Leg­asthe­ni­ker in der Abitur­prü­fung

Auch in der Ober­stu­fe des Gym­na­si­ums müs­sen Schü­le­rin­nen und Schü­lern mit fest­ge­stell­ter Leg­asthe­nie bei der Anfer­ti­gung schrift­li­cher Arbei­ten (Klau­su­ren) Erleich­te­run­gen der äuße­ren Arbeits­be­din­gun­gen gewährt wer­den 1.

Leg­asthe­ni­ker in der Abitur­prü­fung

Die für die Ober­stu­fe und die Abitur­prü­fung erlas­se­nen Vor­schrif­ten über den pau­scha­len Punkt­ab­zug bei schwer­wie­gen­den und gehäuf­ten Ver­stö­ßen gegen die Sprach­rich­tig­keit in schrift­li­chen Arbei­ten und Prü­fungs­leis­tun­gen sind kein geeig­ne­ter Beur­tei­lungs­maß­stab, der eine dif­fe­ren­zier­te Beno­tung der Sprach­kom­pe­tenz von Schü­le­rin­nen und Schü­lern mit fest­ge­stell­ter Leg­asthe­nie erset­zen könn­te.

Der behin­der­te Schü­ler kann bean­spru­chen, dass ihm bei den in den Kur­sen der gym­na­sia­len Ober­stu­fe ver­lang­ten schrift­li­chen Leis­tun­gen die­sel­ben Aus­gleichs­maß­nah­men zugu­te kom­men, die auch ande­ren Schü­lern mit Behin­de­run­gen ein­ge­räumt wer­den. Die­ser Anspruch folgt aus dem sowohl das Prü­fungs­recht als auch das Schul­recht beherr­schen­de Grund­satz der Chan­cen­gleich­heit aus Art. 3 Abs. 1 GG. Die­ser ver­langt, dass ver­gleich­ba­re Schü­le­rin­nen und Schü­ler bei den Leis­tungs­an­for­de­run­gen für die Erlan­gung des Abiturs so weit wie mög­lich ver­gleich­ba­re Prü­fungs­be­din­gun­gen und Bewer­tungs­kri­te­ri­en erhal­ten müs­sen 2. Inso­weit macht es für die Gel­tung des Grund­sat­zes der Chan­cen­gleich­heit im Abitur nach Art. 3 Abs. 1 GG kei­nen Unter­schied, ob eine Prü­fungs­leis­tung nach § 2 AVO-GOFAK in Rede steht, die unmit­tel­bar in der Abitur­prü­fung erbracht wer­den oder ob es um Leis­tun­gen geht, die nur mit­tel­bar in Gestalt von Klau­su­ren­leis­tun­gen der Qua­li­fi­ka­ti­ons­pha­se die Kurs­no­te mit­be­stim­men, wel­che wie­der­um in die Zulas­sung zum Abitur ein­ge­bracht wer­den muss und im Übri­gen die Gesamt­qua­li­fi­ka­ti­on der Hoch­schul­rei­fe bestimmt. In bei­den Fäl­len müs­sen jeder Schü­le­rin und jedem Schü­ler der­sel­ben Fall­grup­pe die­sel­ben Chan­cen zum Bestehen des Abiturs und zur Erlan­gung einer leis­tungs­ge­rech­ten Gesamt­qua­li­fi­ka­ti­on ein­ge­räumt wer­den.

Sehen danach die die Klau­sur­pra­xis in Nie­der­sach­sen len­ken­den Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten vor, dass Schü­le­rin­nen und Schü­lern zum Aus­gleich der mit einer Behin­de­rung ver­bun­de­nen Nach­tei­le bei der Anfer­ti­gung schrift­li­cher Arbei­ten (Klau­su­ren) Erleich­te­run­gen der äuße­ren Arbeits­be­din­gun­gen gewährt wer­den, muss die­se Pra­xis des Nach­teils­aus­gleichs in jedem ver­gleich­ba­ren Fall von Behin­de­rung ein­ge­räumt wer­den.

