Kur­di­sche PKK-Flücht­lin­ge

Ein Aus­schluss von der Flücht­lings­a­n­er­ken­nung nach § 3 Abs. 2 AsylVfG wegen Be­tei­li­gung des Aus­län­ders an be­stimm­ten Straf­ta­ten oder Hand­lun­gen kann auch auf der Grund­la­ge des ab­ge­senk­ten Be­weis­ma­ßes in § 3 Abs. 2 Satz 1 AsylVfG nur an­ge­nom­men wer­den, wenn für die er­for­der­li­che Haupt­tat an ein­zel­ne Vor­fäl­le an­ge­knüpft wird.

Kur­di­sche PKK-Flücht­lin­ge

Ge­wich­ti­ge ideo­lo­gi­sche und pro­pa­gan­dis­ti­sche Ak­ti­vi­tä­ten zu­guns­ten einer ter­ro­ris­ti­schen Or­ga­ni­sa­ti­on kom­men als Be­tei­li­gung an Zu­wi­der­hand­lun­gen gegen die Zie­le und Grund­sät­ze der Ver­ein­ten Na­tio­nen gemäß § 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 i.V.m. Abs. 2 AsylVfG auch dann in Be­tracht, wenn der Asyl­be­wer­ber weder eine tat­säch­li­che Ein­fluss­mög­lich­keit auf die Be­ge­hung von Ter­ror­ak­ten hat­te noch sol­che Taten öf­fent­lich ge­bil­ligt oder dazu auf­ge­ru­fen hat.

Ein Aus­län­der ist gemäß § 3 Abs. 2 AsylVfG nicht Flücht­ling, wenn aus schwer­wie­gen­den Grün­den die Annah­me gerecht­fer­tigt ist, dass er ein Ver­bre­chen gegen den Frie­den, ein Kriegs­ver­bre­chen oder ein Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit began­gen hat im Sin­ne der inter­na­tio­na­len Ver­trags­wer­ke, die aus­ge­ar­bei­tet wor­den sind, um Bestim­mun­gen bezüg­lich die­ser Ver­bre­chen zu tref­fen (§ 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 AsylVfG), wenn er vor sei­ner Auf­nah­me als Flücht­ling eine schwe­re nicht­po­li­ti­sche Straf­tat außer­halb des Bun­des­ge­biets began­gen hat, ins­be­son­de­re eine grau­sa­me Hand­lung, auch wenn mit ihr vor­geb­lich poli­ti­sche Zie­le ver­folgt wur­den (§ 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 AsylVfG), oder wenn er den Zie­len und Grund­sät­zen der Ver­ein­ten Natio­nen zuwi­der­ge­han­delt hat (§ 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 AsylVfG). Dies gilt auch für Aus­län­der, die ande­re zu den dar­in genann­ten Straf­ta­ten oder Hand­lun­gen ange­stif­tet oder sich in sons­ti­ger Wei­se dar­an betei­ligt haben (§ 3 Abs. 2 Satz 2 AsylVfG).

Ein Aus­schluss von der Flücht­lings­an­er­ken­nung wegen Betei­li­gung an Hand­lun­gen, die sich gegen die Zie­le und Grund­sät­ze der Ver­ein­ten Natio­nen rich­ten (§ 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 i.V.m. Satz 2 AsylVfG), setzt zunächst vor­aus, dass der­ar­ti­ge Zuwi­der­hand­lun­gen vor­lie­gen. Die dafür maß­geb­li­chen Zie­le und Grund­sät­ze sind in der Prä­am­bel und in den Art. 1 und 2 der Char­ta der Ver­ein­ten Natio­nen dar­ge­legt und u.a. in den Reso­lu­tio­nen des UN-Sicher­heits­rats zu den Anti­ter­ror­maß­nah­men ver­an­kert. Aus die­sen folgt, „dass die Hand­lun­gen, Metho­den und Prak­ti­ken des Ter­ro­ris­mus im Wider­spruch zu den Zie­len und Grund­sät­zen der Ver­ein­ten Natio­nen ste­hen“ und „dass die wis­sent­li­che Finan­zie­rung und Pla­nung ter­ro­ris­ti­scher Hand­lun­gen sowie die Anstif­tung dazu eben­falls im Wider­spruch zu den Zie­len und Grund­sät­zen der Ver­ein­ten Natio­nen ste­hen“ [1]. Wie sich aus den UN-Reso­lu­tio­nen 1373 (2001) und 1377 (2001) ergibt, geht der Sicher­heits­rat der Ver­ein­ten Natio­nen von dem Grund­satz aus, dass Hand­lun­gen des inter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus in einer all­ge­mei­nen Wei­se und unab­hän­gig von der Betei­li­gung eines Staa­tes den Zie­len und Grund­sät­zen der Ver­ein­ten Natio­nen zuwi­der­lau­fen. Dar­aus fol­gert der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, dass die­ser Aus­schluss­grund auch auf Per­so­nen Anwen­dung fin­den kann, die im Rah­men ihrer Zuge­hö­rig­keit zu einer in der Lis­te im Anhang des Gemein­sa­men Stand­punkts 2001/​931 auf­ge­führ­ten Orga­ni­sa­ti­on an ter­ro­ris­ti­schen Hand­lun­gen betei­ligt waren, die eine inter­na­tio­na­le Dimen­si­on auf­wei­sen [2]. Danach kön­nen Zuwi­der­hand­lun­gen im Sin­ne von § 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 AsylVfG jeden­falls bei Akti­vi­tä­ten des inter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus auch von Per­so­nen began­gen wer­den, die kei­ne Macht­po­si­ti­on in einem Mit­glied­staat der Ver­ein­ten Natio­nen oder zumin­dest in einer staats­ähn­li­chen Orga­ni­sa­ti­on inne­ha­ben [3].

