Kos­ten der Unter­brin­gung im Poli­zei­ge­wahr­sam

Wird eine amts­rich­ter­li­che Ent­schei­dung über die Zuläs­sig­keit einer poli­zei­li­chen Inge­wahrs­am­nah­me nicht getrof­fen, ist im Streit über die Erhe­bung von Gebüh­ren für die Unter­brin­gung im poli­zei­li­chen Gewahr­sam die Recht­mä­ßig­keit der poli­zei­li­chen Maß­nah­me eine inzi­dent zu prü­fen­de Vor­aus­set­zung für die Gebüh­ren­pflicht.

Kos­ten der Unter­brin­gung im Poli­zei­ge­wahr­sam

Rechts­grund­la­ge für die Her­an­zie­hung zu den Kos­ten der Unter­brin­gung im Poli­zei­ge­wahr­sam sind in Nie­der­sach­sen die §§ 1, 3 und 5 NVw­KostG i.V.m. Ziff. 108.2.2 der Anla­ge zu der Ver­ord­nung über die Gebüh­ren und Aus­la­gen für Amts­hand­lun­gen und Leis­tun­gen (All­GO). Nach § 1 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 NVw­KostG wer­den für Amts­hand­lun­gen in Ange­le­gen­hei­ten der Lan­des­ver­wal­tung Kos­ten (Gebüh­ren und Aus­la­gen) erho­ben, wenn die Betei­lig­ten zu der Amts­hand­lung Anlass gege­ben haben. Kos­ten­schuld­ner ist nach § 5 Abs. 1 Satz 1 NVw­KostG der­je­ni­ge, der zu der Amts­hand­lung Anlass gege­ben hat. Nach Ziff. 108.2.2 der Anla­ge zur All­GO ist für die "Unter­brin­gung im Poli­zei­ge­wahr­sam je ange­fan­ge­ner Tag (24 Stun­den)" eine Gebühr von 25, – € zu erhe­ben.

Erle­digt sich – wie hier – die poli­zei­li­che Inge­wahrs­am­nah­me vor Ablauf einer Rechts­be­helfs­frist, so gebie­tet es die Gewähr­leis­tung gemäß Art.19 Abs. 4 GG, im Rah­men der Über­prü­fung des Her­an­zie­hungs­be­schei­des auch die die Erhe­bung ver­ur­sa­chen­de Amts­hand­lung einer gericht­li­chen Kon­trol­le zu unter­zie­hen 1. Da sich im vor­lie­gen­den Fall die mehr­stün­di­ge Inge­wahrs­am­nah­me des Klä­gers mit sei­ner Ent­las­sung um 18.00 Uhr am sel­ben Tag erle­digt hat­te und kei­ne amts­rich­ter­li­che Ent­schei­dung über den Gewahr­sam gemäß § 19 Abs. 1 Satz 1 Nds. SOG getrof­fen wor­den war, ist des­sen Recht­mä­ßig­keit eine in die­sem Ver­fah­ren inzi­dent zu prü­fen­de Vor­aus­set­zung für die Gebüh­ren­pflicht des Klä­gers.

Nach § 18 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. a Nds. SOG kann u.a. die Poli­zei eine Per­son in Gewahr­sam neh­men, wenn dies uner­läss­lich ist, um die unmit­tel­bar bevor­ste­hen­de Bege­hung oder Fort­set­zung einer Straf­tat zu ver­hin­dern. § 18 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. a Nds. SOG ist nicht ver­fas­sungs­wid­rig. Ein Ver­stoß gegen den ver­fas­sungs­recht­li­chen Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­satz liegt auch nicht dar­in, dass die Vor­schrift die Mög­lich­keit der Inge­wahrs­am­nah­me an das Vor­lie­gen einer Gefahr knüp­fe, also eines Sach­ver­hal­tes, bei dem es nur mög­li­cher­wei­se zu einer Beein­träch­ti­gung eines all­ge­mei­nen Inter­es­ses kom­me. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat in sei­ner Ent­schei­dung vom 29.07.2010 2 ver­fas­sungs­recht­li­che Beden­ken gegen § 18 Abs. 1 Nr. 2 SOG nicht erho­ben 3. Auch nach der fach­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung ver­letzt eine lan­des­recht­li­che Vor­schrift, die die Anwend­bar­keit des Mit­tels der poli­zei­li­chen Inge­wahrs­am­nah­me davon abhän­gig macht, dass die Bege­hung einer mit Stra­fe bedroh­ten Hand­lung unmit­tel­bar bevor­steht und die­se Straf­tat nur durch die Inge­wahrs­am­nah­me ver­hin­dert wer­den kann, nicht den ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit 4. § 18 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. a Nds. SOG genügt den ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­ga­ben, indem er die poli­zei­li­che Inge­wahrs­am­nah­me zur Ver­hin­de­rung einer "unmit­tel­bar" bevor­ste­hen­den Bege­hung oder Fort­set­zung einer Straf­tat zulässt und die Maß­nah­me "uner­läss­lich" sein muss. Wei­te­re Begren­zun­gen erge­ben sich dar­aus, dass der Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit gemäß § 4 Nds. SOG zu beach­ten ist.