Die fest­ge­stell­te und fort­dau­ern­de Lese-/ Recht­schreib­schwä­che der Antrag­stel­le­rin erfüllt in dem jetzt vom Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver ent­schie­de­nen FAll die Kri­te­ri­en der §§ 2 Abs. 1 S. 1 SGB IX und 35a Abs. 1 SGB VIII und stellt damit auch mit Ver­bind­lich­keit für das Schul­rechts­ver­hält­nis eine Behin­de­rung im Rechts­sin­ne dar 3. Sie ist im vor­lie­gen­de Fall durch den Fach­arzt H. und die Diplom­päd­ago­gin I. als umschrie­be­ne Lese- und Rechts­schreib­stö­rung im Zusam­men­hang mit einer begin­nen­den emo­tio­na­len Stö­rung nach den Kri­te­ri­en der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on als Beein­träch­ti­gung mit Krank­heits­wert bei gleich­zei­ti­ger Teil­ha­be­be­ein­träch­ti­gung fest­ge­stellt wor­den, wor­auf­hin ihr nach § 35a Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 SGB VIII Ein­glie­de­rungs­hil­fe bewil­ligt wor­den ist. Dem­zu­fol­ge fällt die Antrag­stel­le­rin unter den Per­so­nen­kreis der Schü­le­rin­nen und Schü­ler, deren Behin­de­run­gen nach Nr. 5 des Rund­erlas­ses des Nie­der­säch­si­schen Kul­tus­mi­nis­te­ri­ums „Schrift­li­che Arbei­ten in den all­ge­mein bil­den­den Schu­len“ 4 durch Gestal­tung der äuße­ren Arbeits­be­din­gun­gen aus­ge­gli­chen wer­den. Hier­zu zählt aus­drück­lich auch der Aus­gleich bei der Dau­er der schrift­li­chen Arbeit. Die­se Bestim­mung ist nach Nr. 4.1 des Rund­erlas­ses des Nie­der­säch­si­schen Kul­tus­mi­nis­te­ri­ums „Erlass zur För­de­rung von Schü­le­rin­nen und Schü­lern mit beson­de­ren Schwie­rig­kei­ten im Lesen, Recht­schrei­ben oder Rech­nen" 5 so zu ver­ste­hen, dass sich der Nach­teils­aus­gleich bei Schü­le­rin­nen und Schü­lern mit fest­ge­stell­ten beson­de­ren Schwie­rig­kei­ten im Lesen und Schrei­ben unter ande­rem in einer Ver­län­ge­rung der Bear­bei­tungs­zeit aus­drückt. Die Vor­schrift in Nr. 5 des Rund­erlas­ses „Schrift­li­che Arbei­ten in den all­ge­mein bil­den­den Schu­len“ zählt zu den Bestim­mun­gen des Erlas­ses, die unein­ge­schränkt auch auf Schü­le­rin­nen und Schü­ler der gym­na­sia­len Ober­stu­fe Anwen­dung fin­den.

Begrün­det ist der Sach­an­trag auch, soweit die Antrag­stel­le­rin eine Ver­län­ge­rung in einem Umfang von min­des­tens zehn vom Hun­dert der jewei­li­gen Bear­bei­tungs­zeit bean­sprucht. Inso­weit kann auf die zur Schreib­zeit­ver­län­ge­rung bei Behin­de­run­gen der Schreib­fä­hig­keit in der ers­ten juris­ti­schen Staats­prü­fung ent­wi­ckel­ten Ansatz zurück­ge­grif­fen wer­den 6.

Der Sach­an­trag ist begrün­det, soweit die Antrag­stel­le­rin dar­in die vor­läu­fi­ge Ver­pflich­tung der Antrags­geg­ne­rin begehrt, die Vor­schrif­ten der Ergän­zen­den Bestim­mun­gen zur VO-GO und AVO-GOFAK über den Punkt­ab­zug bei schwer­wie­gen­den und gehäuf­ten Ver­stö­ße gegen die sprach­li­che Rich­tig­keit in der deut­schen Spra­che in dem vom Rechts­schutz­an­trag erfass­ten Fächern inso­weit nicht anzu­wen­den, als sich der Punkt­ab­zug auf Ver­stö­ße gegen die ortho­gra­fi­sche Rich­tig­keit und die Zei­chen­set­zung in der deut­schen Spra­che stützt.