Auch auf der Grund­la­ge des abge­senk­ten Beweis­ma­ßes in § 3 Abs. 2 Satz 1 AsylVfG kann eine Betei­li­gung an den in der Norm genann­ten Straf­ta­ten oder Hand­lun­gen nur ange­nom­men wer­den, wenn für die erfor­der­li­che Haupt­tat an ein­zel­ne Vor­fäl­le ange­knüpft wird [4]. Auch wenn die Betei­li­gung des Flücht­lings an Taten, die gegen die Zie­le und Grund­sät­ze der Ver­ein­ten Natio­nen ver­sto­ßen, die Schwel­le einer Betei­li­gung im straf­recht­li­chen Sin­ne nicht über­schrei­ten muss, so ist es doch erfor­der­lich, dass es wäh­rend sei­ner Tätig­keit für die PKK zu kon­kre­ten der­ar­ti­gen Taten gekom­men ist. Andern­falls fehl­te es an einem Anknüp­fungs­punkt für eine Ver­ant­wort­lich­keit des Flücht­lings, die die Grund­la­ge für sei­nen Aus­schluss vom Flücht­lings­schutz dar­stellt. Des­halb muss kon­kret fest­ge­stellt wer­den, ob schwer­wie­gen­de Grün­de die Annah­me recht­fer­ti­gen, dass sich eine unter­stüt­zen­de Tätig­keit im Sin­ne des § 3 Abs. 2 Satz 2 AsylVfG wäh­rend des Zeit­raums, in dem sie geleis­tet wor­den ist, in Hand­lun­gen im Sin­ne von § 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 AsylVfG nie­der­ge­schla­gen hat.

Allein die Zuge­hö­rig­keit zu einer in der sog. EU-Ter­ror­lis­te auf­ge­führ­ten Orga­ni­sa­ti­on wie der PKK und die akti­ve Unter­stüt­zung ihres bewaff­ne­ten Kamp­fes recht­fer­ti­gen nicht auto­ma­tisch die Annah­me der Betei­li­gung an Hand­lun­gen im Sin­ne des § 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 AsylVfG. Es bedarf viel­mehr der Wür­di­gung der tat­säch­li­chen Umstän­de des Ein­zel­fal­les, ob dem Asyl­be­wer­ber eine indi­vi­du­el­le Ver­ant­wor­tung für die Ver­wirk­li­chung die­ser Hand­lun­gen zuge­rech­net wer­den kann, wobei dem in der Vor­schrift ver­lang­ten Beweis­ni­veau Rech­nung zu tra­gen ist [5]. Anders als bei der Betei­li­gung an einer schwe­ren nicht­po­li­ti­schen Straf­tat gemäß § 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 i.V.m. Satz 2 AsylVfG, die eine Zurech­nung nach straf­recht­li­chen Kri­te­ri­en (Anstif­tung oder Bei­hil­fe) ver­langt [6], müs­sen sich Unter­stüt­zungs­hand­lun­gen zuguns­ten einer ter­ro­ris­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on nicht spe­zi­fisch auf ein­zel­ne ter­ro­ris­ti­sche Aktio­nen bezie­hen, um von § 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 i.V.m. Satz 2 AsylVfG erfasst wer­den zu kön­nen. Denn die­ser Aus­schluss­grund ver­langt kei­ne Zurech­nung nach straf­recht­li­chen Kri­te­ri­en, da er kein straf­ba­res Han­deln im Sin­ne einer Betei­li­gung an bestimm­ten Delik­ten vor­aus­setzt. Dem­zu­fol­ge kön­nen auch rein logis­ti­sche Unter­stüt­zungs­hand­lun­gen von hin­rei­chen­dem Gewicht im Vor­feld den Tat­be­stand des § 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 i.V.m. Satz 2 AsylVfG erfül­len [7]. Glei­ches gilt für gewich­ti­ge ideo­lo­gi­sche und pro­pa­gan­dis­ti­sche Akti­vi­tä­ten zuguns­ten einer ter­ro­ris­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on [8]. Dage­gen reicht etwa das blo­ße Sprü­hen von Paro­len der Orga­ni­sa­ti­on oder das Ver­tei­len von Flug­blät­tern nicht aus. Denn das Gewicht des Tat­bei­tra­ges eines Gehil­fen als „in sons­ti­ger Wei­se Betei­lig­tem“ muss dem der Betei­li­gung an einer schwe­ren nicht­po­li­ti­schen Straf­tat im Sin­ne von § 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 AsylVfG ent­spre­chen [9].

