hens­wei­se als Instru­ment ein­ge­setzt wird, um den Betrof­fe­nen zur Schau zu stel­len. Schließ­lich wer­den die Asyl­an­trag­stel­ler auch nicht unbe­fris­tet und ohne Aus­sicht auf Ent­las­sung inhaf­tiert. Die maxi­ma­le Haft­dau­er beträgt sechs Mona­te [29].

Dem Flücht­ling droht jedoch die sys­tem­ti­sche Ver­let­zung sei­nes Rechts auf Frei­heit aus Art. 6 EU-GRCh. Auch wenn Art. 3 Abs. 2 UAbs. 2 Dub­lin III-VO hier­auf nicht aus­drück­lich Bezug nimmt, ist ein erwei­tern­des Ver­ständ­nis dahin­ge­hend, dass auch sons­ti­ge Uni­ons­grund­rech­te Beach­tung fin­den müs­sen, unum­gäng­lich. Denn die Vor­schrift kodi­fi­ziert die Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs, wonach es sich bei der Ent­schei­dung des Mit­glied­staats nach der Dub­lin-VO, ob er einen Asyl­an­trag prüft, um die Durch­füh­rung von Uni­ons­recht han­delt, so dass nach Art. 51 Abs. 1 EU-GRCh die Uni­ons­grund­rech­te gel­ten [30]. Weder lässt sich der Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs eine Ein­schrän­kung dahin­ge­hend ent­neh­men, dass das Prin­zip des gegen­sei­ti­gen Ver­trau­ens, wonach die Mit­glied­staa­ten die Grund­rech­te grund­sätz­lich ach­ten, nur für eine Ver­let­zung des Art. 4 EU-GRCh wider­legt wer­den kön­ne [31], noch lie­ße sich eine der­ar­ti­ge Aus­nah­me über­zeu­gend begrün­den. Viel­mehr haben die Mit­glied­staa­ten nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs nicht nur ihr natio­na­les Recht uni­ons­rechts­kon­form aus­zu­le­gen, son­dern auch dar­auf zu ach­ten, dass sie sich nicht auf eine Aus­le­gung einer Vor­schrift des abge­lei­te­ten Rechts stüt­zen, die mit den durch die Uni­ons­rechts­ord­nung geschütz­ten Grund­rech­ten oder den ande­ren all­ge­mei­nen Grund­sät­zen des Uni­ons­rechts kol­li­diert [32]. In erwei­tern­der Aus­le­gung des Art. 3 Abs. 2 UAbs. 2 Dub­lin III-VO ist der Mit­glied­staat auf­grund der unmit­tel­ba­ren Bin­dung an die – pri­mär­recht­li­che – EU-GRCh daher auch ver­pflich­tet, wei­te­re Grund­rechts­ver­let­zun­gen zu prü­fen. Ihre inhalt­li­che Schran­ke fin­det die­se Prü­fung aller­dings zum einen in der tat­be­stand­li­chen Beschrän­kung auf "sys­te­mi­sche" Män­gel des "Asyl­ver­fah­rens und der Auf­nah­me­be­din­gun­gen" und zum ande­ren in den hohen Anfor­de­run­gen an die Wider­le­gung der grund­sätz­li­chen Ver­mu­tung der Wah­rung der EU-GRCh durch die Mit­glied­staa­ten. Eine Grund­rechts­ver­let­zung in die­sem Sin­ne droht aber dem Flücht­ling.

