Lang­zeit­stu­di­en­ge­büh­ren für schwer­be­hin­der­te Stu­den­ten in Ham­burg

Die Vor­aus­set­zun­gen der Vor­schrift in § 6 Abs. 10 Satz 2 Nr. 1 HmbHG 2003, wonach eine unbil­li­ge Här­te, die zu einem Erlass oder einer Stun­dung der Stu­di­en­ge­büh­ren führt, in der Regel bei stu­di­en­zeit­ver­län­gern­den Aus­wir­kun­gen einer Behin­de­rung vor­liegt, sind nicht schon mit der Vor­la­ge eines Schwer­be­hin­der­ten­aus­wei­ses dar­ge­tan.

Lang­zeit­stu­di­en­ge­büh­ren für schwer­be­hin­der­te Stu­den­ten in Ham­burg

Die Anfor­de­rung, dass der behin­der­te Stu­die­ren­de auch die stu­di­en­zeit­ver­län­gern­den Aus­wir­kun­gen sei­ner Behin­de­rung dar­le­gen muss, steht nicht im Wider­spruch zu den Vor­schrif­ten in §§ 1, 2 und 69 Abs. 5 Satz 2 SGB IX und ver­stößt nicht gegen das ver­fas­sungs­recht­li­che Ver­bot der Benach­tei­li­gung wegen einer Behin­de­rung in Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG.

Nach § 6 Abs. 10 Satz 2 Nr. 1 HmbHG 2003 genügt eine (Schwer-)Behinderung als sol­che noch nicht, um einen Anspruch auf Erlass der Lang­zeit­stu­di­en­ge­bühr zu begrün­den. Ent­schei­dend ist inso­weit nach dem ein­deu­ti­gen und einer ande­ren Aus­le­gung nicht zugäng­li­chen Wort­laut die­ser Vor­schrift, ob sich die Behin­de­rung tat­säch­lich stu­di­en­zeit­ver­län­gernd aus­wirkt.

Die Bestim­mung steht mit die­sem Inhalt nicht im Wider­spruch zu den Vor­schrif­ten des SGB IX. Der Rege­lungs­be­reich die­ses Geset­zes ergibt sich (im Ein­klang mit der dies­be­züg­li­chen Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz des Bun­des, vgl. Art. 74 Abs. 1 Nr. 7 GG) aus den dor­ti­gen Bestim­mun­gen selbst (vgl. § 1 Satz 1 SGB IX, wonach behin­der­te oder von Behin­de­run­gen bedroh­te Men­schen Leis­tun­gen nach dem SGB IX oder nach den für die Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger gel­ten­den Leis­tungs­ge­set­zen erhal­ten). Dage­gen folgt dar­aus kei­ne in dem Sin­ne prä­ju­di­zie­ren­de Wir­kung im Hin­blick auf lan­des­ge­büh­ren­recht­li­che Vor­schrif­ten, dass Hoheits­trä­ger gene­rell kei­ne Gebüh­ren von behin­der­ten Men­schen im Hin­blick auf Tätig­kei­ten ver­lan­gen dürf­ten, die der Teil­ha­be am Leben in der Gesell­schaft zuzu­rech­nen sind 1.

Im Übri­gen lässt sich auch aus der Legal­de­fi­ni­ti­on der Behin­de­rung in § 2 Abs. 1 Satz 1 SGB IX mit der dort vor­aus­ge­setz­ten Fol­ge, dass die Teil­ha­be des Men­schen „am Leben in der Gesell­schaft beein­träch­tigt“ ist, nicht ohne wei­te­res fol­gern, dass der betref­fen­de Mensch unab­hän­gig von der Art der Behin­de­rung einen län­ge­ren Zeit­raum als ein Mensch ohne Behin­de­rung benö­tigt, um ein Hoch­schul­stu­di­um zu absol­vie­ren; das Leben in der Gesell­schaft besteht aus sehr vie­len und sehr unter­schied­li­chen Berei­chen, die je nach der Art und des Aus­ma­ßes der Behin­de­rung auch in sehr unter­schied­li­chem Maß beein­träch­tigt sein kön­nen.

