Kei­ne Pro­zess­kos­ten­hil­fe nach Kla­ge­rück­nah­me

Eine Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe kommt nach der Been­di­gung des ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens durch eine Kla­ge­rück­nah­me grund­sätz­lich nicht mehr in Betracht.

Kei­ne Pro­zess­kos­ten­hil­fe nach Kla­ge­rück­nah­me

Es besteht kein sach­li­cher Grund, einem Klä­ger im Fall der Been­di­gung des Rechts­streits durch Kla­ge­rück­nah­me vor einer unan­fecht­ba­ren Ent­schei­dung über sein Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­such aus Bil­lig­keits­er­wä­gun­gen Pro­zess­kos­ten­hil­fe zu bewil­li­gen.

Nach § 166 VwGO i.V.m. § 114 Satz 1 ZPO erhält eine Par­tei, die nach ihren per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen die Kos­ten der Pro­zess­füh­rung nicht, nur zum Teil oder nur in Raten auf­brin­gen kann, auf Antrag Pro­zess­kos­ten­hil­fe, wenn die beab­sich­tig­te Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Erfolg bie­tet und nicht mut­wil­lig erscheint. Die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe dient dem­nach sowohl nach dem Geset­zes­wort­laut als auch der Ziel­rich­tung der gesetz­li­chen Rege­lung dazu, einer bedürf­ti­gen Par­tei die beab­sich­tig­te Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung zu ermög­li­chen, sofern die­se hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Erfolg bie­tet 1. Die­ser Zweck der Pro­zess­kos­ten­hil­fe kann nach der Been­di­gung des Rechts­streits durch die von der Klä­ge­rin in der münd­li­chen Ver­hand­lung erklär­te Kla­ge­rück­nah­me aber nicht mehr ver­wirk­licht wer­den, weil eine Rechts­ver­fol­gung nach der Rück­nah­me der Kla­ge nicht mehr im Sin­ne des § 114 Satz 1 ZPO beab­sich­tigt ist. Daher kommt eine Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe nach der Been­di­gung des Ver­fah­rens durch eine Kla­ge­rück­nah­me grund­sätz­lich nicht mehr in Betracht 2.

Gegen die­se Rechts­auf­fas­sung lässt sich nicht mit Erfolg ein­wen­den, dass der Zeit­punkt der Ent­schei­dungs­rei­fe des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trags für die Beur­tei­lung der Erfolgs­aus­sich­ten der beab­sich­tig­ten Rechts­ver­fol­gung maß­geb­lich sei 3. Denn die Vor­ver­le­gung des für die Beur­tei­lung der Erfolgs­aus­sich­ten der beab­sich­tig­ten Rechts­ver­fol­gung maß­geb­li­chen Zeit­punkts auf den der Ent­schei­dungs­rei­fe des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trags ändert nichts dar­an, dass die Rechts­ver­fol­gung auch im Zeit­punkt der Bewil­li­gung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe grund­sätz­lich noch beab­sich­tigt sein muss, weil Pro­zess­kos­ten­hil­fe dazu dient, einer bedürf­ti­gen Par­tei die beab­sich­tig­te Rechts­ver­fol­gung zu ermög­li­chen. Abge­se­hen davon lässt die Kla­ge­rück­nah­me die Rechts­hän­gig­keit der Kla­ge nach § 173 VwGO i.V.m. § 269 Abs. 3 Satz 1 ZPO rück­wir­kend ent­fal­len, so dass die Rechts­ver­fol­gung auch bezo­gen auf den Zeit­punkt der Ent­schei­dungs­rei­fe des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trags nicht mehr als beab­sich­tigt im Sin­ne des § 114 Satz 1 ZPO ange­se­hen wer­den kann 4.

Schließ­lich besteht auch kein sach­li­cher Grund, einem Klä­ger in den Fäl­len der Been­di­gung des Rechts­streits durch Kla­ge­rück­nah­me vor einer unan­fecht­ba­ren Ent­schei­dung über das Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­such aus Bil­lig­keits­er­wä­gun­gen Pro­zess­kos­ten­hil­fe zu bewil­li­gen. Zwar wird in der Recht­spre­chung und der Lite­ra­tur teil­wei­se die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass auch im Fal­le einer Kla­ge­rück­nah­me Pro­zess­kos­ten­hil­fe rück­wir­kend zu bewil­li­gen sei, wenn der Klä­ger vor dem Weg­fall der Rechts­hän­gig­keit alles ihm Zumut­ba­re getan habe, um eine Ent­schei­dung des Gerichts über sei­nen Antrag auf Pro­zess­kos­ten­hil­fe zu errei­chen 5. Die­se Auf­fas­sung über­zeugt aber nicht, weil es einem Klä­ger regel­mä­ßig unbe­nom­men ist, vor einer Ent­schei­dung über eine Kla­ge­rück­nah­me die Beschei­dung sei­nes Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­suchs bzw. sei­ner Beschwer­de gegen einen Pro­zess­kos­ten­hil­fe ver­sa­gen­den erst­in­stanz­li­chen Beschluss ein­zu­for­dern und den Pro­zess erst nach einer unan­fecht­ba­ren nega­ti­ven Ent­schei­dung über sein Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­such durch Kla­ge­rück­nah­me zu been­den 6. Der Klä­ger muss vor einer unan­fecht­ba­ren Ent­schei­dung über sei­nen Antrag auf Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe ins­be­son­de­re kei­ne Abwei­sung sei­ner Kla­ge befürch­ten, da das Ver­wal­tungs­ge­richt das Kla­ge­ver­fah­ren nicht fort­füh­ren und mit einer nega­ti­ven Sach­ent­schei­dung abschlie­ßen darf, solan­ge das Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren noch nicht unan­fecht­bar abge­schlos­sen ist 7.

