Lärm­schutz­an­la­gen an einer Bun­des­fern­stra­ße

Lärm­schutz­an­la­gen an einer Bun­des­fern­stra­ße ste­hen als deren Bestand­tei­le (§ 1 Abs. 4 Nr. 1 FStrG) in einem untrenn­ba­ren pla­nungs­recht­li­chen Zusam­men­hang mit dem Gesamt­vor­ha­ben, auch wenn sie erst nach Bestands­kraft des ursprüng­li­chen Plan­fest­stel­lungs­be­schlus­ses in einem der Lärm­sa­nie­rung die­nen­den Plan­än­de­rungs­ver­fah­ren plan­fest­ge­stellt und errich­tet wer­den. Einer gestei­ger­ten Plan­recht­fer­ti­gung bedarf es bei nach­träg­lich plan­fest­ge­stell­ten Lärm­schutz­an­la­gen nicht 1.

Lärm­schutz­an­la­gen an einer Bun­des­fern­stra­ße

Das recht­li­che Erfor­der­nis einer Plan­recht­fer­ti­gung ergibt sich aus der Erwä­gung, dass eine hoheit­li­che Pla­nung wegen der von ihr aus­ge­hen­den Aus­wir­kun­gen auf die Rech­te Drit­ter ihre Recht­fer­ti­gung nicht schon in sich trägt. Die Plan­recht­fer­ti­gung dient damit dem Zweck, Vor­ha­ben, die nicht mit den Zie­len des jewei­li­gen Fach­rechts in Ein­klang ste­hen, bereits auf einer der Abwä­gung vor­ge­la­ger­ten und einer vol­len gericht­li­chen Über­prü­fung unter­lie­gen­den Stu­fe aus­zu­schei­den. Sie stellt eine prak­tisch nur bei gro­ben und eini­ger­ma­ßen offen­sicht­li­chen Miss­grif­fen wirk­sa­me Schran­ke der Pla­nungs­ho­heit dar 2. Eine stra­ßen­recht­li­che Pla­nung hat daher Bestand, wenn sie auf die Ver­wirk­li­chung der mit dem ein­schlä­gi­gen Fach­ge­setz gene­rell ver­folg­ten öffent­li­chen Belan­ge aus­ge­rich­tet und ver­nünf­ti­ger­wei­se gebo­ten ist 3.

Die von dem Trä­ger der Stra­ßen­bau­last an einer Bun­des­fern­stra­ße errich­te­ten Lärm­schutz­wän­de sind Bestand­tei­le der Bun­des­fern­stra­ße (§ 1 Abs. 4 Nr. 1 FStrG) und unter­lie­gen daher dem Plan­fest­stel­lungs­vor­be­halt des § 17 Satz 1 FStrG. Sie sind vom eigent­li­chen Vor­ha­ben nicht iso­liert zu betrach­ten, son­dern ste­hen in einem untrenn­ba­ren pla­nungs­recht­li­chen Zusam­men­hang mit die­sem, und zwar auch dann, wenn sie erst nach Bestands­kraft des ursprüng­li­chen Plan­fest­stel­lungs­be­schlus­ses in einem der Lärm­sa­nie­rung die­nen­den Plan­än­de­rungs­ver­fah­ren plan­fest­ge­stellt und errich­tet wer­den 4. Dar­aus folgt, dass der Plan­än­de­rungs­be­schluss, der nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts dem ursprüng­li­chen Plan­fest­stel­lungs­be­schluss anwächst und mit die­sem zu einem ein­zi­gen Plan in der durch den Ände­rungs­be­schluss erreich­ten Gestalt ver­schmilzt 5, an der Plan­recht­fer­ti­gung des ursprüng­li­chen Plan­fest­stel­lungs­be­schlus­ses teil­nimmt. Einer gestei­ger­ten Form der Recht­fer­ti­gung, etwa im Sin­ne einer Erfor­der­lich­keit eines Ände­rungs­vor­ha­bens, bedarf es daher bei nach­träg­lich plan­fest­ge­stell­ten Lärm­schutz­wän­den nicht 6.