Zwar stützt sich der hier­auf gerich­te­te Anord­nungs­an­spruch der Antrag­stel­le­rin nicht auf den von der Antrag­stel­le­rin her­an­ge­zo­ge­nen Grund­satz, dass behin­de­rungs­be­ding­te Nach­tei­le in der Erfas­sung und Bear­bei­tung von Prü­fungs­auf­ga­ben sowie in der Dar­stel­lung der Prü­fungs­leis­tung im Rah­men des tat­säch­lich und recht­lich Mög­li­chen aus­ge­gli­chen wer­den müs­sen. Das Begeh­ren der Antrag­stel­le­rin ist nicht auf einen Aus­gleich der äuße­ren Prü­fungs- oder Arbeits­be­din­gun­gen gerich­tet, was bei­spiels­wei­se der Fall wäre, wenn einer Schü­le­rin oder einem Schü­ler behin­de­rungs­be­dingt gestat­tet wür­de, eine schrift­li­che Auf­sichts­ar­beit nicht hand­schrift­lich, son­dern mit Hil­fe eines Ein­ga­be­ge­rä­tes (PC, Lap­top usw.) ein­schließ­lich Kor­rek­tursoft­ware anzu­fer­ti­gen 7. Ihr geht es in die­sem Punkt gera­de nicht dar­um, leis­tungs­min­dern­de Ein­flüs­se der äuße­ren Prü­fungs­be­din­gun­gen auf die vor­lie­gen­de Lese-/ Recht­schreib­stö­rung im Fach Deutsch sowie in den ande­ren Fächern abzu­mil­dern. Viel­mehr rich­tet sich das Rechts­schutz­be­geh­ren unmit­tel­bar gegen die Anwen­dung der Bewer­tungs­grund­sät­ze der Antrags­geg­ne­rin bei Fest­stel­lung gehäuf­ter Ver­stö­ße gegen die sprach­li­che Rich­tig­keit in der deut­schen Spra­che.

Ob und unter wel­chen Umstän­den das Abwei­chen von den all­ge­mei­nen Grund­sät­zen der Leis­tungs­fest­stel­lung und Leis­tungs­be­wer­tung in der Abitur­prü­fung bei fest­ge­stell­ter Leg­asthe­nie über das Benach­tei­li­gungs­ver­bot des Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG hin­aus­geht und zu einer unzu­läs­si­gen Ver­schie­bung der mate­ri­el­len Anfor­de­run­gen der all­ge­mei­nen Hoch­schul­rei­fe führt 8, kann im vor­lie­gen­den Fall offen blei­ben.

Denn die Antrag­stel­le­rin kann den Anord­nungs­an­spruch schon auf den prü­fungs­recht­li­chen Grund­satz stüt­zen, wonach die Bewer­tung ihrer Leis­tun­gen in der Abitur­prü­fung und für die Gesamt­qua­li­fi­ka­ti­on des Abiturs nicht auf die Anwen­dung von Bewer­tungs­maß­stä­ben gestützt wer­den darf, die gegen höher­ran­gi­ges Recht ver­sto­ßen. Inso­weit unter­lie­gen die maß­geb­li­chen Vor­schrif­ten für das Bestehen und das Gesamt­ergeb­nis des Abiturs den­sel­ben ver­fas­sungs­recht­li­chen Ein­schrän­kun­gen, die das Grund­recht der Frei­heit der Berufs­wahl aus Art. 12 Abs. 1 GG all­ge­mein den Prü­fungs­ord­nun­gen für berufs­be­zo­ge­ne Prü­fun­gen auf­er­legt.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts 9 tra­gen Bestim­mun­gen in einer Prü­fungs­ord­nung nur dann dem Grund­recht der frei­en Berufs­wahl Rech­nung, wenn sie nach Art und Aus­maß geeig­net und erfor­der­lich sind, den vom Norm­ge­ber ver­folg­ten Zweck zu errei­chen und die Gren­ze der Zumut­bar­keit wah­ren. Zugleich müs­sen sie mit ihren das Prü­fungs­ver­fah­ren gestal­ten­den Bestim­mun­gen dem auf Art. 3 Abs. 1 GG beru­hen­den Grund­satz der Chan­cen­gleich­heit Rech­nung tra­gen 10.

