Kom­mu­na­le Finanz­aus­gleich in Nord­rhein-West­fa­len

Die in Nord­rhein-West­fa­len ein­ge­führ­te Soli­da­ri­täts­um­la­ge zwi­schen den nord­rhein-west­fä­li­schen Städ­ten und Gemein­den steht nicht in Wider­spruch zur NRW-Lan­des­ver­fas­sung.

Kom­mu­na­le Finanz­aus­gleich in Nord­rhein-West­fa­len

Der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof für das Land Nord­rhein-West­fa­len in Müns­ter hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­den zahl­rei­cher Städ­te und Gemein­den gegen ein­zel­ne Bestim­mun­gen des Geset­zes zur Unter­stüt­zung der kom­mu­na­len Haus­halts­kon­so­li­die­rung im Rah­men des Stär­kungs­pakts Stadt­fi­nan­zen (Stär­kungs­pakt­ge­setz) zurück­ge­wie­sen. Gegen­stand die­ser Rege­lun­gen ist eine von bestimm­ten, als beson­ders finanz­kräf­tig ange­se­he­nen (sog. abundan­ten) Gemein­den zu erbrin­gen­de Soli­da­ri­täts­um­la­ge, aus deren Auf­kom­men Finanz­hil­fen für Gemein­den in einer beson­ders schwie­ri­gen Haus­halts­si­tua­ti­on mit­fi­nan­ziert wer­den.

Die Kom­mu­nen hat­ten gel­tend gemacht, durch ihre Her­an­zie­hung zur Soli­da­ri­täts­um­la­ge wür­den ihnen unter Ver­stoß gegen die ver­fas­sungs­recht­lich gewähr­leis­te­te kom­mu­na­le Finanz­ho­heit ins­ge­samt 775,523 Mio. € ent­zo­gen, die ihnen durch Bun­des­recht zuge­wie­sen sei­en. Hier­zu fehl­ten dem Lan­des­ge­setz­ge­ber die Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz und die mate­ri­ell-recht­li­che Befug­nis. Fer­ner ver­sto­ße die kon­kre­te gesetz­li­che Aus­ge­stal­tung der Soli­da­ri­täts­um­la­ge gegen das Nivel­lie­rungs- bzw. Über­ni­vel­lie­rungs­ver­bot, das Über­maß­ver­bot und das Gebot inter­kom­mu­na­ler Gleich­be­hand­lung.

Die Bestim­mun­gen zur kom­mu­na­len Finanz­aus­stat­tung in Art. 106 Abs. 5 bis 6 des Grund­ge­set­zes sei­en nicht ver­letzt, befand der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof. Mit der Soli­da­ri­täts­um­la­ge wer­de nicht auf bestimm­te kom­mu­na­le Steu­er­erträ­ge zuge­grif­fen, son­dern den betrof­fe­nen Gemein­den eine aus ihren Haus­hal­ten zu erfül­len­de all­ge­mei­ne Zah­lungs­pflicht auf­er­legt. Das Umla­ge­auf­kom­men flie­ße in Form von Kon­so­li­die­rungs­hil­fen für Gemein­den in einer beson­ders schwie­ri­gen Haus­halts­si­tua­ti­on in den kom­mu­na­len Raum zurück.

Aus Art. 79 Satz 2 der Lan­des­ver­fas­sung NRW, wonach das Land im Rah­men sei­ner finan­zi­el­len Leis­tungs­fä­hig­keit einen über­ge­meind­li­chen Finanz­aus­gleich zu gewähr­leis­ten habe, erge­be sich nicht, dass die­ser Aus­gleich nur mit Lan­des­mit­teln erfol­gen dür­fe. Eine Sperr­wir­kung gegen­über inter­kom­mu­na­len Finanz­aus­gleichs­in­stru­men­ten ent­fal­te die Vor­schrift jeden­falls dann nicht, wenn sich das Land – wie in dem hier in Rede ste­hen­den Zeit­raum – in einer ange­spann­ten Haus­halts­si­tua­ti­on befin­de.