Die Zurech­nung bei der Betei­li­gung an Zuwi­der­hand­lun­gen gegen Zie­le und Grund­sät­ze der Ver­ein­ten Natio­nen ist aller­dings nicht auf Fäl­le beschränkt, in denen der Asyl­be­wer­ber objek­tiv die Mög­lich­keit tat­säch­li­cher Ein­fluss­nah­me auf die Bege­hung von Ter­ror­ak­ten hat­te oder sol­che Taten öffent­lich gebil­ligt oder dazu auf­ge­ru­fen hat. Man­gels Not­wen­dig­keit eines spe­zi­fi­schen Bezugs zwi­schen der Unter­stüt­zungs­hand­lung und einem ein­zel­nen Ter­ror­akt bedarf es für eine Betei­li­gung in sons­ti­ger Wei­se gemäß § 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 i.V.m. Satz 2 AsylVfG weder einer räum­lich-orga­ni­sa­to­ri­schen Nähe inner­halb der Orga­ni­sa­ti­on zur Aus­füh­rung ter­ro­ris­ti­scher Taten noch deren Recht­fer­ti­gung in der Öffent­lich­keit. Andern­falls genös­sen rei­ne Schreib­tisch­tä­ter und Pro­pa­gan­dis­ten Flücht­lings­schutz, obwohl ihr ideo­lo­gisch-pro­pa­gan­dis­ti­scher Bei­trag zu ter­ro­ris­ti­schen Taten bei der gebo­te­nen wer­ten­den Betrach­tung mit Blick auf den Norm­zweck des § 3 Abs. 2 AsylVfG, asyl­un­wür­di­ge Per­so­nen vom Sta­tus des „bona fide refu­gee“ fern­zu­hal­ten [10], kei­nes­falls min­der gewich­tig als der von unmit­tel­bar Tat­be­tei­lig­ten erscheint.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 19. Novem­ber 2013 – 10 C 26.12

  1. vgl. Erwä­gungs­grund 22 zur Richt­li­nie 2004/​83/​EG[]
  2. EuGH, Urteil vom 09.11.2010 – C‑57/​09 und C‑101/​09, Slg 2010, I‑10979 Rn. 82 ff. = NVwZ 2011, 285[]
  3. BVerwG, Urteil vom 07.07.2011 – 10 C 26.10, BVerw­GE 140, 114 = Buch­holz 402.25 § 73 AsylVfG Nr. 40 jeweils Rn. 28[]
  4. BVerwG, Beschluss vom 10.10.2013 – 10 B 19.13[]
  5. vgl. EuGH, Urteil vom 09.11.2010 a.a.O. Rn. 99[]
  6. BVerwG, Urteil vom 04.09.2012 – 10 C 13.11, BVerw­GE 144, 127 = Buch­holz 402.25 § 39 AsylVfG Nr. 1 jeweils Rn. 24[]
  7. BVerwG, Urtei­le vom 07.07.2011 a.a.O. jeweils Rn. 39 und vom 04.09.2012 a.a.O. jeweils Rn. 26[]
  8. vgl. auch OVG NRW, Urteil vom 09.03.2011 – 11 A 1439/​07.A, OVGE MüLü 54, 95; OVG Schles­wig, Urteil vom 01.09.2011 – 4 LB 11/​10, AuAS 2011, 262[]
  9. BVerwG, Urteil vom 07.07.2011 a.a.O. jeweils Rn. 39[]
  10. vgl. BVerwG, Urteil vom 24.11.2009 – 10 C 24.08, BVerw­GE 135, 252 = Buch­holz 402.25 § 3 AsylVfG Nr. 8 jeweils Rn. 25 ff.[]