Ob beson­de­re Kon­stel­la­tio­nen denk­bar sind, in denen nach einer Kla­ge­rück­nah­me den­noch aus­nahms­wei­se aus Grün­den der Bil­lig­keit Pro­zess­kos­ten­hil­fe zu bewil­li­gen ist, bedarf hier kei­ner Ent­schei­dung. Das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren weist inso­weit näm­lich kei­ne Beson­der­hei­ten auf. Die Klä­ge­rin war kei­nes­wegs gehin­dert, vor einer Ent­schei­dung über die Kla­ge­rück­nah­me den Beschluss des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts über ihre Beschwer­de gegen den Pro­zess­kos­ten­hil­fe ver­sa­gen­den Beschluss des Ver­wal­tungs­ge­richts abzu­war­ten, da sie in der münd­li­chen Ver­hand­lung unter Hin­weis auf die noch aus­ste­hen­de Ent­schei­dung über ihre Beschwer­de gegen die Ableh­nung des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­suchs einen Antrag auf Ver­ta­gung hät­te stel­len kön­nen, dem das Ver­wal­tungs­ge­richt hät­te ent­spre­chen müs­sen 8 Mit­hin hat die Klä­ge­rin aus "frei­en Stü­cken" vor der abschlie­ßen­den Ent­schei­dung über ihren Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trag auf die wei­te­re Rechts­ver­fol­gung ver­zich­tet und damit zu erken­nen gege­ben, dass sie der Kla­ge selbst nicht mehr für erfolg­ver­spre­chend hält. Bei einer sol­chen Sach­la­ge besteht kein Bedürf­nis, der Klä­ge­rin aus Bil­lig­keits­er­wä­gun­gen Pro­zess­kos­ten­hil­fe für das von ihr nicht mehr betrie­be­ne Kla­ge­ver­fah­ren zu gewäh­ren 9.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 27. Juli 2010 – 4 PA 175/​10

  1. vgl. BVerwG, Beschluss vom 03.03.1998 – 1 PKH 3/​98; Nds. OVG, Beschluss vom 05.05.2009 – 4 PA 70/​09[]
  2. eben­so: OVG M‑V, Beschluss vom 16.02.2005 – 1 O 390/​04; OVG S‑H, Beschluss vom 28.10.2003 – 3 O 27/​03, NVwZ-RR 2004, 460; Sächs. OVG, Beschluss vom 16.03.2004 – 5 E 27/​04; Sodan/​Ziekow, VwGO, Kom­men­tar, 3. Aufl., § 166 Rn. 48; a. A. BGH, Beschluss vom 18.11.2009 – XII ZB 152/​09 -[]
  3. vgl. dazu Nds. OVG, Beschluss vom 27.04.2010 – 4 PA 117/​10, m.w.N.[]
  4. OVG M‑V, Beschluss vom 16.02.2005 – 1 O 390/​04; vgl. dazu auch OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 06.06.2006 – OVG 12 M 28.05; OVG NRW, Beschluss vom 30.06.1993 – 25 E 426/​93, NVwZ-RR 1994, 124; Sodan/​Ziekow, VwGO, Kom­men­tar, 3. Aufl., § 166 Rn. 48[]
  5. vgl. Kopp/​Schenke, VwGO, Kom­men­tar, 16. Aufl., § 166 Rn. 14; Bay. VGH, Beschluss vom 15.09.2009 – 11 C 08.442; vgl. auch Sächs. OVG, Beschluss vom 16.03.2004 – 5 E 27/​04[]
  6. OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 06.06.2006 – OVG 12 M 28.05; OVG S‑H, Beschluss vom 28.10.2003 – 3 O 27/​03, NVwZ-RR 2004, 460[]
  7. vgl. Sodan/​Ziekow, VwGO, Kom­men­tar, 3. Aufl., § 166 Rn. 39 m.w.N.; OVG S‑H, Beschluss vom 28.10.2003 – 3 O 27/​03, NVwZ-RR 2004, 460[]
  8. vgl. Sodan/​Ziekow, VwGO, Kom­men­tar, 3. Aufl., § 166 Rn. 39 m.w.N.[]
  9. eben­so OVG M‑V, Beschluss vom 16.02.2005 – 1 O 390/​04; OVG S‑H, Beschluss vom 28.10.2003 – 3 O 27/​03, NVwZ-RR 2004, 460[]