Auch ein Hin­weis auf die Bestim­mung des § 69 Abs. 5 Satz 2 SGB IX, nach wel­cher der Aus­weis über die Eigen­schaft als schwer­be­hin­der­ter Mensch dem Nach­weis für die Inan­spruch­nah­me von Leis­tun­gen und sons­ti­gen Hil­fen dient, die dem schwer­be­hin­der­ten Men­schen nach Teil 2 des SGB IX oder nach ande­ren Vor­schrif­ten zuste­hen, führt auch dies nicht zum Erfolg. Aus die­ser Funk­ti­ons­be­schrei­bung des Aus­wei­ses an sich lässt sich nicht fol­gern, dass der Erlass jeg­li­cher Stu­di­en­ge­büh­ren eine „Hil­fe“ im Sin­ne die­ser Vor­schrift wäre, die der schwer­be­hin­der­te Mensch ohne wei­te­res bean­spru­chen könn­te. Die­se Vor­schrift begrün­det kei­ne Ansprü­che und Hil­fen „nach ande­ren Vor­schrif­ten“, son­dern setzt die­se – umge­kehrt – vor­aus. Der Anwen­dungs­be­reich die­ser Norm wäre somit z. B. erfasst, wenn (anders als im vor­lie­gen­den Fall) eine (lan­des­recht­li­che) Bestim­mung gene­rell vor­sä­he, dass schwer­be­hin­der­ten Men­schen im Sin­ne des SGB IX die Stu­di­en­ge­büh­ren erlas­sen wür­den: Dann könn­ten die betref­fen­den Men­schen ihre Schwer­be­hin­de­rung anhand des Aus­wei­ses nach­wei­sen, um so den Erlass der Stu­di­en­ge­büh­ren zu erwir­ken.

Aus all­dem folgt zugleich, dass die Bestim­mun­gen des SGB IX ent­ge­gen der Ansicht des Klä­gers recht­lich nicht zu dem Schluss zwin­gen, dass sich die stu­di­en­zeit­ver­län­gern­de Wir­kung einer Behin­de­rung nicht quan­ti­fi­zie­ren las­se. Tat­säch­lich dürf­te dies auch durch­aus mög­lich sein, etwa durch Dar­le­gung und Glaub­haft­ma­chung des (annä­hern­den) zusätz­li­chen Zeit­auf­wands für das Erfas­sen des Stu­di­en­stoffs und dar­aus fol­gen­der Ein­schrän­kun­gen für das Absol­vie­ren des Stu­di­en­pro­gramms. Soll­te sich dar­aus z. B. erge­ben, dass der schwer­be­hin­der­te Stu­die­ren­de pro Semes­ter infol­ge der Behin­de­rung nur die Hälf­te des dies­be­züg­lich im Stu­di­en­plan vor­ge­se­he­nen Stoffs nebst Prü­fun­gen bewäl­ti­gen kann, so lie­ße sich auf die­ser Grund­la­ge eine ent­spre­chen­de stu­di­en­zeit­ver­län­gern­de Wir­kung der Behin­de­rung mit dem Ergeb­nis der Ver­dop­pe­lung der Regel­stu­di­en­zeit errech­nen.

Die Bestim­mung des § 6 Abs. 10 Satz 2 Nr. 1 HmbHG, indem sie nicht auf das Vor­lie­gen einer Behin­de­rung an sich, son­dern auf die ggf. dar­aus fol­gen­den stu­di­en­zeit­ver­län­gern­den Aus­wir­kun­gen abge­stellt hat, ver­stößt nicht gegen das in Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG nor­mier­te Ver­bot der Benach­tei­li­gung Behin­der­ter. Die­se Ver­fas­sungs­norm bezieht sich sowohl auf direk­te Ungleich­be­hand­lun­gen (die unmit­tel­bar an die Behin­der­ten­ei­gen­schaft anknüp­fen) als auch auf indi­rek­te Ungleich­be­hand­lun­gen (die zwar auf ande­re Kri­te­ri­en abstel­len, im Ergeb­nis aber im Wesent­li­chen behin­der­te Men­schen betref­fen), und ver­bie­tet Rege­lun­gen oder ande­re Maß­nah­men der öffent­li­chen Gewalt, die behin­der­te Men­schen nach­tei­lig ungleich behan­deln 2. Eine Benach­tei­li­gung in die­sem Sin­ne kann im Bereich der Nut­zung öffent­li­cher Ein­rich­tun­gen auch bei einem Aus­schluss von Ent­fal­tungs- und Betä­ti­gungs­mög­lich­kei­ten durch die öffent­li­che Gewalt gege­ben sein, wenn die­ser nicht durch eine auf die Behin­de­rung bezo­ge­ne För­de­rungs­maß­nah­me hin­läng­lich kom­pen­siert wird 3.