Nach Art. 6 EU-GRCh, für des­sen Aus­le­gung der Maß­stab des Art. 5 EMRK her­an­zu­zie­hen ist [33], hat jeder Mensch das Recht auf Frei­heit. Die Frei­heit darf nur bei recht­mä­ßi­ger Fest­nah­me oder Frei­heits­ent­zie­hung zur Erzwin­gung der Erfül­lung einer gesetz­li­chen Ver­pflich­tung oder zur Ver­hin­de­rung der uner­laub­ten Ein­rei­se sowie bei Per­so­nen, gegen die ein Aus­wei­sungs- oder Aus­lie­fe­rungs­ver­fah­ren im Gan­ge ist, und nur auf die gesetz­lich vor­ge­schrie­be­ne Wei­se ent­zo­gen wer­den (Art. 5 Abs. 1 S. 2 Buchst. b und f EMRK). Jeder fest­ge­nom­me­nen Per­son muss inner­halb mög­lichst kur­zer Frist in einer ihr ver­ständ­li­chen Spra­che mit­ge­teilt wer­den, wel­ches die Grün­de für ihre Fest­nah­me sind und wel­che Beschul­di­gun­gen gegen sie erho­ben wer­den (Abs. 2). Jede Per­son, die fest­ge­nom­men oder der die Frei­heit ent­zo­gen ist, hat das Recht zu bean­tra­gen, dass ein Gericht inner­halb kur­zer Frist über die Recht­mä­ßig­keit der Frei­heits­ent­zie­hung ent­schei­det und ihre Ent­las­sung anord­net, wenn die Frei­heits­ent­zie­hung nicht recht­mä­ßig ist (Abs. 4). Die Haft muss in ver­hält­nis­mä­ßi­ger Wei­se ihrem Zweck ent­spre­chen. Sie muss den Umstän­den nach not­wen­dig sein [34]. Dies gilt sowohl für die Haft­be­din­gun­gen [35] als auch die Bemes­sung des Zeit­in­ter­valls für die Über­prü­fung der Haft­an­ord­nung [36]. Hier­bei ist zu berück­sich­ti­gen, ob die inhaf­tier­te Per­son eine Straf­tat began­gen hat oder aber – etwa wie ein Asyl­an­trag­stel­ler – in Angst um ihr Leben ihr Hei­mat­land ver­las­sen hat [37].

Gemes­sen an die­sem Maß­stab ist die Ver­mu­tung, dass Ungarn im Asyl­ver­fah­ren das Recht auf Frei­heit nach Art. 6 EU-GRCh ach­tet, auf der Grund­la­ge der aktu­el­len Erkennt­nis­se zur tat­säch­li­chen Inhaf­tie­rung von Asyl­an­trag­stel­lern bei sum­ma­ri­scher Prü­fung als wider­legt anzu­se­hen. Es besteht die ernst­li­che Befürch­tung der sys­te­ma­tisch will­kür­li­chen und unver­hält­nis­mä­ßi­gen Inhaf­tie­rung von allein­ste­hen­den und voll­jäh­ri­gen Dub­lin-Rück­keh­rern, zu denen auch der Flücht­ling zählt. Zwar ver­bie­tet Art. 5 Abs. 1 EMRK nicht grund­sätz­lich, auch Asyl­an­trag­stel­ler zu inhaf­tie­ren [38]. Es bestehen aller­dings tat­säch­li­che Anhalts­punk­te für eine will­kür­li­che und unver­hält­nis­mä­ßi­ge Anwen­dungs­pra­xis in Ungarn. Der nur begrenz­te Zweck der Asyl­haft fin­det bei deren Aus­ge­stal­tung kei­ne hin­rei­chen­de Berück­sich­ti­gung. So lässt sich die aus­nahms­lo­se Inhaf­tie­rung aller Dub­lin-Rück­keh­rer schon als sol­che durch die in Art. 31/​A Abs. 1 des unga­ri­schen Asyl­ge­set­zes gere­gel­ten Haft­grün­de kaum recht­fer­ti­gen. Auch gibt es Hin­wei­se auf gesetz­lich über­haupt nicht vor­ge­se­he­ne Begrün­dun­gen