Die Vor­schrif­ten der Nr. 10.13 der Ergän­zen­den Bestim­mun­gen des Nie­der­säch­si­schen Kul­tus­mi­nis­te­ri­ums zu § 10 VO-GO 11 und der Nr. 9.1 der Ergän­zen­den Bestim­mun­gen des Nie­der­säch­si­schen Kul­tus­mi­nis­te­ri­ums zu § 9 AVO-GOFAK 12 wer­den die­sen ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen im Fall der Antrag­stel­le­rin nicht gerecht. Sie sehen aus­nahms­los vor, dass schwer­wie­gen­de und gehäuf­te Ver­stö­ße gegen die sprach­li­che Rich­tig­keit in der deut­schen Spra­che oder gegen die äuße­re Form in einer Kursklau­sur oder einer schrift­li­chen Prü­fungs­leis­tung nach Maß­ga­be der fest­ge­leg­ten Richt­wer­te zu einem Abzug von einem Punkt oder zwei Punk­ten bei ein­fa­cher Wer­tung füh­ren. Die­se durch Erlass gemach­te Vor­ga­be stellt – mit Ver­bind­lich­keit für die Ent­schei­dung im Ver­fah­ren auf einst­wei­li­gen Rechts­schutz – kei­nen geeig­ne­ten Beur­tei­lungs­maß­stab dar, um eine ver­läss­li­che Ein­schät­zung der Leis­tun­gen der Antrag­stel­le­rin mit Blick auf die ein­heit­li­chen Prü­fungs­an­for­de­run­gen im Abitur zu ermög­li­chen.

Zwar zählt auch der Nach­weis aus­rei­chen­der Kom­pe­ten­zen in der Schrift­spra­che zum Inhalt der Abitur­prü­fung. So sehen zum Bei­spiel die Ein­heit­li­chen Prü­fungs­an­for­de­rung (EPA) für das Fach Deutsch unter Nr. 1.1.4 als Beherr­schen von Metho­den und Arbeits­tech­ni­ken neben den Metho­den des Text­ver­ständ­nis­ses auch die Fähig­keit zur kom­pe­ten­ten schrift­li­chen und münd­li­chen Ver­stän­di­gung vor, womit der Deutsch­un­ter­richt einen wesent­li­chen Bei­trag zur Stu­dier­fä­hig­keit und damit zur gesetz­li­chen Ziel­set­zung des Gym­na­si­ums (§ 11 Abs. 1 Satz 1 NSchG) leis­tet.

Dabei darf aller­dings nicht zum Nach­teil von Schü­le­rin­nen und Schü­lern mit beson­de­ren Schwie­rig­kei­ten im Lesen und Recht­schrei­ben außer Acht gelas­sen wer­den, dass die durch eine Leg­asthe­nie maß­geb­lich beein­träch­tig­te ortho­gra­fi­sche Rich­tig­keit des Schrei­bens und der Zei­chen­set­zung nur Teil­as­pek­te der „sprach­li­chen Rich­tig­keit in der deut­schen Spra­che“ und der „kom­pe­ten­ten schrift­li­chen Ver­stän­di­gung“ im Sin­ne der EPA zum Fach Deutsch sind. Auch muss berück­sich­tigt wer­den, dass es sich bei der Leg­asthe­nie der Antrag­stel­le­rin um eine Beein­träch­ti­gung han­delt, die sich in lang­sa­me­rer Lese­ge­schwin­dig­keit sowie einer erschwer­ten hand­schrift­li­chen Dar­le­gung des gefun­de­nen Ergeb­nis­ses und somit in einer man­geln­den tech­ni­schen Fähig­keit zur Dar­stel­lung des (vor­han­de­nen) eige­nen Wis­sens erschöpft 13. So weist auch die Häu­fig­keit der ortho­gra­fi­schen Feh­ler und der Feh­ler in der Zei­chen­set­zung in den bis­her vor­lie­gen­den Klau­su­ren der Antrag­stel­le­rin ein typi­sches Mus­ter auf, das mit dem Aus­las­sen von (ins­be­son­de­re Endungs-) Kon­so­nan­ten und Satz­zei­chen die Behin­de­rung der Antrag­stel­le­rin kenn­zeich­net.