Nach die­sen Maß­stä­ben hat die Rege­lung in § 6 Abs. 10 Satz 2 Nr. 1 HmbHG nicht gegen das ver­fas­sungs­recht­li­che Benach­tei­li­gungs­ver­bot Behin­der­ter ver­sto­ßen. Sie hat es gegen­über (schwer-) behin­der­ten Stu­die­ren­den ermög­licht, behin­de­rungs­be­ding­te Stu­di­en­zeit­ver­län­ge­run­gen in der Wei­se zu berück­sich­ti­gen, dass nach Ver­brauch des Stu­di­en­gut­ha­bens die Lang­zeit­stu­di­en­ge­büh­ren erlas­sen wur­den. Der Umstand, dass die behin­der­ten Stu­die­ren­den dies zu bean­tra­gen sowie die stu­di­en­zeit­ver­län­gern­den Aus­wir­kun­gen ihrer Behin­de­rung dar­zu­le­gen und ggf. glaub­haft zu machen hat­ten, war (solan­ge die dies­be­züg­li­chen Anfor­de­run­gen im Ein­zel­fall nicht über­spannt wur­den) ange­sichts der bereits erwähn­ten Unter­schied­lich­keit der Aus­wir­kun­gen von Behin­de­run­gen, die sich nicht zwangs­läu­fig stu­di­en­zeit­ver­län­gernd aus­wir­ken müs­sen, an sich kei­ne unzu­mut­ba­re oder gar schi­ka­nö­se, im o. g. Sin­ne benach­tei­li­gen­de Mit­wir­kungs­last.

Die Prä­mis­se, dass ein Stu­di­um dem Abschluss die­ne und damit der Erlass der Lang­zeit­stu­di­en­ge­büh­ren nur gerecht­fer­tigt sei, wenn er der Wie­der­her­stel­lung eines leis­tungs- und prü­fungs­ori­en­tier­ten Stu­di­ums die­ne, wider­spricht auch nicht den Bestim­mun­gen in § 13 Abs. 1 IPw­skR 4 . Die­se Bestim­mung ändert nichts dar­an, dass der Gesetz­ge­ber mit der Ein­füh­rung von Lang­zeit­stu­di­en­ge­büh­ren einen recht­mä­ßi­gen und legi­ti­men Len­kungs­zweck ver­folgt hat, indem er die Stu­die­ren­den dazu anhal­ten woll­te, ihr Stu­di­um mög­lichst inner­halb der jewei­li­gen Regel­stu­di­en­zeit zuzüg­lich einer Frist von wei­te­ren vier Semes­tern abzu­schlie­ßen. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt und das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt haben bereits bestä­tigt, dass die Ein­füh­rung sol­cher­ma­ßen aus­ge­stal­te­ter Lang­zeit­stu­di­en­ge­büh­ren auch unter Berück­sich­ti­gung die­ses Len­kungs­zwecks weder gegen Art. 12 GG 5 noch gegen Art. 13 IPw­skR 6 ver­stößt. Auch das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ham­burg hat in sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung inso­weit kei­ne Ver­stö­ße erken­nen kön­nen 7.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ham­burg ließ auch das Argu­ment nicht gel­ten, wse­gen der sich aus der Schwer­be­hin­de­rung erge­ben­den Ein­schrän­kun­gen müs­se ein Teil­zeit­stu­di­um ange­nom­men wer­den. Nach § 6 Abs. 8 Satz 3 Nr. 1 HmbHG 2003 in Ver­bin­dung mit § 2 Abs. 2 Nr. 1 der Sat­zung der Beklag­ten zur Befrei­ung von Stu­di­en­ge­büh­ren vom 5. März 2004 (nach­fol­gend: Sat­zung) wur­de bei Per­so­nen, die als Teil­zeit­stu­die­ren­de nach § 36 Abs. 4 HmbHG imma­tri­ku­liert sind, die Regel­stu­di­en­zeit, soweit die­se nicht bereits in der Prü­fungs­ord­nung gere­gelt war, pro­por­tio­nal umge­rech­net. Der Klä­ger war in dem hier strei­ti­gen Zeit­raum als Voll­zeit­stu­die­ren­der und nicht als Teil­zeit­stu­die­ren­der gemäß § 36 Abs. 4 HmbHG ein­ge­schrie­ben, so dass er nicht unter die genann­te Bestim­mung fällt.