Bei der Inge­wahrs­am­nah­me han­delt es sich um eine die Frei­heit der Per­son nicht nur beschrän­ken­de, son­dern auf­he­ben­de Frei­heits­ent­zie­hung im Sin­ne des Art. 104 Abs. 2 GG 5.

Der Begriff der "unmit­tel­bar bevor­ste­hen­den Bege­hung" einer Straf­tat ist vor dem Hin­ter­grund des hohen Ran­ges der Frei­heit der Per­son aus­zu­le­gen. Zu den Belan­gen des Gemein­wohls, gegen­über denen die Frei­heit des Ein­zel­nen unter Umstän­den zurück­tre­ten muss, gehört der Schutz der All­ge­mein­heit und ein­zel­ner vor mit hoher Wahr­schein­lich­keit zu erwar­ten­den Straf­ta­ten. Der Begriff "unmit­tel­bar bevor­ste­hend" ist gleich­zu­set­zen mit "unmit­tel­bar bevor­ste­hen­de Gefahr" oder "gegen­wär­ti­ge Gefahr" im Sin­ne des § 2 Nr. 1 Buchst. b Nds. SOG. Hier­aus erge­ben sich beson­de­re Anfor­de­run­gen an die zeit­li­che Nähe des Scha­dens­ein­tritts. Dar­über hin­aus stellt der Begriff im Regel­fall stren­ge­re Anfor­de­run­gen an den Wahr­schein­lich­keits­grad. Dem­ge­mäß müs­sen nach­voll­zieh­ba­re, bestimm­te Tat­sa­chen vor­lie­gen, die die Annah­me begrün­den, dass der Scha­den sofort oder in aller­nächs­ter Zeit und zudem mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit ein­tre­ten wird 6.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 24. Febru­ar 2014 – 11 LC 228/​12

  1. BVerfG, Beschluss vom 29.07.2010 – 1 BvR 1634/​04, NVwZ 2010, 1482 49 ff.; VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 27.09.2004 – 1 S 2206/​03, NVwZ-RR 2005, 540 57, und Urteil vom 17.03.2011 – 1 S 2513/​10, DVBl.2011, 626 22; VG Olden­burg, Urteil vom 26.06.2012 – 7 A 2830/​12 15; vgl. bereits Nds. OVG, Urteil vom 26.01.2012 – 11 LB 226/​11, Nor­dÖR 2012, 355 22, zur Kos­ten­pflicht bei poli­zei­li­cher Beför­de­rung einer hilf­lo­sen Per­son[]
  2. BVerfG, Beschluss vom 29.07.2010 – 1 BvR 1634/​04, NVwZ 2010, 1482[]
  3. vgl. auch BVerfG, Beschluss vom 26.06.1997 – 2 BvR 126/​91[]
  4. BVerwG, Urteil vom 26.02.1974 – I C 31.72, BVerw­GE 45, 51 34; Bay.VerfGH, Entsch. vom 02.08.1990 – Vf 3 VII 89 u.a. – , NVwZ 1991, 664[]
  5. BVerfG, Beschluss vom 15.05.2002 – 2 BvR 2292/​00, BVerfGE 105, 239 23 und 28, zur Abschie­bungs­haft; VGH Bad.-Württ., Urteil vom 17.03.2011 – 1 S 2513/​10, a.a.O. 24[]
  6. BVerwG, Urteil vom 26.02.1974 – I C 31.72, a.a.O. 32; OVG Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 8.12.2011 – 5 A 1045/​09 37[]
  7. BGBl. I 2017, 872[]

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