Die bis­her vor­lie­gen­den Bewer­tun­gen der Klau­su­ren der Antrag­stel­le­rin las­sen aber nicht erken­nen, dass die Lehr­kräf­te der Antrags­geg­ne­rin für ihre Noten­ge­bung die Art und Zahl der Recht­schreib­feh­ler der Antrags­stel­le­rin gegen die Inten­si­tät und den Inhalt einer För­de­rung der Schü­le­rin wegen ihrer Lese-/ Recht­schreib­stö­rung abge­wo­gen haben. Eben­so fehlt es an einer Abwä­gung der ver­ge­be­nen Punkt­zah­len mit dem Gewicht der übri­gen von der Schü­le­rin erwor­be­nen Kom­pe­ten­zen in der deut­schen Spra­che. Ins­be­son­de­re ist es man­gels eige­ner Stel­lung­nah­me der Antrags­geg­ne­rin offen, ob die Antrag­stel­le­rin im Unter­richt des Gym­na­si­ums Recht­schreib­stra­te­gi­en ent­wi­ckelt hat, die von ihr behin­de­rungs­be­dingt nur auf­grund der beson­de­ren Prü­fungs­si­tua­ti­on bei schrift­li­chen Arbei­ten und in schrift­li­chen Prü­fun­gen der Ober­stu­fe nicht gezeigt wer­den kön­nen oder ob sie trotz sol­cher Recht­schreib­stra­te­gi­en mit dem für „Nor­mal­schü­ler“ vor­ge­se­he­nen pau­scha­len Punkt­ab­zug für gehäuf­te Recht­schreib­feh­ler zutref­fend beur­teilt wäre. Bei der Beno­tung der Klau­sur­leis­tun­gen der Antrag­stel­le­rin wäre fer­ner zu berück­sich­ti­gen, ob der Schü­le­rin Gele­gen­heit gege­ben wor­den ist, eine die Über­win­dung ihrer Klau­sur­pro­ble­me in der Ober­stu­fe und im Abitur betref­fen­de indi­vi­du­el­le Bera­tung durch Lehr­kräf­te des Gym­na­si­ums oder tech­ni­sche Hil­fen etwa in Gestalt von Text­ver­ar­bei­tungs­pro­gram­men mit Kor­rek­tur­mög­lich­keit 14 in Anspruch zu neh­men.

Zwar ist in Nie­der­sach­sen nach der gegen­wär­ti­gen Erlass­la­ge eine schu­li­sche För­de­rung von Schü­le­rin­nen und Schü­lern mit beson­de­ren Schwie­rig­kei­ten im Lesen, Recht­schrei­ben oder Rech­nen im Sekun­dar­be­reich II nicht vor­ge­se­hen. Dies schließt aber eine För­de­rung durch die Schu­le nicht aus. Ins­be­son­de­re ist mit dem begrenz­ten För­der­an­ge­bot des LRS-Erlas­ses kein Ver­bot einer wei­ter­ge­hen­den För­de­rung erlas­sen wor­den. Viel­mehr geht die Beschrän­kung der För­de­rung auf den Sekun­dar­be­reich I erkenn­bar auf die Ziel­set­zung in den „Grund­sät­zen zur För­de­rung von Schü­le­rin­nen und Schü­lern mit beson­de­ren Schwie­rig­kei­ten im Lesen und Recht­schrei­ben oder im Rech­nen“ 15 zurück, wonach Maß­nah­men zur Dif­fe­ren­zie­rung und indi­vi­du­el­len För­de­rung in den all­ge­mein bil­den­den Schu­len bis zum Ende der Jahr­gangs­stu­fe 10 abge­schlos­sen sein sol­len.