Auch im Hin­blick auf den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz und die von dem Klä­ger vor­ge­tra­ge­ne Behand­lung sog. fak­ti­scher Teil­zeit­stu­die­ren­der durch die Hoch­schu­le ergibt sich kein ande­res Ergeb­nis. Zum einen hat sich der Klä­ger im Rah­men des vor­lie­gen­den Ver­wal­tungs­ver­fah­rens gegen­über der Hoch­schu­le nicht dar­auf beru­fen, in dem hier streit­be­fan­ge­nen Zeit­raum (Som­mer­se­mes­ter 2005 bis Win­ter­se­mes­ter 2006/​2007) ein sog. fak­ti­sches Teil­zeit­stu­di­um betrie­ben zu haben. Dem­entspre­chend hat er gegen­über der Hoch­schu­le auch nicht kon­kret dar­ge­legt, in wel­chem pro­zen­tua­len Umfang er ein fak­ti­sches Teil­zeit­stu­di­um betrei­be, was aber für eine „pro­por­tio­na­le Umrech­nung“ in ent­spre­chen­der Anwen­dung von § 2 Abs. 2 Nr. 1 der Sat­zung erfor­der­lich gewe­sen wäre; somit hat es im Fall des Klä­gers tat­säch­lich kei­nen Anknüp­fungs­punkt für die von ihm behaup­te­te Gleich­be­hand­lungs­pra­xis der Beklag­ten gege­ben. Zum ande­ren ist im Fall des Klä­gers das nun­mehr von ihm gel­tend gemach­te fak­ti­sche Teil­zeit­stu­di­um in tat­säch­li­cher Hin­sicht allen­falls unter dem Gesichts­punkt sei­ner beruf­li­chen Tätig­keit nach­voll­zieh­bar. Die­ser Gesichts­punkt aller­dings ist von der Beklag­ten bereits in der Wei­se berück­sich­tigt wor­den, dass sie bei der Berech­nung des Stu­di­en­gut­ha­bens des Klä­gers eine um zehn Semes­ter ver­län­ger­te Dau­er zugrun­de­ge­legt hat (vgl. den Wider­spruchs­be­scheid vom 21.3.2006, S. 3). Dass es in sol­chen Fäl­len eine gleich­be­hand­lungs­recht­lich bedeut­sa­me Pra­xis der Beklag­ten gege­ben haben könn­te, die Berufs­tä­tig­keit der Stu­die­ren­den dop­pelt, näm­lich zugleich unter dem Gesichts­punkt eines fak­ti­schen Teil­zeit­stu­di­ums und als unbil­li­ge Här­te gemäß § 3 Abs. 2 Satz 2 Nr. 3 der Sat­zung zu berück­sich­ti­gen, ist weder vor­ge­tra­gen noch sonst ersicht­lich.

Ham­bur­gi­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 14. Febru­ar 2011 – 3 Bf 102/​09.Z

  1. zur Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz der Län­der für die Erhe­bung von Stu­di­en­ge­büh­ren und zu ihrem wei­ten Spiel­raum beim Gebrauch­ma­chen von ihren Gesetz­ge­bungs­kom­pe­ten­zen im Hin­blick auf die Pflicht zu bun­des­freund­li­chem Ver­hal­ten vgl.: OVG Ham­burg, Urteil vom 23.02.2010 – 3 Bf 70/​09[]
  2. vgl. Jarass in: Jarass/​Pieroth, GG, 11. Aufl. 2011, Art. 3 Rn. 145 f.; Gubelt in: von Münch/​Kunig, GG, 5. Aufl. 2000, Art. 3 Rn. 104 d[]
  3. vgl. BVerfG, Beschl. v. 8.10.1997, BVerfGE 96, 288, 303, zur schul­be­hörd­li­chen Über­wei­sung eines behin­der­ten Kin­des an eine Son­der­schu­le[]
  4. Inter­na­tio­na­ler Pakts vom 19.12.1966 über wirt­schaft­li­che, sozia­le und kul­tu­rel­le Rech­te, BGBl. II 1973 S. 1569[]
  5. vgl. BVerwG, Urteil vom 25.07.2001, BVerw­GE 115, 32, 36 ff.; BVerfG, Beschluss vom 31.03.2006 – 1 BvR 1750/​01[]
  6. vgl. BVerwG, Urteil vom 25.07.2001, a. a. O., 49[]
  7. vgl. OVG Ham­burg, Beschluss vom 28.10.2008, HmbJVBl. 2010, 30, 31 f.[]