Inter­kom­mu­na­le Finanz­aus­gleichs­um­la­gen, die wie die Soli­da­ri­täts­um­la­ge dar­auf gerich­tet sei­en, den Emp­fän­ger­kom­mu­nen finan­zi­el­le Hil­fen zur Haus­halts­sa­nie­rung zu gewäh­ren, stün­den zwar in einem pro­ble­ma­ti­schen Span­nungs­ver­hält­nis zu dem Grund­satz kom­mu­na­ler Selbst­ver­ant­wor­tung, der das kom­mu­na­le Selbst­ver­wal­tungs­recht und den über­ge­meind­li­chen Finanz­aus­gleich prä­ge. Ange­sichts anhal­ten­der Defi­zi­te und der Über­schul­dun­gen der Haus­hal­te zahl­rei­cher nord­rhein-west­fä­li­scher Gemein­den sei­en die aus dem Auf­kom­men der Soli­da­ri­täts­um­la­ge mit­fi­nan­zier­ten Kon­so­li­die­rungs­hil­fen jedoch zum Schutz der kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tungs­ga­ran­tie vor einer Ero­si­on ihrer mate­ri­el­len Grund­la­gen aus­nahms­wei­se zuläs­sig. Des­halb sei den umla­ge­pflich­ti­gen Gemein­den die ihnen auf­er­leg­te finan­zi­el­le Belas­tung auch zumut­bar.

Das inter­kom­mu­na­le Gleich­be­hand­lungs­ge­bot und das Ver­bot der Nivellierung/​Über­nivellie­rung kom­mu­na­ler Finanz­kraft­un­ter­schie­de sei­en nicht ver­letzt. Ins­be­son­de­re sei es ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den, dass nur nach­hal­tig abundan­te Gemein­den, die selbst kei­ne Kon­so­li­die­rungs­hil­fen erhal­ten, her­an­ge­zo­gen wür­den und eine Anrech­nung der Soli­da­ri­täts­um­la­ge­be­las­tung auf die Kreis- bzw. Land­schafts­um­la­ge nicht vor­ge­se­hen sei.

Kom­mu­nen waren die Städ­te Atten­dorn, Bad Hon­nef, Blom­berg, Borg­holz­hau­sen, Drol­s­ha­gen, Düs­sel­dorf, Els­dorf, Enne­pe­tal, Erwit­te, Espel­kamp, Fre­chen, Freu­den­berg, Gre­ven­broich, Gro­nau, Haan, Hal­le (Westf.), Har­se­win­kel, Hil­chen­bach, Hil­den, Kem­pen, Kreuz­tal, Lan­gen­feld (Rhein­land), Len­ne­stadt, Lin­nich, Mecken­heim, Meer­busch, Mein­erz­ha­gen, Mon­heim, Neu­en­ra­de, Neuss, Oel­de, Ols­berg, Plet­ten­berg, Ratin­gen, Rhe­da-Wie­den­brück, Rhein­berg, Riet­berg, Schloß Hol­te-Stu­ken­brock, Sen­den­horst, Stadt­lohn, Strae­len, Verl, Wer­mels­kir­chen, Wert­her (Westf.), Wet­ter, Wiehl, Wil­lich, Wülf­rath sowie die Gemein­den Alpen, Alten­ber­ge, Bur­bach, Ense, Erndte­brück, Evers­win­kel, Heek, Her­ze­b­rock-Clar­holz, Hövel­hof, Inden, Jüchen, Kirch­hun­dem, Kirchlen­gern, Lan­gen­berg, Neun­kir­chen, Oden­thal, Röding­hau­sen, Roet­gen, Schalks­müh­le, Stein­ha­gen, Wacht­berg, Wach­ten­donk, Wen­den und Wilns­dorf.

Ver­fas­sungs­ge­richts­hof für das Land Nord­rhein ‑West­fa­len, Urteil vom 30. August 2016 – VerfGH 34/​14