Ande­rer­seits kenn­zeich­nen die Bewer­tungs­vor­schrif­ten in den Nrn. 10.13 EB VO-GO und 9.1 EB AVO-GOFAK kei­ne über die­se Erlas­se hin­aus­ge­hen­den all­ge­mein gül­ti­gen Bewer­tungs­grund­sät­ze für die Bewer­tung der Sprach­kom­pe­ten­zen von Abitu­ri­en­ten, die ein Abwei­chen von der undif­fe­ren­zier­ten Beno­tung der Sprach­kom­pe­tenz recht­lich aus­schlös­sen. Dies wird schon dar­an deut­lich, dass die vor­ste­hend genann­ten Grund­sät­ze der Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz den Län­dern aus­drück­lich frei­stel­len, zu Guns­ten von Schü­le­rin­nen und Schü­lern mit beson­de­ren Schwie­rig­kei­ten im Lesen und Recht­schrei­ben abwei­chen­de Rege­lun­gen der Grund­sät­ze der Leis­tungs­be­wer­tung bei Abschluss­prü­fun­gen vor­zu­se­hen.

Die Antrags­geg­ne­rin hat schließ­lich auch nicht vor­ge­tra­gen, dass und mit wel­chem Ergeb­nis sie die Antrag­stel­le­rin wegen ihrer beson­de­ren Schwie­rig­kei­ten im Sekun­dar­be­reich I oder II tat­säch­lich gezielt zur Ent­wick­lung von Recht­schreib­stra­te­gi­en geför­dert hät­te. Das Schrei­ben ihres frü­he­ren Klas­sen­leh­rers an die Trä­ge­rin der Ein­glie­de­rungs­hil­fe vom 24. Sep­tem­ber 2006 gibt über die Fest­stel­lung von her­aus­ra­gen­den Stö­run­gen im schrift­li­chen Sprach­ge­brauch hin­aus kei­nen Anhalt für För­der­maß­nah­men des Gym­na­si­ums. Eben­falls hat die Antrag­stel­le­rin nicht vor­ge­tra­gen, dass sie mit der Schü­le­rin ange­sichts ihrer lang­fris­tig anhal­ten­den Schwie­rig­kei­ten im Lesen und Recht­schrei­ben über den Sekun­dar­be­reich I hin­aus Stra­te­gi­en im Umgang mit der Leg­asthe­nie ent­wi­ckelt hät­te, wie dies bei einer andau­ern­den Beein­träch­ti­gung der Fall ist 16.

Bei die­ser Sach­la­ge lässt sich man­gels einer Mög­lich­keit zur Abwä­gung des­sen, was die Antrag­stel­le­rin tat­säch­lich in der deut­schen Spra­che zu leis­ten im Stan­de ist mit ihren behin­de­rungs­be­ding­ten Sprach­schwie­rig­kei­ten in einer schrift­li­chen Arbeit oder Prü­fung nicht fest­stel­len, dass die pau­scha­len Punkt­ab­zugs­vor­schrif­ten der Nrn. 10.13 EB VO-GO und 9.1 EB AVO-GOFAK ein geeig­ne­ter Maß­stab zur Bewer­tung der tat­säch­li­chen Kom­pe­tenz der Antrag­stel­le­rin in der deut­schen Spra­che wären.

Im Rah­men der erlas­se­nen einst­wei­li­gen Anord­nung hat die Antrag­stel­le­rin auch einen Anord­nungs­grund glaub­haft gemacht. Die Ent­schei­dung ist inso­weit eil­be­dürf­tig. Die von der einst­wei­li­gen Anord­nung zum Nach­teils­aus­gleich erfass­ten Kursklau­su­ren kön­nen nicht mehr nach­ge­holt wer­den, wenn das 3. und 4. Kurs­halb­jahr ver­stri­chen sind und die Abitur­prü­fung abge­schlos­sen ist. Glei­ches gilt für die Bewer­tung der Kursklau­su­ren und der schrift­li­chen Prü­fungs­leis­tun­gen. Zwar kann eine rechts­feh­ler­freie Bewer­tung in der Regel auch in einem Haupt­sa­che­ver­fah­ren durch­ge­setzt wer­den. Aller­dings ent­schei­den die Ergeb­nis­se der schrift­li­chen Prü­fungs­leis­tun­gen im ers­ten bis vier­ten Prü­fungs­fach dar­über, ob im Fall der Antrag­stel­le­rin, deren Zulas­sung zum Abitur in greif­ba­re Nähe gerückt ist, eine zusätz­li­che münd­li­che Prü­fung statt­fin­det. Schließ­lich kön­nen die Ergeb­nis­se aus den vier Kurs­halb­jah­ren, die maß­geb­lich durch die Noten der schrift­li­chen Arbei­ten mit­be­stimmt wer­den, nach § 5 Abs. 2 AVO-GOFAK ent­schei­dend für die Zulas­sung zur Abitur­prü­fung sein.