der Haft [39]. Hin­zu­kommt, dass den Inhaf­tier­ten unter Ver­stoß gegen Art. 5 Abs. 2 EMRK eine (ver­ständ­li­che) indi­vi­du­el­le Begrün­dung der Haft­an­ord­nung vor­ent­hal­ten wird [40]. Dies wie auch die geschil­der­te tat­säch­li­che Ent­schei­dungs­pra­xis wecken den Ver­dacht einer will­kür­li­chen und damit geset­zes­wid­ri­gen Hand­ha­bung der gesetz­lich gere­gel­ten Haft­grün­de durch die Behör­den. Die durch­schnitt­li­che Dau­er der Inhaf­tie­rung über meh­re­re Mona­te [41] erscheint zumin­dest bei bestimm­ten Haft­grün­den (Iden­ti­täts­fest­stel­lung) sowie Staats­an­ge­hö­ri­gen aus aner­ken­nungs­träch­ti­gen Her­kunfts­staa­ten wie dem Flücht­ling unver­hält­nis­mä­ßig. Jeden­falls erwei­sen sich der zeit­li­che Abstand der rich­ter­li­chen Über­prü­fung der Haft wie auch die Aus­ge­stal­tung die­ses Ver­fah­rens als nicht effek­tiv und damit unver­hält­nis­mä­ßig. Gegen die Anord­nung der Haft oder von Siche­rungs­maß­nah­men gegen einen Asyl­an­trag­stel­ler exis­tiert kein indi­vi­du­el­les Recht­mit­tel [42]. Auch die auto­ma­ti­sche gericht­li­che Haft­prü­fung genügt den Anfor­de­run­gen nicht. Eine sol­che Prü­fung fin­det wegen der pau­scha­len Ver­län­ge­rung der Haft um den maxi­mal zuläs­si­gen Zeit­raum erst nach zwei Mona­ten statt und beschränkt sich auf eine durch­schnitt­lich drei­mi­nü­ti­ge Anhö­rung des Betrof­fe­nen [43]. Nach alle­dem erscheint eine Über­stel­lung des Flücht­lings nach Ungarn nicht zumut­bar.

Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin – Bschluss vom 15. Janu­ar 2015 – VG 23 L 899.2014

  1. EuGH, Urteil vom 14.11.2013 – Rs. C‑4/​11 , Rn. 36[]
  2. EuGH, Urteil vom 21.12 2011 – C‑411/​10 u.a., Rn. 81 ff.[]
  3. EuGH, a. a. O., Rn. 79 f.[]
  4. EuGH, a.a.O., Rn. 104[]
  5. vgl. EuGH, a.a.O., Rn. 81 ff.; BVerwG, Beschluss vom 19.03.2014 – BVerwG 10 B 6/​14 , Rn. 6, und Beschluss vom 06.06.2014 – BVerwG 10 B 35.14 –; VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 06.08.2013 – 12 S 675/​13 , Rn. 3 f.; jeweils juris[]
  6. BVerwG, a.a.O., Rn. 9[]
  7. BVerwG, Beschlüs­se vom 19.03.2014 und 6.06.2014, a.a.O. unter Ver­weis auf die Erwä­gun­gen des EuGH zur Erkenn­bar­keit sol­cher Män­gel für ande­re Mit­glied­staa­ten in EuGH, a.a.O., Rn. 88 bis 94[]
  8. BVerwG, a.a.O.; Art. 3 Abs. 2 Dub­lin III-VO: "wesent­li­che Grün­de"[]
  9. vgl. EuGH, Urteil vom 30.05.2013 – C528/​11 , Rn. 44[]
  10. vgl. BVerfG, Urteil vom 04.05.2011 – 2 BvR 2333/​08 u.a. , Rn. 89 f.[]
  11. VGH Baden-Würt­tem­berg, a.a.O., Rn. 6[]
  12. EGMR, Urteil vom 21.01.2011 – 30696/​09, M.S.S./Belgien und Grie­chen­land, Rn. 220 mw.N.[]
  13. EGMR, Urteil vom 15.07.2002 – 47095/​99, Kalaschnikow/​Russland, Rn. 95; zur Prü­fung allein der Haft­be­din­gun­gen am Maß­stab des Art. 3 EMRK sie­he etwa EGMR, Urteil vom 30.04.2013 – 49872, Timoschenko/​Ukraine; vgl. auch BGH, Urteil vom 04.07.2013 – III ZR 342/​12 , Rn. 32[]