Kei­ne Fra­ge der Plan­recht­fer­ti­gung, son­dern eine Fra­ge der Abwä­gung ist es dage­gen, ob die für das Vor­ha­ben spre­chen­den Gemein­wohl­be­lan­ge von einem sol­chen Gewicht sind, dass sie das Bestands­in­ter­es­se des Eigen­tü­mers am Fort­be­stand sei­ner kon­kre­ten Eigen­tums­po­si­ti­on zu über­win­den ver­mö­gen 7. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Beschwer­de gel­ten die vor­ge­nann­ten Grund­sät­ze auch in den Fäl­len, in denen der Trä­ger der Stra­ßen­bau­last unter­halb der Schwel­len­wer­te für dro­hen­de Gesund­heits­ge­fah­ren "frei­wil­lig" Lärm­schutz­maß­nah­men ergreift. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ist jede mehr als nur gering­fü­gig zuneh­men­de Lärm­be­trof­fen­heit von Anwoh­nern eines aus­zu­bau­en­den Ver­kehrs­wegs in die Abwä­gung der Plan­fest­stel­lungs­be­hör­de ein­zu­stel­len. Dies gilt auch dann, wenn sie unter­halb der Schwel­le der Unzu­mut­bar­keit bleibt und des­halb kei­ne Schutz­an­sprü­che aus­löst 8. Für nach­träg­li­che Plan­än­de­run­gen, die bei bestehen­den Ver­kehrs­we­gen mit dem Ziel einer Redu­zie­rung der von die­sen aus­ge­hen­den Lärm­be­trof­fen­hei­ten vor­ge­nom­men wer­den, kann nichts ande­res gel­ten.

Auch bei einem Abwä­gungs­aus­fall ist nicht stets von einer Erheb­lich­keit des Abwä­gungs­man­gels aus­zu­ge­hen. Ergeb­nis­re­le­vanz i.S.d. § 17e Abs. 6 FStrG liegt vor, wenn nach den Umstän­den des Fal­les die kon­kre­te Mög­lich­keit besteht, dass ohne den Abwä­gungs­man­gel eine ande­re Ent­schei­dung getrof­fen wor­den wäre; eine nur abs­trak­te Mög­lich­keit einer ande­ren Ent­schei­dung genügt nicht. Inso­weit ist der Abwä­gungs­vor­gang in all sei­nen Pha­sen in den Blick zu neh­men 9. Danach kann auch für den Fall, dass sich die Plan­fest­stel­lungs­be­hör­de – wie hier – fälsch­li­cher­wei­se recht­lich zur Ein­lei­tung eines Plan­fest­stel­lungs­ver­fah­rens ver­pflich­tet sah, eine Feh­ler­hei­lung in Betracht kom­men.

Dem steht nicht die Aus­sa­ge des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts in sei­nem Hin­weis­be­schluss vom 11.07.2013 10 ent­ge­gen, wonach ein Abwä­gungs­aus­fall dann erheb­lich ist und eine Prü­fung der Ergeb­nis­re­le­vanz aus­schei­det, wenn eine vor­ge­schrie­be­ne fach­pla­ne­ri­sche Abwä­gung völ­lig fehlt. Eine ver­gleich­ba­re Situa­ti­on eines Total­aus­falls der Abwä­gung, in der das Gericht "als Ersatz­pla­ner" selbst abzu­wä­gen hät­te, ist im vor­lie­gen­den Fall offen­sicht­lich nicht gege­ben. Vor­lie­gend hat die Plan­fest­stel­lungs­be­hör­de die für die Errich­tung der Lärm­schutz­wand erfor­der­li­che Abwä­gung der für und gegen das Vor­ha­ben spre­chen­den Belan­ge vor­ge­nom­men und eine eige­ne Abwä­gungs­ent­schei­dung getrof­fen. Dass sie hier­bei auf­grund der ange­nom­me­nen Ver­pflich­tung zur Ein­lei­tung eines Plan­än­de­rungs­ver­fah­rens die betrof­fe­nen Belan­ge bei ihrer Abwä­gungs­ent­schei­dung unzu­tref­fend bewer­tet und gewich­tet hät­te, wird von der Beschwer­de nicht dar­ge­tan, hier­für ist auch sonst nichts ersicht­lich; ein sol­cher Abwä­gungs­man­gel – sein Vor­lie­gen unter­stellt – wür­de im Übri­gen einen Feh­ler dar­stel­len, der von der Rege­lung des § 17e Abs. 6 FStrG a.F. erfasst wird.

