Län­ge­rer Aus­lands­auf­ent­halt – und der Ver­lust des asso­zia­ti­ons­recht­li­chen Auf­ent­halts­rechts für tür­ki­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge

Ein tür­ki­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger ver­liert sein asso­zia­ti­ons­recht­li­ches Auf­ent­halts­recht, wenn er das Bun­des­ge­biet ver­lässt und über ein Jahr bei sei­ner Fami­lie in der Tür­kei lebt.

Län­ge­rer Aus­lands­auf­ent­halt – und der Ver­lust des asso­zia­ti­ons­recht­li­chen Auf­ent­halts­rechts für tür­ki­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge

In dem jetzt vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall reis­te der Klä­ger, ein tür­ki­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger, erst­ma­lig im Juli 1988 in das Bun­des­ge­biet zu sei­ner tür­ki­schen Ehe­frau, die als Arbeit­neh­me­rin beschäf­tigt war. Nach Schei­dung der Ehe hei­ra­te­te er erneut. Da sei­ne zwei­te Ehe­frau Deutsch­land mit dem gemein­sa­men Sohn nach einem erfolg­lo­sen Asyl­ver­fah­ren ver­las­sen muss­te und auch kein Visum zum Fami­li­en­nach­zug erhielt, reis­te der Klä­ger Anfang Okto­ber 2004 in die Tür­kei und hielt sich dort bis Ende März 2006 bei sei­ner Fami­lie auf.

Nach erneu­ter Ein­rei­se in das Bun­des­ge­biet stell­te die Aus­län­der­be­hör­de fest, dass der Klä­ger sein Auf­ent­halts­recht aus Art. 7 ARB 1/​80 durch den fast 18-mona­ti­gen Aus­lands­auf­ent­halt ver­lo­ren habe und droh­te ihm die Abschie­bung in die Tür­kei an. Die hier­ge­gen gerich­te­te Kla­ge hat­te erst­in­stanz­lich vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin Erfolg 1. Auf die Beru­fung des Lan­des Ber­lin hat dage­gen das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg die Kla­ge abge­wie­sen 2: Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on, so das OVG Ber­lin-Bran­den­burg, erlö­sche das Auf­ent­halts­recht, wenn der Asso­zia­ti­ons­be­rech­tig­te das Gebiet des Mit­glied­staa­tes für einen nicht uner­heb­li­chen Zeit­raum ohne berech­tig­te Grün­de ver­las­se. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts Ber­lin sei zur Kon­kre­ti­sie­rung in zeit­li­cher Hin­sicht nicht auf die Zwei­jah­res­frist des Art. 16 Abs. 4 der Richt­li­nie 2004/​38/​EG (Uni­ons­bür­ger­richt­li­nie), son­dern auf die für dau­er­auf­ent­halts­be­rech­tig­te Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge in Art. 9 Absatz 1 Buchst. c der Richt­li­nie 2003/​109/​EG (Dau­er­auf­ent­halts­richt­li­nie) gere­gel­te Frist von 12 auf­ein­an­der­fol­gen­den Mona­ten abzu­stel­len. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat nun die Ent­schei­dung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg bestä­tigt und die Revi­si­on des Klä­gers zurück­ge­wie­sen:

Zur Kon­kre­ti­sie­rung des Zeit­rau­mes, ab dem ein tür­ki­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger sein asso­zia­ti­ons­recht­li­ches Auf­ent­halts­recht zu ver­lie­ren droht, kann ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on nicht die Zwei­jah­res­frist der Uni­ons­bür­ger­richt­li­nie her­an­ge­zo­gen wer­den. Denn der EuGH betont im Zusam­men­hang mit der ande­ren Fall­grup­pe des Erlö­schens asso­zia­ti­ons­recht­li­cher Auf­ent­halts­rech­te nach Art. 14 Abs. 1 ARB 1/​80, dass das Asso­zia­ti­ons­ab­kom­men EWG – Tür­kei nur wirt­schaft­li­che Zwe­cke ver­fol­ge 3. Dem­ge­gen­über formt die Uni­ons­bür­ger­richt­li­nie über rein wirt­schaft­li­che Zwe­cke hin­aus die Uni­ons­bür­ger­schaft mit ihren unmit­tel­bar aus dem Ver­trag erwach­sen­den ele­men­ta­ren Rech­ten der Uni­ons­bür­ger aus, sich in jedem Mit­glied­staat frei zu bewe­gen und auf­zu­hal­ten. Mit die­ser star­ken Rechts­stel­lung ist die eines asso­zia­ti­ons­be­rech­tig­ten tür­ki­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen nicht ver­gleich­bar. Daher liegt es nahe, bei die­ser Per­so­nen­grup­pe die Maß­stä­be der Dau­er­auf­ent­halts­richt­li­nie als uni­ons­recht­li­chen Bezugs­rah­men nicht nur für die Bestim­mung des Abschie­bungs­schut­zes her­an­zu­zie­hen. Für das Erlö­schen nach einer Aus­rei­se ist aber maß­geb­lich, ob der Betrof­fe­ne das Bun­des­ge­biet für einen nicht uner­heb­li­chen Zeit­raum ohne berech­tig­te Grün­de ver­las­sen hat. Für die Kon­kre­ti­sie­rung die­ses Erlö­schens­grun­des kommt der 12-Monats­frist des Art. 9 Abs. 1 Buchst c der Dau­er­auf­ent­halts­richt­li­nie eine gewich­ti­ge Indi­zwir­kung für die rechts­ver­nich­ten­de Ver­la­ge­rung des Lebens­mit­tel­punkts zu.

So nach­voll­zieh­bar die Grün­de des Klä­gers für sei­nen fast ein­ein­halb­jäh­ri­gen Auf­ent­halt bei sei­ner Fami­lie in der Tür­kei erschei­nen, erwei­sen sie sich doch aus dem Blick­win­kel des Asso­zia­ti­ons­rechts als nicht gerecht­fer­tigt. Denn Art. 7 ARB 1/​80 bezweckt die För­de­rung der dau­er­haf­ten Inte­gra­ti­on des Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen durch Ver­schaf­fung eines auto­no­men Arbeits- und Auf­ent­halts­rechts im Auf­nah­me­mit­glied­staat. Durch Auf­ga­be sei­nes Lebens­mit­tel­punk­tes im Bun­des­ge­biet und den über ein­jäh­ri­gen Aus­lands­auf­ent­halt hat der Klä­ger den erreich­ten Inte­gra­ti­ons­zu­sam­men­hang jedoch selbst zer­ris­sen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 25. März 2015 – 1 CV 19.2014 -

  1. VG Ber­lin, Urteil vom 23.11.2011 – 15 K 34.11[]
  2. OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 17.07.2014 – 7 B 40.13[]
  3. EuGH, Urteil vom 08.12 2011 – C‑371/​08 – Zie­bell[]