Kreis­um­la­ge – und die unter­las­se­ne Anhö­rung der Gemein­den

Kreis­an­ge­hö­ri­ge Gemein­den müs­sen vor Erlass einer Sat­zungs­be­stim­mung über die Höhe des Kreis­um­la­ge­sat­zes nicht förm­lich ange­hört wer­den.

Kreis­um­la­ge – und die unter­las­se­ne Anhö­rung der Gemein­den

Dies ent­schied jetzt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in einem Streit­fall aus Meck­len­burg-Vor­pom­mern: Im Febru­ar 2013 beschloss der Land­kreis Nord­west­meck­len­burg sei­ne Haus­halts­sat­zung für das Jahr 2013 und leg­te dar­in nach § 23 Abs. 1 des Finanz­aus­gleichs­ge­set­zes Meck­len­burg-Vor­pom­mern den Kreis­um­la­ge­satz auf 43,67 % fest, ohne die davon betrof­fe­nen Gemein­den vor­her förm­lich anzu­hö­ren. Im Sep­tem­ber 2013 setz­te die beklag­te Land­rä­tin gegen­über der kla­gen­den Gemein­de die Kreis­um­la­ge für das Jahr 2013 fest.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Schwe­rin hat den Kreis­um­la­ge­be­scheid auf­ge­ho­ben 1. Wäh­rend des Beru­fungs­ver­fah­rens hat der Land­kreis nach förm­li­cher Anhö­rung sei­ner kreis­an­ge­hö­ri­gen Gemein­den den Kreis­um­la­ge­satz für das Haus­halts­jahr 2013 erneut auf 43,67 % fest­ge­legt. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Meck­len­burg-Vor­pom­mern in Greifs­wald hat die Beru­fung zurück­ge­wie­sen 2: Die Ände­rungs­sat­zung sei nich­tig, weil sie eine Nach­trags­haus­halts­sat­zung dar­stel­le und kei­ner der in der Kom­mu­nal­ver­fas­sung für Meck­len­burg-Vor­pom­mern abschlie­ßend auf­ge­zähl­ten Fäl­le vor­lie­ge, in denen eine sol­che erge­hen dür­fe. Die ursprüng­li­che Sat­zungs­be­stim­mung über die Fest­le­gung des Kreis­um­la­ge­sat­zes sei eben­falls nich­tig, weil die kreis­an­ge­hö­ri­gen Gemein­den vor ihrem Erlass nicht förm­lich ange­hört wor­den sei­en. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat nun das Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und die Sache an das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen:

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt geht zwar im Ansatz zutref­fend davon aus, dass das Selbst­ver­wal­tungs­recht der kla­gen­den Gemein­de nicht nur ver­letzt wird, wenn die Erhe­bung der Kreis­um­la­ge dazu führt, dass deren finan­zi­el­le Min­dest­aus­stat­tung unter­schrit­ten wird, son­dern auch dann, wenn der Kreis bei der Erhe­bung der Kreis­um­la­ge sei­ne eige­nen finan­zi­el­len Belan­ge gegen­über den finan­zi­el­len Belan­gen der kreis­an­ge­hö­ri­gen Gemein­den ein­sei­tig und rück­sichts­los bevor­zugt. Bei Fest­set­zung der Kreis­um­la­ge muss der Kreis daher nicht nur sei­nen eige­nen Finanz­be­darf, son­dern auch den­je­ni­gen der von der Kreis­um­la­ge betrof­fe­nen Gemein­den berück­sich­ti­gen. Jedoch lässt sich dem Grund­ge­setz nicht ent­neh­men, auf wel­che Wei­se dies zu erfol­gen hat. Es obliegt daher vor­ran­gig dem Lan­des­ge­setz­ge­ber fest­zu­le­gen, ob den Kreis bei Fest­le­gung des Kreis­um­la­ge­sat­zes Ver­fah­rens­pflich­ten tref­fen und ob sol­chen Ver­fah­rens­pflich­ten Ver­fah­rens­rech­te der betrof­fe­nen Gemein­den kor­re­spon­die­ren. Soweit der­ar­ti­ge Rege­lun­gen feh­len, sind die Krei­se in der Pflicht, ihr Recht­set­zungs­ver­fah­ren der­art aus­zu­ge­stal­ten, dass die genann­ten ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen gewahrt wer­den.

Die Sache wur­de vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt an das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen, weil es – von sei­nem Rechts­stand­punkt aus kon­se­quent – nicht geprüft hat, ob die strei­ti­ge Kreis­um­la­ge dazu führt, dass die finan­zi­el­le Min­dest­aus­stat­tung der kla­gen­den Gemein­de unter­schrit­ten wird.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 29. Mai 2019 – 10 C 6.18

  1. VG Schwe­rin, Urteil vom 20.07.2016 – 1 A 387/​14[]
  2. OVG Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Urteil vom 18.07.2018 – 2 L 463/​16[]