Ein abs­trak­ter Rechts­satz, dass die frei­wil­li­ge Ergän­zung von Lärm­schutz­maß­nah­men unab­hän­gig vom ursprüng­li­chen Plan­fest­stel­lungs­be­schluss zu beur­tei­len und eine abso­lu­te Gren­ze erreicht ist, wenn sich die plan­fest­ge­stell­te Maß­nah­me zu Las­ten ande­rer Anlie­ger aus­wirkt, lässt sich dem Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 09.02.1995 11 nicht ent­neh­men. Die Aus­sa­ge des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts, dass das Gebot der Gleich­be­hand­lung ver­letzt wür­de, wenn die staat­li­che Maß­nah­me, die zum Vor­teil des einen bestimmt ist, dem ande­ren zusätz­li­che Nach­tei­le auf­bür­det, bezieht sich erkenn­bar auf die Umstän­de des damals zu ent­schei­den­den Fal­les. Die­ser war dadurch gekenn­zeich­net, dass die vor­ge­se­he­ne Lärm­sa­nie­rung an der West­sei­te der Bun­des­stra­ße wegen der mit der Lärm­schutz­wand ver­bun­de­nen Refle­xio­nen zu einer Erhö­hung der Lärm­be­las­tung an der öst­li­chen Stra­ßen­sei­te geführt hät­te. Für die­se Fall­ge­stal­tung hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt den Rechts­satz auf­ge­stellt, dass die Lärm­sa­nie­rung für die einen Stra­ßen­an­lie­ger nicht zu einer Ver­schlech­te­rung der Lärm­si­tua­ti­on für ande­re Stra­ßen­an­lie­ger füh­ren dür­fe. Eine ver­gleich­ba­re Fall­kon­stel­la­ti­on ist hier nicht gege­ben. Dass auch für die Durch­füh­rung einer Lärm­sa­nie­rung nach rechts­feh­ler­frei­er Abwä­gung der betrof­fe­nen öffent­li­chen und pri­va­ten Belan­ge in Rech­te Drit­ter ein­ge­grif­fen wer­den kann, ist bereits aus­ge­führt wor­den.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 23. Okto­ber 2014 – 9 B 29.2014 -

  1. im Anschluss an BVerw­GE 91, 17[]
  2. BVerwG, Urteil vom 11.07.2001 – 11 C 14.00, BVerw­GE 114, 364, 372 f. = Buch­holz 442.40 § 8 LuftVG Nr.19 S. 17 m.w.N.[]
  3. BVerwG, Urteil vom 07.07.1978 – 4 C 79.76 u.a., BVerw­GE 56, 110, 118 f. = Buch­holz 442.40 § 8 Nr. 2 S. 7 f.[]
  4. vgl. BVerwG, Urteil vom 14.09.1992 – 4 C 34 – 38.89, BVerw­GE 91, 17, 19 = Buch­holz 316 § 74 VwVfG Nr. 18 S. 24 f.[]
  5. BVerwG, Urtei­le vom 09.06.2010 – 9 A 25.09, Buch­holz 316 § 76 VwVfG Nr.19 Rn. 24; vom 18.03.2009 – 9 A 31.07, Buch­holz 310 § 74 VwGO Nr. 15 Rn. 23 f.; und vom 08.01.2014 – 9 A 4.13, NVwZ 2014, 1008 Rn. 15[]
  6. BVerwG, Urteil vom 14.09.1992 a.a.O. S. 29, inso­weit nicht ver­öf­fent­licht in BVerw­GE 91, 17[]
  7. vgl. BVerwG, Urteil vom 24.11.2011 – 9 A 23.10, BVerw­GE 141, 171 = Buch­holz 407.4 § 17 FStrG Nr. 219 jeweils Rn. 64 ff., 67[]
  8. BVerwG, Urtei­le vom 20.05.1998 – 11 C 3.97, Buch­holz 406.25 § 41 BIm­SchG Nr. 18 S. 50 m.w.N.; und vom 23.11.2005 – 9 A 28.04, BVerw­GE 124, 334, 345 = Buch­holz 406.25 § 41 BIm­SchG Nr. 45 Rn. 45[]
  9. BVerwG, Urtei­le vom 21.03.1996 – 4 C 19.94, BVerw­GE 100, 370, 379 f.; und vom 24.11.2011 a.a.O. Rn. 68[]
  10. BVerwG, Beschluss vom 11.07.2013 – 7 A 20.11, DVBl 2013, 1453 Rn. 12[]
  11. BVerwg, Urteil vom 09.02.1995 – 4 C 26.93, BVerw­GE 97, 367, 372 f. = Buch­holz 406.25 § 41 BIm­SchG Nr. 7 S. 6[]