  14. EGMR, Urteil vom 21.01.2011 – 30696/​09 , M.S.S./Belgien und Grie­chen­land, NVwZ 2011, 413, Rn. 221[]
  15. vgl. Sin­ner, in: Karpenstein/​Mayer, EMRK, 2012, Art. 3, Rn. 12; Mey­er-Lade­wig, EMRK, 3. Aufl.2011, Art. 5, Rn. 10 ff.[]
  16. EGMR, Urteil vom 31.05.2011 – 5829/​04, Chodorkowskij/​Russland[]
  17. EGMR, Urteil vom 13.01.2011 – 6587/​04, Rn. 107 m.w.N., Urteil vom 08.07.2004 – 48787/​99, Ilascu/​Moldau und Russ­land, Rn. 434 ff.[]
  18. vgl. zuletzt VG Ber­lin, Beschluss vom 17.09.2014 – VG 23 L 467.14 A ; vgl. VG Ber­lin, Beschluss vom 07.07.2014 – VG 9 L 151.14 A ; Beschluss vom 30.07.2014 – VG 34 L 95.14 A ; s.a. EGMR, Urteil vom 03.07.2014 – 71932/​12, Mohammadi/​Österreich; VG Würz­burg, Beschluss vom 11.12 2014 – W 1 S 14.50043 , wel­ches die jüngs­ten Erkennt­nis­se zur Inhaf­tie­rungs­pra­xis aller­dings noch unbe­rück­sich­tigt lässt[]
  19. in deut­scher Über­set­zung zitiert in der Aus­kunft des Aus­wär­ti­gen Amtes an das VG Düs­sel­dorf vom 19.11.2014 [im Fol­gen­den: Aus­wär­ti­ges Amt], S. 2[]
  20. Aus­künf­te an das VG Düs­sel­dorf des UNHCR vom 30.09.2014 [im Fol­gen­den: UNHCR], S. 2, und von Pro Asyl vom 31.10.2014 [im Fol­gen­den: Pro Asyl], S. 2[]
  21. zitiert bei VG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 02.09.2014 – 6 L 1235/​14.-A , Rn. 70[]
  22. UNHCR, S. 6[]
  23. Aus­wär­ti­ges Amt, S. 6; vgl. auch die Ent­schei­dung des öster­rei­chi­schen Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 09.07.2014 – W 185 20062471[]
  24. UNHCR, a.a.O., Sei­te 2[]
  25. Pro Asyl, S. 4 f.; UNHCR, S. 3[]
  26. kri­tisch aller­dings VG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 28.05.2014 – 13 L 172.14 A[]
  27. Aus­wär­ti­ges Amt, S. 3 f.; Pro Asyl, S. 5; UNHCR, S. 3[]
  28. Pro Asyl, S. 5; UNHCR, S. 3[]
  29. Aus­wär­ti­ges Amt, S. 2; Pro Asyl, S. 2[]
  30. EuGH, Urteil vom 21.12 2011 – C‑411/​10 u.a. , Rn. 64 ff.[]
  31. vgl. EuGH, a.a.O., Rn. 86[]
  32. vgl. EuGH, a.a.O., Rn. 77, m.w.N.[]
  33. vgl. Berns­dorff, in: Mey­er, EU-GRCh, 4. Aufl.2014, Art. 6 Rn. 13[]
  34. EGMR, Urteil vom 30.04.2013 – 49872/​11, Timoschenko/​Ukraine, Rn. 265[]
  35. Elber­ling, in: Karpenstein/​Mayer, EMRK, 2012, Art. 5, Rn. 25[]
  36. Elber­ling, a.a.O., Rn. 100[]
  37. EGMR, Urteil vom 25.06.1996 – 19776/​92 – Amuur/​Frankreich, Rn. 43; Urteil vom 29.01.2008 – 13229/​03 – Saadi/​Vereinigtes König­reich, Rn. 74[]
  38. vgl. EGMR, Urteil vom 29.01.2008 – 13229/​03 – Saadi/​Vereinigtes König­reich, Rn. 64[]
  39. vgl. Pro Asyl, S. 8[]
  40. UNHCR, S. 2; Pro Asyl, S. 8[]
  41. Pro Asyl, S. 1; UNHCR, S. 2[]
  42. UNHCR, S. 7; Pro Asyl, S. 9 f.; Aus­wär­ti­ges Amt, S. 7 f.[]
  43. UNHCR, a.a.O.; Pro Asyl, a.a.O.[]