Künst­li­che Befruch­tung einer Sol­da­tin

Die unent­gelt­li­che trup­pen­ärzt­li­che Ver­sor­gung der Bun­des­wehr ist nicht auf medi­zi­ni­sche Leis­tun­gen zur Erhal­tung oder Wie­der­her­stel­lung der Dienst- und Ein­satz­fä­hig­keit der Sol­da­ten beschränkt. Ob eine Krank­heit die Wehr­dienst­fä­hig­keit berührt, ist uner­heb­lich. So stellt die orga­nisch beding­te Ste­ri­li­tät einen regel­wid­ri­gen Kör­per­zu­stand dar, der behand­lungs­be­dürf­tig und the­ra­pier­bar ist. Die unent­gelt­li­che trup­pen­ärzt­li­che Ver­sor­gung umfasst daher auch die zur Behand­lung erfor­der­li­che medi­zi­ni­sche Leis­tung in Form der soge­nann­ten homo­lo­gen In-vitro-Fer­ti­li­sa­ti­on.

Künst­li­che Befruch­tung einer Sol­da­tin

Mit die­ser Ent­schei­dung hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg die Beru­fung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land gegen die Kos­ten­über­nah­me für eine homo­lo­ge In-vitro-Fer­ti­li­sa­ti­on in dem hier vor­lie­gen­den Fall abge­wie­sen. Die Sol­da­tin auf Zeit und Ober­feld­we­bel bei der Bun­des­wehr lei­det an einem bei­der­sei­ti­gen Ver­schluss der Eilei­ter und kann auf nor­ma­lem Weg kein Kind emp­fan­gen. Sie bean­trag­te, im Rah­men der trup­pen­ärzt­li­chen Ver­sor­gung die Kos­ten für eine künst­li­che Befruch­tung in Form der homo­lo­gen In-vitro-Fer­ti­li­sa­ti­on zu über­neh­men. Dabei wer­den der Frau Eizel­len aus dem Eier­stock ent­nom­men und außer­halb des Mut­ter­leibs mit dem Samen des Ehe­manns befruch­tet. Die Beklag­te lehn­te den Antrag ab, weil die trup­pen­ärzt­li­che Ver­sor­gung auf die Erhal­tung oder Wie­der­her­stel­lung der Dienst- und Ein­satz­fä­hig­keit von Sol­da­ten und Sol­da­tin­nen beschränkt sei. Eine Ver­wal­tungs­vor­schrift der Beklag­ten rege­le aus­drück­lich, dass die unent­gelt­li­che trup­pen­ärzt­li­che Ver­sor­gung kei­ne Maß­nah­men zur Fami­li­en­pla­nung umfas­se. Hier­ge­gen hat die Sol­da­tin Kla­ge erho­ben. Das Ver­wal­tungs­ge­richt Sig­ma­rin­gen hob den Ableh­nungs­be­scheid auf und ver­pflich­te­te die beklag­te Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, ver­tre­ten durch die Wehr­be­reichs­ver­wal­tung Süd in Stutt­gart, zur erneu­ten Ent­schei­dung. Dage­gen ist von der Beklag­ten Beru­fung ein­ge­legt wor­den.

Nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs Baden-Würt­tem­berg sei die unent­gelt­li­che trup­pen­ärzt­li­che Ver­sor­gung nicht auf medi­zi­ni­sche Leis­tun­gen zur Erhal­tung oder Wie­der­her­stel­lung der Dienst- und Ein­satz­fä­hig­keit der Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten beschränkt. Sie sei Aus­druck der Für­sor­ge­pflicht des Dienst­herrn. Der Dienst­herr müs­se Vor­keh­run­gen tref­fen, um den ange­mes­se­nen Lebens­un­ter­halt der Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten auch bei Ein­tritt beson­de­rer finan­zi­el­ler Belas­tun­gen durch Krank­heit zu sichern. Die­se Ver­pflich­tung sei umfas­send. Eine Krank­heit sei der regel­wid­ri­ge, vom Leit­bild des gesun­den Men­schen abwei­chen­de Zustand des Kör­pers oder des Geis­tes. Ob die Krank­heit die Wehr­dienst­fä­hig­keit berüh­re, sei uner­heb­lich.

Die homo­lo­ge In-vitro-Fer­ti­li­sa­ti­on sei eine zur Behand­lung einer Krank­heit erfor­der­li­che medi­zi­ni­sche Leis­tung. Die orga­nisch beding­te Ste­ri­li­tät stel­le einen regel­wid­ri­gen Kör­per­zu­stand dar, der von der gene­rell bestehen­den Fort­pflan­zungs­fä­hig­keit erwach­se­ner Men­schen als Nor­mal­zu­stand abwei­che. Die­ser regel­wid­ri­ge Kör­per­zu­stand sei behand­lungs­be­dürf­tig und the­ra­pier­bar. Die künst­li­che Befruch­tung ermög­li­che, die Fol­gen eines regel­wid­ri­gen Kör­per­zu­stands zu über­win­den und der Klä­ge­rin zu einem gene­tisch gemein­sa­men Kind mit ihrem Ehe­mann zu ver­hel­fen. Die von der Beklag­ten ange­führ­te All­ge­mei­ne Ver­wal­tungs­vor­schrift über den Aus­schluss von Maß­nah­men der Fami­li­en­pla­nung sei nicht anwend­bar. Sie genü­ge nicht dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Geset­zes­vor­be­halt. Die Exe­ku­ti­ve kön­ne die tra­gen­den Struk­tur­prin­zi­pi­en der trup­pen­ärzt­li­chen Ver­sor­gung, zu denen auch wesent­li­che Ein­schrän­kun­gen medi­zi­ni­scher Leis­tun­gen gehör­ten, nicht selbst regeln. Dies sei allein Sache des par­la­men­ta­ri­schen Gesetz­ge­bers.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 2. August 2012 – 2 S 786/​12