Kei­ne Abschie­bung paläs­ti­nen­si­scher Flücht­lin­ge nach Ita­li­en

Wann ein Aus­län­der im Sin­ne von § 59 Abs. 3 Satz 2 Auf­en­thG nicht in einen bestimm­ten Ziel­staat abge­scho­ben wer­den darf, ist den Bestim­mun­gen über die ziel­staats­be­zo­ge­nen Abschie­bungs­ver­bo­te in § 60 Abs. 2 bis 5 und 7 Auf­en­thG zu ent­neh­men, gege­be­nen­falls besteht eine Bin­dung an die Ent­schei­dung des Bun­des­am­tes für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (§ 42 Asyl­VerfG).

Kei­ne Abschie­bung paläs­ti­nen­si­scher Flücht­lin­ge nach Ita­li­en

Bei die­sen soge­nann­ten zwin­gen­den Abschie­bungs­ver­bo­ten führt eine posi­ti­ve Ent­schei­dung über das Vor­lie­gen der gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen eines Abschie­bungs­ver­bots hin­sicht­lich eines Staats zwin­gend zur Rechts­wid­rig­keit der Bezeich­nung die­ses Staa­tes als Ziel­staat in der Abschie­bungs­an­dro­hung. Denn beim Vor­lie­gen der gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen ist eine Abschie­bung in den betref­fen­den Staat aus­nahms­los aus­ge­schlos­sen 1.

Im vor­lie­gend vom Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin ent­schie­de­nen Fall darf der Antrag­stel­ler damit gemäß § 60 Abs. 5 Auf­en­thG i.V.m. Art. 3 EMRK nicht nach Ita­li­en abge­scho­ben oder über­stellt wer­den. Denn es ist – wie das Ver­wal­tungs­ge­richt in einem ver­gleich­ba­ren Fall bereits ent­schie­den hat 2 – hin­rei­chend wahr­schein­lich, dass der Antrag­stel­ler im Fal­le einer Abschie­bung bzw. Über­stel­lung nach Ita­li­en Gefahr lau­fen wür­de, einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung aus­ge­setzt zu wer­den, dass näm­lich die Erfül­lung sei­ner ele­men­ta­ren Lebens­be­dürf­nis­se wie z. B. Unter­kunft, Ernäh­rung und medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung in die­sem Land nicht sicher­ge­stellt wäre 3. Dies gilt umso mehr, als der – aus­weis­lich der von ihm vor­ge­leg­ten paläs­ti­nen­si­schen Iden­ti­täts­kar­te – am 2… gebo­re­ne Antrag­stel­ler zum Zeit­punkt des Erlas­ses des Beschei­des als unbe­glei­te­ter Min­der­jäh­ri­ger zu dem in Art. 17 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/​9/​EG des Rates vom 27.01.2003 zur Fest­le­gung von Min­dest­nor­men für die Auf­nah­me von Asyl­be­wer­bern in den Mit­glied­staa­ten genann­ten beson­ders schutz­be­dürf­ti­gem Per­so­nen­kreis zähl­te und eine ange­mes­se­ne Ver­sor­gung die­ser Per­so­nen unter Zugrun­de­le­gung der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs 4 und des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te 5 erst recht nicht gesi­chert erscheint 6.

Kon­kre­te Anhalts­punk­te dafür, dass sich die Ver­hält­nis­se in Ita­li­en inzwi­schen geän­dert haben, bestehen nicht 7.

Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin, Beschluss vom 26. Febraur 2013 – 27 L 17.13

  1. so BVerwG, Urteil vom 11.09.2007 – 10 C 8.07[]
  2. VG Ber­lin, Beschluss vom 04.09.2012 – VG 27 L 184.12[]
  3. vgl. dazu OVG Müns­ter, Beschluss vom 01.03.2012 – 1 B 234/​12 A; und VG Stutt­gart, Beschluss vom 02.07.2012 – A 7 K 1877/​12[]
  4. EuGH, Urteil vom 21.12.2011 – C‑411/​0 und C‑493/​10[]
  5. EGMR, Urteil vom 21.01.2011 – 30696/​09[]
  6. vgl. hier­zu BayVGH, Beschluss vom 06.02.2013 – 20 ZB 12.30286[]
  7. eben­so jüngst VG Han­no­ver, Beschluss vom 07.01.2013 – 2 B 76/​13[]