Soweit aller­dings die Antrag­stel­le­rin mit der Fas­sung ihres Sach­an­trags zu 2. die Nicht­an­wen­dung der Punkt­ab­zugs­re­ge­lung „seit ihrer Antrag­stel­lung“, also auch für die bereits bewer­te­ten Kursklau­su­ren ver­folgt, ist der Antrag unzu­läs­sig und damit abzu­leh­nen.

Er geht inso­weit ins Lee­re, weil die Antrags­geg­ne­rin bei der Bewer­tung der bereits beno­te­ten schrift­li­chen Arbei­ten die Bewer­tungs­vor­schrift der Nr. 10.13 EB VO-GO bereits ange­wandt hat. Soweit die Antrag­stel­le­rin hilfs­wei­se die Neu­be­wer­tung der auf­ge­zähl­ten Klau­su­ren in den Fächern Poli­tik, Deutsch und Wer­te und Nor­men begehrt, fehlt es an der Glaub­haft­ma­chung eines Anord­nungs­grun­des. Denn es ist davon aus­zu­ge­hen, dass die Antrags­geg­ne­rin die Bewer­tung die­ser Klau­su­ren auf­grund der im Übri­gen erlas­se­nen einst­wei­li­gen Anord­nung nach­träg­lich ändern wird, ohne dass die Antrag­stel­le­rin auch inso­weit eine (wei­te­re) gericht­li­che Eil­ent­schei­dung benö­tigt.

Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver, Beschluss vom 13. Dezem­ber 2010 – 6 B 5596/​10

  1. wie Nds. OVG, Beschluss vom 10.07.2008 – 2 ME 308/​08, NVwZ-RR 2009, 68[]
  2. BVerwG, Urteil vom 09.08.1996 – 6 C 3/​95, NVwZ-RR 1998, 176, 177, m.w.N.[]
  3. Nds. OVG, Beschluss vom 10.07.2008 – 2 ME 308/​08, NVwZ-RR 2009, 68[]
  4. vom 16.12.2004, SVBl. S. 75[]
  5. vom 04.10.2005, SVBl. S. 560 – LRS-Erlass -[]
  6. vgl. Nds. OVG, a.a.O., S. 69; Zimmerling/​Brehm, Prü­fungs­recht 2. Aufl., Rdnr. 225 m.w.N.[]
  7. Hess­VGH, Beschluss vom 05.02.2010 – 7 A 2406/​09.Z, NVwZ-RR 2010, 767, 770[]
  8. vgl. hier­zu Nds. OVG, a.a.O. S. 68 f., Hess­VGH, a.a.O., S. 770[]
  9. vgl. BVerfGE 52, 380, 388; 84, 34, 45; 84, 59, 72; jeweils m.w.N.[]
  10. BVerfGE 52, 380, 388; BVerfG, NJW 1993, 917[]
  11. RdErl. des Nds. Kul­tus­mi­nis­te­ri­ums v. 17.02.2005, SVBl. S. 177, mit spät. Ände­run­gen – EB VO-GO[]
  12. RdErl. d. Nds. Kul­tus­mi­nis­te­ri­ums v. 19.05.2005, SVBl. S. 361, mit spät. Ände­run­gen – EB AVO-GOFAK[]
  13. Nds. OVG, a.a.O., S. 68[]
  14. vgl. Hess.VGH, a.a.O., S. 770[]
  15. Beschluss der Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz – KMK – vom 04.12.2003 i.d.F. vom 15.11.2007[]
  16. Beh­rens, För­de­rung von Schü­le­rin­nen und Schü­lern mit beson­de­ren Schwie­rig­kei­ten im Lesen, Recht­schrei­ben oder Rech­nen, SVBl. 2006 S. 188, 190[]