Kei­ne Län­der­leit­ent­schei­dun­gen in Asyl­ver­fah­ren

Für die Zulas­sung der Revi­si­on reicht, anders als für die Zulas­sung der Beru­fung wegen grund­sätz­li­cher Bedeu­tung nach § 124 Abs. 2 Nr. 3 VwGO/​§ 78 Abs. 3 Nr. 1 AsylG 1, eine Tat­sa­chen­fra­ge grund­sätz­li­cher Bedeu­tung nicht aus.

Kei­ne Län­der­leit­ent­schei­dun­gen in Asyl­ver­fah­ren

Die Klä­rungs­be­dürf­tig­keit muss viel­mehr in Bezug auf den anzu­wen­den­den recht­li­chen Maß­stab, nicht die rich­ter­li­che Tat­sa­chen­wür­di­gung und -bewer­tung bestehen; auch der Umstand, dass das Ergeb­nis der zur Fest­stel­lung und Wür­di­gung des Tat­sa­chen­stof­fes beru­fe­nen Instanz­ge­rich­te für eine Viel­zahl von Ver­fah­ren von Bedeu­tung ist, lässt für sich allein nach gel­ten­dem Revi­si­ons­zu­las­sungs­recht eine Zulas­sung wegen grund­sätz­li­cher Bedeu­tung nach § 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO nicht zu.

Der Gesetz­ge­ber hat inso­weit auch für das gericht­li­che Asyl­ver­fah­ren an den all­ge­mei­nen Grund­sät­zen des Revi­si­ons­rechts fest­ge­hal­ten und für das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt kei­ne Befug­nis eröff­net, Tat­sa­chen(würdigungs)fragen grund­sätz­li­cher Bedeu­tung in "Län­der­leit­ent­schei­dun­gen", wie sie etwa das bri­ti­sche Pro­zess­recht kennt, zu klä­ren. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts 2 haben sich aller­dings die Beru­fungs­ge­rich­te nach § 108 VwGO (erkenn­bar) mit abwei­chen­den Tat­sa­chen- und Lage­be­ur­tei­lun­gen ande­rer Oberverwaltungsgerichte/​Verwaltungsgerichtshöfe aus­ein­an­der­zu­set­zen.

Ande­res folgt auch nicht aus dem Kam­mer­be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 14.11.2016 3. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat in die­sem Beschluss nicht ent­schie­den, dass in Fäl­len, in denen Oberverwaltungsgerichte/​Verwaltungsgerichtshöfe auf der Grund­la­ge (wei­test­ge­hend) iden­ti­scher Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen zu einer im Ergeb­nis abwei­chen­den recht­li­chen Beur­tei­lung kom­men, stets und not­wen­dig eine (klä­rungs­be­dürf­ti­ge) Rechts­fra­ge des Bun­des­rechts vor­liegt, wel­che eine Rechts­mit­tel­zu­las­sung gebie­tet, um den Zugang zur Rechts­mit­tel­in­stanz nicht in einer durch Sach­kun­de nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­den Wei­se zu erschwe­ren. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat viel­mehr als Grund der bei als iden­tisch ange­nom­me­ner Tat­sa­chen­grund­la­ge im Ergeb­nis unter­schied­li­chen Ent­schei­dun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts für das Land Nord­rhein-West­fa­len einer­seits, des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs Baden-Würt­tem­berg ande­rer­seits eine unter­schied­li­che Rechts­auf­fas­sung zur Rechts­fra­ge bezeich­net, ob der Asyl­be­wer­ber tat­säch­lich poli­tisch aktiv war oder ob es aus­reicht, dass die Behör­den des Hei­mat­staa­tes von einer sol­chen Betä­ti­gung aus­gin­gen. Für Tat­sa­chen­fra­gen – und damit auch für Unter­schie­de bei der tat­säch­li­chen Bewer­tung iden­ti­scher Tat­sa­chen­grund­la­gen – hat es vor­ab aus­drück­lich bestä­tigt, dass wegen der Bin­dung des Revi­si­ons­ge­richts an die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts (§ 137 Abs. 2 VwGO) eine wei­ter­ge­hen­de Ver­ein­heit­li­chung der Recht­spre­chung durch das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt aus­schei­det. Auch in Fäl­len (weit­ge­hend) iden­ti­scher Tat­sa­chen­grund­la­gen ist für die Revi­si­ons­zu­las­sung mit­hin eine Dar­le­gung erfor­der­lich, dass die im Ergeb­nis abwei­chen­de Bewer­tung der Tat­sa­chen­grund­la­ge eine klä­rungs­be­dürf­ti­ge Rechts­fra­ge des revi­si­blen Rechts auf­wirft und die­se Fra­ge hin­rei­chend klar zu bezeich­nen.

Von einer grund­sätz­li­chen Bedeu­tung ist regel­mä­ßig aus­zu­ge­hen, wenn eine bun­des­recht­li­che Rechts­fra­ge in der Recht­spre­chung der Oberverwaltungsgerichte/​Verwaltungsgerichtshöfe unein­heit­lich beant­wor­tet wird und es an einer Klä­rung des für die mate­ri­ell­recht­li­che Sub­sum­ti­on sowie die Tat­sa­chen­fest­stel­lung und ‑wür­di­gung her­an­zu­zie­hen­den recht­li­chen Maß­stabs durch das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt fehlt. Es bedarf kei­ner Klä­rung in einem Revi­si­ons­ver­fah­ren, dass ein Ver­fol­gungs­grund nicht allein des­halb zu beja­hen ist, weil – bei unein­heit­li­cher Recht­spre­chung – eine "Viel­zahl" von Gerich­ten hier­von aus­geht. Die Exis­tenz einer sol­chen Recht­spre­chung ist bei der vom Tat­sa­chen­ge­richt vor­zu­neh­men­der Ein­schät­zung, ob eine Ver­fol­gung durch einen Grund im Sin­ne von § 3b AsylG moti­viert ist, offen­kun­dig auch nicht schon als sol­che ein Indiz für eine der­ar­ti­ge Gericht­etheit. Hin­wei­se für oder gegen das Vor­lie­gen eines Ver­fol­gungs­grun­des kann viel­mehr allein das Erkennt­nis­ma­te­ri­al bie­ten, das den jewei­li­gen Gerichts­ent­schei­dun­gen zugrun­de liegt. Inwie­weit die Tat­sa­chen­ge­rich­te ver­pflich­tet sind, sich mit abwei­chen­den Wür­di­gun­gen ver­gleich­ba­rer Erkennt­nis­quel­len durch ande­re Ober­ver­wal­tungs­ge­rich­te aus­ein­an­der­zu­set­zen, ist in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts geklärt.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 5. Dezem­ber 2017 – 1 B 131.17

  1. BVerwG, Urteil vom 31.07.1984 – 9 C 46.84, BVerw­GE 70, 24, 26[]
  2. BVerwG, Urteil vom 08.09.2011 – 10 C 14.10, BVerw­GE 140, 319 Rn. 28 – zur Fest­stel­lung einer extre­men Gefah­ren­la­ge[]
  3. BVerfG, Beschluss vom 14.11.2016 – 2 BvR 31/​14InfAuslR 2017, 75[]